Einleitung
Die intellektuelle Landschaft der deutschen Nachkriegszeit wurde maßgeblich von zwei Strömungen geprägt, die trotz gemeinsamer marxistischer Wurzeln und eines kritischen Gesellschaftsverständnisses distinkte Pfade in Analyse und politischer Praxis beschritten: die Kritische Theorie der Frankfurter Schule und die Marburger Schule um Wolfgang Abendroth. Während die Frankfurter Schule eine umfassende Kultur- und Gesellschaftskritik entwickelte, die auf die Pathologien der Aufklärung und die Manipulationsmechanismen moderner Gesellschaften zielte, fokussierte sich die Marburger Schule auf die Analyse des Staats, der Klassenverhältnisse und der politischen Praxis der Arbeiterbewegung, oft mit einem dezidiert historisch-materialistischen Zugriff. Dieser Text beleuchtet ihre jeweiligen philosophischen Grundlagen, inhaltlichen Schwerpunkte, kulturellen und politischen Dimensionen sowie ihre anhaltende Relevanz für die zeitgenössische Gesellschafts- und Politikanalyse.
Historischer und intellektueller Hintergrund
Die Entstehung und Ausformung der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule und der Marburger Schule um Wolfgang Abendroth sind untrennbar mit den tiefgreifenden historischen und politischen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts verbunden. Obwohl sie aus unterschiedlichen Zeitabschnitten und mit spezifischen Erfahrungshorizonten hervorgegangen sind, teilen sie den Anspruch, die gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer Zeit grundlegend zu analysieren und einer radikalen, emanzipatorischen Kritik zu unterziehen. Ihre jeweiligen intellektuellen Profile lassen sich nur vor dem Hintergrund der prägenden Ereignisse ihrer Entstehungsgeschichte vollständig begreifen.
Entstehung der Frankfurter Schule und der Kritischen Theorie
(1920er–1960er Jahre)
Die Wurzeln der Frankfurter Schule reichen zurück in die intellektuell hochdynamische, aber politisch fragile Weimarer Republik. Im Jahr 1924 wurde das Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main gegründet, eine Einrichtung, die sich von Beginn an von etablierten universitären Strukturen abgrenzte. Finanziert durch den wohlhabenden Mäzen Felix Weil, sollte das Institut eine unabhängige Forschungsstätte für Marxismus und kritische Gesellschaftsanalyse sein. Die Frühphase war geprägt von der Suche nach einer nicht-dogmatischen, interdisziplinären Erforschung von Gesellschaft und Geschichte, die sowohl ökonomische wie auch kulturelle und psychologische Dimensionen umfassen sollte. Man wollte die Entwicklung des Kapitalismus nach dem Scheitern der Weltrevolution verstehen und dabei auch Aspekte wie das Erstarken des Faschismus und die Psychologie der Massen einbeziehen.
Die entscheidende Wende zur eigentlichen Kritischen Theorie vollzog sich unter Max Horkheimer, der 1931 die Leitung des Instituts übernahm. Horkheimer formulierte das Programm der „Kritischen Theorie“ als dezidierten Gegenentwurf zur traditionellen, positivistischen Wissenschaft. Letztere, so die Kritik, verharre in einer bloßen Bestandsaufnahme und Systematisierung des Bestehenden, ohne dessen Widersprüche aufzudecken oder auf dessen Veränderung abzuzielen. Die Kritische Theorie hingegen sollte die gesellschaftlichen Bedingungen der Möglichkeit und Unmöglichkeit menschlicher Emanzipation offenlegen und somit auf eine grundlegende Transformation der Gesellschaft abzielen. Sie verstand sich als eine kritische Selbstreflexion der Gesellschaft über ihre eigene Entstehungsgeschichte und ihre Pathologien.
Nach der Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur im Jahr 1933 wurde das Institut in Frankfurt geschlossen und seine führenden Vertreter, fast ausnahmslos jüdischer Herkunft und linksliberaler bis marxistischer Gesinnung, sahen sich zur Emigration gezwungen. Diese erzwungene Verlegung des Instituts – zunächst über Genf nach Paris und schließlich in die Vereinigten Staaten, wo es von 1934 bis 1950 an die Columbia University in New York angegliedert war – war für die intellektuelle Entwicklung der Kritischen Theorie von fundamentaler Bedeutung. Die unmittelbare Erfahrung des Faschismus in Europa, die Konfrontation mit dem Stalinismus in der Sowjetunion und die Auseinandersetzung mit der amerikanischen Massenkultur führten zu einer tiefgreifenden Revision vieler anfänglicher marxistischer Annahmen. Theoretiker wie Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse, Erich Fromm, der Ökonom Friedrich Pollock und der Literaturwissenschaftler Leo Löwenthal entwickelten in dieser Zeit ihre wegweisenden Arbeiten. Sie setzten sich intensiv mit der Dialektik der Aufklärung auseinander, die die Schattenseiten des Fortschritts und die Tendenz der Vernunft zur bloßen instrumentellen Rationalität und zur Beherrschung aufzeigte. Zudem analysierten sie die Entstehung totalitärer Herrschaftsformen und die subtilen Mechanismen der Kulturindustrie, die das Bewusstsein der Massen manipuliert. Die „Zeitschrift für Sozialforschung“ avancierte in dieser Exilphase zum wichtigsten Publikationsorgan, in dem zentrale Texte der Kritischen Theorie – oft interdisziplinär und unter Einbeziehung von Philosophie, Soziologie, Psychologie und Ästhetik – veröffentlicht wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrten Horkheimer und Adorno nach Deutschland zurück und bauten das Institut in Frankfurt wieder auf, wodurch die Kritische Theorie auch in der jungen Bundesrepublik maßgeblichen Einfluss gewann, insbesondere auf die Studentenbewegung der 1960er Jahre.
Entstehung der Marburger Schule/Abendroth-Schule im Kontext der Nachkriegszeit und linker Arbeiterbewegung
Die Marburger Schule, im Speziellen die Abendroth-Schule, entstand unter deutlich anderen historischen und politischen Prämissen und zu einem späteren Zeitpunkt als die formative Phase der Kritischen Theorie. Ihr Fokus lag nicht primär auf der umfassenden Analyse der Ursprünge des Faschismus oder der Kulturindustrie, sondern dezidiert auf der Konstitution und den strukturellen Widersprüchen der Bundesrepublik Deutschland sowie den spezifischen Perspektiven einer linken Politik in einem durch den Kalten Krieg geteilten Deutschland. Ihr intellektueller Mittelpunkt war Wolfgang Abendroth, der 1950 den Lehrstuhl für Politikwissenschaft an der Universität Marburg antrat und diesen bis zu seiner Emeritierung 1972 innehatte.
Abendroth, selbst eine außerordentlich prägende Figur des sozialistischen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus (u.a. mehrjährige Haft im Zuchthaus und Konzentrationslager) und in der unmittelbaren Nachkriegszeit politisch aktiv (u.a. als KPD-Mitglied und später als einflussreicher Denker innerhalb der SPD-Linken), brachte seine tiefgreifende Kenntnis der deutschen und europäischen Arbeiterbewegung, des Marxismus sowie des Staats- und Verfassungsrechts in seine Lehre und Forschung ein. Die Abendroth-Schule war stark geprägt von einem unvermittelten praktisch-politischen Impetus und der unbedingten Überzeugung, dass Theorie und Praxis im Sinne einer marxistischen Gesellschaftsanalyse untrennbar miteinander verbunden sein müssen, um reale gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen. Sie untersuchte die Struktur des Staates, die Verhältnisse von Kapital und Arbeit in der jungen Bundesrepublik – oft im historischen Vergleich zu früheren Epochen des Kapitalismus – und arbeitete die historischen Traditionslinien von Widerstand, Revolution und Klassenkampf im deutschen Kontext auf.
Zu den prägenden Köpfen neben Abendroth selbst zählten seine Schüler und Kollegen wie Werner Hofmann, der sich intensiv mit der Geschichte der Arbeiterbewegung und der Gewerkschaftsforschung befasste, sowie der Soziologe Heinz Maus, der maßgeblich zur soziologischen Fundierung der kritischen Gesellschaftsanalyse in Marburg beitrug und eine enge Zusammenarbeit mit Abendroth pflegte. Weitere wichtige Vertreter, die Abendroths Ansatz weiterentwickelten und prägten, waren Frank Deppe, der sich intensiv mit der Rolle der Gewerkschaften, des Imperialismus und der internationalen Politik aus marxistischer Perspektive befasste und ebenfalls Professor in Marburg wurde; Georg Fülberth, ein prominenter Kritiker des Kapitalismus und Spezialist für ökonomische und politische Krisentheorie; und Lothar Peter, dessen Arbeiten sich auf die Industrie- und Betriebssoziologie sowie die politische Ökonomie konzentrierten. Im Gegensatz zur eher skeptischen Haltung der Frankfurter Schule gegenüber direkter politischer Praxis, sah die Marburger Schule ihre Aufgabe explizit in der politischen Bildung und der Stärkung der Arbeiterbewegung. Sie analysierte die parlamentarische Demokratie der BRD kritisch als „Spätkapitalismus“ und thematisierte die Notwendigkeit von außerparlamentarischen Bewegungen und Gewerkschaften für die Durchsetzung emanzipatorischer Ziele. Die Schüler und Mitarbeiter Abendroths, darunter viele spätere namhafte Politikwissenschaftler und Soziologen, verbreiteten diese Perspektive und trugen maßgeblich zur Etablierung einer kritisch-marxistischen Politikwissenschaft in Deutschland bei.
Philosophische und theoretische Grundlagen
Die Kritische Theorie der Frankfurter Schule und die Marburger Schule um Wolfgang Abendroth schöpfen beide aus dem reichen Reservoir kritischer Gesellschaftstheorie, doch ihre philosophischen und theoretischen Grundlagen sind distinkt. Während die Frankfurter Schule eine breitere Palette intellektueller Einflüsse integrierte, um eine umfassende Kultur- und Gesellschaftskritik zu entwickeln, legte die Marburger Schule den Schwerpunkt auf eine spezifische Auslegung des Marxismus mit starkem Praxisbezug.
Frankfurter Schule: Hegelianismus, Marxismus, Psychoanalyse und Kulturtheorie
Die philosophischen Grundlagen der Kritischen Theorie sind vielschichtig und eklektisch, was ihre Fähigkeit zur umfassenden Gesellschaftsdiagnose ausmacht. Im Zentrum steht eine originelle Lesart des Marxismus, die sich kritisch vom orthodoxen Dogmatismus des real existierenden Sozialismus distanzierte. Für die Frankfurter Denker, insbesondere Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, ging es nicht um eine bloße ökonomische Analyse im Sinne einer vulgärmarxistischen Basis-Überbau-Theorie, sondern um die Freilegung der verdinglichten Verhältnisse im Kapitalismus. Diese Verdinglichung manifestiert sich nicht nur in der Produktionssphäre und den Arbeitsbeziehungen, sondern durchdringt auch die Bewusstseinsformen, die Kultur und selbst die Psyche der Individuen. Sie nahmen Marx‘ Analyse des Warenfetischismus und der Entfremdung auf, um die Totalität der bürgerlichen Gesellschaft zu erfassen, in der die menschliche Subjektivität zunehmend von objektivierten, versachlichten Strukturen beherrscht wird, die sie selbst geschaffen hat. Ihr Marxismus war somit stark von humanistischen und philosophischen Fragen durchdrungen, die die Entfremdung des Menschen von sich selbst, seiner Arbeit und seinen Mitmenschen in den Vordergrund rückten. Die Kritische Theorie versuchte, die Gründe für das Ausbleiben der Revolution und die Integration der Arbeiterklasse im Westen zu verstehen, anstatt sie einfach nur zu proklamieren.
