Über Moral, Inszenierung und die Auflösung des Diskurses bei Markus Lanz
Es gibt Momente im bundesdeutschen Fernsehen, in denen sich die Bewusstseinsindustrie in ihrer ganzen zynischen Brillanz offenbart. Der gestrige Abend bei Markus Lanz war ein solcher Moment – ein Lehrstück darüber, wie demokratische Öffentlichkeit nicht hergestellt, sondern systematisch demontiert wird. Was als Diskussionsformat angekündigt war, entpuppte sich als das, was es längst geworden ist: ein Tribunal mit Zuschauerkulisse.
Der verengte Meinungskorridor – Ausgrenzung als System
Bevor sich die Sendung in die bekannten Bahnen der Drohnen-Hysterie ergoss, ereignete sich etwas Bemerkenswertes: Wagenknecht thematisierte ihre faktische Ausgrenzung aus den öffentlich-rechtlichen Talkshows. Die Zahlen sprachen für sich – seit der Bundestagswahl kein BSW-Vertreter mehr bei Lanz, während die ebenfalls nicht mehr im Bundestag vertretene FDP mehrmals geladen wurde. Lanz’ Reaktion war entlarvend: Statt auf diese Fakten einzugehen, sprach er von einem „Kulturkampf“ und rutschte unruhig auf seinem „Moderatorensessel“ hin und her.
Was sich hier zeigte, ist symptomatisch für einen gesellschaftlichen Angststillstand, wie ihn Richard David Precht jüngst diagnostiziert hat: die schleichende Verengung des Sagbaren, die Furcht vor sozialen Sanktionen, die Menschen davon abhält, ihre Meinung offen zu äußern. Wagenknecht sprach aus, was viele empfinden – dass der Meinungskorridor sich dramatisch verengt hat, dass bestimmte Positionen nicht mehr diskutiert, sondern sofort sanktioniert werden.
Die anwesende Journalistin Kerstin Münstermann reagierte bezeichnenderweise nicht mit Argumenten, sondern mit Herabsetzung: Sie nannte Wagenknechts Feststellungen „Quatsch“ und sprach von einer „Schmollecke“ – ein Begriff, der jede Kritik infantilisiert. Diese Abwehrreaktion ist typisch für eine Debattenkultur, die nicht mehr aushält, dass ihre eigenen Ausschlussmechanismen benannt werden. Man verweigert nicht nur die inhaltliche Auseinandersetzung – man pathologisiert bereits den Versuch, die Ausgrenzung selbst zum Thema zu machen.
Was Precht als Übergang von den emanzipatorischen Hoffnungen der 68er zu einem grassierenden Moralismus beschreibt, lässt sich hier in Reinform beobachten: – die Moral ersetzt das Argument – die persönliche Kränkung die sachliche Kritik – der Shitstorm die Debatte. Wer vom verengten Meinungskorridor spricht, wird nicht widerlegt – er wird als Opfer seiner eigenen Befindlichkeiten dargestellt.
Diese Pathologisierung der Kritik ist kein Einzelfall, sondern das Grundmuster einer Öffentlichkeit, die Dissens moralisch sanktioniert. Wie diese Mechanik im Konkreten funktioniert, zeigte sich unmittelbar danach – in der sogenannten Drohnen-Debatte.
Drohnen-Hysterie und der Vorwurf der Putin-Propaganda
Die Dramaturgie war danach von klassischer Simplizität: eine gegen alle, der Moderator als Zeremonienmeister der Ausgrenzung, eine Aktivistin als lebendiges Pathos-Symbol. Und mittendrin eine linke Politikerin, die den kardinalen Fehler beging, rationale Argumente in eine Arena zu tragen, die längst von Rationalität auf Affekt umgestellt hat.
Als Wagenknecht die Frage stellte – „Wozu gibt es Satelliten?“ –, war das keine rhetorische Geste, sondern der Versuch, die Hysterie um vermeintlich russische Drohnen durch nüchterne Erwägungen zu erden. Ihre Skepsis gegenüber der vorschnellen Zuschreibung der Urheberschaft war begründet: „Ich möchte nicht, dass wir in einen Krieg mit Russland hineingeredet werden.“ Die Reaktion war symptomatisch: Man ließ sie nicht ausreden. Denn in der Logik des Formats ist das Argument bereits Verrat – Verrat an der emotionalen Geschlossenheit, die das Publikum von solchen Sendungen erwartet.
