Trieb und Totalität – Die psychoanalytische Wende der Kritischen Theorie

Pathologie der Aufklärung

Die Aufklärung bringt ihre Regression aus sich selbst hervor. Je weiter Vernunft sich von Erfahrung ablöst und im Kalkül verfestigt, desto mehr verliert sie den Bezug auf das, was sie einst zu befreien versprach. Der Gedanke, der alles verfügbar machen will, organisiert am Ende die Verfügbarkeit der Menschen selbst. Herrschaft tritt dabei kaum noch als offene Gewalt hervor; sie wirkt als innere Disposition, als eingeübte Bereitschaft zur Anpassung, als stillschweigende Zustimmung zum Bestehenden. Was äußerlich als Zwang erscheint, setzt sich innerlich als Haltung fort. Die Rationalität der Gesellschaft findet ihr Echo im Subjekt, das lernt, sich mit den Verhältnissen zu identifizieren, die es deformieren.

Der Marxismus hatte diese Bewegung an der Struktur der Ökonomie entziffert. Er zeigte, wie gesellschaftliche Verhältnisse den Menschen als fremde Macht entgegentreten, wie Arbeit sich gegen die Arbeitenden wendet, wie Freiheit in ihr Gegenteil umschlägt. Die Analyse der Warenform, des Fetischcharakters, der Verdinglichung legte offen, dass die kapitalistische Produktionsweise nicht nur materielle Armut erzeugt, sondern das Bewusstsein selbst kolonisiert. Doch dort, wo sich die Katastrophe des 20. Jahrhunderts vollzog, erwies sich diese Analyse als unzureichend. Der Faschismus lebte von Zustimmung, von Affekten, von einer Lust an der Unterwerfung, die sich rationalen Interessen entzog. Massen folgten nicht ihren objektiven Klasseninteressen, sondern identifizierten sich mit jenen, die ihre Unterdrückung organisierten. Die Frage, warum Menschen an Verhältnissen festhalten, die ihnen schaden – warum sie an ihrer eigenen Unterdrückung aktiv mitwirken –, drängte sich mit einer Vehemenz auf, der ökonomische Kategorien allein nicht standhielten. Das eigentliche Skandalon bestand nicht in der Macht der Herrschenden, sondern in der Bereitschaft der Beherrschten.

Hier gewinnt die Psychoanalyse ihre kritische Bedeutung. Freuds Theorie rückt jene Zone ins Zentrum, in der gesellschaftliche Macht sich psychisch sedimentiert: im Trieb, in der Angst, im Gewissen. Sie zeigt, wie Kultur auf der Internalisierung von Zwang beruht und wie diese Internalisierung das Subjekt formt. Die Anpassung an Herrschaft vollzieht sich nicht erst im Bewusstsein, sondern in der libidinösen Struktur des Ichs. Der Einzelne wird zum Komplizen der Ordnung, weil sie sich in seinen Wünschen, Hemmungen und Idealen niederschlägt. Die Zustimmung zur Herrschaft kann nicht mehr allein aus falschen Interessen erklärt werden; sie wurzelt in einer libidinösen Ökonomie, die das Subjekt an seine Ketten bindet, noch bevor es diese als solche erkennt.

Für die frühe Kritische Theorie markiert Freud damit eine theoretische Schwelle. Seine Psychoanalyse öffnet den Blick auf die innere Geschichte der Gesellschaft. Sie macht sichtbar, dass Ideologie mehr ist als falsches Bewusstsein: ein Ensemble aus Affekten, Charakterhaltungen und psychischen Investitionen, das sich der rationalen Durchdringung entzieht und gerade dadurch seine Wirksamkeit entfaltet. Die Herrschaft über die äußere Natur setzt sich fort als Herrschaft über die innere. Aufklärung schlägt in Mythologie zurück, sobald sie das Lebendige im Subjekt selbst diszipliniert. Der Zwang, den die Gesellschaft ausübt, reproduziert sich als innerer Zwang, als Über-Ich, das die Normen der Herrschaft internalisiert und gegen die eigenen Regungen wendet.

Freud wird so zum Kronzeugen einer Vernunft, die an sich selbst erkrankt ist. Seine Lehre liefert keine Versöhnung, wohl aber ein Instrument der Diagnose – dessen Gebrauch selbst der Kritik bedarf. Sie erlaubt, jene dunkle Rationalität zu begreifen, die sich im autoritären Charakter, in Projektion und Aggression Bahn bricht. Dass Menschen sich an Führer binden, anstatt sich ihrer Freiheit zu bedienen, erscheint nun als Resultat einer gesellschaftlich produzierten Psyche. Die libidinöse Bindung an Autorität ist nicht Ausdruck individueller Pathologie, sondern Normalität einer Gesellschaft, die Autonomie verspricht und zugleich unmöglich macht. Zugleich birgt diese Wendung ein Risiko: die Gefahr, Herrschaft zu naturalisieren, indem man sie in der Triebstruktur verankert. Wo das Leiden seinen Grund in der Psyche zu haben scheint, droht die gesellschaftliche Vermittlung unsichtbar zu werden.

In dieser Perspektive wird deutlich, weshalb die Kritische Theorie ohne Psychoanalyse ihre eigene Aufgabe verfehlen würde. Gesellschaftskritik, die beim Bewusstsein stehen bleibt, unterschlägt die Tiefenschichten der Anpassung. Eine Theorie, die Emanzipation denkt, muss auch jene Kräfte in Rechnung stellen, die sie blockieren – und sei es im Namen der Lust, der Sicherheit, der Ordnung. Freud hat diese Kräfte freigelegt. Dass sie sich der Vernunft entziehen, ist nicht ihr Defizit, sondern gehört selbst zur Wahrheit der aufgeklärten Gesellschaft. Die Integration der Psychoanalyse in die Kritische Theorie ist damit keine bloße Erweiterung des theoretischen Arsenals, sondern eine notwendige Selbstreflexion der Vernunft auf ihre eigenen Grenzen.

