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Kultur und Krieg – sie stehen nicht wie Licht und Schatten zueinander, sondern wie Zwillingsbrüder, deren Ähnlichkeit uns unheimlich wird, sobald man sie nebeneinander sieht. Jedes Gedicht, jede Sinfonie, jede Kathedrale trägt die Möglichkeit des Kanonendonners in sich; jede Verfeinerung des Geistes kann sich, kaum geboren, in eine Waffe verwandeln. Adorno wusste: Die Kultur, die…
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Ein Nachruf auf Christa Bürger Am 22. August 2025 ist Christa Bürger im Alter von neunzig Jahren gestorben. Mit ihr endet eine Epoche kritischer Literaturwissenschaft, die stets mehr war als ein universitäres Fach; sie war Teil einer umfassenden intellektuellen Bewegung, die sich der Aufklärung in ihrer dialektischen Gestalt verpflichtet wusste. Christa Bürger war eine der…
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Man hat oft gesagt, Proust sei schwer zu lesen. Vielleicht liegt diese Schwierigkeit gerade darin, dass er es wagt, uns beim Lesen nicht zu unterhalten, sondern zu beunruhigen – uns an jene Schwellen zu führen, an denen das Gewöhnliche seine Selbstverständlichkeit verliert. Ein Geruch, ein Sonnenreflex auf einer Mauer, eine flüchtige Geste: Alles kann sich…
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Zwischen Porosität und theoretischer Entwicklung Alfred Sohn-Rethel (1899–1990) gehört zu jenen Denkern, deren theoretische Radikalität sich erst spät, aber umso nachhaltiger Bahn brach. Seine prägenden Jahre in Süditalien, verbracht zwischen 1924 und 1927 im stillen Rückzug in Positano und im pulsierenden Chaos Neapels, markieren eine entscheidende biographische Zäsur. Mehr noch: Sie sind die Geburtsstunde eines…
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„Der sich fortwährend beschleunigende Strom von Ereignissen macht uns blind für die unabgegoltenen Wahrheitsgehalte des Vergangenen. In der immer schnelleren Entwertung von Wahrheitsgehalten, die der Aktualisierungsausgrenzung unterliegen, spielt sich eine unglaubliche Irrtumsproduktion ab, die von der Idee lebt, dass sich jeder vergangene Gedanke vor der Gegenwart zu rechtfertigen habe.“ Oskar Negt 1. Kindheit, Flucht und…
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Am 6. Juni 2025 jährt sich der Geburtstag Thomas Manns zum 150. Mal. In einer Zeit der Unübersichtlichkeit wirkt sein Werk wie ein fernes Leuchtfeuer intellektueller Ernsthaftigkeit. Doch ist Mann mehr als eine literarische Ikone der Vergangenheit: Er bleibt unser Zeitgenosse – als ironischer Beobachter, moralisierender Demokrat und Philosoph der Dauer. Eine essayistische Wiederbegegnung mit…
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Es ist das Privileg kritischer Theorie, im Schatten des Gegebenen das Ungegebene, im scheinbar Selbstverständlichen das historisch Gewordene, mithin das gesellschaftlich Vermittelte aufzuspüren und zu entziffern. Diese Haltung impliziert nicht nur ein Misstrauen gegenüber dem Sichtbaren, sondern eine methodische Skepsis, die sich weigert, Erscheinung und Wesen zu identifizieren. In diesem Sinne ist die kritische Theorie…
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Bad Brückenau – ein Ort, der sich nicht durchqueren lässt wie eine Landschaft, sondern gelesen werden will wie ein vielschichtiges Buch. Seine Wege, gezogen durch den Kurpark, sind Zeilen einer Komposition aus Ordnung und Erinnerung, aus Hoffnungen, Brüchen, und dem immer wieder neu gesetzten Versuch, dem Leben Form zu geben. Hier wird nicht einfach flaniert…
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Es gibt Orte, an denen sich das Denken verlangsamt, nicht weil es ermüdet, sondern weil es sich seines Gewichts bewusst wird. Die Schatzalp über Davos ist ein solcher Ort – nicht im Sinne geografischer Erhabenheit, sondern als Denkfigur. Zwischen Thomas Manns Zauberberg, Adornos Kritik der Kulturindustrie und Benjamins Reflexionen über Geschichte, Aura und Erinnerung spannt…
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Große Romane vollziehen nicht nur die Verwandlung von Zeit, sondern ebenso die Verwandlung des Denkens in Gestalt. Sie sind nicht bloße Spiegelungen ihrer Epoche, sondern Verdichtungen geistiger Bewegungen, Repräsentanten ideengeschichtlicher Konflikte, in denen das Denken selbst eine dramatische, ja existentielle Form gewinnt. Thomas Manns Zauberberg ist ein solcher Roman: ein Laboratorium der Moderne, ein ästhetisch…
