Strindbergs Geburtstag

Das Blau war nie nur eine Farbe. Es war eine Temperatur: kühl genug, um den Gedanken zu halten, hell genug, um ihn sichtbar zu machen. Das Heft liegt offen, der Rücken bereits mürbe, als habe es mehr Tage getragen, als ihm zugestanden waren.

Wer Tage zählt, kennt den Betrug der Zeit. Sie zerfällt in Konzentrationen: ein Gedanke, ein Irrtum, ein Atemzug. Am Rand des Datums bleibt Bleistiftstaub zurück, als hätte der Tag gezögert, sich festschreiben zu lassen.

Das Tagebuch gleicht einem Versuchsfeld des Zweifels. Sätze werden abgelegt, durchgestrichen, erneut aufgerufen. In den Rändern sammeln sich Einwände, die länger leben als der Text.

Vielleicht beginnt Weisheit dort, wo die eigene Stimme fremd wird. Eine Notiz, Jahre später gefunden, ohne Zusammenhang, ohne Adresse, behauptet plötzlich Gegenwart.

Blau ist eine Form der Geduld. Alles wird notiert, auch das Unverstandene. Die hartnäckigen Unklarheiten lagern sich ab wie Staub zwischen den Seiten und bilden langsam ein Gesicht.

Heute, an Strindbergs Tag, ruht die Feder einen Augenblick. Das Blatt bleibt offen. Denken hält inne, wie ein Buch, das man nicht zuschlägt, um den Gedanken nicht zu verscheuchen.

(Aus dem blauen Buch – 22. Januar 2026)

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