Ein Nachruf auf Christa Bürger
Am 22. August 2025 ist Christa Bürger im Alter von neunzig Jahren gestorben. Mit ihr endet eine Epoche kritischer Literaturwissenschaft, die stets mehr war als ein universitäres Fach; sie war Teil einer umfassenden intellektuellen Bewegung, die sich der Aufklärung in ihrer dialektischen Gestalt verpflichtet wusste. Christa Bürger war eine der eigenwilligsten Stimmen der deutschen Geisteswissenschaft, eine Denkerin, die ihre eigene intellektuelle Biographie zum Exempel einer Kritik machte, die radikale Selbstreflexion nicht von der Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse trennte. Ihre Schriften, geprägt von einer einzigartigen Synthese aus theoretischer Schärfe und persönlicher Sensibilität, haben das Feld der Literaturwissenschaft nachhaltig verändert.
Zusammen mit Peter Bürger, ihrem 2017 verstorbenen Mann und engsten intellektuellen Weggefährten, bildete sie eine Denk- und Lebensgemeinschaft, die die bundesdeutsche Literaturwissenschaft nach 1968 tief geprägt hat. Wer das Glück hatte, Schüler Peter Bürgers zu sein, erinnert sich an eine Strenge, die nie pedantisch, sondern Ausdruck einer Ethik des Denkens war: Kritik war hier nicht bloß Methode, sondern eine Lebensform, getragen von dem Bewusstsein, dass Wissenschaft ohne Selbstreflexion nur ein weiteres Herrschaftsinstrument ist.
Christa und Peter Bürger waren Kinder einer Generation, die den Zweiten Weltkrieg als Jugendliche erlebt und den geistigen Wiederaufbau der Bundesrepublik nicht nur mitvollzogen, sondern entscheidend geprägt hat. Sie standen im Bannkreis der Frankfurter Schule, besonders Adorno und Benjamin, ohne je Epigonen zu sein. Von Beginn an verband sie die Skepsis gegenüber den Institutionen, in denen sie arbeiteten: Universitäten waren ihnen Orte der Bildung, aber auch der Ideologie. Sie erkannten früh, dass die Politisierung der Wissenschaft nicht in tagespolitischer Agitation, sondern in radikaler Selbstreflexion liegt. „Kritische Theorie“ war für sie nicht Parole, sondern Haltung: ein Versuch, die eigenen Begriffe dem historischen Prozess auszusetzen, sich nicht mit einfachen Wahrheiten zufriedenzugeben.
Diese Haltung führte beide in die Auseinandersetzungen der Reformuniversität Bremen, wo Peter Bürger von 1971 bis 1998 lehrte. Als einer der Professoren der ersten Stunde half er, das „Bremer Modell“ zu etablieren, das Interdisziplinarität, Projektarbeit und gesellschaftliche Verantwortung miteinander verband. Es war der ideale Ort für einen Theoretiker, der Literaturwissenschaft nicht als Bewahrungswissenschaft, sondern als Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse verstand. Bürger war kein Mann der Kompromisse; er mied die Intrigen des akademischen Betriebs und hielt sich fern von den fruchtlosen Grabenkämpfen, die so oft die Energie der kritischen Theorie absorbierten. Stattdessen formte er eine Schule von Studierenden, die er zu eigenständigem Denken anstachelte – zuweilen mit schneidender Ironie, aber nie mit Dünkel.
Sein Ruhm als Autor der Theorie der Avantgarde (1974) verleitete manchen zu der Annahme, hier spreche ein Theoretiker der Kunst aus sicherer Distanz. Doch das Buch war, wie Norbert Rath schrieb, ein „Materialismus des Geisteslebens“: eine Theorie, die selbst noch Teil des von ihr beschriebenen Prozesses war. Bürger analysierte die Avantgarden des 20. Jahrhunderts – Dada, Surrealismus, Futurismus – nicht nur als historische Phänomene, sondern als symptomatische Versuche, Kunst und Leben zu vereinen. Dass diese Versuche von der „Institution Kunst“ neutralisiert wurden, war für ihn keine bloße kulturhistorische Erkenntnis, sondern der Schlüssel zum Verständnis der Moderne: eine Epoche, die ihre eigenen Revolten musealisiert, um sie unschädlich zu machen.
