Max Horkheimer hat der Kritischen Theorie ihren Ernst gegeben. Sein Denken trägt die Spur einer Erfahrung, die sich nicht versöhnen ließ. Fortschritt und Barbarei standen im 20. Jahrhundert enger beieinander, als es jede Geschichtsphilosophie wahrhaben wollte.
Als Direktor des Instituts für Sozialforschung formte er eine Konstellation, deren Name bis heute nachwirkt. Die Zusammenarbeit mit Theodor W. Adorno gehört zu den produktivsten und zugleich eigentümlichsten intellektuellen Beziehungen des Jahrhunderts. In der gemeinsamen Arbeit an der Dialektik der Aufklärung verdichtete sich ihre Diagnose einer Vernunft, die in Herrschaft umschlagen kann. Und doch blieb zwischen beiden eine Distanz, die fast programmatisch wirkt.
Adornos Traum einer vollkommenen Zweiheit erfüllte sich nicht. Er schlug vor, selbst einzeln gezeichnete Texte als gemeinsames Werk zu deklarieren. Horkheimer unterschrieb das nicht. Autorschaft war für ihn kein romantisches Verschmelzen, sondern eine Frage der Verantwortung. Die Differenz sollte sichtbar bleiben.
Auch im Persönlichen zeigt sich diese Haltung. Nachdem Horkheimer 1938 in London Adornos Trauzeuge gewesen war, nannten sie einander beim Vornamen. In dienstlichen Briefen hielten sie jedoch eine eigentümliche, halb ironische Förmlichkeit aufrecht. Horkheimer zeichnete die internen Mitteilungen mit „Ihre W. B.“ – was für „Weiche Birne“ stand. Adorno antwortete mit „Ihr G. R.“ – „Großes Rindvieh“. Hinter der Grobheit der Kürzel lag eine Intimität, die sich nicht sentimental gab. Selbstironie als Form der Nähe. Distanz als deren Bedingung.
Zum Du fanden sie erst Ende 1959, als Horkheimer emeritiert war, in Montagnola lebte und Adorno die Leitung des Instituts übernommen hatte. Erst nachdem das hierarchische Verhältnis erloschen war, änderte sich der Ton. Nähe brauchte Abstand. Kollegialität setzte geklärte Rollen voraus.
Diese Konstellation sagt viel über Horkheimers Verständnis von Theorie. Die Kritische Theorie sollte kein verschmolzenes Kollektivsubjekt darstellen. Sie lebte von Spannung, von Differenz, vom Aushalten unterschiedlicher Temperamente. Vielleicht erklärt das auch, weshalb die geplante große gemeinsame Arbeit ausblieb. Adorno klagte, man habe „buchstäblich nur noch uns“. Horkheimer hatte die Hoffnung auf eine umfassende Gesellschaftstheorie weitgehend aufgegeben. Die Geschichte hatte ihm den Glauben an geschlossene Entwürfe ausgetrieben.
Bereits im Aphorismenband Dämmerung klingt diese Skepsis an. Die kleine Form ersetzt das große Versprechen. Gedanken erscheinen als Fragmente in einer beschädigten Welt. Aufmerksamkeit zählt mehr als Synthese. Die Kontur bleibt sichtbar, gerade weil sie nicht im Ganzen verschwindet.
Von Georg Wilhelm Friedrich Hegel stammt die Einsicht in die Vermittlung, von Karl Marx die Analyse gesellschaftlicher Widersprüche. Horkheimer führt beides zusammen und entzieht jeder Versöhnung die Gewissheit. Dialektik bleibt eine Bewegung ohne Garantie. Sie kennt keinen Endpunkt, an dem das Leiden begrifflich befriedet wäre.
Vielleicht liegt in dieser Zurückhaltung seine Größe. Horkheimer misstraute Pathos und Heilsversprechen. Er hielt am Begriff der Vernunft fest und untersuchte zugleich ihre Verstrickung in Macht. Theorie bedeutete für ihn, die Bedingungen des eigenen Sprechens mitzudenken und die gesellschaftliche Funktion von Begriffen offenzulegen.
Was bleibt, ist eine Haltung. Theorie als Arbeit an der Differenz, als Widerstand gegen vorschnelle Versöhnung. In einer Zeit neuer Gewissheiten wirkt diese Skepsis erstaunlich gegenwärtig.
(14.02.2026)
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