Eng verbunden mit dieser Marx-Rezeption ist der transformative Einfluss des Hegelianismus. Die Frankfurter Schule rezipierte Hegels Dialektik nicht als harmonische Versöhnung von Gegensätzen in einer höheren Synthese, sondern als negative Dialektik. Dies ist besonders bei Adorno prominent. Für ihn bedeutet die negative Dialektik, dass Widersprüche nicht aufgelöst oder überwunden werden können, sondern als unversöhnlich festgehalten werden müssen. Sie dient als Methode, die Nichtidentität von Begriff und Sache, von Subjekt und Objekt aufzuzeigen und die Illusion einer vollständig rationalen und widerspruchsfreien Welt zu zerstören. Diese Herangehensweise ermöglichte eine radikale Kritik, die über die bloße Phänomenologie hinausgeht und die verborgenen Herrschaftsstrukturen aufdeckt, die sich in scheinbar rationalen Systemen verbergen. Die Aufklärung selbst, einst das Versprechen von Emanzipation und Freiheit, tendiert in dieser kritischen Lesart, wie sie in der Dialektik der Aufklärung von Horkheimer und Adorno dargelegt wird, zur instrumentellen Vernunft. Diese verengte Form der Rationalität, die alles der Zweck-Mittel-Kalkulation unterwirft, schlägt schließlich in eine neue Form der Barbarei und Beherrschung um, da sie die Natur und den Menschen gleichermaßen objektiviert und ausbeutet.
Ein weiterer fundamentaler Pfeiler ist die Psychoanalyse, insbesondere Freuds Theorie, die eine entscheidende Rolle für das Verständnis der tiefenpsychologischen Dimensionen gesellschaftlicher Unterdrückung spielte. Theoretiker wie Erich Fromm (Autorität und Familie, Furcht vor der Freiheit), Herbert Marcuse und später auch Adorno und Horkheimer integrierten psychoanalytische Konzepte, um die psychischen Dimensionen von Herrschaft und Anpassung zu verstehen. Sie fragten, wie äußere Zwänge und gesellschaftliche Anforderungen internalisiert werden und sich in der psychischen Struktur des Individuums als „Sekundärtriebe“ oder durch die Formierung des Über-Ichs festsetzen. Marcuses bahnbrechendes Werk Eros und Zivilisation (1955) beispielsweise untersuchte die Repression der Triebe und das Leistungsprinzip in der kapitalistischen Gesellschaft, wobei er eine Freudsche Metapsychologie nutzte, um die Möglichkeit einer nicht-repressiven Zivilisation jenseits des herrschenden Realitätsprinzips zu erdenken. Er argumentierte, dass die gesellschaftliche Rationalität des Kapitalismus die menschlichen Triebe in spezifische, „surplus-repressive“ Bahnen lenkt, die der Reproduktion des Systems dienen, und dass die Befreiung des Subjekts auch eine Befreiung der Triebe und der ästhetischen Dimensionen des Daseins bedeuten würde. Adorno wiederum nutzte Freuds Konzepte wie die Identifikation mit dem Aggressor und die Untersuchung der Autoritären Persönlichkeit (in der gemeinsam mit anderen Forschern erstellten Studie The Authoritarian Personality, 1950), um die psychologischen Dispositionen für die Akzeptanz totalitärer Regime und autoritärer Strukturen im Alltag zu analysieren. Die Psychoanalyse bot der Kritischen Theorie ein unersetzliches Instrumentarium, um die affektiven und libidinösen Bindungen an Autorität, die Mechanismen der Regression und die Ausbildung von Charakterstrukturen zu analysieren, die zur Stabilisierung unerträglicher gesellschaftlicher Verhältnisse beitragen.
Schließlich bildet die Kulturtheorie einen eigenständigen, aber alle vorgenannten Aspekte durchdringenden Bereich und ist ein Alleinstellungsmerkmal der Frankfurter Schule. Kultur wird hier nicht als autonomes Reich des Schönen oder als bloßer Überbau betrachtet, sondern als integraler Bestandteil der gesellschaftlichen Totalität, in dem sich Herrschaft ebenso ausdrückt wie Momente des Widerstands. Die kritische Analyse von Kunst, Musik, Film und Populärkultur zielte darauf ab, deren Rolle in der Reproduktion von Ideologie und der Formierung des Subjekts zu entschlüsseln. Das Konzept der „Kulturindustrie“ (Horkheimer/Adorno in der Dialektik der Aufklärung) diagnostizierte die Umwandlung kultureller Güter in standardisierte Waren, die dem Zweck der Profitmaximierung und der Anpassung der Konsumenten dienen. Kunst verliert dabei ihre kritische, subversive Kraft und wird zum bloßen Unterhaltungsprodukt. Adornos Philosophie der neuen Musik oder seine detailreichen Analysen der Jazzmusik sind hier exemplarisch für eine Kulturkritik, die das Scheitern des emanzipatorischen Potentials in der Moderne aufzeigt. Die Kulturtheorie der Frankfurter Schule ist somit untrennbar mit ihrer Gesellschaftskritik verbunden und fragt nach den Möglichkeiten von ästhetischer Erfahrung und authentischer Kunst jenseits von Kommodifizierung und Manipulation.
Marburger Schule: Marxismus, Praxisorientierung und Arbeiterbewegung
Die Marburger Schule um Wolfgang Abendroth basierte auf einer dezidiert marxistischen Grundlage, die sich jedoch deutlich von den kulturkritischen Akzenten der Frankfurter Schule unterschied. Ihr Ansatz war primär auf die materialistische Analyse von Staat und Gesellschaft ausgerichtet und zielte auf eine direkte Verbindung von Theorie und Praxis.
Der Marxismus bildete das unbestrittene und zentrale Fundament der Marburger Schule. Abendroth und seine Schüler vertraten eine Lesart des Marxismus, die sich streng an der Kritik der politischen Ökonomie orientierte und die Bedeutung der Klassenkämpfe sowie der historischen Materialität für die gesellschaftliche Entwicklung betonte. Im Gegensatz zur Frankfurter Schule, die den Marxismus unter dem Eindruck des Scheiterns revolutionärer Bewegungen und des Aufstiegs totalitärer Systeme und der scheinbaren Integration der Arbeiterklasse in den westlichen Kapitalismus einer tiefgreifenden Revision unterzog und dessen ökonomische Kategorien mit psychologischen und philosophischen Dimensionen überlagerte, hielt die Marburger Schule stärker an der unmittelbaren Relevanz von ökonomischen Grundkategorien (Kapital, Arbeit, Mehrwert, Ausbeutung) und der strukturellen Analyse des Klassencharakters des Staates fest. Ihr Marxismusverständnis war gleichermaßen von einer kritischen Distanz zum dogmatischen sowjetischen Staatsmarxismus als auch zu den als revisionistisch empfundenen Strömungen innerhalb der westlichen Sozialdemokratie geprägt. Sie suchten nach einem Marxismus ohne Leninismus und ohne Revisionismus, der sich auf eine präzise empirisch-historische und sozioökonomische Analyse der Verhältnisse des Spätkapitalismus konzentrierte. Konzepte wie der „organisierte Kapitalismus“ oder der „Staatsmonopolistischer Kapitalismus“ (STAMOKAP) spielten eine zentrale Rolle in ihrer Analyse der zunehmenden Verflechtung von Staat und Ökonomie und der Funktion des Staates als „ideeller Gesamtkapitalist“. Die Arbeiterklasse wurde in diesem Verständnis nicht als bloßes Objekt der Geschichte, sondern als potentielles revolutionäres Subjekt der Veränderung verstanden, dessen politische und ökonomische Organisation (insbesondere Gewerkschaften und eine starke, ideologisch fundierte Partei) von zentraler Bedeutung für die Überwindung des Kapitalismus war.
Ein zentrales Charakteristikum war die unbedingte Praxisorientierung. Diese manifestierte sich in einer starken Betonung der berühmten 11. Feuerbach-These von Marx („Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“). Für die Marburger Schule war Theorie kein Selbstzweck, sondern ein unverzichtbares Instrument zur Analyse gesellschaftlicher Widersprüche, um daraus konkrete Handlungsoptionen und Strategien für emanzipatorische Bewegungen aufzuzeigen. Dies führte zu einer intensiven Auseinandersetzung mit den realen Bedingungen und Organisationsformen der Arbeiterbewegung, den Gewerkschaften und den politischen Parteien.
Die Marburger Schule verstand sich explizit als Teil der politischen Bildung und Aufklärung innerhalb der Arbeiterbewegung und breiterer linker Kreise. Ihre Forschung galt der konkreten Analyse der politischen Ökonomie der Bundesrepublik, der Geschichte des Staates und des Rechts aus marxistischer Perspektive sowie der Aufarbeitung der Widerstandstraditionen innerhalb der deutschen Geschichte (z.B. die Bauernkriege, die Revolution von 1848, die Arbeiterbewegung des Kaiserreichs und der Weimarer Republik). Die Frage nach den Möglichkeiten und Notwendigkeiten von politischem Engagement, kollektiver Organisierung und der Schaffung einer Gegenhegemonie war dabei stets präsent. Das Konzept der „systemkonformen Opposition“ wurde kritisch hinterfragt, und stattdessen wurden Potenziale für eine grundlegende Systemveränderung in den Fokus gerückt, die durch die autonome Aktion der arbeitenden Klasse und anderer unterdrückter Gruppen erreicht werden könnten. Die Auseinandersetzung mit der Verfassung der Bundesrepublik geschah stets aus der Perspektive ihrer Klasseninteressen und ihrer Funktion im spätkapitalistischen System, wobei der Fokus auf der Rolle des Grundgesetzes bei der Stabilisierung kapitalistischer Herrschaft und den Möglichkeiten zur Erstreitung bürgerlicher Freiheiten und sozialer Rechte lag.
Theoretische Vertiefung: Textanalyse zentraler Werke
Die fundamentalen theoretischen und methodischen Differenzen zwischen der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule und der Marburger Schule um Wolfgang Abendroth lassen sich besonders prägnant anhand einer vergleichenden Analyse ihrer jeweiligen Hauptwerke verdeutlichen. Die Gegenüberstellung von Theodor W. Adornos „Negative Dialektik“ (1966) und Wolfgang Abendroths „Antagonistische Gesellschaft und politische Demokratie“ (1967) offenbart nicht nur die unterschiedlichen philosophischen Ausgangspunkte, sondern auch die daraus resultierenden politischen Konsequenzen beider Denktraditionen.
Adornos „Negative Dialektik“: Das Verharren im Widerspruch
Theodor W. Adornos 1966 erschienene „Negative Dialektik“ stellt den wohl radikalsten Versuch dar, eine Philosophie zu entwickeln, die sich jeder affirmativen Bestimmung des Ganzen verweigert. Das Werk ist sowohl Kulmination als auch systematische Durchführung der kritischen Impulse, die bereits in der „Dialektik der Aufklärung“ angelegt waren, und manifestiert zugleich Adornos grundsätzliche Skepsis gegenüber jeder Form positiver Utopie oder direkter politischer Handlungsanweisung.
Die zentrale These des Werkes findet sich in Adornos Definition der Dialektik selbst: „Dialektik ist der konsequente Sinn von Nichtidentität. Sie weist nicht auf ein Einswerden zu, sondern ist Widerspruch zwischen der traditionellen Logik und ihrem kritischen Bewußtsein von sich selbst.“ Diese Formulierung markiert einen radikalen Bruch mit der hegelschen Dialektik, die in der Synthese von These und Antithese eine höhere Wahrheit zu erreichen suchte. Für Adorno hingegen ist gerade das Festhalten an der Nichtidentität, an dem Unversöhnten und Widersprüchlichen, der Kern des kritischen Verfahrens. Die negative Dialektik verweigert sich der harmonisierenden Tendenz des Systems und beharrt darauf, dass Subjekt und Objekt, Begriff und Sache, Ideal und Realität niemals zur Deckung gebracht werden können, ohne dass dabei die Wahrheit des Objekts und die Besonderheit des Subjekts gewaltsam unterdrückt würden.
