Helvétius

Es schneit. Draußen verschwinden die Unterschiede unter dem Weiß – für eine Nacht sind alle Dächer gleich.

Im Salon brennen Kerzen. Helvétius sitzt unter seinen Gästen, reich geworden als Steuerpächter. Mit dem Geld aus Privilegien finanziert er deren Kritik. Das Paradox trägt er leicht, vielleicht bemerkt er es nicht einmal.

Der Mensch ist eine leere Tafel, sagt er. Keine angeborenen Ideen, keine natürliche Ungleichheit. Alles wird eingeschrieben – durch Sinne, Erziehung, Verhältnisse. Locke dachte die Erkenntnis so, Helvétius radikalisiert es: Auch die Moral wird geschrieben. Die Frage bleibt: Von wem?

Sein Buch De l’esprit wird öffentlich verbrannt. Staats- und religionsfeindlich, heißt es. Aber Feuer löscht keine Gedanken. Sie zirkulieren weiter – im Salon, in Briefen, zwischen denen, die lesen können.

Das blaue Buch liegt offen, jeden Tag eine neue Seite. Aber die tabula rasa ist nie ganz leer. Die Hand, die schreibt, trägt Spuren dessen, was sie erlebt hat. Wer von Gleichheit spricht, spricht aus einer Position.

Draußen fällt der Schnee weiter, gleichgültig. Im Salon wird es warm. Die Gleichheit bleibt vorläufig – eine Idee, die sich nur dort verwirklichen lässt, wo die Ungleichheit für einen Abend schweigt.

(Aus dem blauen Buch – 26. Januar 2026)


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