Denk-Bilder. Zum Werk von Thomas Hartmann

Die Wirkung von Malerei beginnt dort, wo die Worte enden. Thomas Hartmann hat einmal gesagt, das Eigentliche zu hinterfragen sei beinahe unmöglich. Genau dieser Anspruch prägt sein Schaffen: das Unsagbare mit den Mitteln der Kunst sichtbar zu machen. Malen bedeutet für ihn Geduld, Disziplin und handwerkliche Strenge – ein tägliches Ringen, vergleichbar mit dem Pflügen eines Feldes. Je mehr es gelingt, desto „richtiger“ erscheint ihm sein Malen.

Hartmanns Bilder sind Allegorien der Moderne. Sie erzählen Geschichten, die den Schein des Schönen beschwören und zugleich infrage stellen. Seit seinem „Damaskuserlebnis“ auf dem Tour Montparnasse 1979, als sich ihm der Blick über das endlose Geflecht der Pariser Straßenschluchten eröffnete, begleitet ihn das Motiv der Stadtlandschaft. Seine „Flugbilder“ von Paris, Prag, Rom oder Berlin sind keine Veduten, sondern Versuche, die verborgene Geschichte einer Stadt freizulegen. Wie Vexierbilder fordern sie den Blick heraus – Zeit scheint darin stillzustehen.

Neben den Stadtansichten stehen Gruppenbilder, in denen er aus der Distanz das Verhältnis von Einzelnen und Masse auslotet. Im Vogelblick wird das Individuum als verletzlicher Teil des Ganzen sichtbar. Auch in diesen Bildern liegt die Trauer der Entzweiung, zugleich aber die Hoffnung auf Versöhnung.

In den letzten Jahren hat Hartmann ein anderes Motiv obsessiv erkundet: Bücher. Gestapelt, geschichtet, aufgetürmt erscheinen sie wie Archive der Erinnerung, wie fragile Bollwerke gegen das Vergessen. Der Maler, selbst leidenschaftlicher Sammler, setzt dem Buch im digitalen Zeitalter ein stilles Denkmal.

Seine Arbeiten sind Denk-Bilder im emphatischen Sinn. Sie bewahren das Rätsel, öffnen Räume der Erinnerung und des Eingedenkens. Hartmanns Malerei ist kein realistisches Abbilden, sondern das Sichtbarmachen von Spuren: der Riss zwischen Natur und Kultur, die Fremdheit der Stadt, die Melancholie der Vergänglichkeit. Und immer wieder zeigt sich ein leiser Hoffnungston: dass im Bild, für Augenblicke, das Fremde vertraut wird und das Verlorene sich einholt.

Hartmanns Bilder umweht eine stille Melancholie und zugleich eine heitere Gelassenheit. Besonders seine kleinformatigen Papierarbeiten, die spielerisch mit Themen und Sujets variieren, sind poetische Miniaturen. In ihnen blitzt das Große im Kleinen auf: Alltägliche Beobachtungen verwandeln sich in Bilder, die das Leben berühren – als letzte, fragile Spur einer Versöhnung, die Kunst allein erhoffen lässt.


Gekürzte Fassung meines Essays „Denk-Bilder“, erschienen im Katalogband
Thomas Hartmann. So!, Vice Versa Verlag, 2019.

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