• Herr Teste oder die Unmöglichkeit des Geistes

    Es gibt Bücher, die wie stille Explosionen wirken – nicht durch das, was sie sagen, sondern durch das, was sie entziehen. Paul Valérys Monsieur Teste gehört zu diesen seltenen Texten. Er steht am Beginn der Moderne wie ein überhelles Experiment, das seine eigene Dunkelheit nicht verleugnen kann. In ihm spricht kein Mensch, sondern der Gedanke

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  • Das Maß des Fragilen. Giacometti und die Wahrheit der Unvollkommenheit

    Wenn man vor Alberto Giacomettis Figuren steht, überfällt einen ein merkwürdiges Gefühl der Distanz – eine Distanz, die nicht Kälte ist, sondern Abgrund. Sie stehen da, wie eingefrorene Schatten, aus der Welt gefallen und doch durch sie hindurchgegangen, als hätten sie eine Schwelle überschritten, die wir noch vor uns haben. Kaum eine andere Kunstform des

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  • Was die Bundesregierung als „Reform“ der Grundsicherung verkauft, ist in Wahrheit ein Rückfall in den Geist von Hartz IV – ein sozialpolitischer Rückschritt, der das Vertrauen in den Sozialstaat weiter zerstört. Die sogenannte „Neue Grundsicherung“ steht für Misstrauen statt Unterstützung, für Kontrolle statt Hilfe, für Strafen statt Chancen. Besonders zynisch ist dabei das Zusammenspiel von

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  • Die Kritische Theorie entstand aus der Erfahrung, dass Aufklärung in Barbarei umschlagen kann, wenn Vernunft sich in Herrschaft verwandelt. Aus der Katastrophe des europäischen Antisemitismus erwuchs der Imperativ, jede Form politischer Gewalt und Diskriminierung zu verurteilen – gleichgültig, von wem sie ausgeht. Nach Auschwitz darf keine Macht sich der Kritik entziehen, am wenigsten jene, die

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  • Das Verstummen des Denkens: Über die Kultur der Unaufmerksamkeit In einer Zeit, in der Information allgegenwärtig und Denken selten geworden ist, zeigt sich die Krise der Aufklärung in einem neuen Gewand. Was früher das Buch war – ein Ort konzentrierter Erfahrung –, ist heute vom endlosen Strom digitaler Reize überlagert. Das Bedürfnis nach Komplexität wird

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  • Vom Zweifel an der Moderne: Adorno und Lyotard

    Vorspiel – Im Schatten des Gedachten Es gibt Gedanken, die wie Schatten sind: Sie erlöschen nicht, wenn das Licht der Zeit sich ändert. Adorno gehört zu ihnen. Sein Denken bleibt als Nachhall im Bewusstsein der Moderne, selbst dort, wo sie sich von ihm lossagt. Vielleicht war jede Theorie nach ihm schon Kommentar, jeder Versuch, sich

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  • Rilke zwischen Ding und Melancholie: Poetische Schwellen der Moderne

    Der Dichter im Bann der Kunst Kaum ein Dichter hat sich so sehr in die Nähe der bildenden Kunst gerückt wie Rainer Maria Rilke. Und kaum einer ist darüber so sehr in den Verdacht geraten, die Sprache selbst in eine Art musealen Raum verwandelt zu haben. Sein Pathos der Dinge, in den Neuen Gedichten zum

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  • Die Wandlung von Thomas Mann: Vom Konservativen zum Demokrat

    Die Sonderausstellung „Meine Zeit. Thomas Mann und die Demokratie“ feiert anlässlich seines 150. Geburtstags den berühmtesten Sohn der Stadt Lübeck, den Literaturnobelpreisträger Thomas Mann. Sie wird vom Buddenbrookhaus verantwortet und findet, da das Stammhaus derzeit umgebaut wird, im St. Annen-Museum statt – dem ehemaligen Augustinerkloster, das schon durch seine Aura eine stille Zwiesprache mit der

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  • Ernst Ludwig Kirchner auf Fehmarn

    Zwischen Paradies und Abgrund Stehe ich nachts am Strand von Fehmarn, wenn das Meer schwarz und bodenlos geworden ist und die Brandung in rhythmischen Schlägen gegen die Küste bricht, dann scheint mir die Landschaft nicht bloß Natur, sondern ein Bild von Wahrheit. Das Leuchtfeuer von Staberhuk hebt sich wie ein Maß gegen die Dunkelheit, und

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  • In den westlichen Arbeitervierteln Bremens, wo etwa die Fassaden des „Roten Gewerkschaftsblocks“ in der Gröpelinger Heerstraße noch heute von einer unterbrochenen Hoffnung erzählen, lebte meine Großmutter Johanne Trutzenberger mit ihrer Familie. Dass der Komplex kürzlich zum hundertjährigen Jubiläum der GEWOBA in jenem Dunkelrot gestrichen wurde, das ihm den Namen gab, erscheint wie ein unwillkürliches Eingeständnis:

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  • Denk-Bilder. Zum Werk von Thomas Hartmann

