Windstriche

  • 98 Meter, die Bremen nicht wollte

    Zum 80. Geburtstag von Daniel Libeskind Manche Städte erkennt man daran, was sie gebaut haben. Bremen erkennt man auch daran, was es verhindert hat. Daniel Libeskind wird heute, am 12. Mai, 80 Jahre alt. Der in Łódź geborene Sohn jüdischer Eltern, die den Holocaust überlebten, hat sein Werk nie von seiner Herkunft getrennt. Architektur als…

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  • Sozialstaatliche Steuerung, Klassenkonflikt und die Grenzen populistischer Vereinnahmung Vorbemerkung Über Migration wird in Deutschland viel gesprochen – selten jedoch auf Grundlage ihrer tatsächlichen Bedingungen. Zwei Deutungsmuster prägen dabei die Debatte: ein moralischer Universalismus einerseits und eine Politik der Ordnung und Begrenzung andererseits. Beide gehen von einer gemeinsamen Grundannahme aus: dass Migration primär als Problem zu…

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  • Organische Krise und autoritäre Gegenwart Die gegenwärtige Krise des Kapitalismus erscheint auf den ersten Blick als Abfolge disparater Erschütterungen: Finanzkrise, Pandemie, Krieg, Inflation und ökologische Zerstörung. In dieser Perspektive wirkt sie fragmentiert. Ihr Zusammenhang bleibt unsichtbar. Seit den 1970er Jahren hat sich jedoch eine historische Konstellation herausgebildet, die sich mit der globalen Finanzkrise von 2008…

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  • Die Bremer Innenstadt: Anatomie einer verwalteten Verödung

    Was eine Innenstadt ist, wirkt auf den ersten Blick wie eine triviale Frage. Für die Stadtsoziologie ist sie das Gegenteil: Innenstädte sind Machträume — Orte, an denen soziale, ökonomische und politische Kämpfe um Ressourcen und Teilhabe räumlich ausgetragen werden und darüber entscheiden, welche Interessen sich durchsetzen und welche aus dem Stadtraum gedrängt werden. Der Zustand…

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  • Kantilenen

    Kantilenen

    Scharfer Grund. – Immanuel Kant, der die Vernunft zur Reinheit der Form anhielt, duldete beim Essen keinen unbestimmten Geschmack. Senf, täglich, zu fast allem – als müsste die Welt, um gültig zu sein, erst geschärft werden. Er rührte ihn selbst an. Die Köchin besorgte das Übrige. Darin eine Ordnung: Das Allgemeine wird delegiert, das Entscheidende…

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  • Zwangsarbeit in Horn-Lehe

    Zwangsarbeit in Horn-Lehe

    Das Lager „Handwerk“ — Verschleppt, ausgebeutet, vergessen. Mitten in Horn-Lehe, an der Ecke Achter- und Riensberger Straße, stand von 1943 bis Kriegsende eines der größeren Bremer Lager für Zwangsarbeiter — dort, wo heute der Magdalene-Thimme-Weg entlang der Kleinen Wümme verläuft und die Grün-Station Horn ihren Standort hat. Ein Ort, dessen NS-Vergangenheit im kollektiven Gedächtnis des…

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  • Mit Jürgen Habermas ist gestern der letzte große Denker der Frankfurter Schule gestorben – und der umstrittenste. Zumindest für jene, die in der Tradition der Väter stehen. Er kam 1956 als junger Assistent zu Adorno nach Frankfurt – in ein intellektuelles Kraftfeld, dessen Gravitationszentrum die Verschränkung von Marx, Freud und Hegel bildete. Horkheimer ahnte früh,…

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  • Über Kritische Theorie, die Selbstzerstörung des Kapitalismus und die Frage, was bleibt Die Frage, ob die Kritische Theorie noch etwas zu sagen hat, wird meist falsch gestellt. Sie erscheint als Frage nach ihrer Relevanz — ob Adorno und Horkheimer noch zitierbar sind, ob ihre Begriffe die Gegenwart treffen, ob man mit ihnen Politik machen kann.…

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  • Expansion, Gewalt und die Grenzen der Moderne Es gibt Werke, die ihrer Zeit voraus sind, und solche, die ihre Zeit so präzise durchleuchten, dass sie als Diagnose der Gegenwart lesbar bleiben. Rosa Luxemburgs Die Akkumulation des Kapitals, 1913 in vier Monaten niedergeschrieben, gehört zu beiden Kategorien. Was sie darin leistet, ist theoretisch singulär: Sie denkt…

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  • Ich war zu jung für 68. Als Schneider auf den Podien stand, saß ich noch in der Schule. Die Revolte kannte ich zunächst als Text, als Versprechen, das schon eingelöst oder gebrochen war, bevor ich es selbst ergreifen konnte. Was mich an ihm festhielt, war nicht der Revolutionär. Es war der Zweifler. 1978, als das…

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  • Was kann Kritische Theorie heute noch leisten?