Horkheimer: Die Vermittlung von Trieb und Totalität

Die Psychoanalyse erlaubt es Horkheimer, jene Vermittlung sichtbar zu machen, die zwischen den objektiven Strukturen der Gesellschaft und den subjektiven Dispositionen waltet. Vermittlung meint dabei keine bloße Kausalverbindung. Die ökonomische Struktur setzt sich nicht mechanisch in psychische Dispositionen um. Sie formt vielmehr die Triebstruktur selbst, indem sie bestimmt, welche Wünsche befriedigt, welche sublimiert, welche verdrängt werden. Der Trieb erscheint so als gesellschaftlich geprägtes Material, das Herrschaft in intimste Regungen einschreibt.

Diese Vermittlung vollzieht sich nicht abstrakt, sondern in konkreten Institutionen und Erfahrungen. Das Verhältnis von ökonomischer Basis und psychischer Struktur ist kein mechanisches Ableitungsverhältnis, sondern eine lebendige Durchdringung. Die kapitalistische Produktionsweise erzwingt Disziplin, Pünktlichkeit, Triebaufschub – doch diese Anforderungen treten dem Subjekt nicht als äußere Gesetze entgegen. Sie werden internalisiert, in Charakterhaltungen übersetzt, als psychische Dispositionen verfestigt. Was Marx als Basis-Überbau-Verhältnis beschrieb, erscheint hier in seiner psychischen Konkretion: Die ökonomischen Zwänge sedimentieren sich in der Triebstruktur, in Affekten, in unbewussten Haltungen. Die Familie fungiert als entscheidende Schaltstelle dieser Transformation. Das Kind erlebt nicht die abstrakte Gewalt des Marktes, sondern die Autorität des Vaters, der selbst den Zwängen der Arbeitswelt unterworfen ist. Die väterliche Strenge ist Echo der gesellschaftlichen Disziplin; die mütterliche Liebe bleibt an Gehorsam gebunden. Was als natürliche Erziehung erscheint, erweist sich als Formierung für eine Ordnung, die Unterwerfung verlangt. Die Psychoanalyse erlaubt es, diese doppelte Codierung zu entziffern: Die Familie vermittelt nicht nur Normen, sie erzeugt jene libidinöse Struktur, die das Subjekt an diese Normen bindet, bevor es sie als Zwang erkennt. Der Gehorsam wird zur zweiten Natur, die Anpassung zum Bedürfnis.

Familie, Schule und Beruf fungieren als Apparate dieser Einschreibung. Sie formen nicht nur Verhaltensweisen, sie präparieren die psychische Verfasstheit der Subjekte auf Gehorsam und Konformität vor. Was als natürliche Entwicklung erscheint, erweist sich als gesellschaftliche Disziplinierung. Die Anpassung vollzieht sich in Schichten, die dem Bewusstsein vorgelagert sind. Autorität und Unterwerfung wurzeln in frühen Erfahrungen, in familiären Bindungen, in jenen Momenten, in denen das Kind lernt, seine Regungen zu zügeln, um Liebe zu erhalten. Die Familie erscheint dabei nicht als private Zuflucht, sondern als gesellschaftlicher Apparat, der die Reproduktion der Machtverhältnisse sicherstellt. Sie übersetzt die Abstraktion ökonomischer Zwänge in die Konkretheit affektiver Bindung.

Diese Einsicht zwingt die Kritische Theorie zu einer methodischen Innovation. Horkheimer verbindet die psychoanalytische Untersuchung der Subjektstruktur mit der marxistischen Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse. Die Repression der Triebe wird zur Bedingung gesellschaftlicher Ordnung; zugleich weisen verdrängte Regungen auf mögliche Bruchstellen hin. Das Verdrängte kehrt wieder – als Symptom, als Aggression, als diffuse Unzufriedenheit. In dieser Wiederkehr liegt ein Moment, das sich der totalen Integration entzieht. Die Psychoanalyse wird so zum Instrument, das die Verstrickung von individueller Disposition und gesellschaftlicher Totalität aufdeckt. Gerade die Analyse der Verstrickung wird zur Voraussetzung ihrer theoretischen Durchbrechung.

Die empirische Forschung zur autoritären Persönlichkeit, die Horkheimer gemeinsam mit Fromm und Adorno unternimmt, operationalisiert diese Einsicht. Die Fragebogenstudien, Interviews und Skalenmessungen dienen nicht der positivistischen Verifikation. Sie konkretisieren vielmehr die abstrakten Kategorien der Gesellschaftskritik. Sie machen die Verflechtung von Macht, Angst, Schuld und Anpassung empirisch greifbar. Jeder Versuch, die Ursachen autoritärer Tendenzen rein ökonomisch zu erklären, bleibt fragmentarisch, solange er die psychische Vermittlung unterschlägt. Die Subjektivität wird zum Medium der Reproduktion von Herrschaft und zugleich zum Ort ihrer theoretischen Durchbrechung.

Vermittlung bedeutet in dieser Perspektive innere Durchdringung: Die Gesellschaft ist im Subjekt gegenwärtig, und das Subjekt trägt die Gesellschaft in sich. Horkheimers Leistung besteht darin, diese Verschränkung als Gegenstand der Analyse zu begreifen. Damit verleiht er der Kritischen Theorie jene Tiefenschärfe, ohne die sie vor den Phänomenen des 20. Jahrhunderts stumm geblieben wäre. Die Psychoanalyse erweist sich nicht als Ergänzung, sondern als Schlüssel zur Verfeinerung der Kritik. Sie erweitert die Analyse der gesellschaftlichen Totalität auf die Ebene der psychischen Struktur – und macht sichtbar, dass gesellschaftliche Ordnung und individuelle Disposition untrennbar verschränkt sind.

