Ein vergessener Name: Johanne Trutzenberger und das Schweigen der Erinnerung

In den westlichen Arbeitervierteln Bremens, wo etwa die Fassaden des „Roten Gewerkschaftsblocks“ in der Gröpelinger Heerstraße noch heute von einer unterbrochenen Hoffnung erzählen, lebte meine Großmutter Johanne Trutzenberger mit ihrer Familie. Dass der Komplex kürzlich zum hundertjährigen Jubiläum der GEWOBA in jenem Dunkelrot gestrichen wurde, das ihm den Namen gab, erscheint wie ein unwillkürliches Eingeständnis: Die Farbe des Widerstands ist zur Musealisierung geworden. Der Bau – erstes Projekt sozialen Wohnungsbaus der GEWOBA – war errichtet als Symbol kollektiver Emanzipation, bevor er unter der Diktatur zur Kulisse der Repression wurde. Mein Großvater, lange Arbeiter auf der AG Weser-Werft, wurde in den 1930er Jahren wie so viele seiner Genossen arbeitslos und trat als KPD-Funktionär in den Widerstand.

Johanne selbst war ebenfalls Kommunistin, Teil jener unsichtbaren Front, die ohne Waffen, aber mit Haltung der Barbarei widerstand. Gröpelingen, einst Ort proletarischer Selbstbehauptung, wurde unter dem NS-Regime zum Schauplatz der Zerschlagung politischer Kultur. Anfang der 1940er Jahre verschleppte man Johanne in das Konzentrationslager und Zuchthaus Hamburg-Fuhlsbüttel, das „Kola-Fu“ – jenen Ort, der seit seiner Eröffnung 1933 unter SS- und SA-Bewachung innerhalb kürzester Zeit zum Inbegriff für Grauen wurde und wohin nahezu alle norddeutschen Widerstandskämpfer verschleppt wurden. In den letzten Kriegsmonaten, als die SS das Gefängnis als Außenlager des KZ Neuengamme nutzte, radikalisierte sich der Terror noch einmal. Dort, mit Maria Krüger, Hermann Böse und Richard Lange, wurde sie Teil jener anonymisierten Masse, die man nicht nur einsperrte, sondern systematisch entmenschlichte.

Die Haft zielte nicht allein auf den Körper, sondern auf das Denken selbst. Angst, Isolation, Entwürdigung: sie zerstören nicht nur Biografien, sie sollen die Möglichkeit von Widerstand selbst vernichten. Als Johanne im Frühjahr 1945 entlassen wurde, bedeutete es keine Rückkehr ins Leben. Am 22. April, dem Tag des letzten alliierten Bombardements auf Bremen, starb sie durch die Bomben der Befreier. Ihr Ende verkörpert die Dialektik der Befreiung: dass die Rettung selbst noch im Zeichen der Zerstörung steht.

Ihr Tod ist kein Einzelfall. Er steht für die vielen weiblichen Biografien, die in der Historiografie des Widerstands marginal bleiben. Die Geschichte meiner Großmutter ist keine Heldensaga, sondern eine Mahnung: dass Erinnerung nicht nur den großen Namen gehört, sondern auch jenen, deren Mut im Alltag, im Wohnblock, im Gespräch, im Schweigen lebte. Johanne Trutzenberger steht für das ungesagte Leid, für die stille Würde, für die Notwendigkeit, das Private als politisch zu begreifen.

Die Arbeiterkultur Bremens, die sich in den Mauern des „Roten Gewerkschaftsblocks“ materialisierte, war mehr als ein soziales Projekt. Sie war ein Raum der Hoffnung, den das Regime zertrümmerte. Mit der Zerstörung dieses Raumes wurde nicht nur ein politisches Milieu vernichtet, sondern die Vorstellung einer anderen Gesellschaft. In dieser Leerstelle hallt bis heute die Frage: Wozu erinnern?

Erinnerung, wenn sie wahrhaftig sein will, darf nicht ins Ritual verfallen. Sie muss zur Kritik werden – Kritik an den Mechanismen, die Barbarei möglich machten und die heute, in neuer Gestalt, wieder aufscheinen. Der Krieg ist zurück in Europa, und die Logik der Gewalt, die Johanne das Leben kostete, kehrt wieder in den Feuilletons, den Rüstungshaushalten, den Reden der Mächtigen. Erinnerung wäre vergeblich, bliebe sie museal; sie hat nur Bestand, wenn sie als Widerstand gegen die Wiederkehr des Immergleichen begriffen wird.

Johanne Trutzenberger ist kein Monument, sondern ein Fragment der Wahrheit: dass Geschichte nicht abgeschlossen ist. Ihr Name, vergessen im öffentlichen Gedächtnis, ruft uns zu, dass das Vergessen selbst Teil der Herrschaft bleibt. Wer ihr gedenkt, darf nicht im Vergangenen verweilen – er muss das Gegenwärtige in Frage stellen.

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