Diese erkenntnistheoretische Position mündet in die berühmte, oft missverstandene Formulierung: „Das Ganze ist das Unwahre.“ Mit diesem paradoxen Satz wendet sich Adorno gegen jede Totalitätsbehauptung, die vorgibt, die Gesellschaft als geschlossenes, rationales System begreifen zu können. Die spätkapitalistische Gesellschaft erscheint ihm als ein falsches Ganzes, das seine Widersprüche und Antagonismen durch scheinbare Rationalität und administrative Effizienz zu kaschieren sucht. Eine positive Bestimmung des Richtigen, des Wahren oder des Gerechten ist unter diesen Bedingungen unmöglich, da jeder Versuch einer solchen Bestimmung unweigerlich von der Logik des falschen Ganzen kontaminiert würde. Was bleibt, ist allein die schonungslose Kritik des Falschen, die Aufdeckung der Widersprüche und das Festhalten an dem, was sich der Integration in das System verweigert.
Die politischen Implikationen dieser Position sind weitreichend und kontrovers. Adorno formuliert sie in seinem berühmten Diktum: „Praxis ist vertagt, bis der objektive Zustand ihrer Verstümmelung ein Ende fände.“ Diese Aussage, die oft als Rechtfertigung für politische Passivität oder elitäre Weltflucht kritisiert wurde, ist jedoch Ausdruck einer tieferen theoretischen Überzeugung. Für Adorno ist die gegenwärtige Gesellschaft so total organisiert und manipulativ, dass jede direkte politische Aktion Gefahr läuft, vom System absorbiert und zur Stabilisierung der bestehenden Verhältnisse instrumentalisiert zu werden. Die „verwaltete Welt“ verfügt über Mechanismen der Integration, die selbst den scheinbar radikalsten Widerstand neutralisieren und in Waren verwandeln können. Unter diesen Bedingungen kann authentische Praxis nur als theoretische Kritik stattfinden, die das Bewusstsein für die Pathologien des Systems schärft und das Potential für eine andere, noch nicht verwirklichte Möglichkeit am Leben erhält, ohne diese positiv zu bestimmen oder strategisch zu operationalisieren.
Abendroths „Antagonistische Gesellschaft und politische Demokratie“: Die Einheit von Theorie und Praxis
Wolfgang Abendroths 1967 erschienenes Werk „Antagonistische Gesellschaft und politische Demokratie“ steht in diametralem Gegensatz zu Adornos negativer Dialektik und formuliert ein Programm marxistischer Gesellschaftsanalyse, das explizit auf die praktische Transformation der gesellschaftlichen Verhältnisse abzielt. Das Werk, das aus Abendroths langjähriger Lehr- und Forschungstätigkeit an der Universität Marburg hervorgegangen ist, versteht sich als theoretische Grundlegung für eine erneuerte sozialistische Politik in der Bundesrepublik Deutschland.
Abendroths zentrale These lautet: „Die antagonistische Gesellschaft kann durch bewußte politische Aktion der Arbeiterklasse und ihrer Verbündeten in eine klassenlose Gesellschaft transformiert werden.“ Diese Formulierung offenbart mehrere fundamentale Unterschiede zu Adornos Ansatz. Erstens geht Abendroth von der prinzipiellen Erkennbarkeit gesellschaftlicher Gesetzmäßigkeiten aus, die eine rationale Analyse der Klassenverhältnisse und ihrer Entwicklungstendenzen ermöglicht. Zweitens identifiziert er konkrete gesellschaftliche Akteure – die Arbeiterklasse und ihre Verbündeten – als Träger des gesellschaftlichen Wandels. Drittens beharrt er auf der Möglichkeit bewusster politischer Intervention, die nicht durch die Totalität der Herrschaft blockiert ist, sondern in den Widersprüchen des Systems selbst ihre Ansatzpunkte findet.
Methodisch konkretisiert sich diese Position in Abendroths Analyse der „Doppelfunktion des bürgerlichen Staates“. Der Staat erscheint hier nicht als monolithisches Herrschaftsinstrument, sondern als widersprüchliche Institution, die gleichzeitig Klassenstaat und Terrain des Klassenkampfes ist. Einerseits dient der bürgerliche Staat der Absicherung kapitalistischer Eigentumsverhältnisse und der Reproduktion der Klassenherrschaft. Andererseits ist er durch demokratische Verfassungsnormen, soziale Grundrechte und die Möglichkeit politischer Partizipation auch ein Feld, auf dem die Arbeiterklasse ihre Interessen artikulieren und durchsetzen kann. Diese dialektische Staatskonzeption ermöglicht es, sowohl die strukturellen Grenzen der bürgerlichen Demokratie zu analysieren als auch konkrete Strategien für ihre Überschreitung zu entwickeln. Der Staat wird weder als neutrales Instrument noch als bloßes Repressionsorgan verstanden, sondern als umkämpftes Terrain, dessen Charakter vom Kräfteverhältnis der Klassen abhängt.
Die politische Implikation dieser theoretischen Position bringt Abendroth in dem Satz zum Ausdruck: „Ohne Theorie keine revolutionäre Praxis, aber Theorie ohne Praxis wird zu bloßem Akademismus.“ Hier formuliert er explizit seine Kritik an einer Wissenschaft, die sich auf kontemplative Analyse beschränkt und den Bezug zur gesellschaftlichen Transformation aufgibt. Für Abendroth ist Theorie nur dann kritisch und emanzipatorisch, wenn sie zur Klärung der Bedingungen und Möglichkeiten praktischer Veränderung beiträgt. Umgekehrt bleibt politische Praxis ohne theoretische Fundierung blind für die strukturellen Ursachen gesellschaftlicher Probleme und verfängt sich in oberflächlichen Reformen oder spontanen Aktionen, die das System eher stabilisieren als transformieren.
Die fundamentale Kontroverse: Erkenntnistheorie und Politik
Die Gegenüberstellung dieser beiden paradigmatischen Texte offenbart eine fundamentale Kontroverse, die über die spezifischen Positionen von Adorno und Abendroth hinausweist und grundsätzliche Fragen kritischer Gesellschaftstheorie berührt.
Erkenntnistheoretisch markieren beide Ansätze unvereinbare Positionen zur Möglichkeit objektiver gesellschaftlicher Erkenntnis. Für Adorno ist Wahrheit nur als Negation des Falschen zugänglich, niemals als positive Bestimmung gesellschaftlicher Gesetzmäßigkeiten oder utopischer Ziele. Die negative Dialektik verweigert sich jedem Anspruch auf Totalitätserkenntnis und beharrt auf der Partikularität der Erfahrung, der Nichtidentität von Begriff und Sache. Jeder Versuch, die Gesellschaft als Ganzes zu begreifen oder ihre Entwicklungsrichtung zu bestimmen, ist für Adorno bereits Ausdruck der instrumentellen Vernunft, die das Besondere unter das Allgemeine subsumiert und dadurch gewaltsam vereinheitlicht.
Abendroth hingegen vertritt die Position einer möglichen objektiven Erkenntnis der gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten, die auf der marxistischen Analyse der politischen Ökonomie und der historischen Materialismus basiert. Die Entwicklung der Produktivkräfte, die Verschärfung der Klassengegensätze, die Krisen des Kapitalismus folgen erkennbaren Gesetzmäßigkeiten, die eine wissenschaftliche Prognose gesellschaftlicher Entwicklungen ermöglichen. Diese Erkenntnis ist zwar durch Klasseninteressen vermittelt und parteilich, aber deshalb nicht weniger objektiv. Im Gegenteil: nur die Perspektive der unterdrückten Klasse ermöglicht eine unverzerrte Erkenntnis der gesellschaftlichen Totalität, weil sie nicht durch herrschende Ideologien verblendet ist.
Politisch führen diese erkenntnistheoretischen Differenzen zu völlig unterschiedlichen Konsequenzen für das Verhältnis von Theorie und Praxis. Adornos Position, dass Praxis unter den Bedingungen der „verwalteten Welt“ unweigerlich affirmativ wird, impliziert eine fundamentale Skepsis gegenüber allen Formen direkter politischer Intervention. Die totale Gesellschaft verfügt über so wirksame Integrationsmechanismen, dass selbst der radikalste Widerstand vom System absorbiert und zur Legitimation der bestehenden Verhältnisse funktionalisiert werden kann. Was als Kritik beginnt, endet als Ware; was als Protest auftritt, wird zum Spektakel. Unter diesen Bedingungen besteht die einzige Form authentischer Kritik in der theoretischen Reflexion, die das Bewusstsein für die Pathologien des Systems schärft, ohne selbst zum Gegenstand der Manipulation zu werden.
Für Abendroth hingegen ist Praxis als notwendiger Bestandteil der Erkenntnis und Transformation unverzichtbar. Die materialistische Analyse der Gesellschaft zeigt nicht nur die Widersprüche des Systems auf, sondern identifiziert auch die gesellschaftlichen Kräfte und politischen Strategien, die zu seiner Überwindung führen können. Die Arbeiterklasse ist nicht bloßes Objekt der Manipulation, sondern potentielles Subjekt der Geschichte, das durch politische Organisierung und Bildung zur Ergreifung der Initiative befähigt werden kann. Der bürgerliche Staat bietet, trotz seiner Klassenfunktion, Räume für die Artikulation von Gegenmacht und die Durchsetzung emanzipatorischer Forderungen. Die dialektische Spannung zwischen Reform und Revolution, zwischen parlamentarischer und außerparlamentarischer Politik, zwischen gewerkschaftlicher und politischer Organisierung eröffnet konkrete Handlungsmöglichkeiten, die genutzt werden müssen.
Diese Kontroverse zwischen Adorno und Abendroth spiegelt letztlich eine grundsätzliche Spannung innerhalb der kritischen Gesellschaftstheorie wider: Wie ist unter den Bedingungen hochentwickelter kapitalistischer Gesellschaften eine authentische Kritik möglich, die weder in bloße Affirmation umschlägt noch in ohnmächtige Negation verharrt? Adornos negative Dialektik und Abendroths praxisorientierter Marxismus bieten auf diese Frage unterschiedliche, aber jeweils in sich konsistente Antworten, deren produktive Spannung bis heute die Debatten der kritischen Theorie prägt.
Inhaltliche Schwerpunkte und Kernthesen
Die unterschiedlichen philosophischen und theoretischen Fundamente der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule und der Marburger Schule um Wolfgang Abendroth münden in distinkte inhaltliche Schwerpunkte und Kernthesen. Während die Frankfurter Schule eine umfassende Kultur- und Gesellschaftskritik entwickelte, die auf die Pathologien der Aufklärung und die Manipulationsmechanismen moderner Gesellschaften zielte, fokussierte sich die Marburger Schule auf die Analyse des Staates, der Klassenverhältnisse und der politischen Praxis der Arbeiterbewegung, oft mit einem dezidiert historisch-materialistischen Zugriff.
Kritische Theorie: Ideologiekritik, Kulturindustrie, Dialektik der Aufklärung, Gesellschaftskritik, Emanzipation
Die inhaltlichen Schwerpunkte der Kritischen Theorie sind eng mit ihrer theoretischen Ausrichtung verbunden und zielen darauf ab, die Totalität der modernen Gesellschaft in ihren vielfältigen Erscheinungsformen zu erfassen und kritisch zu durchdringen. Ihr Erkenntnisinteresse richtete sich auf die Ursachen für das Scheitern von Emanzipationsprozessen und die Persistenz von Herrschaft, selbst in vermeintlich aufgeklärten Gesellschaften.
Ein zentrales Anliegen der Frankfurter Schule war die Ideologiekritik, die über die traditionelle marxistische Analyse des „falschen Bewusstsehens“ hinausging. Sie verstand Ideologie nicht nur als eine bloße Verzerrung der Realität, sondern als ein tief in die gesellschaftliche Struktur und das individuelle Bewusstsein eingewobenes System von Vorstellungen, Werten und Normen, das die herrschenden Verhältnisse nicht nur verschleiert, sondern aktiv reproduziert und stabilisiert. Horkheimer und Adorno zeigten auf, wie Ideologien tief in die Lebenswelt und das Denken der Individuen eindringen und selbst die scheinbar privaten Bereiche des Daseins durchdringen. Ihre Kritik richtete sich gegen die Rationalisierungszwänge der Moderne, die oft als objektiv und alternativlos erscheinen, aber tatsächlich partikularen Herrschaftsinteressen dienen. Der kritische Anspruch war es, das „Falsche im Wahren“ aufzudecken und die rationalisierten Formen der Unfreiheit zu demaskieren, die sich in allen gesellschaftlichen Sphären finden.