Adorno: Negative Aneignung der Psychoanalyse

Adorno nähert sich der Psychoanalyse mit kritischer Distanz – und gerade darin unterscheidet er sich von Horkheimers vermittlungstheoretischem Zugriff. Er erkennt ihre analytische Kraft, bewahrt jedoch den Verdacht gegen jede systematische Geschlossenheit. Die Stärke der Psychoanalyse liegt für ihn nicht in der Formulierung universeller Wahrheiten über den Menschen. Sie liegt in ihrer Fähigkeit, die Widersprüche der Gesellschaft im Innern des Subjekts sichtbar zu machen. Die Psychoanalyse fungiert als Seismograph gesellschaftlicher Erschütterungen. Sie registriert im Symptom, in der Fehlleistung, im Traum jene Spannungen, die das bewusste Denken glättet und rationalisiert.

Zugleich liest Adorno Freud in radikaler Ambivalenz. Als Aufklärer, insofern er die gesellschaftliche Produktion von Subjektivität freilegt. Als Ideologen, insofern seine Theorie die Verewigung der Repression nahelegt. Freud deckt auf, was die Gesellschaft verbirgt, und verfestigt es zugleich, indem er es zur anthropologischen Konstante erhebt. Was als historisch gewordener Zwang zu begreifen wäre, erscheint bei Freud als Natur des Menschen. Diese Spannung prägt Adornos gesamte Rezeption.

In der Analyse der autoritären Persönlichkeit dient Freud als methodisches Instrument, um jene psychischen Mechanismen zu erfassen, die faschistische Tendenzen reproduzieren. Die Triebe erscheinen nicht isoliert. Sie werden kanalisiert, sublimiert, umgelenkt, um die bestehende Ordnung zu stabilisieren. Adorno begreift Ideologie als affektiv verankertes, internalisiertes System. Sie ist nicht nur eine Menge falscher Sätze über die Welt. Sie ist ein Ensemble libidinöser Besetzungen, das sich der rationalen Korrektur entzieht. Die autoritäre Persönlichkeit wird zur Chiffre für die Reproduktion von Macht. Die familiären und sozialen Bedingungen strukturieren Projektionen, Aggressionen, Schuldgefühle. Das Subjekt hasst nicht zufällig. Es hasst nach einer Logik, die in seiner psychischen Struktur angelegt ist – und diese Struktur selbst ist gesellschaftlich produziert.

Der Begriff der Projektion nimmt dabei eine Schlüsselstellung ein. Projektion ist für Adorno nicht nur ein psychischer Mechanismus. Sie ist die innersubjektive Form gesellschaftlicher Herrschaft. Das Subjekt projiziert seine eigene Beschädigung nach außen und verwandelt sie in Hass. Was im Inneren nicht gelebt, nicht integriert, nicht zugelassen werden kann, wird dem Anderen zugeschrieben und dort bekämpft. Der Antisemit bekämpft im Juden, was er an sich selbst unterdrücken muss. Der Konformist verachtet im Außenseiter die eigene verdrängte Nonkonformität. Die Psychoanalyse zeigt, wie Angst und Aggression in der individuellen Psyche die gesellschaftliche Ordnung stabilisieren. Das Subjekt fungiert als Schnittstelle zwischen äußeren und inneren Zwangsmechanismen. Projektion ist damit zugleich individuelles Symptom und gesellschaftliches Strukturprinzip.

In der Dialektik der Aufklärung nutzt Adorno die psychoanalytische Perspektive, um die instrumentelle Vernunft als Herrschaftsform zu deuten. Der Mensch, geprägt durch die inneren Zwänge der Zivilisation, reagiert auf äußere Zwänge mit innerer Anpassung, Projektion und Regression. Was die Aufklärung als Fortschritt versprach – die Befreiung von mythischer Angst – kehrt sich um in eine neue Form der Unfreiheit. Die Herrschaft über die Natur wird zur Herrschaft über die innere Natur, zur Disziplinierung der Triebe, zur Verstümmelung des Lebendigen. Triebunterdrückung und gesellschaftliche Normierung verfestigen ein Subjekt, das die Logik der Herrschaft in sich trägt und nach außen wendet. Die Mimesis ans Tote, die Identifikation mit dem Aggressor, die Verhärtung des Ichs gegen die eigenen Regungen – all dies sind Formen, in denen das beschädigte Subjekt seine Beschädigung reproduziert.

Die psychoanalytische Perspektive wird für Adorno zum Mittel, die Negativität der Gesellschaft zu erfassen. Trieb und Affekt sind nicht deterministisch zu lesen. Sie fungieren als Indikatoren für gesellschaftliche Zwänge. Der Trieb ist kein biologisches Faktum. Er ist selbst schon gesellschaftlich geformt. Die Aggression ist nicht Ausdruck einer Natur. Sie ist Resultat blockierter Lebensmöglichkeiten. Jede psychoanalytische Beobachtung verweist zugleich auf die Grenzen der Analyse. Die Totalität der Gesellschaft kann nie vollständig im Subjekt erfasst werden, weil das Subjekt selbst nur Moment dieser Totalität ist.

