Erfahrung zwischen Befreiung und Herrschaft
Die Geschichte des Empirismus gehört zu den großen Befreiungsbewegungen der neuzeitlichen Vernunft. Mit John Locke und David Hume richtet sich das Denken gegen die scholastische Metaphysik ebenso wie gegen rationalistische Systeme, die Erkenntnis aus angeborenen Ideen oder apriorischen Strukturen ableiten. Erfahrung wird zur letzten Instanz der Wahrheit erklärt, Sinnlichkeit zur Quelle des Wissens, Skepsis zur Methode. In dieser Geste liegt ein emanzipatorisches Moment, das auch aus der Perspektive der Kritischen Theorie nicht unterschätzt werden darf. Zugleich aber markiert der Empirismus einen Wendepunkt, an dem Aufklärung in ihr eigenes Gegenteil umschlägt. Adorno liest Locke und Hume nicht als Vorbilder, sondern als Symptome einer Vernunftform, die Erfahrung gerade dort verfehlt, wo sie vorgibt, ihr treu zu bleiben.
Die These dieses Essays lautet: Locke und Hume artikulieren eine notwendige Kritik dogmatischer Metaphysik, doch ihre Konzeption von Erfahrung bleibt an ein erkenntnistheoretisches Subjekt gebunden, das die gesellschaftliche Vermittlung von Erkenntnis systematisch ausblendet. Gerade darin liegt ihre historische Wirkungsmacht – und ihre epistemologische Unvernunft: Was als Befreiung der Erfahrung auftritt, erweist sich als deren subtilste Fesselung. Ihre scheinbare Rationalität wird zur Komplizin jener Moderne, die das Partikulare verdinglicht und Herrschaft über Natur in den Rang wissenschaftlicher Objektivität erhebt.
Empirismus als Akt der Immanenz
Lockes berühmte These von der tabula rasa richtet sich gegen jede Vorstellung angeborener Ideen. Der menschliche Verstand ist leer, bevor ihn die Erfahrung füllt. Alle Inhalte des Denkens gehen auf Sinneseindrücke zurück (ideas from sensation), die sich durch Vergleich, Abstraktion und Verallgemeinerung zu komplexen Ideen formen. Diese Konzeption bricht mit der metaphysischen Vorstellung einer vorgängigen Wahrheit, die dem Subjekt innerlich gegeben wäre. Erkenntnis wird zeitlich, kontingent, fehlbar. Damit leistet Locke einen entscheidenden Beitrag zur Entzauberung der Welt.
Hume radikalisiert diesen Impuls. Seine Unterscheidung zwischen impressions und ideas unterzieht selbst die Grundbegriffe der Metaphysik einer skeptischen Prüfung. Kausalität, Substanz, Ich-Identität verlieren ihren transzendenten Status. Was als notwendige Verbindung erscheint, entpuppt sich als Gewohnheit des Denkens – als custom oder habit, die aus der wiederholten Beobachtung einer constant conjunction resultiert. Die Vernunft wird auf ihre faktische Funktionsweise zurückgeführt, nicht auf ihre normativen Ansprüche – eine Selbstkritik der Aufklärung, die ihre eigenen Fundamente untergräbt. In dieser Entlarvung liegt ein Moment negativer Dialektik avant la lettre: Die Einheit der Welt zerfällt in ein Ensemble kontingenter Erscheinungen.
Adorno erkennt in dieser skeptischen Geste einen Fortschritt gegenüber der systematischen Gewalt des Rationalismus. Der Empirismus zerstört die Illusion eines in sich ruhenden Sinnzusammenhangs. Er öffnet den Blick für das Partikulare, das sich der deduktiven Totalität entzieht. Humes Philosophie markiert einen Punkt, an dem die Vernunft an sich selbst irre wird – nicht als Schwäche, sondern als Selbstkritik der Aufklärung. Gerade darin liegt ihre Wahrheit.
