Stéphane Hessel: Eine Begegnung am Rand der Zeit

Manche Orte bewahren ein Gedächtnis, das über ihre Mauern und Straßen hinausweist. Trouville gehört für mich zu jenen Landschaften, in denen sich Literatur, Geschichte und persönliche Erfahrung auf geheimnisvolle Weise überlagern. Immer wieder hat mich Prousts Spur hierhergeführt, doch zuweilen ereignet sich in dieser vertrauten Umgebung etwas, das über den literarischen Resonanzraum hinaus in die eigene Gegenwart hineinragt. So geschah es im Sommer 2010, als mir am Rande eines Spaziergangs eine Begegnung zuteilwurde, die gleichsam die Fäden meiner Lektüren, Erinnerungen und politischen Erfahrungen miteinander verknüpfte.

Es war an der Villa Les Frémonts – jenem Haus, das Proust durch seine Literatur in den Raum der Erinnerung eingeschrieben hat. Dort, an der Schwelle zwischen Lichtung und Architektur, ereignete sich eine Begegnung, die sich mir unauslöschlich eingeprägt hat.

Aus dem Halbschatten der Bäume traten ein älterer Herr und eine Frau hervor. Ein beiläufiges Wort über mein Bremer Autokennzeichen eröffnete ein kurzes Gespräch. Kaum ausgesprochen, fiel der Name Cato Bontjes van Beek – jener jungen Frau aus Fischerhude, die 1943 von den Nationalsozialisten hingerichtet wurde. In der Flüchtigkeit dieses Moments, in der Unwahrscheinlichkeit eines solchen Namens an einem solchen Ort, trat die Geschichte selbst in die Gegenwart.

Erst allmählich fügte sich die Gestalt, die ruhige Stimme, die fast gelassene Würde zur Erkenntnis: Vor mir stand kein anderer als Stéphane Hessel – Résistance-Kämpfer, Diplomat, unerschütterlicher Humanist. Mit einem Mal durchkreuzten sich Linien meines eigenen Denkens und Lesens: Hessels Vater, Franz Hessel, war mir längst vertraut – nicht nur als feinsinniger Schriftsteller, sondern als Prousts erster deutscher Übersetzer und als Weggefährte Walter Benjamins. In diesem Augenblick berührten sich drei Sphären: Proust, Benjamin und die Geschichte des Widerstands – und sie verbanden sich mit meinem persönlichen Ort Trouville zu einer Konstellation, die in Benjamins Sinn „blitzhaft“ Erkenntnis aufleuchten ließ.

Mit beiläufiger Bescheidenheit erwähnte Hessel noch ein kleines, bald erscheinendes Buch. Niemand ahnte, dass Empört euch! in kurzer Zeit millionenfach gelesen werden würde – ein Aufruf, der das dumpfe Schweigen der verwalteten Welt durchbrach und ein Echo in den globalen Protestbewegungen fand.

Sein Abschied war von jener stillen Geste, die ein Gesicht nicht verlöscht, sondern es in die Erinnerung einschreibt. Langsam entfernte er sich, als gehöre er selbst zum Inventar dieses Ortes, zu jenen unsichtbaren Zeugen, die für einen Augenblick in die Gegenwart treten, um sogleich in die Nacht der Geschichte zurückzusinken.

Stéphane Hessel starb am 27. Februar 2013 in Paris, im Alter von 95 Jahren.

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