• Ich war zu jung für 68. Als Schneider auf den Podien stand, saß ich noch in der Schule. Die Revolte kannte ich zunächst als Text, als Versprechen, das schon eingelöst oder gebrochen war, bevor ich es selbst ergreifen konnte. Was mich an ihm festhielt, war nicht der Revolutionär. Es war der Zweifler. 1978, als das…

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  • Was kann Kritische Theorie heute noch leisten?

    Die Frage klingt nach Nachruf. Als müsste man zunächst einräumen, dass eine Theorie, die in den 1930er Jahren entstand, inzwischen ihren historischen Ort gefunden hat — in den Seminaren, in den Handbüchern, in der Geistesgeschichte. Und doch drängt sie sich mit einer Hartnäckigkeit auf, die sich dieser Einordnung widersetzt. Der Grund liegt nicht in akademischer…

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  • Odysseus und die Sirenen: Eine Allegorie

    Die Geschichte des modernen Subjekts beginnt mit einem Akt der Selbstverleugnung, nicht der Befreiung. Sie ist die Genealogie eines durch Disziplin und Angst geformten Ichs. In der Szene des Odysseus, der sich an den Mast bindet, um dem Gesang der Sirenen zu widerstehen, verdichtet sich die doppelte Logik der Aufklärung: Emanzipation durch Unterwerfung, Erkenntnis durch…

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  • Horkheimer zum 131.

    Max Horkheimer hat der Kritischen Theorie ihren Ernst gegeben. Sein Denken trägt die Spur einer Erfahrung, die sich nicht versöhnen ließ. Fortschritt und Barbarei standen im 20. Jahrhundert enger beieinander, als es jede Geschichtsphilosophie wahrhaben wollte. Als Direktor des Instituts für Sozialforschung formte er eine Konstellation, deren Name bis heute nachwirkt. Die Zusammenarbeit mit Theodor…

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  • Vorspiel: Das Zimmer mit den Spiegeln Es gibt ein Zimmer in Des Esseintes‘ Pariser Vergangenheit, das Huysmans nur beiläufig erwähnt, das aber alles vorwegnimmt: ein Raum voller Spiegel, in denen die Wände sich ins Unendliche multiplizieren, in denen ein Körper sich vervielfacht, ohne je ganz da zu sein. Die jungen Frauen, die Des Esseintes dorthin…

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  • Von Hegel zur Kritischen Theorie: Dialektik ohne Garantie

    Dialektik ohne Garantie Die Kritische Theorie ist ohne Hegel nicht denkbar. Sie ist es ebenso wenig mit ihm. In dieser Spannung – zwischen Aneignung und Bruch – bewegt sich ihr Denken. Hegels Dialektik bildet den philosophischen Horizont, vor dem sich die Einsicht ausbildet, dass Wirklichkeit nur im Widerspruch zu sich selbst begriffen werden kann. Zugleich…

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  • Florens Christian Rang

    Capri, Sommer 1924. Walter Benjamin und Florens Christian Rang sitzen auf einer Terrasse über dem Meer. Unter ihnen die Brandung, gleichgültig gegen Namen und Schuld. Sie sprechen über Deutschtum als Last, über Schuld als Aufgabe. Über die Bauhütte – eine Gemeinschaft, die sich aus Verantwortung bildet, nicht aus Macht. Rang ist fast sechzig, krank, müde.…

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  • Natur als sichtbarer Geist

    Die vereisten Bäume stehen kahl gegen den Himmel. Schelling schrieb: Natur ist sichtbarer Geist, Geist ist unsichtbare Natur. Was ich sehe, sieht mich an. Die Landschaft vor dem Fenster ist nicht stumm – sie denkt, aber anders. Jeder Baum eine Form, in der sich etwas zeigt, das kein Name trifft. Das Absolute liegt nicht hinter…

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  • Helvétius

    Es schneit. Draußen verschwinden die Unterschiede unter dem Weiß – für eine Nacht sind alle Dächer gleich. Im Salon brennen Kerzen. Helvétius sitzt unter seinen Gästen, reich geworden als Steuerpächter. Mit dem Geld aus Privilegien finanziert er deren Kritik. Das Paradox trägt er leicht, vielleicht bemerkt er es nicht einmal. Der Mensch ist eine leere…

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  • Wellen

    Vor vielen Jahren saß ich im Bremer Buchladen Orlando und hörte Alfred Sohn-Rethel aus seinem Neapel-Essay lesen. Er lag gleich bei mir um die Ecke, ich ging oft hin. Der Besitzer hieß Vincenzo Orlando – so hieß auch der Laden, nicht nach Virginia Woolfs Roman, obwohl die Nähe auffiel. Er ist tot, das Geschäft verschwunden.…