Christa Bürger jedoch ging eigene, ebenso bedeutende Wege. Nach dem Studium der Germanistik, das sie mit einer Promotion abschloss, war sie zunächst als Lektorin in Lyon tätig und arbeitete später als Studienrätin, bevor sie 1973 eine Professur an der Goethe-Universität in Frankfurt erhielt, wo sie bis 1998 lehrte. Als Pionierin feministischer Literaturwissenschaft entdeckte sie jene „mittlere Sphäre“ zwischen Hoch- und Trivialliteratur, in der das Schreiben von Frauen seit der Aufklärung stattfand. Während Peter Bürgers Theorie der Avantgarde die Neutralisierung der Kunst durch die bürgerliche Institution bloßlegte, unternahm Christa Bürger einen ebenso epochalen Versuch: die weibliche Literatur aus der „mittleren Sphäre“ zu befreien, indem sie zeigte, wie die Autonomieästhetik um 1800 eine Geschlechterordnung zementierte, die weibliches Schreiben systematisch marginalisierte. Ihre Arbeiten zu Bettina von Arnim, Johanna Schopenhauer und Karoline von Günderode lesen sich heute wie ein Vorgriff auf die Kulturwissenschaften: Textanalyse wird hier zur Ideologiekritik, ohne die ästhetische Eigenlogik der Werke zu verraten. Ihre Essayistik verband Präzision mit einem leisen persönlichen Ton; sie scheute sich nicht, das eigene Leben in die Theorie einzubeziehen. Ihr autobiographisches Werk Mein Weg durch die Literaturwissenschaft. 1968–1998 (2019) ist nicht nur Selbstporträt, sondern auch intellektuelle Zeitgeschichte und Methodengeschichte des Fachs – ein seltenes Dokument wissenschaftlicher Redlichkeit.
Beide zusammen bildeten eine intellektuelle Formation, die sich nie in Dogmen einfangen ließ. Sie hielten Distanz sowohl zu den Parolen der 68er-Bewegung („Schlagt die Germanistik tot, macht die blaue Blume rot“) als auch zu den Moden des Poststrukturalismus, den sie als Wiederholung avantgardistischer Geste ohne emanzipatorischen Impuls sahen. Doch sie waren keine Kulturpessimisten: Ihre Schriften zeigen eine unerschütterliche Liebe zur Literatur, verstanden als Erkenntnisform eigener Art. Wer Die Tränen des Odysseus (1993) liest, erkennt, wie Peter Bürger die Grenzen zwischen Theorie und Fiktion überschritt, um das Denken selbst zum literarischen Ereignis zu machen; wer Exzess und Entsagung (2019) liest, erlebt Christa Bürger als eine Denkerin, die weibliches Schreiben nicht bloß rehabilitiert, sondern als ästhetische Gegenmacht entfaltet.
Ihre intellektuelle Ehe war ein Experiment, das gelang. Sie lebten zurückgezogen, sammelten Werke zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler, pflegten surrealistische Praktiken wie die cadavres exquis. „Das Abseits, in dem wir uns aufhielten, ist kein sicherer Ort – aber es ist ein Ort der Freiheit“, schrieb Christa Bürger. In dieser Freiheit entstand ein Werk, das Wissenschaft als Form von Widerstand verstand – gegen die Ökonomisierung der Universitäten, gegen die Reduktion von Literatur auf nationale Kanons, gegen die Selbstzufriedenheit des Denkens.
Mit dem Tod von Christa Bürger ist eine Stimme verstummt, die sich stets weigerte, in akademischen Routinen zu verhallen. Doch das Werk des Paares bleibt: eine Theorie, die ihre Gegenstände nicht erstarren lässt, sondern sie in Bewegung hält. Für uns, die wir von Peter Bürger gelernt haben, bedeutet das: Kritik ist niemals abgeschlossen, sondern ein Prozess, in dem das Denken sich selbst befragt. Vielleicht ist dies das eigentliche Vermächtnis der Bürgers: dass Wissenschaft ein Abenteuer ist – riskant, asketisch, voller Leidenschaft – und dass sie uns zwingt, die Welt zu sehen, wie sie ist, ohne den Traum von einer anderen aufzugeben.

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