Die kritische Aufgabe besteht darin, die Strukturen der Unterdrückung sichtbar zu machen, die Anpassung reproduzieren und zugleich kritische Reflexion ermöglichen. Adorno betont die Ambivalenz der Psychoanalyse. Sie liefert Instrumente der Kritik, bleibt aber selbst den gesellschaftlichen Bedingungen ausgesetzt, die ihre Erkenntnisse konstituieren. Die Psychoanalyse ist Teil der Aufklärung und teilt deren Dialektik. Sie kann aufklären, ohne aus der Verstrickung herauszutreten.

Die kritische Leistung Adornos besteht darin, die Psychoanalyse nicht als anthropologisches Dogma zu lesen. Er begreift sie als diagnostisches Prisma, das gesellschaftliche Zwänge im Subjekt sichtbar macht. Der Trieb dient als Indikator. Projektion und Regression werden als Zeichen gesellschaftlicher Funktionsweise interpretiert. Adorno zeigt, dass psychoanalytische Methoden zur Analyse von Ideologie, Autorität und Unterwerfung unverzichtbar sind. Ihre theoretische Integration muss jedoch immer kritisch bleiben. Jede Naturalisierung psychischer Prozesse verrät die Einsicht, dass das Subjekt gesellschaftlich produziert ist – und damit veränderbar bleibt.

Gerade im Scheitern der Versöhnung sieht Adorno eine negative Form von Wahrheit. Die Einsicht in die Verstrickung ist selbst schon ein Moment von Freiheit, auch wenn sie diese nicht realisieren kann. Das Wissen um die eigene Beschädigung hebt die Beschädigung nicht auf, verändert aber die Haltung zu ihr. In dieser minimalen Differenz – zwischen dem Leiden an der Gesellschaft und dem bloßen Mitmachen – bewahrt die Psychoanalyse ihre kritische Kraft. Als Widerstand gegen jede vorschnelle Versöhnung. Als Insistieren auf dem Nicht-Identischen, das die Totalität der Herrschaft nicht restlos erfasst. Die Psychoanalyse wird so zum Organ einer negativen Dialektik, die auf Befreiung zielt, ohne sie positiv ausmalen zu können. Ihre Wahrheit liegt nicht in der Lösung. Sie liegt in der Präzision der Diagnose – und in der Weigerung, das Beschädigte zu rechtfertigen.

Fromm: Humanistische Verschiebung der Psychoanalyse

Erich Fromm nimmt innerhalb der frühen Kritischen Theorie eine ambivalente Stellung ein. Seine psychoanalytischen Arbeiten entspringen demselben theoretischen Impuls wie jene Horkheimers und Adornos: der Einsicht, dass gesellschaftliche Herrschaft sich im Inneren der Subjekte fortsetzt. Zugleich verschiebt Fromm den Akzent der Analyse. Während Freud die Dynamik von Triebunterdrückung und Verdrängung in den Mittelpunkt stellt, rückt Fromm die Erfahrung der Freiheit selbst als psychisches Problem ins Zentrum.

Die moderne Gesellschaft erzeugt Subjekte, die formal autonom sind und zugleich innerlich überfordert erscheinen. Freiheit wird zur Quelle von Angst. Aus dieser Angst speist sich der Wunsch nach Bindung, Ordnung, Autorität. Das Subjekt, das sich selbst bestimmen soll, flieht vor dieser Zumutung in Konformität oder Unterwerfung. Die Angst vor der Freiheit ist nicht individuelles Versagen. Sie ist gesellschaftlich erzeugte Disposition.

In Escape from Freedom analysiert Fromm diese Dynamik als historisches Phänomen der bürgerlichen Gesellschaft. Die Auflösung traditioneller Bindungen und die Vereinzelung des Individuums führen zu einer psychischen Leerstelle. Diese Leerstelle wird gefüllt durch Anpassung, Konformität, autoritäre Ideologien. Der Verlust ständischer Sicherheiten, religiöser Gewissheiten, feudaler Ordnungen hinterlässt ein Subjekt, das zwar formal frei, aber psychisch entwurzelt ist. Der autoritäre Charakter erscheint hier weniger als Produkt verdrängter Aggressionen denn als Reaktion auf existentielle Unsicherheit. Die Psychoanalyse dient Fromm dazu, diese Fluchtbewegungen zu entschlüsseln. Unterwerfung, Destruktivität, Automatisierung werden als Strategien verstanden, mit denen das Subjekt die Zumutungen individueller Verantwortung abwehrt. Autorität verspricht Entlastung. Konformität bietet Zugehörigkeit. Destruktivität kanalisiert die Angst in Aggression gegen Andere.

Zentral für Fromms Ansatz ist der Begriff des Sozialcharakters. Er bezeichnet jene relativ stabilen psychischen Dispositionen, die eine Gesellschaft hervorbringt, um ihre Funktionsweise zu sichern. Der Sozialcharakter vermittelt zwischen ökonomischer Struktur und individuellem Erleben. Wünsche, Bedürfnisse, Ängste werden so geformt, dass sie mit den Anforderungen der Gesellschaft kompatibel bleiben. Entscheidend ist dabei, dass der Sozialcharakter nicht nur Anpassung bedeutet. Er ist eine produktive Vermittlung. Er macht es möglich, dass Menschen ihre Unterwerfung als Freiheit erleben, dass sie die Zwänge der Gesellschaft als eigene Bedürfnisse internalisieren. Der kapitalistische Charakter will, was er soll. Er empfindet Leistung als Erfüllung, Konkurrenz als Chance, Konsum als Befriedigung. In dieser Perspektive erscheint die Familie als entscheidende Instanz der Vermittlung. Sie überträgt gesellschaftliche Normen in affektive Bindungen und prägt jene Charakterhaltungen, die Anpassung begünstigen. Das Kind lernt nicht nur Regeln. Es internalisiert eine Haltung zur Welt – und diese Haltung reproduziert die gesellschaftliche Ordnung. Doch gerade in dieser Perspektive, die Charakterbildung ins Zentrum rückt, kündigt sich bereits jene Verschiebung an, die Fromm von der negativen Dialektik Adornos trennen wird.