Ein Hauptaugenmerk, das die Originalität der Frankfurter Schule ausmacht, lag auf der Analyse der Kulturindustrie. In ihrem Schlüsselwerk Dialektik der Aufklärung (1944/47) diagnostizierten Horkheimer und Adorno die radikale Umwandlung von Kultur. Sie sahen nicht mehr nur individuelle Kunstwerke oder freie Kulturproduktion, sondern eine systematisch organisierte und kommerzialisierte Industrie, die Kulturprodukte – Filme, populäre Musik, Radioformate und später das Fernsehen – nach dem Vorbild der industriellen Produktion standardisiert und vermarktet. Diese Produkte zielen nicht auf ästhetische Erfahrung oder kritische Reflexion ab, sondern auf unterhaltende Zerstreuung und die passive Konsumption. Die Kulturindustrie befördert die geistige Stagnation der Konsumenten, indem sie ihnen vorgefertigte Bedürfnisse und Verhaltensmuster liefert, die zur Anpassung an die bestehenden Verhältnisse beitragen. Sie löscht die individuelle Spontaneität und Kritikfähigkeit aus und erzeugt eine Pseudo-Individualität, die lediglich die Konformität zur Norm bekräftigt. Ihre Produkte, so die These, sind Fesseln, die die Menschen an die herrschaftlichen Verhältnisse binden und das kritische Potenzial des Subjekts systematisch untergraben.
Das Konzept der Dialektik der Aufklärung bildet die wohl radikalste und tiefgreifendste Kernthese der Frankfurter Schule. Es besagt, dass die Aufklärung, die einst zur Befreiung des Menschen von Mythen, Aberglauben und Naturzwängen antrat, in ihren eigenen Prinzipien eine inhärente Tendenz zur totalitären Beherrschung in sich trägt. Die instrumentelle Vernunft, die darauf abzielt, die Natur und den Menschen zu beherrschen, zu kategorisieren und zu kontrollieren, schlägt paradoxerweise in ihr Gegenteil um und führt zu neuen Formen der Unfreiheit, des Mythos und des Totalitarismus. Adorno und Horkheimer sahen in Phänomenen wie dem Faschismus, dem Antisemitismus und der umfassenden technologischen Kontrolle die Konsequenz dieser verkehrt zur Barbarei führenden Aufklärung. Auschwitz wurde für Adorno zum erschütternden Sinnbild dieses Scheiterns. Die moderne Welt, rational organisiert und technologisch hoch entwickelt, produziert somit nicht zwangsläufig mehr Freiheit, sondern paradoxerweise neue und effektivere Formen der Entfremdung, des Rückfalls in die Barbarei und der erneuten Mythologie, indem sie das Kritische in der Rationalität selbst pervertiert.
Diese radikalen Diagnosen mündeten in eine umfassende Gesellschaftskritik, die sich nicht auf einzelne politische oder ökonomische Missstände beschränkte, sondern die gesamte spätkapitalistische Gesellschaft als eine „verwaltete Welt“ (Adorno) verstand. In dieser Welt werden menschliche Freiheit und Autonomie durch bürokratische Strukturen, technologische Rationalität und die ubiquitäre Präsenz der Kulturindustrie zunehmend eingeschränkt und deformiert. Die Kritische Theorie enthüllte die repressive Logik, die sich hinter der Fassade bürgerlicher Freiheit, Effizienz und Rationalität verbirgt, und analysierte die Mechanismen, durch die das Subjekt objektiviert, entmündigt und in ein bloßes Objekt der Verwaltung verwandelt wird. Der Fokus lag dabei auf der Nicht-Versöhntheit von Subjekt und Objekt, Individuum und Gesellschaft, die sich in allen Sphären des Lebens widerspiegelt.
Trotz dieser oft als tief pessimistisch oder gar desillusioniert empfundenen Diagnosen, blieb das Ziel der Emanzipation stets ein impliziter, wenn auch schwer erreichbarer Horizont. Die Kritische Theorie verstand sich als eine Art Warnung und Weckruf. Durch die schonungslose Entlarvung der Herrschaftsstrukturen und Ideologien wollte sie ein Bewusstsein für die Möglichkeit einer anderen, befreiten Gesellschaft schaffen. Die „negative Dialektik“ Adornos, die das Falsche im Ganzen benennt, ohne positive Utopien oder konkrete politische Programme zu entwerfen, war selbst ein Versuch, das Bewusstsein für die Nichtidentität und die Möglichkeit des Anderen wachzuhalten, für einen Zustand, in dem Subjekt und Objekt versöhnt wären und die Vernunft nicht in Herrschaft umschlüge. Ihre Form der Kritik war somit selbst eine Form von Praxis, nämlich die der theoretischen Intervention ins bestehende Bewusstsein.
Marburger Schule: Zusammenhang von Theorie und Praxis, politisches Engagement, Arbeiterbewegung und sozialrevolutionäre Bewegungen
Die inhaltlichen Schwerpunkte der Marburger Schule sind eng an das Wirken von Wolfgang Abendroth und seinen Schülern gebunden und zeichnen sich durch einen starken Fokus auf die historisch-materialistische Analyse der Bundesrepublik und die Perspektiven linker politischer Praxis aus. Sie verstand sich als eine im Kern politikwissenschaftliche Schule, die die konkreten Bedingungen des Klassenkampfes und die Möglichkeiten seiner politisch-organisatorischen Gestaltung in den Mittelpunkt rückte.
Im Zentrum stand der untrennbare Zusammenhang von Theorie und Praxis, der sich in der von Marx formulierten 11. Feuerbach-These („Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“) verdichtet. Für die Marburger Schule war die wissenschaftliche Analyse der Gesellschaft kein Selbstzweck, kein kontemplatives Verharren in der Kritik, sondern musste stets auf ihre politische Verwertbarkeit und ihre Bedeutung für emanzipatorische Bewegungen hin überprüft werden. Theorie sollte die Bedingungen für eine effektive politische Praxis schaffen, indem sie die Funktionsweise des kapitalistischen Staates, die Mechanismen der Klassenherrschaft und die ideologischen Verschleierungen offenlegte. Dieser Fokus auf die „Einheit von Theorie und Praxis“ war nicht nur ein programmatischer Slogan, sondern prägte die gesamte Forschungsmethodik und die Auswahl der Forschungsgegenstände.
Ein weiterer zentraler inhaltlicher Schwerpunkt war das politische Engagement und die detaillierte Analyse der politischen Kultur sowie der Institutionen der Bundesrepublik. Die Marburger Schule untersuchte die historisch gewachsenen Kräfteverhältnisse in der jungen Bundesrepublik, die Rolle von Parteien (insbesondere der SPD und KPD, aber auch der CDU/CSU), Gewerkschaften und sozialen Bewegungen. Sie analysierte kritisch die Restaurationstendenzen der Nachkriegszeit, die sich im Aufbau eines westlich-kapitalistischen Staates manifestierten, und die Integration der Arbeiterbewegung in dieses System. Ihr Ziel war es, die Potenziale für eine außerparlamentarische und systemverändernde Politik zu identifizieren und zu stärken, die über die bloße Anpassung an die parlamentarischen Spielregeln hinausging. Dies führte zu detaillierten Studien über die Staats- und Verfassungsordnung der BRD aus einer marxistischen Perspektive, wobei die Verfassung (das Grundgesetz) als ein Kompromissdokument interpretiert wurde, das einerseits bürgerliche Freiheiten und soziale Rechte als Errungenschaften des Klassenkampfes enthielt, andererseits aber auch ein Instrument zur Stabilisierung des Kapitalismus darstellte.
Eng damit verbunden war die detaillierte Untersuchung der Arbeiterbewegung und anderer sozialrevolutionärer Bewegungen in Geschichte und Gegenwart. Abendroth und seine Schüler analysierten nicht nur die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, ihre Erfolge und Niederlagen (insbesondere das Scheitern in der Weimarer Republik), ihre Organisationsformen und ihre ideologischen Entwicklungen, sondern auch die Rolle der Gewerkschaften als potenzielle Akteure der Systemveränderung. Sie legten Wert auf die Wiederbelebung von Traditionslinien des Klassenkampfes und der sozialistischen Idee, die in der Nachkriegszeit oft marginalisiert wurden, und suchten nach Anknüpfungspunkten für eine erneuerte linke Politik. Ihre Forschung sollte dazu beitragen, das Klassenbewusstsein der Lohnabhängigen zu schärfen und konkrete Strategien für eine erfolgreiche emanzipatorische Politik zu entwickeln, die sich an der Überwindung des Kapitalismus orientierte. Dies umfasste auch die Kritik an der „Sozialpartnerschaft“ als Integration der Gewerkschaften in den kapitalistischen Konsens und die Forderung nach einer eigenständigen, kämpferischen Politik der Arbeiterorganisationen.
Im Gegensatz zur Frankfurter Schule, die die negative Dialektik als prinzipielle Distanz zur direkten politischen Aktion verstand und die Möglichkeiten der praktischen Veränderung angesichts der Totalität der Herrschaft skeptisch beurteilte, beharrte die Marburger Schule auf der Potenzialität des Widerstandes und der Notwendigkeit der Organisierung. Sie formulierte konkrete Analysen der Klassengesellschaft der BRD, der Funktion des Staates als Klassenstaat und der Notwendigkeit einer klaren Klassenpolitik, um soziale Gerechtigkeit und Demokratie zu verwirklichen, die über die Grenzen des bürgerlichen Rechtsstaates hinausgingen und letztlich auf die Vergesellschaftung der Produktionsmittel zielten. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte waren somit unmittelbar auf die politische Transformation ausgerichtet.
Kulturelle Dimension
Die Betrachtung der kulturellen Dimensionen offenbart eine der schärfsten Trennlinien zwischen der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule und der Marburger Schule. Während erstere eine tiefgreifende Kulturkritik entwickelte, die die gesamte Sphäre der Kultur in den Dienst der Herrschaft stellte, sah letztere in kulturellen Ausdrucksformen primär Felder der Bewusstseinsbildung und des politischen Kampfes, die es zu stärken und strategisch einzusetzen galt. Die unterschiedlichen historischen Erfahrungen und intellektuellen Prioritäten manifestieren sich hier besonders deutlich.
Frankfurter Schule: Kritik der Kulturindustrie und das Widerstandspotenzial der autonomen Kunst
Die Frankfurter Schule hat mit ihrer Analyse der Kulturindustrie einen Meilenstein der Kulturkritik des 20. Jahrhunderts gesetzt und die kulturelle Sphäre als integralen Bestandteil der modernen Herrschaftsstrukturen beleuchtet. Für Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, insbesondere in ihrem bahnbrechenden Werk Dialektik der Aufklärung (1944/47), war die Kultur nicht länger ein Bereich der Freiheit, des kritischen Denkens oder der individuellen Ausdrucksform, sondern ein umfassend rationalisierter und kommerzialisierter Sektor des Spätkapitalismus. Sie diagnostizierten die Umwandlung von Kultur in eine Massenware, die nach den Gesetzen der industriellen Produktion – Standardisierung, Serialität, Austauschbarkeit – gefertigt wird. Filme, populäre Musik, Radioformate und später das Fernsehen werden hier nicht als authentische Ausdrucksformen, sondern als Produkte einer industriell organisierten Produktion verstanden. Diese Produkte zielen nicht auf ästhetische Erfahrung oder kritische Reflexion ab, sondern auf unterhaltende Zerstreuung und die passive Konsumption. Die Kulturindustrie befördert die geistige Stagnation der Konsumenten, indem sie ihnen vorgefertigte Bedürfnisse und Verhaltensmuster liefert, die zur Anpassung an die bestehenden Verhältnisse beitragen. Sie löscht die individuelle Spontaneität und Kritikfähigkeit aus und erzeugt eine Pseudo-Individualität, die lediglich die Konformität zur Norm bekräftigt. Ihre Produkte, so die These, sind Fesseln, die die Menschen an die herrschaftlichen Verhältnisse binden und das kritische Potenzial des Subjekts systematisch untergraben.
