• Strindbergs Geburtstag

    Das Blau war nie nur eine Farbe. Es war eine Temperatur: kühl genug, um den Gedanken zu halten, hell genug, um ihn sichtbar zu machen. Das Heft liegt offen, der Rücken bereits mürbe, als habe es mehr Tage getragen, als ihm zugestanden waren. Wer Tage zählt, kennt den Betrug der Zeit. Sie zerfällt in Konzentrationen:

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  • Empirismus als gebrochene Aufklärung

    Erfahrung zwischen Befreiung und Herrschaft Die Geschichte des Empirismus gehört zu den großen Befreiungsbewegungen der neuzeitlichen Vernunft. Mit John Locke und David Hume richtet sich das Denken gegen die scholastische Metaphysik ebenso wie gegen rationalistische Systeme, die Erkenntnis aus angeborenen Ideen oder apriorischen Strukturen ableiten. Erfahrung wird zur letzten Instanz der Wahrheit erklärt, Sinnlichkeit zur

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  • Sils Maria, Januar

    Julian Barnes kam von Süden, vom See her. Ich sah ihn nicht ankommen, aber ich stellte mir vor, wie er aus dem Taxi stieg und einen Moment innehielt, den Blick über den Silsersee schweifen ließ, hinüber zur Halbinsel Chasté, wo der Gedenkstein steht. Im Januar nicht erreichbar, kein gespurter Weg. Nietzsche nur noch als Inschrift

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  • Trieb und Totalität – Die psychoanalytische Wende der Kritischen Theorie

    Pathologie der Aufklärung Die Aufklärung bringt ihre Regression aus sich selbst hervor. Je weiter Vernunft sich von Erfahrung ablöst und im Kalkül verfestigt, desto mehr verliert sie den Bezug auf das, was sie einst zu befreien versprach. Der Gedanke, der alles verfügbar machen will, organisiert am Ende die Verfügbarkeit der Menschen selbst. Herrschaft tritt dabei

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  • Das Bleiben als Widerstand

    Ernst Mollenhauer und die stille Dialektik der Moderne Es gibt Künstler, deren Bedeutung sich aus dem Bruch speist. Sie verlassen den Ort, die Zeit, das Land – und werden gerade dadurch lesbar. Ihre Biografie liefert die Dramaturgie, ihr Werk die Pointe. Andere bleiben. Sie entziehen sich der großen Geste, der Entscheidung, der Erlösungsfigur. Ihre Existenz

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  • Frühstück Adorno: Über den Fortschritt – zwischen Marmelade und Katastrophe

    Zwischen der stillen Trägheit der Feiertage und dem allmählich nervösen Knistern des Jahreswechsels stellt sich die Frage, wie Fortschritt heute zu denken sei – am besten, so dachte man, bei einem Frühstück im Frankfurter Café Laumer. Dort, wo das „Horkheimer-Frühstück“ bereits seine melancholische Tradition pflegt, könnte nun auch das „Frühstück Adorno“ auf der Karte stehen:

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  • Félix Vallotton zum 100. Todestag

    Das unbewegliche Gesicht der Moderne Als Félix Vallotton am 29. Dezember 1925 in Paris starb, war die Moderne bereits dabei, sich selbst zu historisieren. Vallotton, der Maler der glatten Flächen und der scharfen Konturen, gehörte zu jenen Künstlern, deren Werk weniger vom Pathos des Neuen als von der Kälte der Beobachtung lebt. Sein Porträt der

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  • Rudolf zur Lippe: Grenzgänger der Kritischen Theorie

    Leib, Negativität, Haltung Abstract Rudolf zur Lippe verschiebt den Ort der Kritik dorthin, wo Theorie leiblich wird: in Wahrnehmung, Bewegung und Haltung. Seine Auseinandersetzung mit der Kritischen Theorie Adornos entzieht sich disziplinärer Festlegung und entfaltet sich als Grenzgängertum zwischen Philosophie, ästhetischer Praxis und historischer Erfahrung. Der Leib erscheint als Ort von Negativität, Widerstand und Verzögerung

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  • Rolf Becker (1935–2025): Kunst als Widerspruch

    Mit Rolf Becker ist im Alter von 90 Jahren ein Künstler gestorben, der das Theater als Ort gesellschaftlicher Wahrheit begriff und dessen Biographie zeigt, welchen Preis eine solche Auffassung haben kann. Sein Tod bedeutet einen Verlust für die deutsche Theaterlandschaft ebenso wie für jene politische Öffentlichkeit, in der Kunst Haltung bewahrt. Wer ihm begegnete –

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  • Das verpasste Gespräch. Adorno, Sartre und die Aporie des Engagements

    I. Zwei Denker im Zwielicht des Jahrhunderts Es gibt im intellektuellen Leben des 20. Jahrhunderts Begegnungen, die nie stattgefunden haben und dennoch wie Gespräche wirken. Zwischen Adorno und Sartre verlief eine solche stumme Korrespondenz. Sie stehen an zwei Enden derselben historischen Erschütterung: Krieg, Faschismus, die Erfahrung radikaler Verletzbarkeit menschlicher Freiheit. Beide haben versucht, den Kunstwerken

