Scharfer Grund. – Immanuel Kant, der die Vernunft zur Reinheit der Form anhielt, duldete beim Essen keinen unbestimmten Geschmack. Senf, täglich, zu fast allem – als müsste die Welt, um gültig zu sein, erst geschärft werden.
Er rührte ihn selbst an. Die Köchin besorgte das Übrige. Darin eine Ordnung: Das Allgemeine wird delegiert, das Entscheidende nicht. Geschmack gerät unter Aufsicht.
Die Schärfe gibt sich als Zusatz und ist doch das Gesetz der Sache. Nichts bleibt, wie es ist; alles hat sich zu bestimmen. Die Mahlzeit wird zum stillen Tribunal, vor dem das Zufällige der Dinge sich zu verantworten hat.
So wiederholt im Kleinen, was im Großen gilt: dass nichts gelten darf, was nicht zuvor zugerichtet wurde. Ohne Senf wäre selbst die Notwendigkeit nicht notwendig genug.
Geregelter Gang. – Immanuel Kant ging in Königsberg jeden Abend zur gleichen Stunde, denselben Weg. Die Anwohner stellten ihre Uhren nach ihm. Nicht er ging durch die Zeit – die Zeit ging durch ihn hindurch und kam unverändert heraus.
Nur einmal soll er den Gang verfehlt haben. Rousseaus Émile hielt ihn auf – ausgerechnet jenes Buch, das die Natur gegen die Form in Schutz nimmt. Die Ausnahme wirkt wie ein Irrtum, den die Regel sofort korrigiert.
Der Bremer Künstler Reinhold Krüger übertrug Kants Unterschrift auf den Stadtplan – auf die Strecke, die er täglich von der Wohnung zum Atelier ging. Vierzehn Tage lang ging er diesen Weg als fremden Namen. Nicht Krüger signierte den Stadtraum. Ein anderer ging durch ihn hindurch.
Die Form, die einen trägt, kennt den nicht, der sie geht.
Süßer Schein. – Dass das Antlitz Immanuel Kants eine Kaliningrader Marzipanpraline ziert, ist die späte Rache der Zweckmäßigkeit an der Zweckfreiheit. Wo die Urteilskraft das Schöne vom Interesse reinigte, wird es nun selbst zur Ware: mundgerecht, versöhnt, verzehrbar.
Man beißt hinein und wähnt das freie Spiel der Kräfte – doch es ist längst vorentschieden. Der Imperativ schrumpft zur Füllung, die Form zum Ornament. Mit der Süße schmilzt auch der Stachel der Kritik.
Die Praline verspricht das Unbedingte und liefert Gleichförmigkeit. In der Zuckerkruste scheint die Versöhnung von Natur und Geist geglückt – als deren Liquidation.
Wer das Bildnis zerknittert, um zum Kern zu gelangen, vollzieht die letzte Kritik der Urteilskraft: dass vom Wahren nur bleibt, was widerstandslos auf der Zunge zergeht.

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