Doch neben dieser desillusionierenden und oft als pessimistisch missverstandenen Diagnose enthielt die Kritische Theorie auch eine subtile, wenngleich oft verborgene Kunsttheorie, die das Widerstandspotenzial der autonomen Kunst betonte. Besonders Theodor W. Adornos posthum veröffentlichte Ästhetische Theorie (1970) ist hier von zentraler Bedeutung. Adorno argumentierte, dass die wahre, autonome Kunst sich gerade dadurch von der Kulturindustrie abhebt, dass sie sich deren Logik der Kommodifizierung, des schnellen Konsums und der glatten Oberfläche entzieht. Autonome Kunst, insbesondere die avancierte Moderne (z.B. Schönbergs atonale Musik oder Kafkas Prosa), ist oft schwer zugänglich, nicht unmittelbar konsumierbar, dissonant und verstörend. Sie reflektiert nicht harmonisch die Welt, sondern deren Brüche, Entfremdungen und Leiden, ohne diese aufzulösen oder zu versöhnen. Ihre Wahrheit liegt in ihrer Negativität, in ihrer Fähigkeit, das Unversöhnliche, das Nicht-Identische, die Utopie des noch Nicht-Seienden auszudrücken, die von der Gesellschaft unterdrückt wird. Indem sie sich dem affirmativen Schein der Kulturindustrie verweigert und die Wunden der Welt sichtbar macht, übt die autonome Kunst eine indirekte, aber radikale Kritik am Bestehenden aus. Sie stellt sich gegen die Verdinglichung, indem sie das Asoziale, das Unangepasste, das Unfassbare bewahrt. In diesem Sinne war Kunst für Adorno ein letzter, zerbrechlicher Ort, an dem eine nicht manipulierte Erfahrung des Subjekts und eine Ahnung von utopischer Möglichkeit bewahrt werden konnte, selbst wenn dies nur im Modus des Schmerzes, der Dissonanz oder der scheinbaren Unverständlichkeit geschah. Diese ästhetische Negativität war die letzte Bastion gegen die totale Vereinnahmung durch eine entfremdete Gesellschaft.
Marburger Schule: Kulturelle Prägung des Klassenbewusstseins und gewerkschaftliche Bildung
Die Marburger Schule um Wolfgang Abendroth hatte einen signifikant anderen Zugang zur kulturellen Dimension der Gesellschaft. Ihr Fokus lag weniger auf einer philosophisch-ästhetischen Analyse der Kulturproduktion im Sinne von Massenmedien oder Avantgarde-Kunst, sondern vielmehr auf der kulturellen Prägung des Klassenbewusstseins und der strategischen Rolle von Bildung und Kultur im politischen Kampf. Für Abendroth und seine Schüler war Kultur primär ein Feld, auf dem sich ideologische Auseinandersetzungen entfalteten und auf dem das Bewusstsein der Arbeiterklasse geformt oder deformiert wurde. Hier galt es, intervenierend einzugreifen und die kulturellen Voraussetzungen für eine emanzipatorische Praxis zu schaffen.
In diesem Kontext spielte die Analyse der Arbeiterkultur eine wichtige, jedoch oft unterschätzte Rolle. Die Marburger Schule untersuchte die historischen Formen der Selbstorganisation, der Freizeitgestaltung und der spezifischen Bildungsbemühungen innerhalb der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung. Sie erkannte, dass das Klassenbewusstsein nicht nur durch ökonomische Erfahrungen oder direkte politische Agitation entsteht, sondern auch durch die Herausbildung und Pflege spezifischer kultureller Praktiken, Werte, Symbole und Kommunikationsformen. Dies umfasste ein breites Spektrum: von Arbeitervereinen (Sportvereine, Gesangsvereine, Naturfreunde), über Bildungszirkel, Theatergruppen, Arbeiterfeste, bis hin zu einer eigenständigen Arbeiterpresse und -literatur. Diese kulturellen Ausdrucksformen dienten nicht nur der Freizeitgestaltung, sondern vor allem der Solidaritätsstiftung, der Vermittlung sozialistischer Ideen außerhalb formeller politischer Strukturen und der kollektiven Mobilisierung für politische Ziele. Sie trugen dazu bei, eine bewusste Gegenkultur zur bürgerlichen Dominanz zu etablieren, die das Gefühl der gemeinsamen Identität und des gemeinsamen Interesses der Arbeiterklasse stärkte und die herrschende Ideologie hinterfragte. Diese kulturellen Praktiken waren somit ein essenzieller Bestandteil des Klassenkampfes, der über die direkte ökonomische oder politische Auseinandersetzung hinausging.
Eng damit verbunden war die Betonung der gewerkschaftlichen und politischen Bildung als zentrales Instrument der Bewusstseinsbildung und der Befähigung zur politischen Mündigkeit. Die Marburger Schule sah in der organisierten Bildung eine entscheidende Möglichkeit, die Arbeiterklasse nicht nur über ihre gesellschaftliche Lage aufzuklären, sondern sie auch für ihre historische Rolle und ihre politischen Interessen zu sensibilisieren. Es ging darum, die komplexen Mechanismen des Kapitalismus zu erklären, die Funktionsweise des bürgerlichen Staates als Klassenstaat zu analysieren und die Notwendigkeit kollektiven Handelns für die Durchsetzung emanzipatorischer Ziele zu vermitteln. Diese Bildung war nicht primär auf die Vermittlung „hoher“ Kultur im Sinne der Frankfurter Schule oder ästhetischer Distinktion ausgerichtet, sondern auf die Politisierung und Emanzipation durch kritisches Wissen und rationale Aufklärung. Sie sollte dazu befähigen, die eigene Lage kritisch zu reflektieren, die politischen Machtverhältnisse zu durchschauen und aktiv an der Gestaltung einer sozialistischen Gesellschaft mitzuwirken. Die Kritik an der bürgerlichen Bildung zielte darauf ab, deren ideologische Funktionen als Stabilisator des Bestehenden aufzudecken und stattdessen eine Bildung zu fordern, die zur Selbstbefreiung befähigt und die Urteilsfähigkeit für politische Fragen stärkt.
Im Unterschied zur Frankfurter Schule, die die Kulturindustrie als umfassendes, nahezu undurchdringliches Herrschaftsinstrument analysierte, das kaum Auswege zuließ und die Massen in Passivität zwang, sah die Marburger Schule in der bewussten Schaffung eigener kultureller Felder und Bildungsangebote ein wichtiges Moment im Klassenkampf. Kulturelle Praxis war für sie kein Ort der reinen Verweigerung oder der utopischen Andeutung, sondern ein Terrain aktiver Auseinandersetzung um Deutungshoheit, Bewusstsein und politische Mobilisierung. Es ging darum, die kulturellen und ideologischen Voraussetzungen für eine erfolgreiche politische Aktion zu legen.
Politische Dimension und Praxisbezug
Die Kritische Theorie der Frankfurter Schule und die Marburger Schule um Wolfgang Abendroth entwickelten aufgrund ihrer diametralen historischen Erfahrungen und ihrer unterschiedlichen philosophischen Grundlagen signifikant divergierende Konzepte von Politik und Praxis. Während die Frankfurter Schule eine dezidierte kritische Distanz zu unmittelbarer politischer Intervention pflegte und die theoretische Reflexion als vorrangige Form der Kritik verstand, setzte die Marburger Schule auf die direkte Verknüpfung von wissenschaftlicher Analyse mit konkreten politischen Strategien für die Arbeiterbewegung, um eine reale gesellschaftliche Transformation voranzutreiben.
Frankfurter Schule: Negative Dialektik als kritische Reflexion und Distanzierung von konkreter Politik
Die politische Dimension der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule ist durch eine tiefe Skepsis gegenüber der Möglichkeit und der Sinnhaftigkeit direkter politischer Einflussnahme sowie der Formulierung konkreter politischer Programme gekennzeichnet. Diese Haltung ist untrennbar mit ihren traumatischen historischen Erfahrungen verbunden: dem Scheitern der europäischen Arbeiterbewegungen nach dem Ersten Weltkrieg, dem Aufstieg des Faschismus in Deutschland und der damit verbundenen Erfahrung von Exil und Verfolgung, dem Terror des Stalinismus, aber auch der scheinbar umfassenden Integration der Arbeiterklasse in den westlichen Spätkapitalismus. Statt sich an parteipolitischen oder strategischen Debatten zu beteiligen, die in ihren Augen oft oberflächlich blieben oder die Gefahr der Vereinnahmung bargen, konzentrierte sich die Frankfurter Schule auf die grundlegende Analyse der gesellschaftlichen Pathologien, die diese Entwicklungen ermöglichten und verstetigten.
Im Zentrum dieser distanzierten Haltung zur politischen Praxis steht Theodor W. Adornos Konzept der „negativen Dialektik“. Dies war explizit keine Anleitung für konkretes politisches Handeln, sondern eine tiefgründige philosophische Methode, die die Nicht-Identität von Begriff und Sache, von Subjekt und Objekt, von Ideal und Realität als unversöhnlich festhielt. Für Adorno war die bestehende Gesellschaft eine „verunvernünftigte Vernunft“ oder eine „verwaltete Welt“, in der alles zu Waren oder Verwaltungsobjekten gerinnt. Eine positive Bestimmung von Utopie oder das Vorgeben konkreter politischer Schritte wurde als Gefahr einer erneuten Verdinglichung des menschlichen Geistes oder einer neuen Ideologisierung abgewiesen, die das Leiden und die Widersprüche nur erneut kaschieren würde. Die Logik der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Politik war in ihren Augen so totalitär geworden, dass jede direkte Intervention Gefahr lief, Teil dieses Systems zu werden oder es sogar zu verstärken. Für Adorno und Horkheimer bedeutete das Festhalten an der Negativität, dass die Kritik der bestehenden Verhältnisse radikal sein musste, indem sie deren Widersprüche, Unwahrheiten und die durch sie verursachten Leiden schonungslos aufdeckte, ohne jedoch einen klaren, positiven Weg zur Überwindung vorzugeben. Diese prinzipielle Ablehnung einer positiven Lehre war ihr eigentlicher kritischer Impuls.
Diese oft als pessimistisch, elitär oder sogar apolitisch missverstandene Haltung zur unmittelbaren politischen Praxis führte zu anhaltender Kritik an der Frankfurter Schule. Ihre Vertreter jedoch argumentierten, dass gerade diese Distanz die Voraussetzung für eine fundamentale und unbestechliche Kritik sei, die sich nicht von den Sachzwängen des Politischen korrumpieren lasse. Ihre politische Wirkung als kritische Reflexion des Bestehenden bestand nicht in der Anleitung zur Revolution im klassischen Sinne, sondern in der Veränderung des Bewusstseins. Sie wollten die Menschen dazu befähigen, die herrschenden Verhältnisse als manipuliert und manipulierend zu erkennen und ihre eigene Verstrickung in die Ideologien zu durchschauen. Diese Form der Kritik, die sich intellektuell gegen die totalisierende Tendenz der Gesellschaft stemmte, sollte ein Potenzial der Freiheit und der Mündigkeit am Leben erhalten, das in der „verwalteten Welt“ zu ersticken drohte. Ihre politische Bedeutung entfaltete die Frankfurter Schule paradoxerweise weniger durch direkte Partei- oder Gewerkschaftsarbeit, sondern durch die Schärfung des kritischen Denkens und die Aufdeckung von Herrschaftsmechanismen in scheinbar unpolitischen Bereichen wie der Kultur, der Psyche oder der Alltagssprache. Der tiefgreifende Einfluss auf die 68er-Bewegung in Deutschland und darüber hinaus ist hierfür ein prägnantes Beispiel: Zahlreiche Studenten nutzten die Konzepte der Kritischen Theorie (z.B. Kulturindustrie, autoritärer Charakter, repressive Toleranz Marcuses), um die bundesdeutsche Gesellschaft, ihre autoritären Strukturen und ihre eigenen Erfahrungen der Entfremdung zu analysieren und zu kritisieren, auch wenn dies oft zu einer Vereinfachung oder Instrumentalisierung der komplexen Theorien führte und die Frankfurter Denker selbst den revolutionären Impulsen der Studenten kritisch gegenüberstanden.