    Die Frage klingt nach Nachruf. Als müsste man zunächst einräumen, dass eine Theorie, die in den 1930er Jahren entstand, inzwischen ihren historischen Ort gefunden hat — in den Seminaren, in den Handbüchern, in der Geistesgeschichte. Und doch drängt sie sich mit einer Hartnäckigkeit auf, die sich dieser Einordnung widersetzt. Der Grund liegt nicht in akademischer…

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  • Horkheimer zum 131.

    Max Horkheimer hat der Kritischen Theorie ihren Ernst gegeben. Sein Denken trägt die Spur einer Erfahrung, die sich nicht versöhnen ließ. Fortschritt und Barbarei standen im 20. Jahrhundert enger beieinander, als es jede Geschichtsphilosophie wahrhaben wollte. Als Direktor des Instituts für Sozialforschung formte er eine Konstellation, deren Name bis heute nachwirkt. Die Zusammenarbeit mit Theodor…

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  • Von Hegel zur Kritischen Theorie: Dialektik ohne Garantie

    Dialektik ohne Garantie Die Kritische Theorie ist ohne Hegel nicht denkbar. Sie ist es ebenso wenig mit ihm. In dieser Spannung – zwischen Aneignung und Bruch – bewegt sich ihr Denken. Hegels Dialektik bildet den philosophischen Horizont, vor dem sich die Einsicht ausbildet, dass Wirklichkeit nur im Widerspruch zu sich selbst begriffen werden kann. Zugleich…

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  • Florens Christian Rang

    Capri, Sommer 1924. Walter Benjamin und Florens Christian Rang sitzen auf einer Terrasse über dem Meer. Unter ihnen die Brandung, gleichgültig gegen Namen und Schuld. Sie sprechen über Deutschtum als Last, über Schuld als Aufgabe. Über die Bauhütte – eine Gemeinschaft, die sich aus Verantwortung bildet, nicht aus Macht. Rang ist fast sechzig, krank, müde.…

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  • Stendhal und das Glück

    Das Versprechen, das nicht gehalten werden kann, beginnt mit einem Satz. „Une promesse du bonheur“ – das Schöne als Versprechen des Glücks. Stendhal wusste, dass jedes Versprechen eine Zeitform hat: Zukunft. Was verspricht, ist noch nicht da. Was da ist, verspricht nicht mehr. Die Heuchelei ist keine moralische Schwäche, sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Wer ehrlich…

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  • Das Blau war nie nur eine Farbe. Es war eine Temperatur: kühl genug, um den Gedanken zu halten, hell genug, um ihn sichtbar zu machen. Das Heft liegt offen, der Rücken bereits mürbe, als habe es mehr Tage getragen, als ihm zugestanden waren. Wer Tage zählt, kennt den Betrug der Zeit. Sie zerfällt in Konzentrationen:…

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  • Empirismus als gebrochene Aufklärung

    Erfahrung zwischen Befreiung und Herrschaft Die Geschichte des Empirismus gehört zu den großen Befreiungsbewegungen der neuzeitlichen Vernunft. Mit John Locke und David Hume richtet sich das Denken gegen die scholastische Metaphysik ebenso wie gegen rationalistische Systeme, die Erkenntnis aus angeborenen Ideen oder apriorischen Strukturen ableiten. Erfahrung wird zur letzten Instanz der Wahrheit erklärt, Sinnlichkeit zur…

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  • Sils Maria, Januar

    Julian Barnes kam von Süden, vom See her. Ich sah ihn nicht ankommen, aber ich stellte mir vor, wie er aus dem Taxi stieg und einen Moment innehielt, den Blick über den Silsersee schweifen ließ, hinüber zur Halbinsel Chasté, wo der Gedenkstein steht. Im Januar nicht erreichbar, kein gespurter Weg. Nietzsche nur noch als Inschrift…

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  • Trieb und Totalität – Die psychoanalytische Wende der Kritischen Theorie

    Pathologie der Aufklärung Die Aufklärung bringt ihre Regression aus sich selbst hervor. Je weiter Vernunft sich von Erfahrung ablöst und im Kalkül verfestigt, desto mehr verliert sie den Bezug auf das, was sie einst zu befreien versprach. Der Gedanke, der alles verfügbar machen will, organisiert am Ende die Verfügbarkeit der Menschen selbst. Herrschaft tritt dabei…

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  • Das Bleiben als Widerstand

    Ernst Mollenhauer und die stille Dialektik der Moderne Es gibt Künstler, deren Bedeutung sich aus dem Bruch speist. Sie verlassen den Ort, die Zeit, das Land – und werden gerade dadurch lesbar. Ihre Biografie liefert die Dramaturgie, ihr Werk die Pointe. Andere bleiben. Sie entziehen sich der großen Geste, der Entscheidung, der Erlösungsfigur. Ihre Existenz…

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