Das Versprechen, das nicht gehalten werden kann, beginnt mit einem Satz. „Une promesse du bonheur“ – das Schöne als Versprechen des Glücks. Stendhal wusste, dass jedes Versprechen eine Zeitform hat: Zukunft. Was verspricht, ist noch nicht da. Was da ist, verspricht nicht mehr.
Die Heuchelei ist keine moralische Schwäche, sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Wer ehrlich spricht, verliert. Julien Sorel lernt die Bibel auswendig, ohne zu glauben. Er trägt Napoleon im Herzen und den Talar nach außen. Sein Aufstieg ist eine Lüge, die scheitern muss – nicht weil er lügt, sondern weil die Gesellschaft keine Wahrheit erträgt.
Am Ende steht ein einziger ehrlicher Satz vor Gericht. Die Geschworenen empören sich. Das Todesurteil folgt der Wahrhaftigkeit wie ein Schatten dem Licht. Wer das Versprechen der Gesellschaft beim Wort nimmt, wird von ihr ausgestoßen.
Stendhal schreibt vom Glück und meint die Unmöglichkeit, es zu erreichen. Jede Liebe ist durch Eitelkeit gebrochen, jeder Aufstieg durch die Verführung der Macht. Das Schöne verspricht, aber die Welt hält nicht, was die Kunst andeutet.
Vielleicht ist das Versprechen selbst schon alles: nicht seine Einlösung, sondern die Spannung, die es erzeugt. Ein offenes Buch, das man nicht zuschlägt. Ein Gedanke, der bleibt, weil er nie erfüllt wird.
(Aus dem blauen Buch – 23. Januar 2026)
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