Literatur

  • Von Hegel zur Kritischen Theorie: Dialektik ohne Garantie

    Dialektik ohne Garantie Die Kritische Theorie ist ohne Hegel nicht denkbar. Sie ist es ebenso wenig mit ihm. In dieser Spannung – zwischen Aneignung und Bruch – bewegt sich ihr Denken. Hegels Dialektik bildet den philosophischen Horizont, vor dem sich die Einsicht ausbildet, dass Wirklichkeit nur im Widerspruch zu sich selbst begriffen werden kann. Zugleich

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  • Florens Christian Rang

    Capri, Sommer 1924. Walter Benjamin und Florens Christian Rang sitzen auf einer Terrasse über dem Meer. Unter ihnen die Brandung, gleichgültig gegen Namen und Schuld. Sie sprechen über Deutschtum als Last, über Schuld als Aufgabe. Über die Bauhütte – eine Gemeinschaft, die sich aus Verantwortung bildet, nicht aus Macht. Rang ist fast sechzig, krank, müde.

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  • Stendhal und das Glück

    Das Versprechen, das nicht gehalten werden kann, beginnt mit einem Satz. „Une promesse du bonheur“ – das Schöne als Versprechen des Glücks. Stendhal wusste, dass jedes Versprechen eine Zeitform hat: Zukunft. Was verspricht, ist noch nicht da. Was da ist, verspricht nicht mehr. Die Heuchelei ist keine moralische Schwäche, sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Wer ehrlich

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  • Das Blau war nie nur eine Farbe. Es war eine Temperatur: kühl genug, um den Gedanken zu halten, hell genug, um ihn sichtbar zu machen. Das Heft liegt offen, der Rücken bereits mürbe, als habe es mehr Tage getragen, als ihm zugestanden waren. Wer Tage zählt, kennt den Betrug der Zeit. Sie zerfällt in Konzentrationen:

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  • Empirismus als gebrochene Aufklärung

    Erfahrung zwischen Befreiung und Herrschaft Die Geschichte des Empirismus gehört zu den großen Befreiungsbewegungen der neuzeitlichen Vernunft. Mit John Locke und David Hume richtet sich das Denken gegen die scholastische Metaphysik ebenso wie gegen rationalistische Systeme, die Erkenntnis aus angeborenen Ideen oder apriorischen Strukturen ableiten. Erfahrung wird zur letzten Instanz der Wahrheit erklärt, Sinnlichkeit zur

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  • Sils Maria, Januar

    Julian Barnes kam von Süden, vom See her. Ich sah ihn nicht ankommen, aber ich stellte mir vor, wie er aus dem Taxi stieg und einen Moment innehielt, den Blick über den Silsersee schweifen ließ, hinüber zur Halbinsel Chasté, wo der Gedenkstein steht. Im Januar nicht erreichbar, kein gespurter Weg. Nietzsche nur noch als Inschrift

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  • Trieb und Totalität – Die psychoanalytische Wende der Kritischen Theorie

    Pathologie der Aufklärung Die Aufklärung bringt ihre Regression aus sich selbst hervor. Je weiter Vernunft sich von Erfahrung ablöst und im Kalkül verfestigt, desto mehr verliert sie den Bezug auf das, was sie einst zu befreien versprach. Der Gedanke, der alles verfügbar machen will, organisiert am Ende die Verfügbarkeit der Menschen selbst. Herrschaft tritt dabei

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  • Frühstück Adorno: Über den Fortschritt – zwischen Marmelade und Katastrophe

    Zwischen der stillen Trägheit der Feiertage und dem allmählich nervösen Knistern des Jahreswechsels stellt sich die Frage, wie Fortschritt heute zu denken sei – am besten, so dachte man, bei einem Frühstück im Frankfurter Café Laumer. Dort, wo das „Horkheimer-Frühstück“ bereits seine melancholische Tradition pflegt, könnte nun auch das „Frühstück Adorno“ auf der Karte stehen:

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  • Rudolf zur Lippe: Grenzgänger der Kritischen Theorie

    Leib, Negativität, Haltung Abstract Rudolf zur Lippe verschiebt den Ort der Kritik dorthin, wo Theorie leiblich wird: in Wahrnehmung, Bewegung und Haltung. Seine Auseinandersetzung mit der Kritischen Theorie Adornos entzieht sich disziplinärer Festlegung und entfaltet sich als Grenzgängertum zwischen Philosophie, ästhetischer Praxis und historischer Erfahrung. Der Leib erscheint als Ort von Negativität, Widerstand und Verzögerung

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  • Rolf Becker (1935–2025): Kunst als Widerspruch

    Mit Rolf Becker ist im Alter von 90 Jahren ein Künstler gestorben, der das Theater als Ort gesellschaftlicher Wahrheit begriff und dessen Biographie zeigt, welchen Preis eine solche Auffassung haben kann. Sein Tod bedeutet einen Verlust für die deutsche Theaterlandschaft ebenso wie für jene politische Öffentlichkeit, in der Kunst Haltung bewahrt. Wer ihm begegnete –

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  • Das verpasste Gespräch. Adorno, Sartre und die Aporie des Engagements