Marburger Schule: Politikwissenschaftliche Analyse, Widerstandstraditionen und praktische politische Strategien
Im scharfen Kontrast zur methodischen Zurückhaltung der Frankfurter Schule zeichnete sich die Marburger Schule durch einen unbedingten und direkten Praxisbezug aus, der sich nicht in bloßer theoretischer Kritik erschöpfte. Ihr politisches Denken war von der festen Überzeugung geprägt, dass eine wissenschaftliche Analyse nur dann ihren emanzipatorischen Auftrag erfüllen kann, wenn sie unmittelbar auf die Formulierung konkreter politischer Strategien und Forderungen für die Arbeiterbewegung abzielt, um gesellschaftlichen Wandel zu bewirken. Es ging nicht nur um die Analyse von Herrschaft, sondern um die Bereitstellung von Instrumenten zu ihrer Überwindung.
Dies manifestierte sich in einer dezidiert politikwissenschaftlichen und historisch-materialistischen Analyse des Staates und der Gesellschaft. Wolfgang Abendroth und seine Schüler konzentrierten sich auf die Funktionsweise der parlamentarischen Demokratie der Bundesrepublik Deutschland, die sie als „bürgerliche Demokratie im Spätkapitalismus“ analysierten. Dabei untersuchten sie die tiefgehenden Verflechtungen von ökonomischer Macht und staatlicher Herrschaft und zeigten auf, wie politische Institutionen, Rechtssysteme und Verwaltung die Klasseninteressen des Kapitals absichern und reproduzieren. Sie interessierten sich nicht nur für die formale Struktur des Staates, sondern für seine materielle Basis und die realen Machtverhältnisse, die sich in Gesetzgebung, der Implementierung von Politiken, der Rolle der Parteien und der Durchsetzung von Interessen spiegelten. Ihre umfassenden Forschungen zur Verfassung der Bundesrepublik (insbesondere zum Grundgesetz) waren keine rein juristischen Abhandlungen, sondern tiefgehende politisch-ökonomische Analysen der darin enthaltenen Klassengegensätze und der Möglichkeiten zu deren Austragung im Rahmen des bürgerlichen Rechtsstaats, aber auch über ihn hinaus.
Ein zentraler Pfeiler ihres Ansatzes war die systematische Aufarbeitung der Widerstandstraditionen und der Geschichte der Arbeiterbewegung im deutschen und internationalen Kontext. Abendroth, selbst eine prägende Figur des sozialistischen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus und tief in der Geschichte der Arbeiterbewegung verwurzelt, sah es als seine Kernaufgabe an, die historischen Erfahrungen des Klassenkampfes – von den Bauernkriegen über die bürgerlichen Revolutionen von 1848 bis zur Arbeiterbewegung der Weimarer Republik – für die Gegenwart fruchtbar zu machen. Dies beinhaltete die akribische Analyse von Organisationsformen, Streikstrategien, parteipolitischen Entwicklungen, den Gründen für Erfolge und Misserfolge sowie den ideologischen Konflikten innerhalb der Linken. Der Fokus lag darauf, aus der Geschichte zu lernen und die Potenziale für die Stärkung der Arbeiterklasse in der kapitalistischen Nachkriegsgesellschaft zu identifizieren. Ihre Arbeit zielte darauf ab, die Geschichte nicht als bloße Abfolge von Ereignissen zu sehen, sondern als einen dialektischen Prozess, in dem sich die Möglichkeiten und Notwendigkeiten emanzipatorischer Politik offenbaren und in dem das Bewusstsein für die Kontinuität des Klassenkampfes geschärft werden sollte.
Die Marburger Schule ging über die reine Analyse hinaus zur Formulierung konkreter politischer Forderungen und Strategien für die Arbeiterbewegung. Dies umfasste eine Reihe von prägnanten Punkten:
- Die unbedingte Notwendigkeit einer eigenständigen Klassenpolitik der Gewerkschaften und linker Parteien, die über die reine Lohnpolitik hinausgeht und umfassend Fragen der Mitbestimmung, der Vergesellschaftung von Schlüsselindustrien, der Sozialpolitik und der internationalen Solidarität behandelt. Sie kritisierten die reine „Sozialpartnerschaft“ als integrative Strategie des Kapitals.
- Die Forderung nach einer umfassenden Demokratisierung der Wirtschaft und des Staates, die die bürgerlich-formale Demokratie um materielle soziale und ökonomische Rechte ergänzt und die realen Machtverhältnisse zugunsten der Lohnabhängigen verschiebt.
- Die Betonung der strategischen Rolle von außerparlamentarischen Bewegungen und des politischen Streiks als legitime und notwendige Mittel des Klassenkampfes, die notwendig sind, um die strukturellen Blockaden des parlamentarischen Systems und die „Schweigespirale“ der bürgerlichen Öffentlichkeit zu durchbrechen.
- Die Entwicklung von Strategien zur Stärkung des Klassenbewusstseins der Lohnabhängigen und zur Überwindung der ideologischen Hegemonie des Kapitalismus in der Bevölkerung durch gezielte politische Bildung und Aufklärung.
Im Gegensatz zur Frankfurter Schule, die die negative Dialektik als prinzipielle Distanz zur direkten politischen Aktion verstand und die Möglichkeiten der praktischen Veränderung angesichts der Totalität der Herrschaft skeptisch beurteilte, betonte die Marburger Schule die Einheit von Theorie und Praxis als aktiven, interventionistischen Prozess der Weltveränderung. Ihre Politikwissenschaft war eine engagierte, parteiliche Wissenschaft im besten Sinne des Wortes, die sich bewusst in den Dienst einer sozialistischen Transformation stellte und somit einen direkten, interventionistischen und strategischen Anspruch hatte.
Aktuelle Relevanz und Weiterentwicklung
Die Kritische Theorie der Frankfurter Schule und die Marburger Schule um Wolfgang Abendroth sind keine abgeschlossenen historischen Phänomene. Ihre Analysen und methodischen Zugänge wirken bis heute in der sozialphilosophischen und politikwissenschaftlichen Debatte fort und bieten wertvolle Werkzeuge zur Diagnose und Kritik gegenwärtiger gesellschaftlicher Herausforderungen. Ihre Weiterentwicklungen und die Rezeption ihres Erbes zeugen von einer anhaltenden intellektuellen Vitalität, wenngleich unter veränderten Vorzeichen.
Jüngere Kritische Theorie vs. Abendroth-Schule heute: Kontinuitäten und Brüche
Die Kritische Theorie hat, insbesondere nach Adornos Tod, eine signifikante Weiterentwicklung erfahren. Jürgen Habermas, als prominentester Vertreter der sogenannten „zweiten Generation“, vollzog mit seiner Theorie des kommunikativen Handelns einen zentralen Bruch mit der radikalen Vernunftkritik der Dialektik der Aufklärung. Während Horkheimer und Adorno die instrumentelle Vernunft als Ursache totalitärer Tendenzen sahen und eine Rettung nur in der ästhetischen Negation oder philosophischen Reflexion erblickten, suchte Habermas nach einem emanzipatorischen Potenzial in der Vernunft selbst, genauer: in der kommunikativen Vernunft. Er verlagerte den Fokus von der Subjekt-Objekt-Beziehung zur Intersubjektivität und betonte die Möglichkeit vernünftiger Verständigung im herrschaftsfreien Diskurs. Seine Kritik richtete sich explizit gegen den „totalen Bruch“ der frühen Kritischen Theorie mit der Aufklärung und dem Gedanken an eine mögliche Rationalisierung der Lebenswelt. Soziale Pathologien sah Habermas nicht in der Verwirklichung, sondern in der Kolonisierung der Lebenswelt durch Systemzwänge (Geld und Macht). Axel Honneth, als führender Vertreter der „dritten Generation“ und ehemaliger Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, verlagerte den Schwerpunkt weiter auf die Theorie der Anerkennung. Er knüpft an Hegels Kampf um Anerkennung und Mead an, um die Pathologien der Gesellschaft als Formen der Missachtung zu analysieren, die sich in verschiedenen Sphären (Liebe, Recht, Solidarität) zeigen. Ganz aktuell prägt Denker wie Rahel Jaeggi (derzeit Professorin an der Humboldt-Universität zu Berlin, aber mit starker Prägung durch ihre Frankfurter Zeit bei Axel Honneth und weiterhin eng verbunden mit dem IfS) die Debatte durch Konzepte der Formen des Lebens und der Kritik von Lebensformproblemen, die sich aus dem Scheitern von Praktiken und Institutionen ergeben und reformulierbare Potenziale beinhalten. Diese jüngeren Ansätze suchen alle nach Möglichkeiten, normative Kriterien für eine gelingende Gesellschaft zu entwickeln und konkrete Ansatzpunkte für sozialen Wandel zu finden, wodurch sie die politische Anwendbarkeit der Kritischen Theorie erweitern. Stephan Lessenich, der seit 2021 als aktueller Direktor das Frankfurter Institut für Sozialforschung leitet und auch Professor an der Goethe-Universität ist, steht für eine kritische Soziologie, die sich besonders mit Wohlfahrtsstaatlichkeit, Kapitalismusanalyse und sozial-ökologischer Transformation befasst und dabei die kritischen Impulse der Frankfurter Schule in aktuelle Debatten einbringt.
Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass diese Entwicklungen nicht das gesamte Spektrum der Kritischen Theorie abbilden. Parallel zu den stärker auf Kommunikation und Anerkennung fokussierten Ansätzen gibt es auch Vertreter, die dezidiert an der Tradition der „alten“ Frankfurter Schule festhalten und deren radikale Gesellschafts- und Vernunftkritik fortschreiben. Ein prägnantes Beispiel hierfür ist Hermann Schweppenhäuser (1928-2015), der selbst ein direkter Schüler Adornos und Horkheimers war und lange Zeit an der Leuphana Universität Lüneburg lehrte. Schweppenhäuser und die an ihn anschließende Forschungstradition in Lüneburg betonen weiterhin die Bedeutung der negativen Dialektik, der Kritik der instrumentellen Vernunft und der Kulturindustrie als grundlegende Analysekategorien für die Gegenwart. Diese Strömungen argumentieren, dass die Integrationskraft des Systems nach wie vor so stark ist, dass eine direkte politische Anweisung kaum möglich ist und die Hauptaufgabe der Theorie in der unbeirrbaren Diagnose und der Bewahrung des kritischen Denkens in seiner radikalen Negativität liegt. Dies bedeutet, die Widersprüche festzuhalten, das Leiden zu benennen und die Illusion der Freiheit zu entlarven, ohne vorschnell positive Utopien oder politische Programme anzubieten. Sie halten die „Nichtidentität“ als Kern des kritischen Verfahrens hoch und warnen vor einer zu schnellen Versöhnung im Denken, die der Realität nicht gerecht wird.