    Die Wirkung von Malerei beginnt dort, wo die Worte enden. Thomas Hartmann hat einmal gesagt, das Eigentliche zu hinterfragen sei beinahe unmöglich. Genau dieser Anspruch prägt sein Schaffen: das Unsagbare mit den Mitteln der Kunst sichtbar zu machen. Malen bedeutet für ihn Geduld, Disziplin und handwerkliche Strenge – ein tägliches Ringen, vergleichbar mit dem Pflügen

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  • Vertrauen in demokratische Wahlen stärken durch Neuauszählung

    Sehr geehrte Mitglieder des Wahlprüfungsausschusses, als Sozialwissenschaftler mit langjährigen Erfahrungen in empirischer Sozialforschung und Statistik, möchte ich meiner tiefen Sorge Ausdruck verleihen, dass das derzeitige Verfahren zur Prüfung der Bundestagswahlergebnisse unnötig verzögert wird – mit potenziell schädlichen Folgen für das Vertrauen in unsere demokratischen Institutionen. Meine Sorge gilt dabei nicht parteipolitischen Interessen, sondern der methodischen und

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  • Stéphane Hessel: Eine Begegnung am Rand der Zeit

    Manche Orte bewahren ein Gedächtnis, das über ihre Mauern und Straßen hinausweist. Trouville gehört für mich zu jenen Landschaften, in denen sich Literatur, Geschichte und persönliche Erfahrung auf geheimnisvolle Weise überlagern. Immer wieder hat mich Prousts Spur hierhergeführt, doch zuweilen ereignet sich in dieser vertrauten Umgebung etwas, das über den literarischen Resonanzraum hinaus in die

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  • Kultur und Krieg: Adornos Dialektik im Schatten der Barbarei

    Kultur und Krieg – sie stehen nicht wie Licht und Schatten zueinander, sondern wie Zwillingsbrüder, deren Ähnlichkeit uns unheimlich wird, sobald man sie nebeneinander sieht. Jedes Gedicht, jede Sinfonie, jede Kathedrale trägt die Möglichkeit des Kanonendonners in sich; jede Verfeinerung des Geistes kann sich, kaum geboren, in eine Waffe verwandeln. Adorno wusste: Die Kultur, die

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  • Kurhaus Bad Zwischenahn: Ein Denkmal vergangener Ästhetik

    Am Ufer jenes Sees, der den Namen des Meeres trägt, steht das Alte Kurhaus. Das 1874 nach den Plänen Ludwig Klingenbergs errichtete Gebäude erhebt sich wie ein stiller Zeuge einer verschwundenen Kultur – es ist kein Palast, nicht einmal ein Schloss, und doch trägt es in seinen Formen den Anspruch des Erhabenen. Es spiegelt die

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  • Eduard Mörike zum Geburtstag: Idylle und Widerstand

    Mörikes Geburtstag lädt dazu ein, inmitten der sprachlichen Leuchtkraft seiner Verse nicht allein den stillen Sänger der Natur zu feiern, sondern zugleich jenen untergründigen Widerhall zu vernehmen, den Adorno in seiner Deutung von Auf einer Wanderung hörbar machte. Was sich auf den ersten Blick als kontemplatives Bild der Harmonie von Landschaft und Stimmung darbietet, erscheint

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  • Kritik als Lebensform: Ein Nachruf auf Christa Bürger

    Ein Nachruf auf Christa Bürger Am 22. August 2025 ist Christa Bürger im Alter von neunzig Jahren gestorben. Mit ihr endet eine Epoche kritischer Literaturwissenschaft, die stets mehr war als ein universitäres Fach; sie war Teil einer umfassenden intellektuellen Bewegung, die sich der Aufklärung in ihrer dialektischen Gestalt verpflichtet wusste. Christa Bürger war eine der

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  • Für Peter Bürger

    Für Peter Bürger

    Mit dem Zerfall des avancierten Materials ist die Kunst nicht frei geworden, sondern heimatlos. Wo einst die strenge Bindung an das geschichtsphilosophisch verpflichtete Material einen Maßstab jenseits des Beliebigen versprach, zerfällt die Theorie in bloße Programmatiken. Das Kunstwerk, das nun seine Kriterien selbst setzt, trägt die Bürde der Einsamkeit: Es ist Richter und Angeklagter in

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  • Proust lesen

    Proust lesen

    Man hat oft gesagt, Proust sei schwer zu lesen. Vielleicht liegt diese Schwierigkeit gerade darin, dass er es wagt, uns beim Lesen nicht zu unterhalten, sondern zu beunruhigen – uns an jene Schwellen zu führen, an denen das Gewöhnliche seine Selbstverständlichkeit verliert. Ein Geruch, ein Sonnenreflex auf einer Mauer, eine flüchtige Geste: Alles kann sich

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  • Das Erbe der Kritik – Die Frankfurter Schule und die Marburger Antwort auf den Kapitalismus

    Einleitung Die intellektuelle Landschaft der deutschen Nachkriegszeit wurde maßgeblich von zwei Strömungen geprägt, die trotz gemeinsamer marxistischer Wurzeln und eines kritischen Gesellschaftsverständnisses distinkte Pfade in Analyse und politischer Praxis beschritten: die Kritische Theorie der Frankfurter Schule und die Marburger Schule um Wolfgang Abendroth. Während die Frankfurter Schule eine umfassende Kultur- und Gesellschaftskritik entwickelte, die auf

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