    I. Zwei Denker im Zwielicht des Jahrhunderts Es gibt im intellektuellen Leben des 20. Jahrhunderts Begegnungen, die nie stattgefunden haben und dennoch wie Gespräche wirken. Zwischen Adorno und Sartre verlief eine solche stumme Korrespondenz. Sie stehen an zwei Enden derselben historischen Erschütterung: Krieg, Faschismus, die Erfahrung radikaler Verletzbarkeit menschlicher Freiheit. Beide haben versucht, den Kunstwerken

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  • Werner Sombart und die Physiognomie des Kapitalismus

    Es gehört zu den liebenswürdigen Idiosynkrasien der ökonomischen Literatur des frühen 20. Jahrhunderts, dass sie dort am hartnäckigsten spekulativ wird, wo sie glaubt, sich am festesten auf Tatsachen zu stützen. Werner Sombarts „Luxus und Kapitalismus“ ist ein solches Buch: ein gelehrtes Kuriosum, das in seiner Mischung aus kulturhistorischer Intuition, verstreuter Gelehrsamkeit und selbstbewusster Normsetzung so

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  • Hannah Arendt – Die Zerbrechlichkeit des Anfangs

    Ein Essay zum 50. Todestag Es gibt Denkerinnen, deren Werk jenseits des Alterns durch die nachträgliche Erschaffung seiner eigenen Gegenwart besticht. Hannah Arendt gehört zu ihnen. Ihre Begriffe sind keine Monumente der Überlieferung. Es sind vielmehr fragile Gebilde – fragil, weil sie sich weigern, das Kontingente ins Systematische zu überführen, weil sie dem Ereignischarakter des

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  • Eine kritische Lektüre Roland Barthes‘ Die Geschichte der modernen Ästhetik ist die Geschichte einer Befreiung, die in Entzauberung umschlägt. Roland Barthes hat mit der Öffnung des Zeichens, mit der Zerstörung seiner Autorität und der Entbindung seiner Bedeutungen jenen Akt vollzogen, der der bürgerlichen Kunst noch versagt blieb. Das Werk, das sich von seinem Schöpfer lossagt,

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  • Vom Verlust der Negativität. Zur Entleerung der Kritischen Theorie

    Es gehört zu den bitteren Ironien der Geistesgeschichte, dass das Institut, das einst den Anspruch erhob, den Zusammenhang von Erkenntnis und Herrschaft freizulegen, heute selbst in jener Vernunft verstrickt ist, die es zu kritisieren vorgab. Die „Kritische Theorie“ – ursprünglich der Versuch, die Selbstzerstörung der Aufklärung in ihrer eigenen Bewegung begrifflich zu fassen – hat

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  • Herr Teste oder die Unmöglichkeit des Geistes

    Es gibt Bücher, die wie stille Explosionen wirken – nicht durch das, was sie sagen, sondern durch das, was sie entziehen. Paul Valérys Monsieur Teste gehört zu diesen seltenen Texten. Er steht am Beginn der Moderne wie ein überhelles Experiment, das seine eigene Dunkelheit nicht verleugnen kann. In ihm spricht kein Mensch, sondern der Gedanke

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  • Das Verstummen des Denkens: Über die Kultur der Unaufmerksamkeit In einer Zeit, in der Information allgegenwärtig und Denken selten geworden ist, zeigt sich die Krise der Aufklärung in einem neuen Gewand. Was früher das Buch war – ein Ort konzentrierter Erfahrung –, ist heute vom endlosen Strom digitaler Reize überlagert. Das Bedürfnis nach Komplexität wird

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  • Vom Zweifel an der Moderne: Adorno und Lyotard

    Vorspiel – Im Schatten des Gedachten Es gibt Gedanken, die wie Schatten sind: Sie erlöschen nicht, wenn das Licht der Zeit sich ändert. Adorno gehört zu ihnen. Sein Denken bleibt als Nachhall im Bewusstsein der Moderne, selbst dort, wo sie sich von ihm lossagt. Vielleicht war jede Theorie nach ihm schon Kommentar, jeder Versuch, sich

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  • Rilke zwischen Ding und Melancholie: Poetische Schwellen der Moderne

    Der Dichter im Bann der Kunst Kaum ein Dichter hat sich so sehr in die Nähe der bildenden Kunst gerückt wie Rainer Maria Rilke. Und kaum einer ist darüber so sehr in den Verdacht geraten, die Sprache selbst in eine Art musealen Raum verwandelt zu haben. Sein Pathos der Dinge, in den Neuen Gedichten zum

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  • Die Wandlung von Thomas Mann: Vom Konservativen zum Demokrat

    Die Sonderausstellung „Meine Zeit. Thomas Mann und die Demokratie“ feiert anlässlich seines 150. Geburtstags den berühmtesten Sohn der Stadt Lübeck, den Literaturnobelpreisträger Thomas Mann. Sie wird vom Buddenbrookhaus verantwortet und findet, da das Stammhaus derzeit umgebaut wird, im St. Annen-Museum statt – dem ehemaligen Augustinerkloster, das schon durch seine Aura eine stille Zwiesprache mit der

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