Jüngere Kritische Theorie vs. Abendroth-Schule heute: Kontinuitäten und Brüche
Die Kritische Theorie hat, insbesondere nach Adornos Tod, eine signifikante Weiterentwicklung erfahren. Jürgen Habermas, als prominentester Vertreter der sogenannten „zweiten Generation“, vollzog mit seiner Theorie des kommunikativen Handelns einen zentralen Bruch mit der radikalen Vernunftkritik der Dialektik der Aufklärung. Während Horkheimer und Adorno die instrumentelle Vernunft als Ursache totalitärer Tendenzen sahen und eine Rettung nur in der ästhetischen Negation oder philosophischen Reflexion erblickten, suchte Habermas nach einem emanzipatorischen Potenzial in der Vernunft selbst, genauer: in der kommunikativen Vernunft. Er verlagerte den Fokus von der Subjekt-Objekt-Beziehung zur Intersubjektivität und betonte die Möglichkeit vernünftiger Verständigung im herrschaftsfreien Diskurs. Seine Kritik richtete sich explizit gegen den „totalen Bruch“ der frühen Kritischen Theorie mit der Aufklärung und dem Gedanken an eine mögliche Rationalisierung der Lebenswelt. Soziale Pathologien sah Habermas nicht in der Verwirklichung, sondern in der Kolonisierung der Lebenswelt durch Systemzwänge (Geld und Macht). Axel Honneth, als führender Vertreter der „dritten Generation“ und ehemaliger Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, verlagerte den Schwerpunkt weiter auf die Theorie der Anerkennung. Er knüpft an Hegels Gedanken des Kampfs um Anerkennung an und integriert Konzepte wie die des amerikanischen Pragmatisten George Herbert Mead, um die Pathologien der Gesellschaft als Formen der Missachtung zu analysieren, die sich in verschiedenen Sphären (Liebe, Recht, Solidarität) zeigen. Ganz aktuell prägt Rahel Jaeggi, Professorin an der Humboldt-Universität zu Berlin und durch Axel Honneth sowie das Institut für Sozialforschung geprägt, die Debatte mit ihren Konzepten der „Formen des Lebens“ und der „Kritik von Lebensformproblemen“, die das Scheitern von Praktiken und Institutionen als Ansatzpunkte für gesellschaftliche Reformen verstehen. Diese jüngeren Ansätze suchen alle nach Möglichkeiten, normative Kriterien für eine gelingende Gesellschaft zu entwickeln und konkrete Ansatzpunkte für sozialen Wandel zu finden, wodurch sie die politische Anwendbarkeit der Kritischen Theorie erweitern. Stephan Lessenich, der seit 2021 als aktueller Direktor das Frankfurter Institut für Sozialforschung leitet und auch Professor an der Goethe-Universität ist, steht für eine kritische Soziologie, die sich besonders mit Wohlfahrtsstaatlichkeit, Kapitalismusanalyse und sozial-ökologischer Transformation befasst und dabei die kritischen Impulse der Frankfurter Schule in aktuelle Debatten einbringt. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass diese Entwicklungen nicht das gesamte Spektrum der Kritischen Theorie abbilden. Parallel zu den stärker auf Kommunikation und Anerkennung fokussierten Ansätzen gibt es auch Vertreter, die dezidiert an der Tradition der „alten“ Frankfurter Schule festhalten und deren radikale Gesellschafts- und Vernunftkritik fortschreiben. Ein prägnantes Beispiel hierfür ist Hermann Schweppenhäuser (1928-2015), der selbst ein direkter Schüler Adornos und Horkheimers war und lange Zeit an der Leuphana Universität Lüneburg lehrte. Schweppenhäuser und die an ihn anschließende Forschungstradition in Lüneburg betonen weiterhin die Bedeutung der negativen Dialektik, der Kritik der instrumentellen Vernunft und der Kulturindustrie als grundlegende Analysekategorien für die Gegenwart. Diese Strömungen argumentieren, dass die Integrationskraft des Systems nach wie vor so stark ist, dass eine direkte politische Anweisung kaum möglich ist und die Hauptaufgabe der Theorie in der unbeirrbaren Diagnose und der Bewahrung des kritischen Denkens in seiner radikalen Negativität liegt. Dies bedeutet, die Widersprüche festzuhalten, das Leiden zu benennen und die Illusion der Freiheit zu entlarven, ohne vorschnell positive Utopien oder politische Programme anzubieten. Sie halten die „Nichtidentität“ als Kern des kritischen Verfahrens hoch und warnen vor einer zu schnellen Versöhnung im Denken, die der Realität nicht gerecht wird.
Die Abendroth-Schule hingegen erfuhr keine so scharfen theoretischen Brüche in ihrer Grundausrichtung, sondern eher eine Kontinuität ihrer Kernanliegen unter angepassten Bedingungen. Ihre Relevanz heute zeigt sich vor allem in ihrer bleibenden Bedeutung für die Analyse von Sozialstaatlichkeit, Globalisierung und Neoliberalismus. Ihre prominenten Schüler, die die Tradition fortführten, haben das Erbe Abendroths in verschiedene Forschungsfelder getragen: Frank Deppe hat sich als Politikwissenschaftler und Gewerkschaftsforscher intensiv mit der Theorie des Imperialismus, der europäischen Integration und den Transformationen der Gewerkschaften auseinandergesetzt, stets aus einer marxistischen Perspektive. Georg Fülberth wurde zu einem der schärfsten Kritiker des Kapitalismus in Deutschland, der ökonomische Analysen mit historischer und politischer Kritik verband, populäre Bücher verfasste und auch in der politischen Bildung aktiv war. Lothar Peter, ein profilierter Schüler Abendroths, konzentrierte sich als Soziologe auf das Verhältnis von wissenschaftlicher Intelligenz und Arbeiterklasse. Er integrierte zudem die Analyse symbolischer Gewalt nach Bourdieu, um soziale Herrschaftsmechanismen, insbesondere patriarchale Unterdrückung, zu beleuchten. Sein Standardwerk „Marx an die Uni. Die ‚Marburger Schule‘. Geschichte, Probleme, Akteure“ (2014) gilt als maßgebliche Aufarbeitung dieser Strömung. Diese Vertreter und die an sie anschließenden Strömungen haben die Analysen Abendroths weiterentwickelt, um die Transformation des Sozialstaats unter neoliberalen Bedingungen, die Auswirkungen der Globalisierung auf nationale Politik und die Verschiebung der Klassenverhältnisse zu untersuchen. Konzepte wie der „Standortwettbewerb“, die Erosion des kollektiven Arbeitsrechts oder die Krise der Parteiendemokratie werden oft mit dem analytischen Rüstzeug der Marburger Schule beleuchtet. Die Aktualität liegt in ihrem unverminderten Anspruch, die Verflechtung von Ökonomie und Politik im Kapitalismus präzise zu analysieren und die Rolle des Staates als Klassenstaat herauszuarbeiten. Auch wenn die klassische Arbeiterbewegung an Einfluss verloren hat, bleibt die Frage nach den Trägern sozialen Wandels und den Möglichkeiten organisierter Gegenmacht zentral, was die Marburger Tradition befruchtet.
Eine kritische Reflexion aus der Perspektive der traditionellen Kritischen Theorie
Die vorangegangene Darstellung beider Schulen und ihrer Weiterentwicklungen bedarf einer kritischen Reflexion, die sich nicht mit der bloßen Rekonstruktion ihrer Positionen begnügt, sondern diese vom Standpunkt der ursprünglichen Intention der Kritischen Theorie aus befragt. Eine solche Reflexion, die sich in der Tradition von Theodor W. Adorno und Hermann Schweppenhäuser verortet, muss sowohl die Marburger Schule als auch die neueren Entwicklungen der Frankfurter Schule einer fundamentalen Kritik unterziehen, ohne dabei in eine bloße Rechthaberei zu verfallen. Vielmehr geht es darum, die radikale Erkenntnisform der negativen Dialektik als unabdingbare Voraussetzung jeder authentischen Gesellschaftskritik zu verteidigen und zugleich die eigenen Grenzen und Aporien dieser Position selbstkritisch zu reflektieren.
Negative Dialektik als Korrektiv, nicht als Ergänzung
Hermann Schweppenhäusers jahrzehntelange Auseinandersetzung mit dem Erbe der Kritischen Theorie führte ihn zu einer Position, die sich sowohl gegen die praxisorientierten Vereinfachungen der Marburger Schule als auch gegen die kommunikationstheoretischen Revisionen der nachfolgenden Frankfurter Generation richtet. Seine zentrale Argumentation lautet: „Die negative Dialektik ist nicht ein Pol neben anderen, sondern die Form, in der kritische Erkenntnis überhaupt möglich ist. Sie hält die Widersprüche fest, statt sie durch positive Programme zuzudecken.“ Diese Formulierung ist nicht als dogmatische Behauptung zu verstehen, sondern als Resultat einer rigorosen Analyse der Bedingungen, unter denen sich kritisches Denken in der spätkapitalistischen Gesellschaft vollziehen muss.
Schweppenhäusers Verständnis der negativen Dialektik wendet sich fundamental gegen jede Instrumentalisierung der Kritischen Theorie für politische oder wissenschaftliche Zwecke. Die negative Dialektik ist weder eine Methode unter anderen noch ein theoretisches Instrument, das sich für die Lösung praktischer Probleme verwenden ließe. Sie ist vielmehr die einzige Erkenntnisform, die der Totalität der verwalteten Welt standzuhalten vermag, ohne von ihr vereinnahmt zu werden. Indem sie konsequent an der Nichtidentität von Begriff und Sache festhält und sich weigert, die gesellschaftlichen Widersprüche in harmonisierenden Synthesen aufzulösen, bewahrt sie das kritische Potential des Denkens gegen dessen Neutralisierung durch die herrschenden Verhältnisse.
Gegen Abendroth: Die Kritik des positiven Marxismus
Aus dieser Perspektive erscheint Abendroths „positive Dialektik“ als Rückfall hinter die entscheidenden Einsichten der Kritischen Theorie in die Nichtidentität von Subjekt und Objekt, von Theorie und Praxis, von Sein und Bewusstsein. Abendroths Behauptung, objektive gesellschaftliche Gesetzmäßigkeiten erkennen und diese Erkenntnis unmittelbar in politische Strategien umsetzen zu können, ignoriert die fundamentale Vermitteltheit aller gesellschaftlichen Erfahrung durch Verdinglichung und Ideologie. Seine Staatstheorie, die den bürgerlichen Staat als „Doppelfunktion“ von Klassenherrschaft und Klassenkampf begreift, verkennt die totale Durchdringung auch der scheinbar neutralen oder emanzipatorischen Institutionen durch die Logik der Kapitalverwertung.
Die Marburger Schule verfängt sich, so die Kritik, in einem vorkritischen Positivismus, der die gesellschaftliche Totalität als erkennbares Objekt behandelt und dabei übersieht, dass das erkennende Subjekt selbst durch diese Totalität konstituiert und deformiert ist. Abendroths Marxismus bleibt der traditionellen Subjekt-Objekt-Dialektik verhaftet, die Adorno als inadäquat für die Analyse der verwalteten Welt erwiesen hatte. Die Arbeiterklasse kann nicht einfach als revolutionäres Subjekt vorausgesetzt werden, da sie selbst Produkt und Objekt der kapitalistischen Produktionsverhältnisse ist und deren Bewusstseinsformen verinnerlicht hat.
Wenn Abendroth die Einheit von Theorie und Praxis proklamiert, so verkennt er die entscheidende Einsicht, dass unter den gegenwärtigen Bedingungen jede unmittelbare Praxis affirmativ wird. Kritik als Praxis heißt nicht: politische Praxis im herkömmlichen Sinne, sondern: Aufklärung als gesellschaftliche Praxis. Diese Form der Praxis vollzieht sich in der theoretischen Durchdringung der gesellschaftlichen Pathologien, in der ästhetischen Erfahrung von Kunstwerken, die sich der Kulturindustrie widersetzen, und in der pädagogischen Arbeit, die das Bewusstsein für die Möglichkeit anderer Erfahrung wachhält. Sie wirkt indirekt und langfristig, ohne sich den Sachzwängen der politischen Tagespolitik zu unterwerfen.
Selbstkritische Reflexion der eigenen Position
Die Verteidigung der traditionellen Kritischen Theorie gegen ihre praxisorientierten und kommunikationstheoretischen Kritiker darf jedoch nicht zur unkritischen Apologetik werden. Vielmehr muss sie sich den berechtigten Einwänden stellen und die Grenzen und Aporien der eigenen Position reflektieren.