Schlimmer noch: Carlo Masala nutzte am Ende der Sendung die Gelegenheit, um die gesamte kritische Haltung als „Propagandanarrative“ zu denunzieren, die sich „in den Köpfen festsetzen“. Unterstützt wurde diese Logik durch den Auftritt von Mascha Aljochina – Dissidentin, Pussy-Riot-Mitgründerin und Trägerin des Hannah-Arendt-Preises der Stadt Bremen. Ihre Biographie verlieh ihr die Aura moralischer Unantastbarkeit – und genau diese wurde instrumentalisiert. Ihr Hinweis, Wagenknecht bediene „Putin-Narrative“, diente nicht der Aufklärung, sondern der moralischen Abriegelung des Diskurses. Das persönliche Leid wurde in argumentative Autorität verwandelt, und wer widersprach, konnte nur noch als herzlos gelten.
Was hier geschieht, ist die Verkehrung jeder kritischen Analyse: Wer Zweifel äußert, wer nach Beweisen fragt, wer vor vorschnellen Zuschreibungen warnt, wird nicht als vorsichtig, sondern als Kollaborateur des Feindes behandelt.
Was Enzensberger über die Bewusstseinsindustrie schrieb, gilt heute verschärft: Sie produziert nicht Aufklärung, sondern Konsens durch Ausschluss. Wer die falschen Fragen stellt, wird nicht widerlegt – er wird unterbrochen, übertönt, ins moralische Abseits gestellt. Und wer es wagt, die Urheberschaft vermeintlich russischer Drohnen anzuzweifeln, gilt bereits als Verbreiter von „Putin-Propaganda“ – eine Chiffre, die jede weitere Diskussion erübrigt. Die Methode ist nicht neu, aber sie wird immer schamloser.
Der Moderator als Brandstifter
Lanz inszenierte sich als das, was er in solchen Momenten stets ist: nicht als Vermittler, sondern als Ankläger. Seine Interventionen waren keine Nachfragen, sondern Abwehrreflexe gegen alles, was die vorgefertigte Erzählung störte. Das „Ach, bitte, Frau Wagenknecht!“ war kein Ausdruck des Interesses, sondern der Verachtung – die paternalistische Geste dessen, der sich im Besitz der einzig legitimen Wahrheit wähnt.
Und dann der Höhepunkt des Schmierentheaters. Die Tränen.
Ausgerechnet jener Moderator, der sich gern als „härtester Talkmaster“ des Landes feiern lässt, verfiel in demonstrative Rührung. Man muss kein Mediensoziologe sein, um zu erkennen, was hier geschah: der Übergang vom Argument zum Affekt, vom Diskurs zum Melodram. Kommunikationstheoretisch betrachtet war dieser Moment ein Musterfall medialer Emotionalisierung – ein emotionaler Kurzschluss, der als Wahrhaftigkeit inszeniert wird.
In dieser Choreographie spielte auch Mascha Aljochina eine zentrale Rolle – die Leidende als moralische Instanz, deren Empörung die Argumente ersetzen sollte. Es war jener Augenblick, in dem die Sendung ihre letzte Prätention von Seriosität abstreifte und sich als das präsentierte, was sie war – ein Spektakel.
Adorno hätte dazu vermutlich bemerkt, dass die Kulturindustrie nicht einmal mehr die Mühe auf sich nimmt, ihre Manipulationen zu verschleiern. Sie operiert mittlerweile in einer Schamlosigkeit, die darauf vertraut, dass das Publikum die Inszenierung für Authentizität hält. Diese Diagnose wirkt heute fast empirisch überprüfbar.
Die mediale Echokammer
Was im Studio begann, fand in der Presse seine konsequente Fortsetzung. Die BILD feierte den weinenden Moderator als emotionalen Helden, andere Blätter dramatisierten den „Kulturkampf“ und verstärkten damit exakt jene Polarisierung, die im Studio produziert worden war. Die Berichterstattung war keine Reflexion über das Gesehene, sondern dessen Verlängerung mit anderen Mitteln.