Die Verdinglichung der Erfahrung
Doch dieser Fortschritt bleibt ambivalent – er mündet nahtlos in seine Schattenseite. Locke fasst Erfahrung primär als psychologischen Vorgang auf. Ontologische Fragen werden epistemologisch umformuliert. Was existiert, ist das, was im Bewusstsein erscheint. Der Satz, dass nichts im Verstand sei, was nicht zuvor in den Sinnen gewesen ist, verwandelt Erfahrung in ein Aggregat von Daten. Die Welt erscheint nicht mehr als Bedeutungszusammenhang, sondern als bloßes Material der Erkenntnis, das vom Subjekt verarbeitet wird. Damit verschiebt sich der Akzent von der Sache auf ihre Repräsentation.
Adorno kritisiert diese Verschiebung als Keimform des Positivismus. Erfahrung verliert ihren dialektischen Gehalt und schrumpft zur bloßen Gegebenheit, die keiner gesellschaftlichen Vermittlung mehr bedarf. Das Nichtidentische, das Konkrete, das Gesellschaftliche verschwindet hinter abstrakten Ideen, die als subjektive Abbilder einer vermeintlich objektiven Realität fungieren.
Besonders deutlich wird dies an Lockes Unterscheidung zwischen primären und sekundären Qualitäten. Primäre Qualitäten – Ausdehnung, Gestalt, Bewegung, Anzahl – gelten als objektive Eigenschaften der Dinge selbst, während sekundäre Qualitäten – Farbe, Geschmack, Geruch – auf die subjektive Wahrnehmung zurückgeführt werden. Was als objektiv gilt, wird mathematisierbar; was als subjektiv gilt, wird marginalisiert. In dieser Spaltung kündigt sich jene Entwicklung an, die in der modernen Naturwissenschaft zur systematischen Eliminierung des Qualitativen führt. Die Welt wird beherrschbar, indem sie verarmt. Francis Bacons Programm, Natur durch methodisches Experiment zu beherrschen, findet in Lockes Sensualismus seine erkenntnistheoretische Legitimation: Erfahrung ist nicht mehr Teilhabe an einem Bedeutungszusammenhang, sondern methodisch verfügbares Erkenntnismaterial, das vom autonomen Subjekt nach eigenen Regeln verarbeitet wird.
Diese Reduktion ist nicht bloß erkenntnistheoretischer Irrtum, sondern historisch wirksame Unvernunft: Indem der Empirismus Erfahrung auf atomisierte Sinneseindrücke reduziert, naturalisiert er jene Fragmentierung, die der kapitalistische Tausch gesellschaftlich erst hervorbringt – eine Erkenntnistheorie, die sich neutral gibt und doch eine bestimmte Weltordnung sanktioniert. Die abstrakten Ideen Lockes spiegeln die Abstraktionslogik der Warenform wider, ohne diese als historisches Verhältnis zu durchschauen.
Hume treibt diese Reduktion weiter. Seine Auflösung der Kausalität in psychologische Gewohnheit unterminiert zwar metaphysische Notwendigkeit, doch die Struktur der Erfahrung bleibt im isolierten Subjekt verankert. Eindrücke erscheinen als naturwüchsige Gegebenheiten, deren Herkunft nicht weiter thematisiert wird. Dass Wahrnehmung historisch, sprachlich und gesellschaftlich geprägt ist – dass etwa die Fähigkeit, bestimmte Unterschiede wahrzunehmen, von Arbeitsteilung, Bildung und Herrschaftsverhältnissen abhängt – bleibt außerhalb des Horizonts. Die Skepsis trifft die Begriffe, nicht die Bedingungen ihrer Möglichkeit.
Identitätsdenken und Subjekt-Objekt-Dualismus
Für Adorno gehören Locke und Hume trotz aller Differenzen in die Tradition der Identitätsphilosophie. Beide hypostasieren den Gegensatz von Subjekt und Objekt. Erkenntnis vollzieht sich im Inneren des Bewusstseins, während die Welt als äußerliches Gegenüber erscheint. Diese Struktur wird nicht problematisiert, sondern vorausgesetzt. Die gesellschaftliche Vermittlung von Subjekt und Objekt durch gesellschaftliche Praxis, Arbeit, Sprache und Macht bleibt unsichtbar.
