Wellen

Vor vielen Jahren saß ich im Bremer Buchladen Orlando und hörte Alfred Sohn-Rethel aus seinem Neapel-Essay lesen. Er lag gleich bei mir um die Ecke, ich ging oft hin. Der Besitzer hieß Vincenzo Orlando – so hieß auch der Laden, nicht nach Virginia Woolfs Roman, obwohl die Nähe auffiel. Er ist tot, das Geschäft verschwunden. Sohn-Rethel auch – gestorben 1990, fast vergessen.

Sohn-Rethels Bücher stehen in meinem Regal, viele signiert, manche als Widmungsexemplare. Ich habe ihn noch gekannt. Seine Handschrift bleibt lesbar. Die Gedanken auch – aber wer liest sie noch? Er schrieb über Warenform und Denkform, über die gesellschaftliche Synthesis, die im Tausch geschieht. Das Denken löst sich vom Denkenden – wie bei Woolf das Ich sich auflöst in Stimmen.

Am 28. März 1941 ging Virginia Woolf in den Fluss Ouse. Steine in den Manteltaschen, damit der Körper nicht zurückkehrt. Sie schrieb gegen die Verhärtung des Ichs – vielleicht war der Gang ins Wasser keine Verzweiflung, sondern Konsequenz. Wer das Subjekt als Strömung denkt, kann es auch loslassen.

In The Waves zerfällt die Zeit. Keine Handlung, nur Rhythmus. Sechs Stimmen, die sich überlagern, trennen, neu formieren. Das Ich besteht, indem es sich preisgibt.

Der Buchladen Orlando ist jetzt etwas anderes. Vincenzo bleibt ein Name. Die Wellen schlagen weiter. Was sich auflöst, hinterlässt Spuren, die niemand mehr zuordnen kann.

(Aus dem blauen Buch – 25. Januar 2026)


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