Das Problem der politischen Relevanz
Der gewichtigste Einwand gegen die traditionelle Kritische Theorie lautet: Muss sie sich nicht dem Vorwurf stellen, durch ihre Verweigerung konkreter Strategien praktisch affirmativ zu werden? Führt die methodische Distanz zur politischen Praxis nicht paradoxerweise dazu, die bestehenden Verhältnisse zu stabilisieren, indem sie den Impuls zur Veränderung in bloßer Kontemplation erstickt? Diese Kritik ist nicht von der Hand zu weisen und trifft einen neuralgischen Punkt der Adornoschen Konzeption.
Die Antwort im Sinne Schweppenhäusers kann nicht in der Leugnung dieses Problems bestehen, sondern muss die Aporetik der Situation anerkennen und produktiv wenden. Die Aufgabe kritischer Theorie ist nicht politische Strategieberatung, sondern Bewusstseinsveränderung im tiefsten Sinne. Sie zielt auf die Transformation der Wahrnehmungs- und Denkformen, die der kapitalistischen Vergesellschaftung entsprechen und diese reproduzieren. Diese Form der Praxis ist notwendigerweise langwierig und indirekt, aber sie ist die einzige, die nicht von vornherein durch die Logik des Systems korrumpiert wird.
Konkrete Politik unter den Bedingungen der „verwalteten Welt“ ist notwendig verkürzt, weil sie sich den Spielregeln eines Systems unterwerfen muss, das sie zu überwinden vorgibt. Jede politische Forderung, jede strategische Überlegung muss sich in den Kategorien der herrschenden Rationalität artikulieren und wird dadurch ihres kritischen Gehalts beraubt. Die Bewahrung des utopischen Gehalts ist selbst eine Form der Praxis, die verhindert, dass die Möglichkeit einer anderen Gesellschaft in den Kompromissen der Realpolitik verloren geht.
Das Problem der Isolation
Ein zweiter, nicht minder gewichtiger Einwand lautet: Führt die Beharrung auf der Negativität nicht zur akademischen Selbstgenügsamkeit und letztlich zur Irrelevanz? Wird die Kritische Theorie nicht zu einem esoterischen Diskurs für Eingeweihte, der sich von den realen Leiden und Kämpfen der Menschen entfernt?
Auch hier kann die dialektische Antwort nicht in der Leugnung des Problems bestehen. Die Isolation der Kritischen Theorie ist real und schmerzhaft. Sie entspringt jedoch nicht einer elitären Überheblichkeit, sondern der objektiven Schwierigkeit, unter den Bedingungen der Kulturindustrie und der verwalteten Bildung ein kritisches Bewusstsein zu artikulieren. Isolation ist besser als Integration in falsche Praxis, wenn diese Integration den Verlust des kritischen Gehalts bedeutet.
Die Kraft zur Negation muss bewahrt werden, auch wenn sie gegenwärtig ohnmächtig erscheint. Die Geschichte der Emanzipationsbewegungen zeigt, dass kritische Ideen oft Jahrzehnte im Verborgenen reifen müssen, bevor sie ihre gesellschaftliche Wirksamkeit entfalten können. Die Kritische Theorie wirkt indirekt – durch Bildung, die zur Selbstreflexion anleitet, durch Kunst, die andere Erfahrungsformen ermöglicht, und durch theoretische Reflexion, die das Bewusstsein für die Pathologien der Gegenwart schärft.
Die spezifische Kritik an beiden Schulen
Aus der Perspektive der traditionellen Kritischen Theorie lassen sich sowohl gegen die Marburger Schule als auch gegen die neuere Frankfurter Schule grundsätzliche Einwände formulieren, die deren jeweilige theoretische und politische Grenzen aufzeigen.
An der Marburger Schule: Positivismus, Instrumentalismus, Reduktionismus
Die fundamentale Kritik an der Marburger Schule richtet sich gegen deren positivistische Grundhaltung, die sich in der Behauptung objektiver Erkennbarkeit gesellschaftlicher „Gesetze“ manifestiert. Abendroths Vertrauen in die Möglichkeit wissenschaftlicher Analyse gesellschaftlicher Entwicklungstendenzen ignoriert die durch Adorno und Horkheimer aufgewiesene Dialektik der Aufklärung. Die instrumentelle Vernunft, die sich in der Naturbeherrschung bewährt hat, kann nicht ungebrochen auf die Gesellschaft übertragen werden, ohne dabei deren spezifische Vermittlungsformen zu verzerren.
Der Instrumentalismus der Marburger Schule zeigt sich in der Unterordnung der Theorie unter strategische Zwecke. Wissenschaftliche Erkenntnis wird zum Werkzeug politischer Praxis degradiert und verliert dadurch ihre kritische Distanz zum Gegenstand. Die Wahrheit gesellschaftlicher Analyse wird an ihrem praktischen Nutzen für die Arbeiterbewegung gemessen, wodurch die Gefahr ideologischer Verzerrung entsteht.
Der Reduktionismus der Marburger Schule manifestiert sich in der Verkennung der kulturellen und psychischen Vermittlungen gesellschaftlicher Herrschaft. Abendroths Fokus auf ökonomische Strukturen und politische Institutionen übersieht die subtilen Mechanismen der Subjektkonstitution, die in der Familie, der Schule, den Massenmedien und der Kulturindustrie wirksam werden. Die Integration der Arbeiterklasse in das kapitalistische System vollzieht sich nicht nur über ökonomische Anreize und politische Repression, sondern über die Formierung von Bewusstseinsstrukturen, die der kritischen Reflexion bedürfen.
An der neueren Frankfurter Schule: Normativismus, Technizismus, Verlust der Negativität
Die Kritik an der neueren Frankfurter Schule, insbesondere an Habermas und seinen Nachfolgern, richtet sich gegen die Preisgabe der radikalen Gesellschaftskritik zugunsten „konstruktiver“ Ansätze, die letztlich systemkonform werden.
Der Normativismus von Habermas‘ kommunikativer Vernunft sucht nach „rationalen“ Kriterien für eine richtige Gesellschaft und verfängt sich dabei in der Illusion, dass sich aus der Analyse von Kommunikationsstrukturen normative Standards ableiten ließen. Diese Suche nach positiven Normen ignoriert Adornos fundamentale Einsicht, dass unter den Bedingungen der verwalteten Welt jede positive Bestimmung des Richtigen ideologisch wird. Die herrschaftsfreie Kommunikation, die Habermas als regulative Idee vorschwebt, ist selbst ein Produkt der bürgerlichen Aufklärung und trägt deren repressive Züge in sich.
Der Technizismus der neueren Kritischen Theorie zeigt sich in deren Transformation zu einer Forschungsperspektive unter anderen. Die Kritische Theorie wird domestiziert und in die universitäre Arbeitsteilung integriert. Sie verliert ihren subversiven Charakter und wird zu einem akademischen Spezialgebiet, das sich den Regeln der scientific community unterwirft.
Der Verlust der Negativität ist die schwerwiegendste Konsequenz dieser Entwicklung. Die neuere Frankfurter Schule gibt die radikale Gesellschaftskritik zugunsten „konstruktiver“ Ansätze auf, die dem System Reformvorschläge unterbreiten, statt dessen Grundlagen in Frage zu stellen. Honneths Anerkennungstheorie, Jaeggis Lebensformkritik und selbst Lessenichs Kapitalismusanalyse bleiben letztlich dem Projekt einer rationalen Gesellschaftsreform verhaftet, die die Möglichkeit einer grundlegenden Transformation ausschließt.
Diese doppelte Kritik an beiden Schulen darf jedoch nicht zur Selbstgerechtigkeit führen. Sie muss vielmehr als Aufforderung zur Selbstreflexion verstanden werden, die die eigenen Grenzen und Aporien nicht verschweigt. Die traditionelle Kritische Theorie steht vor der paradoxen Aufgabe, ihre radikale Negativität zu bewahren, ohne in Ohnmacht zu verfallen und ihre gesellschaftliche Relevanz zu behaupten, ohne sich den Sachzwängen der politischen Praxis zu unterwerfen. Diese Paradoxie ist nicht auflösbar, sondern muss als produktive Spannung ausgehalten werden, die das kritische Denken in Bewegung hält.
Bedeutung für zeitgenössische Gesellschafts- und Politikanalysen
Beide Schulen bieten spezifische Analysewerkzeuge und Perspektiven, die für das Verständnis aktueller gesellschaftlicher und politischer Herausforderungen von immenser Bedeutung sind, auch wenn sie unterschiedliche Aspekte in den Vordergrund rücken:
Die Kritische Theorie der Frankfurter Schule, in ihren älteren und neueren Ausprägungen, liefert zentrale Instrumente zur Analyse der qualitativen Aspekte der Moderne und ihrer Krisen. Angesichts der Digitalisierung und der Künstlichen Intelligenz hilft ihre Analyse der instrumentellen Vernunft zu verstehen, wie technologische Rationalität zur Beherrschung des Menschen beitragen kann und welche normativen Fragen der Datenkontrolle und der Algorithmen-Herrschaft sich stellen. Die Kritik der Kulturindustrie ist hochrelevant für das Verständnis der Mediengesellschaft, der sozialen Medien und der „Aufmerksamkeitsökonomie“, wo die Manipulation von Bedürfnissen und die Erzeugung von Konformität über Algorithmen und personalisierte Inhalte auf neue Weise wirksam werden. Die psychoanalytisch fundierte Kritik ist nach wie vor unerlässlich, um die psychischen Belastungen, die Entfremdung und die neuen Formen von Autoritarismus zu verstehen, die sich in Krisenzeiten manifestieren. Sie erlaubt es, tiefergehende Diagnosen jenseits bloßer Symptombeschreibungen zu stellen, die die tieferen gesellschaftlichen Ursachen von Phänomenen wie Populismus oder der Erosion von Solidarität beleuchten.
Die Marburger Schule hingegen bietet ein unersetzliches Rüstzeug für die strukturelle und materialistische Analyse von Machtverhältnissen und politökonomischen Transformationen. Für die Analyse der anhaltenden sozialen Ungleichheit ist ihr Fokus auf Klassenstrukturen, die Rolle des Staates und die Mechanismen der Ausbeutung von fundamentaler Bedeutung. Sie hilft zu verstehen, warum Ungleichheit trotz wirtschaftlichen Wachstums persistiert und welche politischen Maßnahmen notwendig wären, um ihr entgegenzuwirken, etwa durch Umverteilung oder die Stärkung kollektiver Interessen. Im Kontext des Klimawandels bietet ihre Perspektive auf die Logik des Kapitalismus und des Wachstumszwanges einen wichtigen Rahmen, um die systemischen Ursachen der ökologischen Krise zu erkennen, die über individuelle Verhaltensweisen hinausgehen und nach strukturellen Antworten verlangen. Die Betonung der Notwendigkeit von kollektiver Organisierung und strategischer Politik der Arbeiterbewegung bleibt relevant für neue soziale Bewegungen (z.B. Klimagerechtigkeitsbewegung, Mieterbewegungen), die vor der Herausforderung stehen, ihre Ziele im politischen System durchzusetzen und Gegenmacht aufzubauen. Ihr Erbe mahnt dazu, die Verflechtung von Ökonomie und Politik stets im Blick zu behalten und gesellschaftliche Probleme nicht als bloße technische oder individuelle Defizite zu missverstehen, sondern als Ausdruck struktureller Widersprüche, die eine umfassende soziale und politische Transformation erfordern.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Frankfurter Schule primär das Bewusstsein für die Pathologien der Moderne schärft und die Mechanismen subtiler Herrschaft aufzeigt, während die Marburger Schule das Augenmerk auf die strukturellen Bedingungen des Klassenkampfes und die strategischen Möglichkeiten politischer Intervention lenkt. Beide Traditionen bleiben für eine umfassende und kritische Gesellschafts- und Politikanalyse unverzichtbar.

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