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Paul Éluard und der Ursprung surrealistischer Existenz Dass Leiden Quelle der Poesie sei, klingt nach abgegriffener Sentenz – der Idylle des bürgerlichen Geniekults, der Krankheit und Schmerz heroisiert. Doch gelegentlich darf die Erfahrung nicht weggedacht werden: Eugène Grindel, der sich später Paul Éluard nennt, trat in die Welt der Literatur wie durch einen Nebel aus…
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Fishel Rabinowicz und die Kunst des Überlebens Es gibt Biografien, die allein durch ihr bloßes Erzählen erschüttern. Fishel Rabinowicz’ Leben ist eine solche Biografie – aber es ist mehr als das: Es ist ein Dokument des Überlebens, ein stiller Triumph der Erinnerung über das Verstummen, ein Beweis dafür, dass Kunst nicht bloß Schönheit, sondern Notwendigkeit…
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Zum hundertjährigen Jubiläum des »Zauberbergs« und dem 150. Geburtstag Thomas Manns 1924 erschien ein Roman, der sich Zeit nahm. Und zwar so viel, dass ein einziger Kuraufenthalt auf knapp tausend Seiten gedehnt wurde – ein erzählerischer Stillstand, aus dem Geschichte hervorlugt. Einhundert Jahre später, im Jubiläumsjahr des »Zauberbergs« und zum 150. Geburtstag seines Autors, lohnt…
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„Es gibt Werke, die man in einem Zustand des Todes betrachtet.Sie sind in diesem Moment die einzig noch lebendigen.“— Marcel Proust Die Fläche und der Tod Man stelle sich das Bild vor, in der Stille des Mauritshuis: Ansicht von Delft, etwa 98 mal 117 Zentimeter, Öl auf Leinwand, entstanden um 1660/61 – ein Gemälde, das…
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Am 8. Mai 2025 wird Gary Snyder 95 Jahre alt. Der amerikanische Lyriker, Essayist und Umweltdenker gehört zu den letzten lebenden Stimmen der Beat-Generation – und zu den wenigen, deren Werk nicht nur in der Literatur, sondern im Leben selbst verankert ist. Früh wurde Snyder als Vorbild einer alternativen Lebensweise wahrgenommen. Bekannt wurde er durch…
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Inmitten der fortschreitenden Ästhetisierung des Lebens, in der das Schöne zur Kulisse des Immergleichen herabsinkt, bleibt die Kunst der Ort, an dem das Nicht-Identische aufscheint. Sie spricht nicht das Wahre aus, sondern ruft in Erinnerung, dass das Wirkliche nicht das Wahre ist. Ihre Wahrheit besteht in der Unruhe, die sie stiftet – nicht in der…
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1. Diagnose: Die hegemoniale Formation des progressiven Neoliberalismus In der Gegenwart zeichnet sich in Deutschland eine neue hegemoniale Formation ab, die unter dem Begriff des progressiven Neoliberalismus zusammengefasst werden kann. Dieser Begriff beschreibt die paradoxe Allianz zwischen neoliberaler Wirtschaftslogik und progressiven sozialen Forderungen, insbesondere in den Bereichen Geschlechtergerechtigkeit, Antirassismus und LGBTQ-Rechte. Seit den 2010er Jahren…
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I. Schattenhandel – Eine Allegorie des Verlusts Inmitten einer Epoche, deren Signatur nicht Fortschritt, sondern Regression ist – nicht bloß im politisch Fassbaren, sondern als strukturierte Rückbildung des Bewusstseins selbst –, ermüdet das Denken an der bloßen Tatsache seiner Existenz. Es reibt sich wund an einer Welt, die dem Begriff abhandengekommen ist. Dort, wo einst…
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Ein Rückblick mit Haltung: Tocotronic in der ausverkauften Kesselhalle Bremen – 10. April 2025 „Hallo Schlachthof! Hier haben wir vor 30 Jahren begonnen – und ohne euch stünden wir jetzt nicht hier.“ Ein Satz, wie er nur von Dirk von Lowtzow kommen kann: lakonisch, aufrichtig, voller Geschichte – und mit einem sanften Hauch von Pathos.…
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„Das Leben lebt nicht. […] Der Riss geht durch das Ganze hindurch, und durch den Riss fällt Licht.“ Kunst ist nicht Abbild, nicht bloße Reproduktion des Seienden, sondern Form gewordenes Leiden an ihm. Was sie der Realität entnimmt, entnimmt sie ihr nicht, um sie zu bestätigen, sondern um sie zu brechen. Ihre Wahrheit liegt nicht…