Fromms humanistische Akzentuierung zeigt sich besonders in seiner Auffassung von Trieb und Aggression. Diese werden als formbar, historisch variabel, gesellschaftlich beeinflusst begriffen. Destruktive Impulse gelten ihm als Reaktionen auf blockierte Lebensmöglichkeiten, auf Entfremdung und Ohnmacht. Die Analyse psychischer Prozesse bleibt stets auf gesellschaftliche Bedingungen bezogen. Aggression ist nicht Triebschicksal. Sie ist Resultat versagter Erfahrung. Angst ist nicht anthropologische Konstante. Sie ist historisch erzeugte Disposition. Zugleich öffnet sich hier ein normativer Horizont. Fromm betont die Möglichkeit produktiver Beziehungen, solidarischer Praxis, einer nicht-autoritären Vergesellschaftung. Psychoanalyse wird zu einem Instrument, das nicht nur erklärt. Sie bietet auch Orientierung. Sie weist auf Möglichkeiten hin, die in den bestehenden Verhältnissen blockiert sind, aber nicht unmöglich bleiben.

Gerade diese humanistische Wendung markiert jedoch auch die innere Spannung innerhalb der Kritischen Theorie. Fromms Betonung von Selbstverwirklichung, Verantwortung, produktiver Freiheit verschiebt die Analyse von gesellschaftlicher Totalität hin zu einer stärker normativen Anthropologie. Während Horkheimer und Adorno die Psychoanalyse vor allem als kritisches Diagnoseinstrument einsetzen und auf der Negativität der Gesellschaft insistieren, tendiert Fromm dazu, sie mit positiven Entwürfen eines gelingenden Lebens zu verbinden. Für Fromm ist das Subjekt zu retten. Für Adorno ist es selbst Teil des Problems. Die gesellschaftliche Vermittlung der Psyche bleibt zwar präsent, verliert jedoch an negativer Schärfe. Wo Adorno auf der Unversöhnlichkeit besteht, bietet Fromm Perspektiven der Heilung. Wo Adorno die Beschädigung als unaufhebbar darstellt, denkt Fromm Möglichkeiten produktiver Charakterbildung.

Diese Verschiebung hat theoretische Konsequenzen. Fromms normativer Horizont markiert für Adorno eine Grenze der Kritik. Wo Fromm Emanzipation als Selbstverwirklichung denkt, sieht Adorno die Gefahr, die Psychoanalyse in eine Moralphilosophie zu verwandeln und damit ihre negative Schärfe preiszugeben. Emanzipation als Selbstverwirklichung zu denken, bedeutet für Adorno, die gesellschaftlichen Bedingungen der Beschädigung zu unterschlagen. Die Gefahr einer moralischen Psychologisierung gesellschaftlicher Widersprüche wird hier sichtbar. Wo das Problem auf Charakterbildung reduziert wird, verschwindet die Totalität, die diese Charaktere hervorbringt. Fromms Ansatz läuft Gefahr, Emanzipation als pädagogische Aufgabe zu missdeuten. Dennoch bleiben seine Analysen autoritärer Bindung, der Angst vor Freiheit und des Sozialcharakters unverzichtbare Momente der freudomarxistischen Konstellation – gerade weil sie die Frage offenhalten, ob Kritik ohne normativen Horizont überhaupt handlungsfähig bleiben kann.

Innerhalb der frühen Frankfurter Schule erfüllt Fromms Ansatz somit eine doppelte Funktion. Er erweitert die psychoanalytische Gesellschaftskritik um eine präzise Analyse der Angst vor Freiheit und der sozialen Bedingungen von Anpassung. Zugleich macht sein Werk jene theoretische Bruchlinie sichtbar, die sich später zuspitzt: die Frage, ob Psychoanalyse primär der negativen Kritik gesellschaftlicher Verhältnisse dient oder auch positive Leitbilder menschlicher Emanzipation formulieren kann. Fromm neigt zur zweiten Position. Adorno insistiert auf der ersten. In dieser Spannung bleibt Fromms Werk ein integraler Bestandteil der freudomarxistischen Konstellation – als Beitrag, der die psychische Seite der Herrschaft erhellt und zugleich die Grenzen einer humanistischen Versöhnung sichtbar werden lässt. Die Kritische Theorie bewahrt sich in diesem Widerspruch. Sie hält die Spannung zwischen Negativität und normativem Horizont offen, statt sie vorschnell aufzulösen.

Marcuse: Triebstruktur, Überschussrepression und die Möglichkeit des Eros

Herbert Marcuse treibt die Integration von Psychoanalyse und Kritischer Theorie am weitesten voran. Während Horkheimer die Psychoanalyse als vermittelndes Instrument einsetzt und Adorno sie negativ-diagnostisch gebraucht, entfaltet Marcuse aus ihr eine gesellschaftstheoretische Perspektive mit explizit utopischem Horizont. Freud erscheint bei ihm als Denker einer historischen Triebökonomie, deren Kategorien sich auf die Struktur der modernen Gesellschaft selbst anwenden lassen. Triebunterdrückung wird zum Schlüsselbegriff einer Theorie, die Herrschaft, Arbeit und Kultur als zusammenhängende Formation begreift.

