Kritik als Verantwortung – Im Schatten der Geschichte

Die Kritische Theorie entstand aus der Erfahrung, dass Aufklärung in Barbarei umschlagen kann, wenn Vernunft sich in Herrschaft verwandelt. Aus der Katastrophe des europäischen Antisemitismus erwuchs der Imperativ, jede Form politischer Gewalt und Diskriminierung zu verurteilen – gleichgültig, von wem sie ausgeht. Nach Auschwitz darf keine Macht sich der Kritik entziehen, am wenigsten jene, die sich auf das Leiden der Opfer beruft.

Gerade deshalb ist es Ausdruck aufgeklärter Verantwortung, die Politik der israelischen Rechtsregierung unter Benjamin Netanjahu scharf zu kritisieren. Der Internationale Strafgerichtshof hat am 21. November 2024 Haftbefehle gegen Netanjahu und seinen damaligen Verteidigungsminister Gallant wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit erlassen. Die militärische Zerstörung Gazas, das Aushungern der Bevölkerung, die massenhaften zivilen Opfer – all dies offenbart eine Politik, die das Menschsein des Anderen negiert. Wer das verschweigt oder als „antisemitisch“ diffamiert, verrät den universellen Anspruch, den die Erinnerung an die Shoah begründet hat.

Antisemitismus bleibt eines der tiefsten gesellschaftlichen Übel, das entschieden bekämpft werden muss. Doch ebenso verhängnisvoll ist es, jede Kritik an israelischem Handeln als antisemitisch zu brandmarken. Diese Gleichsetzung dient der Immunisierung politischer Macht, nicht der Wahrung jüdischen Lebens. Sie verdunkelt die Wahrheit und blockiert die Möglichkeit einer gerechten Ordnung.

Kritik an Israels Gewaltpolitik bedeutet nicht Feindschaft, sondern Treue zum humanistischen Erbe jener Denkerinnen und Denker, die aus der Erfahrung der Verfolgung den Mut zur Wahrheit gewannen. Der Maßstab bleibt die Menschenwürde – nicht Herkunft, Religion oder nationale Zugehörigkeit. Eine Zwei-Staaten-Lösung, die Gleichheit und Sicherheit für alle garantiert, ist kein politisches Zugeständnis, sondern moralische Notwendigkeit.

Nach Auschwitz heißt Kritik: dem Leiden eine Stimme geben, wo die Macht sie zum Schweigen bringt.

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