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  • Friedrich in Sanssouci

    Auf den Terrassen von Sanssouci empfing der König einst Voltaire. Friedrich glaubte, die Vernunft werde die Welt zähmen. Ein Garten als Monument des Fortschritts – jede Skulptur an ihrem Platz, jede Weinrebe gezählt. Aber Gärten sind auch Grabstätten. Unter der Ordnung liegen die Ausgeschlossenen: die Deserteure, die Leibeigenen, die Verluste der schlesischen Kriege. Der König…

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  • Stendhal und das Glück

    Das Versprechen, das nicht gehalten werden kann, beginnt mit einem Satz. „Une promesse du bonheur“ – das Schöne als Versprechen des Glücks. Stendhal wusste, dass jedes Versprechen eine Zeitform hat: Zukunft. Was verspricht, ist noch nicht da. Was da ist, verspricht nicht mehr. Die Heuchelei ist keine moralische Schwäche, sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Wer ehrlich…

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  • Das Blau war nie nur eine Farbe. Es war eine Temperatur: kühl genug, um den Gedanken zu halten, hell genug, um ihn sichtbar zu machen. Das Heft liegt offen, der Rücken bereits mürbe, als habe es mehr Tage getragen, als ihm zugestanden waren. Wer Tage zählt, kennt den Betrug der Zeit. Sie zerfällt in Konzentrationen:…

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  • Empirismus als gebrochene Aufklärung

    Erfahrung zwischen Befreiung und Herrschaft Die Geschichte des Empirismus gehört zu den großen Befreiungsbewegungen der neuzeitlichen Vernunft. Mit John Locke und David Hume richtet sich das Denken gegen die scholastische Metaphysik ebenso wie gegen rationalistische Systeme, die Erkenntnis aus angeborenen Ideen oder apriorischen Strukturen ableiten. Erfahrung wird zur letzten Instanz der Wahrheit erklärt, Sinnlichkeit zur…

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  • Sils Maria, Januar

    Julian Barnes kam von Süden, vom See her. Ich sah ihn nicht ankommen, aber ich stellte mir vor, wie er aus dem Taxi stieg und einen Moment innehielt, den Blick über den Silsersee schweifen ließ, hinüber zur Halbinsel Chasté, wo der Gedenkstein steht. Im Januar nicht erreichbar, kein gespurter Weg. Nietzsche nur noch als Inschrift…

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  • Trieb und Totalität – Die psychoanalytische Wende der Kritischen Theorie

    Pathologie der Aufklärung Die Aufklärung bringt ihre Regression aus sich selbst hervor. Je weiter Vernunft sich von Erfahrung ablöst und im Kalkül verfestigt, desto mehr verliert sie den Bezug auf das, was sie einst zu befreien versprach. Der Gedanke, der alles verfügbar machen will, organisiert am Ende die Verfügbarkeit der Menschen selbst. Herrschaft tritt dabei…

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  • Das Bleiben als Widerstand

    Ernst Mollenhauer und die stille Dialektik der Moderne Es gibt Künstler, deren Bedeutung sich aus dem Bruch speist. Sie verlassen den Ort, die Zeit, das Land – und werden gerade dadurch lesbar. Ihre Biografie liefert die Dramaturgie, ihr Werk die Pointe. Andere bleiben. Sie entziehen sich der großen Geste, der Entscheidung, der Erlösungsfigur. Ihre Existenz…

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  • Frühstück Adorno: Über den Fortschritt – zwischen Marmelade und Katastrophe

    Zwischen der stillen Trägheit der Feiertage und dem allmählich nervösen Knistern des Jahreswechsels stellt sich die Frage, wie Fortschritt heute zu denken sei – am besten, so dachte man, bei einem Frühstück im Frankfurter Café Laumer. Dort, wo das „Horkheimer-Frühstück“ bereits seine melancholische Tradition pflegt, könnte nun auch das „Frühstück Adorno“ auf der Karte stehen:…

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  • Félix Vallotton zum 100. Todestag

    Das unbewegliche Gesicht der Moderne Als Félix Vallotton am 29. Dezember 1925 in Paris starb, war die Moderne bereits dabei, sich selbst zu historisieren. Vallotton, der Maler der glatten Flächen und der scharfen Konturen, gehörte zu jenen Künstlern, deren Werk weniger vom Pathos des Neuen als von der Kälte der Beobachtung lebt. Sein Porträt der…

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  • Rudolf zur Lippe: Grenzgänger der Kritischen Theorie

    Leib, Negativität, Haltung Abstract Rudolf zur Lippe verschiebt den Ort der Kritik dorthin, wo Theorie leiblich wird: in Wahrnehmung, Bewegung und Haltung. Seine Auseinandersetzung mit der Kritischen Theorie Adornos entzieht sich disziplinärer Festlegung und entfaltet sich als Grenzgängertum zwischen Philosophie, ästhetischer Praxis und historischer Erfahrung. Der Leib erscheint als Ort von Negativität, Widerstand und Verzögerung…

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