In diesem Punkt kontrastiert Adorno den Empirismus mit der Phänomenologie Husserls. Beide Ansätze versuchen, die Gegebenheit der Erfahrung zu retten, beide scheitern an der Verabsolutierung des Bewusstseins. Husserl ontologisiert die Intentionalität des Subjekts durch transzendentale Reduktion, während der Empirismus die Erfahrung als Abfolge von Sinneseindrücken psychologisiert. In beiden Fällen erscheint das Bewusstsein als autonome Sphäre – bei Husserl als transzendentales Ego, bei Locke als isolierter Verstand, der rohe Daten empfängt und kombiniert.
Die gesellschaftliche Konstitution von Wahrnehmung – etwa durch Sprache, die vorgängig kategorisiert, oder durch Arbeitsteilung, die Sinnesschärfungen produziert – wird so zum blinden Fleck. Beide Positionen verabsolutieren jene Trennung von Subjekt und Objekt, die selbst Produkt historischer Prozesse ist: der Durchsetzung des bürgerlichen Individuums, das sich als autonomer Träger von Erkenntnis begreift und gerade dadurch seine gesellschaftliche Konstitution verdeckt. Die Welt erscheint entweder als Korrelat des Bewusstseins oder als Summe von Eindrücken. Ihre gesellschaftliche Struktur – wie sie durch Herrschaft, Arbeit und Tausch geprägt ist – bleibt ungedacht.
Diese Blindstelle ist für Adorno keine bloße theoretische Schwäche. Sie verweist auf den ideologischen Kern der Moderne. Eine Vernunft, die Erfahrung auf subjektive Daten reduziert, bereitet den Boden für eine Wissenschaft, die Natur beherrscht und das Partikulare verdinglicht. Der Weg von Bacon über Locke und Hume führt zur instrumentellen Rationalität der Aufklärung, die in der Dialektik der Aufklärung als Umschlag in Mythologie analysiert wird. Erkenntnis verwandelt sich in Kontrolle. Was sich nicht messen lässt, gilt als irrational. Was nicht verwertbar ist, fällt aus dem Bereich legitimen Wissens heraus.
Historische Dialektik des Empirismus
Adornos Metakritik setzt an dieser historischen Bewegung an. Der Empirismus ist kein zeitloses Erkenntnismodell, sondern Ausdruck einer bestimmten gesellschaftlichen Konstellation. Er reflektiert die Auflösung feudaler Ordnungen ebenso wie den Aufstieg der bürgerlichen Gesellschaft. Die Betonung der Sinnlichkeit korrespondiert mit der Durchsetzung der Warenform, die alle qualitativen Unterschiede auf quantitative Vergleichbarkeit reduziert. Die Abstraktion von Einzeleindrücken zu allgemeinen Ideen spiegelt die Logik des Tauschs, der konkrete Gebrauchswerte in abstrakte Tauschwerte verwandelt. Erfahrung wird vereinheitlicht, nicht weil dies ihrer Natur entspräche, sondern weil sie vergleichbar werden muss – ein Prozess, der die kapitalistische Ökonomie ebenso prägt wie die empiristische Erkenntnistheorie.
In diesem Sinne ist der Empirismus zugleich wahr und falsch: Er beschreibt die gesellschaftliche Fragmentierung, indem er sie zugleich verfestigt. Er bringt zum Ausdruck, was gesellschaftlich der Fall ist – die Atomisierung der Individuen, den Verlust substantieller Zusammenhänge –, und trägt gerade dadurch zu deren Stabilisierung bei. Gesellschaftliche Voraussetzungen erscheinen als naturwüchsige Gegebenheiten. Eindrücke gelten als unmittelbar gegeben, obwohl sie Resultat historischer Prozesse sind. Die historisch wirksame Unvernunft des Empirismus verdeckt diese gesellschaftliche Vermittlung, indem sie Erfahrung privatisiert und individualisiert.