Im Zentrum von Eros and Civilization steht die These, dass Freuds Annahme einer notwendigen Triebunterdrückung historisch präzisiert werden muss. Marcuse unterscheidet zwischen einer Grundform der Repression, die aus der Notwendigkeit gesellschaftlicher Organisation hervorgeht, und einer historisch spezifischen Mehrbelastung der Triebe, die den Erfordernissen der kapitalistischen Produktionsweise geschuldet ist. Diese zusätzliche Disziplinierung bezeichnet er als Überschussrepression. Sie formt Subjekte, deren libidinöse Energien auf Arbeit, Leistung, Anpassung gelenkt werden. Die Psychoanalyse liefert hier die Kategorien, um diese Verschiebung der Triebenergie zu analysieren und ihre gesellschaftliche Funktion offenzulegen.

Marcuse verbindet diese Analyse mit einer umfassenden Kritik des Leistungsprinzips. Die Organisation von Arbeit und Zeit strukturiert nicht nur den Produktionsprozess. Sie greift tief in die psychische Ökonomie der Subjekte ein. Lust wird aufgeschoben, kanalisiert, in konsumtive Ersatzbefriedigungen überführt. Die Sublimierung, die Freud als zivilisatorische Leistung beschreibt, erscheint bei Marcuse als Mechanismus gesellschaftlicher Stabilisierung. Triebverzicht sichert Ordnung, produziert aber zugleich Aggression, Unzufriedenheit, eine latente Bereitschaft zur Gewalt. Psychoanalyse wird so zu einer Theorie der gesellschaftlich organisierten Unlust.

Gleichzeitig liest Marcuse Freud gegen den Strich seiner kulturpessimistischen Konsequenzen. Die Triebe gelten ihm als historisch formbar. Ihre Organisation folgt gesellschaftlichen Bedingungen und kann daher auch anders gestaltet werden. Aus dieser Annahme gewinnt Marcuse den Begriff des Eros als Gegenkraft zur repressiven Vernunft. Eros bezeichnet nicht nur Entspannung oder Befriedigung. Er bezeichnet eine libidinöse Rationalität, die der instrumentellen Vernunft entgegengesetzt ist. Eros ist eine andere Form der Welterfahrung: eine Organisation von Wahrnehmung, Zeit, Körperlichkeit, die auf Spiel, Sinnlichkeit, nicht-instrumentelle Beziehung zielt. In ihm erscheint eine Möglichkeit gesellschaftlicher Rationalität, die auf Befriedung statt Beherrschung beruht. Die Psychoanalyse eröffnet damit einen Horizont, in dem Befreiung nicht allein als ökonomische Umverteilung, sondern als qualitative Transformation der Bedürfnisse gedacht wird.

Entscheidend ist, dass Marcuses Utopie keine Jenseitsprojektion darstellt. Sie ist aus der Analyse der bestehenden Repression gewonnen, aus der Kritik der Überschussrepression selbst. Marcuse bewahrt die negative Methode der Kritischen Theorie, öffnet sie aber ins Utopische. Die Möglichkeit einer nicht-repressiven Gesellschaft entspringt nicht einem abstrakten Ideal. Sie entspringt der Einsicht, dass die gegenwärtige Triebökonomie historisch kontingent und daher veränderbar ist. Die Immanenz der Kritik bleibt gewahrt.

Diese Perspektive verbindet Marcuse mit einer ästhetischen Dimension. Kunst wird zum Ort, an dem verdrängte Möglichkeiten der Erfahrung aufscheinen. In ihr manifestiert sich eine andere Organisation von Wahrnehmung, Zeit, Körperlichkeit. Die ästhetische Erfahrung bewahrt einen Vorschein dessen, was eine nicht-repressive Gesellschaft leisten könnte. Auch hier greift Marcuse auf Freud zurück. Kunst erscheint als sublimierte Triebäußerung, die sich der vollständigen Funktionalisierung entzieht. Die Psychoanalyse liefert die Begriffe, um diesen Widerstand der Sinnlichkeit gegen die Totalität der Herrschaft zu deuten.

Innerhalb der Kritischen Theorie markiert Marcuses Ansatz einen Bruch und eine Zuspitzung zugleich. Seine Freud-Lektüre öffnet die Theorie für einen positiven Entwurf von Emanzipation, der über reine Negativität hinausgeht. Diese Öffnung bleibt umstritten. Adorno begegnet ihr mit Skepsis. Er befürchtet, dass Marcuses Eros-Begriff die Affirmation des Bestehenden befördert, indem er eine Versöhnung verspricht, die nicht eingelöst werden kann. Für Adorno besteht die Gefahr, dass die utopische Perspektive die realen Bedingungen der Unterdrückung unterschlägt und zur ideologischen Beschwichtigung wird. Diese Spannung zwischen Adornos Insistieren auf Negativität und Marcuses utopischem Überschuss ist für das Verständnis der Frankfurter Schule zentral.

Gleichwohl lässt sich Marcuses Beitrag als notwendige Radikalisierung verstehen. Er zeigt, dass Gesellschaftskritik ohne eine Theorie der Bedürfnisse, der Lust, der Körperlichkeit unvollständig bleibt. Die Psychoanalyse wird hier zum Medium einer Hoffnung, die sich aus der Analyse der Unterdrückung selbst speist. Marcuses Integration Freuds führt die freudomarxistische Konstellation an ihren äußersten Punkt. Triebstruktur, Arbeit, Herrschaft, Kultur erscheinen als Teile eines Zusammenhangs, der historisch entstanden ist und historisch veränderbar bleibt. Psychoanalyse fungiert dabei als Theorie der Möglichkeit. Sie zeigt, wie tief Herrschaft reicht, und deutet zugleich an, dass ihre Überwindung eine andere Organisation des Begehrens voraussetzt. In dieser Spannung zwischen Diagnose und Utopie entfaltet Marcuses Werk seine anhaltende Provokation.

