Windstriche
-

Ein Essay zum 50. Todestag Es gibt Denkerinnen, deren Werk jenseits des Alterns durch die nachträgliche Erschaffung seiner eigenen Gegenwart besticht. Hannah Arendt gehört zu ihnen. Ihre Begriffe sind keine Monumente der Überlieferung. Es sind vielmehr fragile Gebilde – fragil, weil sie sich weigern, das Kontingente ins Systematische zu überführen, weil sie dem Ereignischarakter des…
-
Zur Kritik der politischen Vernunft in der Gegenwart Vorbemerkung Dieser Essay entstand aus einer Unruhe. Während allerorts von der „Verteidigung der Demokratie“ die Rede ist, scheint mir, dass selten gefragt wird, was eigentlich verteidigt werden soll – und gegen wen. Die Gefahr kommt nicht nur von außen, von autoritären Bewegungen. Sie liegt in der Demokratie…
-
Über Moral, Inszenierung und die Auflösung des Diskurses bei Markus Lanz Es gibt Momente im bundesdeutschen Fernsehen, in denen sich die Bewusstseinsindustrie in ihrer ganzen zynischen Brillanz offenbart. Der gestrige Abend bei Markus Lanz war ein solcher Moment – ein Lehrstück darüber, wie demokratische Öffentlichkeit nicht hergestellt, sondern systematisch demontiert wird. Was als Diskussionsformat angekündigt…
-
Vorbemerkung: Eine notwendige Klärung In einem jüngst in der WELT erschienenen Beitrag fordert Sahra Wagenknecht „eine konservative oder im Ursprungssinn rechte Agenda“ für das Bündnis Sahra Wagenknecht. Ihre Begründung: Die Begriffe links und rechts seien heute bedeutungslos geworden – links stehe mittlerweile nur noch für Identitätspolitik und Genderdiskurse, die von den materiellen Interessen der arbeitenden…
-

Es gehört zu den bitteren Ironien der Geistesgeschichte, dass das Institut, das einst den Anspruch erhob, den Zusammenhang von Erkenntnis und Herrschaft freizulegen, heute selbst in jener Vernunft verstrickt ist, die es zu kritisieren vorgab. Die „Kritische Theorie“ – ursprünglich der Versuch, die Selbstzerstörung der Aufklärung in ihrer eigenen Bewegung begrifflich zu fassen – hat…
-

Es gibt Bücher, die wie stille Explosionen wirken – nicht durch das, was sie sagen, sondern durch das, was sie entziehen. Paul Valérys Monsieur Teste gehört zu diesen seltenen Texten. Er steht am Beginn der Moderne wie ein überhelles Experiment, das seine eigene Dunkelheit nicht verleugnen kann. In ihm spricht kein Mensch, sondern der Gedanke…
-

Wenn man vor Alberto Giacomettis Figuren steht, überfällt einen ein merkwürdiges Gefühl der Distanz – eine Distanz, die nicht Kälte ist, sondern Abgrund. Sie stehen da, wie eingefrorene Schatten, aus der Welt gefallen und doch durch sie hindurchgegangen, als hätten sie eine Schwelle überschritten, die wir noch vor uns haben. Kaum eine andere Kunstform des…
-
Die Kritische Theorie entstand aus der Erfahrung, dass Aufklärung in Barbarei umschlagen kann, wenn Vernunft sich in Herrschaft verwandelt. Aus der Katastrophe des europäischen Antisemitismus erwuchs der Imperativ, jede Form politischer Gewalt und Diskriminierung zu verurteilen – gleichgültig, von wem sie ausgeht. Nach Auschwitz darf keine Macht sich der Kritik entziehen, am wenigsten jene, die…
-
Das Verstummen des Denkens: Über die Kultur der Unaufmerksamkeit In einer Zeit, in der Information allgegenwärtig und Denken selten geworden ist, zeigt sich die Krise der Aufklärung in einem neuen Gewand. Was früher das Buch war – ein Ort konzentrierter Erfahrung –, ist heute vom endlosen Strom digitaler Reize überlagert. Das Bedürfnis nach Komplexität wird…
-