Lockes und Humes Philosophien sind somit Symptome einer Epoche, in der sich bürgerliche Rationalität formiert. Sie formulieren die Weltanschauung einer Klasse, die sich von feudalen Fesseln befreit, indem sie Erfahrung privatisiert und Erkenntnis individualisiert. Das empiristische Subjekt ist das bürgerliche Subjekt: autonom in der Theorie, abhängig in der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Die epistemologische Unvernunft des Empirismus liegt darin, diese Abhängigkeit zu verschleiern und den gesellschaftlichen Zusammenhang als bloßes Aggregat individueller Erfahrungen zu denken. Was als Emanzipation der Erfahrung von metaphysischen Fesseln beginnt, endet in deren Unterwerfung unter die Logik des bürgerlichen Individuums.
Adornos Rettung der Erfahrung
Adorno verwirft den Empirismus daher nicht, er transformiert ihn dialektisch. Seine Negative Dialektik zielt darauf, Erfahrung aus der Verengung auf das Subjekt zu befreien. Erkenntnis ist nicht Abbilden, sondern Prozess der gesellschaftlichen Vermittlung, in dem Begriffe notwendig sind, ohne das Einzelne zu verschlingen. Wahrheit liegt im Widerstand des Nichtidentischen gegen seine begriffliche Einhegung – in jenem Moment, in dem die Sache mehr ist als ihr Begriff, in dem Erfahrung sich gegen ihre Reduktion auf Daten sträubt.
Die von Adorno entwickelte Methode der Konstellation knüpft an den empiristischen Impuls an, ohne ihm zu verfallen. Sie verzichtet auf systematische Totalität und hält am Partikularen fest, ohne es zu isolieren. Erfahrung wird als gesellschaftlich vermittelt gedacht, als historisch sedimentierte Praxis, die in jedem Einzelnen aufbewahrt bleibt. Statt Phänomene unter Oberbegriffe zu subsumieren, ordnet die Konstellation sie so an, dass sie einander wechselseitig erhellen. Locke und Hume erscheinen in dieser Perspektive als Vorläufer einer Dialektik, die sie selbst noch nicht vollziehen konnten – als Denker, die das Partikulare gegen das System verteidigten, ohne zu erkennen, dass auch ihre eigene Methode zum System gerann. Was sie als Befreiung der Erfahrung intendierten, schlug in deren subtilste Fessel um.
Was Adorno vom Empirismus rettet, ist dessen Widerstand gegen metaphysische Totalität. Was er verwirft, ist dessen Verrat an der Erfahrung selbst. Wahre Erfahrung wäre jene, die ihre eigene gesellschaftliche Vermittlung reflektiert, ohne diese in ein neues System zu überführen. Sie wäre Selbstreflexion der Vernunft, die ihre Abhängigkeit von dem anerkennt, was sie zu beherrschen meint.
Erfahrung nach der Entzauberung
Der Empirismus hat die Metaphysik entmachtet, aber die Erfahrung verfehlt. Seine Vernünftigkeit bleibt scheinbar, weil sie sich auf die Reduktion der Welt auf vermeintlich unmittelbare Gegebenheiten stützt. Adornos Metakritik macht sichtbar, was diese Reduktion verdeckt: die gesellschaftliche Vermittlung von Erfahrung, die historische Konstitution von Wahrnehmung, die ideologische Funktion eines Denkens, das Herrschaft naturalisiert.
Empirismus lässt sich daher nicht einfach verwerfen. Er muss erfüllt werden – indem seine eigenen Impulse gegen ihn gewendet werden. In der kritischen Reflexion seiner Grenzen zeigt sich die Möglichkeit einer Vernunft, die das Partikulare ernst nimmt, ohne es zu verdinglichen, die auf Totalität verzichtet, ohne in Beliebigkeit zu verfallen.
Adorno bleibt dem empiristischen Impuls treu, indem er ihn radikalisiert. Die Befreiung der Erfahrung von metaphysischer Bevormundung, die Locke und Hume versprachen, kann erst vollendet werden, wenn Erfahrung auch von ihrer empiristischen Verkürzung befreit wird. Was als Kritik der Dogmen begann, mündete in ein neues Dogma: die Unmittelbarkeit des Gegebenen. Wer heute Erfahrung retten will, muss durch die empiristische Auflösung hindurch – und über sie hinaus. Locke und Hume haben die Tür geöffnet, aber sie führt nicht ins Freie, solange man auf ihrer Schwelle stehenbleibt.

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