Fromm und Marcuse: Spaltung der freudomarxistischen Linie

Die Divergenz zwischen Erich Fromm und Herbert Marcuse markiert keinen bloßen Richtungsstreit innerhalb der Kritischen Theorie. Sie legt vielmehr eine innere Spannung frei, die mit der Aneignung der Psychoanalyse selbst gegeben ist. Beide gehen von derselben Erfahrung aus: der Einsicht, dass gesellschaftliche Herrschaft sich nicht allein in ökonomischen Strukturen erschöpft, sondern im Subjekt sedimentiert. Doch während Fromm diese Einsicht auf eine sozialpsychologische Rekonstruktion des Charakters richtet, treibt Marcuse sie in eine radikale Kritik der Triebökonomie hinein. Die Psychoanalyse wird hier zum Prüfstein der Theorie, an dem sich entscheidet, ob Emanzipation als Möglichkeit innerer Reifung oder als Bruch mit der bestehenden Bedürfnisstruktur gedacht wird.

Fromms Revision der Freud’schen Lehre verschiebt den Akzent von der Dynamik der Triebe auf die Formung stabiler Charakterorientierungen. Angst, Abhängigkeit, autoritäre Bindung erscheinen bei ihm als Resultat gesellschaftlich organisierter Lebensbedingungen, die im Individuum dispositionsförmig fortwirken. Freiheit wird zur psychischen Zumutung, der das Subjekt durch Anpassung ausweicht. Diese Perspektive bewahrt die Kritische Theorie vor biologischer Verengung und eröffnet einen normativen Horizont, in dem Autonomie, Produktivität, Solidarität denkbar bleiben. Zugleich verliert die Psychoanalyse dabei ihren sprengenden Gehalt. Die Triebtheorie wird entschärft zugunsten einer Theorie gelingender Sozialisation, die den Widerspruch zwischen Lust und Arbeit, Körper und Leistung tendenziell befriedet.

Marcuse insistiert demgegenüber auf dem konflikthaften Kern der Freud’schen Theorie. Für ihn ist die gesellschaftliche Formierung der Triebe selbst Ausdruck von Herrschaft, nicht deren bloße psychische Vermittlung. Indem er Repression historisiert, öffnet er den Blick auf Möglichkeiten jenseits des Leistungsprinzips, ohne sie positiv auszumalen. Emanzipation erscheint als qualitative Veränderung der Bedürfnisse, als andere Organisation von Sinnlichkeit, Zeit, Körper. Diese Radikalisierung bewahrt den negativen Impuls der Psychoanalyse, riskiert jedoch ihre politische Anschlussfähigkeit. Was bei Fromm als Integration des Subjekts denkbar bleibt, tritt bei Marcuse als utopischer Überschuss hervor, der sich der Versöhnung mit dem Bestehenden entzieht.

Der Bruch zwischen beiden Positionen trägt zugleich eine politische Dimension. Fromm tendiert zu einer pädagogischen, therapeutischen Praxis, die auf die Formung autonomer, produktiver Charaktere zielt. Marcuse hingegen verweist auf eine revolutionäre Perspektive, die nicht das Subjekt an die Gesellschaft anpassen, sondern die Gesellschaft selbst transformieren will. Fromms Ansatz läuft Gefahr, Emanzipation als individuelle Reifung misszuverstehen. Marcuses Ansatz droht, die Möglichkeit konkreter Veränderung aus den Augen zu verlieren.

Der Bruch ist damit kein theoretischer Unfall. Er ist Ausdruck einer Unentscheidbarkeit, die der freudomarxistischen Konstellation eingeschrieben bleibt. Die Kritische Theorie schwankt zwischen der Hoffnung auf eine psychisch vermittelbare Freiheit und der Einsicht, dass Befreiung die bestehende Triebstruktur selbst in Frage stellt. In dieser Spannung erweist sich die Psychoanalyse zugleich als Rettung und Belastung der Gesellschaftskritik. Sie eröffnet den Blick auf die inneren Bedingungen von Herrschaft, verweigert jedoch eine eindeutige Antwort darauf, wie ein Subjekt aussehen könnte, das dieser Herrschaft nicht mehr entspricht.

Diese Unentscheidbarkeit ist nicht nur ein Problem. Sie ist die Wahrheit der Kritischen Theorie. Sie hält die Spannung offen, statt sie zu versöhnen. Sie insistiert darauf, dass die Frage nach Emanzipation nicht durch eine Synthese beantwortet werden kann. Sie muss im Widerspruch ausgehalten werden. Gerade darin bewahrt die Kritische Theorie ihre kritische Kraft: als Widerstand gegen jede vorschnelle Lösung, als Festhalten an der Negativität, die den Verhältnissen eingeschrieben ist.

Freud als Rettung und Verhängnis

Die psychoanalytische Wendung bezeichnet jenen Punkt, an dem die Kritische Theorie gezwungen ist, sich selbst zu reflektieren. Mit Freud tritt eine Erfahrung ins Denken ein, die der Gesellschaftskritik lange äußerlich geblieben war: die Einsicht, dass Herrschaft nicht erst dort beginnt, wo Zwang sichtbar wird, sondern sich im Inneren der Subjekte fortsetzt. Die Bindung an das Bestehende, das Festhalten an Verhältnissen, die Leiden erzeugen, verweist auf eine libidinöse Verstrickung, die ökonomische Kategorien allein nicht zu erfassen vermögen. Psychoanalyse öffnet so den Blick auf jene Schicht gesellschaftlicher Wirklichkeit, in der Ideologie als Bedürfnis, als Affekt, als Begehren wirksam wird. Sie zwingt die Kritische Theorie, ihre eigene Voraussetzung zu revidieren: dass Aufklärung allein durch Einsicht voranschreite.