Nur Ramon Schack in der Berliner Zeitung wagte eine kritische Perspektive – und musste dafür bereits als Außenseiter gelten. Der Rest reproduzierte das übliche Muster: Konflikt als Ware, Empörung als Währung, Differenzierung als Störfaktor.
Was hier sichtbar wird, ist die vollständige Integration der sogenannten „kritischen“ Öffentlichkeit in die Logik der Verwertung. Medien berichten nicht mehr über Ereignisse – sie sind selbst Teil der Inszenierung. Die Trennung zwischen Darstellung und Dargestelltem ist aufgehoben. Was bleibt, ist das pure Spektakel, das sich selbst reproduziert.
Solidarität und Kritik
Aus einer linken Perspektive ist die Solidarität mit Wagenknecht in diesem Moment keine Frage der politischen Übereinstimmung in allen Punkten, sondern eine Frage demokratischer Prinzipien. Ihre Position wurde nicht widerlegt – sie wurde delegitimiert, bevor sie überhaupt entfaltet werden konnte. Das ist keine Debatte, das ist Ausgrenzung durch Inszenierung.
Die Frage, warum ausgerechnet in Zeiten globaler Satellitenüberwachung die Herkunft von Drohnen angeblich im Dunkeln liegt, ist eine legitime – sie zielt weniger auf Technik als auf die Glaubwürdigkeit des Narrativs selbst. Sie verweist auf die Möglichkeit, dass die mediale Hysterie möglicherweise anderen Zwecken dient als der Aufklärung. Diese Skepsis als „Propagandanarrativ“ zu denunzieren, wie Carlo Masala es tat, ist intellektuell unredlich – zumal ausgerechnet jener Militärexperte, der seit dreieinhalb Jahren unermüdlich die immer gleichen Eskalationsnarrative reproduziert, anderen nun vorwirft, Propaganda zu verbreiten.
Der Vorwurf, Wagenknecht verbreite Putin-Propaganda, funktioniert nur, weil er auf eine Öffentlichkeit trifft, die bereits entschieden hat, was sagbar ist und was nicht. In dieser Logik ist jede Abweichung vom Konsens bereits Kollaboration mit dem Feind. Der Historiker Christian Hardinghaus hat diese Mechanik präzise beschrieben: „Vor jedem Krieg sortieren Propagandisten die Welt in einfache Schemata ein. Es darf nur noch Gut und Böse geben – und nichts dazwischen.“ Genau diese dualistische Weltanschauung dominierte die gestrige Sendung – und wer sich ihr verweigert, wird zum Verräter erklärt.
Für eine Rückkehr zur Kritik
Was Not tut, ist eine radikale Rückbesinnung auf das, was öffentliche Debatte einmal sein sollte: ein Raum der Auseinandersetzung, nicht der Exkommunikation. Ein Forum, in dem Argumente zählen, nicht Lautstärke. Eine Öffentlichkeit, die aushält, dass Dissens produktiv sein kann.
Die von Precht geforderte „Souveränität statt Angst“ bedeutet konkret: eine Debattenkultur, in der man nicht bereits für das Stellen unbequemer Fragen sozial sanktioniert wird. Eine Gesellschaft, die nicht jeden abweichenden Gedanken als moralischen Verrat behandelt. Eine Öffentlichkeit, die den Mut hat, auch provokante Kunst, gesellschaftskritische Kultur und beherzte Politik zuzulassen – ohne sofort die Moralkeule zu schwingen.
Stattdessen erleben wir die systematische Verengung des Sagbaren, die Moralisierung politischer Fragen, die Emotionalisierung rationaler Diskurse. Die Talkshow wird zum Tribunal, der Moderator zum Inquisitor, das Publikum zur Meute.
Enzensberger würde vermutlich trocken bemerken, dass eine Gesellschaft, die solche Formate braucht, bereits aufgehört hat, an die Möglichkeit von Verständigung zu glauben. Und dies ist kein Zufall, sondern hat System.
Die Frage ist nicht, ob Wagenknecht recht hat oder nicht. Die Frage ist, ob wir eine Öffentlichkeit wollen, in der diese Frage überhaupt noch gestellt werden darf – oder ob wir uns damit abfinden, dass Debatten durch Inszenierungen ersetzt werden.
Das gestrige Spektakel legt nahe, dass wir bereits die zweite Option gewählt haben. Und das ist – aus linker Perspektive – die eigentliche Katastrophe.
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