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  • Seyla Benhabib und die Konstellation des Exils

    Zur Verleihung des Hannah-Arendt-Preis an Seyla Benhabib Dass Seyla Benhabib heute in Bremen mit dem Hannah-Arendt-Preis geehrt wird, markiert einen Moment, in dem biographische Erfahrung, philosophische Einsicht und politische Gegenwart zur Konstellation zusammentreten. Mit dieser Ehrung tritt ein Denken hervor, das aus den Brüchen des 20. Jahrhunderts hervorgegangen ist und im 21. Jahrhundert eine Sprache

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  • Der folgende Essay untersucht das Werk Jürgen Habermas‘ im Spannungsfeld zwischen der ersten Frankfurter Schule und der kommunikativen Wende. Habermas‘ frühe Arbeiten stehen noch in der marxistischen Tradition, analysieren die Öffentlichkeit als umkämpftes Terrain gesellschaftlicher Machtverhältnisse und verbinden politische Ökonomie, Psychoanalyse und kritische Theorie. Mit der Theorie des kommunikativen Handelns verschiebt sich sein Fokus auf

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  • Werner Sombart und die Physiognomie des Kapitalismus

    Es gehört zu den liebenswürdigen Idiosynkrasien der ökonomischen Literatur des frühen 20. Jahrhunderts, dass sie dort am hartnäckigsten spekulativ wird, wo sie glaubt, sich am festesten auf Tatsachen zu stützen. Werner Sombarts „Luxus und Kapitalismus“ ist ein solches Buch: ein gelehrtes Kuriosum, das in seiner Mischung aus kulturhistorischer Intuition, verstreuter Gelehrsamkeit und selbstbewusster Normsetzung so

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  • Zur Krise der Kinderbetreuung in Bremen Die Hiobsbotschaften reißen nicht ab. Die soziale Infrastruktur Bremens gerät zunehmend unter Druck – und die Insolvenz des Trägers PME Familienservice ist nur das jüngste Symptom einer Entwicklung, die längst systemisch geworden ist. Die Abwicklung des Trägers Petri & Eichen in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit hat bereits gezeigt,

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  • Hannah Arendt – Die Zerbrechlichkeit des Anfangs

    Ein Essay zum 50. Todestag Es gibt Denkerinnen, deren Werk jenseits des Alterns durch die nachträgliche Erschaffung seiner eigenen Gegenwart besticht. Hannah Arendt gehört zu ihnen. Ihre Begriffe sind keine Monumente der Überlieferung. Es sind vielmehr fragile Gebilde – fragil, weil sie sich weigern, das Kontingente ins Systematische zu überführen, weil sie dem Ereignischarakter des

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  • Eine kritische Lektüre Roland Barthes‘ Die Geschichte der modernen Ästhetik ist die Geschichte einer Befreiung, die in Entzauberung umschlägt. Roland Barthes hat mit der Öffnung des Zeichens, mit der Zerstörung seiner Autorität und der Entbindung seiner Bedeutungen jenen Akt vollzogen, der der bürgerlichen Kunst noch versagt blieb. Das Werk, das sich von seinem Schöpfer lossagt,

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  • Dialektik der Demokratie

    Zur Kritik der politischen Vernunft in der Gegenwart Vorbemerkung Dieser Essay entstand aus einer Unruhe. Während allerorts von der „Verteidigung der Demokratie“ die Rede ist, scheint mir, dass selten gefragt wird, was eigentlich verteidigt werden soll – und gegen wen. Die Gefahr kommt nicht nur von außen, von autoritären Bewegungen. Sie liegt in der Demokratie

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  • Das Tribunal als Talkshow

    Über Moral, Inszenierung und die Auflösung des Diskurses bei Markus Lanz Es gibt Momente im bundesdeutschen Fernsehen, in denen sich die Bewusstseinsindustrie in ihrer ganzen zynischen Brillanz offenbart. Der gestrige Abend bei Markus Lanz war ein solcher Moment – ein Lehrstück darüber, wie demokratische Öffentlichkeit nicht hergestellt, sondern systematisch demontiert wird. Was als Diskussionsformat angekündigt

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  • Vorbemerkung: Eine notwendige Klärung In einem jüngst in der WELT erschienenen Beitrag fordert Sahra Wagenknecht „eine konservative oder im Ursprungssinn rechte Agenda“ für das Bündnis Sahra Wagenknecht. Ihre Begründung: Die Begriffe links und rechts seien heute bedeutungslos geworden – links stehe mittlerweile nur noch für Identitätspolitik und Genderdiskurse, die von den materiellen Interessen der arbeitenden

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  • Vom Verlust der Negativität. Zur Entleerung der Kritischen Theorie

    Es gehört zu den bitteren Ironien der Geistesgeschichte, dass das Institut, das einst den Anspruch erhob, den Zusammenhang von Erkenntnis und Herrschaft freizulegen, heute selbst in jener Vernunft verstrickt ist, die es zu kritisieren vorgab. Die „Kritische Theorie“ – ursprünglich der Versuch, die Selbstzerstörung der Aufklärung in ihrer eigenen Bewegung begrifflich zu fassen – hat

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