Vorspiel – Im Schatten des Gedachten Es gibt Gedanken, die wie Schatten sind: Sie erlöschen nicht, wenn das Licht der Zeit sich ändert. Adorno gehört zu ihnen. Sein Denken bleibt als Nachhall im Bewusstsein der Moderne, selbst dort, wo sie sich von ihm lossagt. Vielleicht war jede Theorie nach ihm schon Kommentar, jeder Versuch, sich…
-

Der Dichter im Bann der Kunst Kaum ein Dichter hat sich so sehr in die Nähe der bildenden Kunst gerückt wie Rainer Maria Rilke. Und kaum einer ist darüber so sehr in den Verdacht geraten, die Sprache selbst in eine Art musealen Raum verwandelt zu haben. Sein Pathos der Dinge, in den Neuen Gedichten zum…
-

Die Sonderausstellung „Meine Zeit. Thomas Mann und die Demokratie“ feiert anlässlich seines 150. Geburtstags den berühmtesten Sohn der Stadt Lübeck, den Literaturnobelpreisträger Thomas Mann. Sie wird vom Buddenbrookhaus verantwortet und findet, da das Stammhaus derzeit umgebaut wird, im St. Annen-Museum statt – dem ehemaligen Augustinerkloster, das schon durch seine Aura eine stille Zwiesprache mit der…
-

Zwischen Paradies und Abgrund Stehe ich nachts am Strand von Fehmarn, wenn das Meer schwarz und bodenlos geworden ist und die Brandung in rhythmischen Schlägen gegen die Küste bricht, dann scheint mir die Landschaft nicht bloß Natur, sondern ein Bild von Wahrheit. Das Leuchtfeuer von Staberhuk hebt sich wie ein Maß gegen die Dunkelheit, und…
-
In den westlichen Arbeitervierteln Bremens, wo etwa die Fassaden des „Roten Gewerkschaftsblocks“ in der Gröpelinger Heerstraße noch heute von einer unterbrochenen Hoffnung erzählen, lebte meine Großmutter Johanne Trutzenberger mit ihrer Familie. Dass der Komplex kürzlich zum hundertjährigen Jubiläum der GEWOBA in jenem Dunkelrot gestrichen wurde, das ihm den Namen gab, erscheint wie ein unwillkürliches Eingeständnis:…
-

Die Wirkung von Malerei beginnt dort, wo die Worte enden. Thomas Hartmann hat einmal gesagt, das Eigentliche zu hinterfragen sei beinahe unmöglich. Genau dieser Anspruch prägt sein Schaffen: das Unsagbare mit den Mitteln der Kunst sichtbar zu machen. Malen bedeutet für ihn Geduld, Disziplin und handwerkliche Strenge – ein tägliches Ringen, vergleichbar mit dem Pflügen…
-

Manche Orte bewahren ein Gedächtnis, das über ihre Mauern und Straßen hinausweist. Trouville gehört für mich zu jenen Landschaften, in denen sich Literatur, Geschichte und persönliche Erfahrung auf geheimnisvolle Weise überlagern. Immer wieder hat mich Prousts Spur hierhergeführt, doch zuweilen ereignet sich in dieser vertrauten Umgebung etwas, das über den literarischen Resonanzraum hinaus in die…
-

Kultur und Krieg – sie stehen nicht wie Licht und Schatten zueinander, sondern wie Zwillingsbrüder, deren Ähnlichkeit uns unheimlich wird, sobald man sie nebeneinander sieht. Jedes Gedicht, jede Sinfonie, jede Kathedrale trägt die Möglichkeit des Kanonendonners in sich; jede Verfeinerung des Geistes kann sich, kaum geboren, in eine Waffe verwandeln. Adorno wusste: Die Kultur, die…