Diese Erweiterung bleibt jedoch nicht folgenlos. Indem die Theorie sich der Triebstruktur zuwendet, gerät sie in die Nähe dessen, was sie historisch überwinden will. Wo psychische Dispositionen als relativ stabile Formationen erscheinen, droht Herrschaft ihren geschichtlichen Charakter zu verlieren und den Anschein von Natur anzunehmen. Die Psychoanalyse oszilliert hier zwischen Kritik und Rechtfertigung. Sie legt die Beschädigung des Subjekts offen und läuft zugleich Gefahr, diese Beschädigung als unausweichliche Bedingung menschlicher Existenz zu deuten. Was als Analyse gesellschaftlich produzierten Leidens beginnt, kann in eine Theorie der Dauerhaftigkeit von Anpassung umschlagen. Freud wird damit zur ambivalenten Figur einer Erkenntnis, die Wahrheit freilegt, ohne sie in Befreiung auflösen zu können.

Gerade diese Unaufhebbarkeit verleiht der psychoanalytischen Dimension ihren kritischen Rang. Die Kritische Theorie gewinnt durch Freud keinen sicheren Boden. Sie gewinnt eine instabile Reflexionsfläche, auf der ihre eigenen Hoffnungen prekär werden. Sie sieht sich konfrontiert mit der Möglichkeit, dass gesellschaftliche Veränderung nicht an Bewusstsein allein scheitert, sondern an der tiefen Einprägung von Herrschaft in die Struktur des Begehrens. Damit wird zugleich das marxsche Versprechen einer durch Einsicht vermittelten Praxis auf seine verdrängten Voraussetzungen zurückverwiesen.

Zwischen der Vorstellung eines anderen Lebens und der Einsicht in die Beharrlichkeit psychischer Verformung bleibt ein Riss bestehen, den keine Theorie schließen kann, ohne sich selbst zu verraten. In diesem Riss bewahrt die Psychoanalyse ihre Wahrheit: als Widerstand gegen jede Versöhnung, als Erinnerung daran, dass auch die Kritik der politischen Ökonomie dort an ihre Grenze stößt, wo Herrschaft zur zweiten Natur des Subjekts geworden ist.

Die Frage bleibt, ob eine Kritik, die auf die Beschädigung des Subjekts reflektiert, überhaupt noch an Emanzipation festhalten kann – oder ob sie sich damit begnügen muss, die Bedingungen der Unfreiheit zu benennen. Marcuse hat diese Frage ins Utopische geöffnet. Adorno hat sie in der Negativität festgehalten. Fromm hat sie humanistisch zu versöhnen versucht. Keine dieser Antworten ist endgültig. Gerade darin zeigt sich die bleibende Aktualität der freudomarxistischen Konstellation: Sie hält den Widerspruch offen, statt ihn zu tilgen. Sie insistiert darauf, dass Emanzipation nicht gedacht werden kann, ohne zugleich die Bedingungen zu reflektieren, die sie blockieren.

Die Psychoanalyse bleibt so ein unverzichtbares Moment der Kritischen Theorie – als Rettung und Verhängnis zugleich. Sie rettet die Kritik vor der Illusion, Herrschaft ließe sich durch Bewusstsein allein überwinden. Sie wird ihr zum Verhängnis, weil sie die Möglichkeit offenhält, dass keine Gesellschaft die Subjekte hervorbringen kann, die ihre Befreiung vollziehen könnten. In dieser Aporie bewahrt sich die Wahrheit einer Theorie, die nicht verspricht, was sie nicht halten kann – und gerade deshalb nicht aufhört, auf das Unmögliche zu insistieren. Die psychoanalytische Wende bleibt so der kritischen Selbstreflexion der Vernunft verpflichtet: als Widerstand gegen jede Versöhnung, die das Leiden unterschlägt, und als Erinnerung daran, dass Emanzipation nur zu denken ist, wenn man zugleich begreift, warum sie ausbleibt.

Trieb und Totalität

Die psychoanalytische Wende
der Kritischen Theorie

Pathologie der Aufklärung

Die Aufklärung bringt ihre Regression aus sich selbst hervor. Je weiter Vernunft sich von Erfahrung ablöst und im Kalkül verfestigt, desto mehr verliert sie den Bezug auf das, was sie einst zu befreien versprach. Der Gedanke, der alles verfügbar machen will, organisiert am Ende die Verfügbarkeit der Menschen selbst. Herrschaft tritt dabei kaum noch als offene Gewalt hervor; sie wirkt als innere Disposition, als eingeübte Bereitschaft zur Anpassung, als stillschweigende Zustimmung zum Bestehenden. Was äußerlich als Zwang erscheint, setzt sich innerlich als Haltung fort. Die Rationalität der Gesellschaft findet ihr Echo im Subjekt, das lernt, sich mit den Verhältnissen zu identifizieren, die es deformieren.

Der Marxismus hatte diese Bewegung an der Struktur der Ökonomie entziffert. Er zeigte, wie gesellschaftliche Verhältnisse den Menschen als fremde Macht entgegentreten, wie Arbeit sich gegen die Arbeitenden wendet, wie Freiheit in ihr Gegenteil umschlägt. Die Analyse der Warenform, des Fetischcharakters, der Verdinglichung legte offen, dass die kapitalistische Produktionsweise nicht nur materielle Armut erzeugt, sondern das Bewusstsein selbst kolonisiert. Doch dort, wo sich die Katastrophe des 20. Jahrhunderts vollzog, erwies sich diese Analyse als unzureichend. Der Faschismus lebte von Zustimmung, von Affekten, von einer Lust an der Unterwerfung, die sich rationalen Interessen entzog. Massen folgten nicht ihren objektiven Klasseninteressen, sondern identifizierten sich mit jenen, die ihre Unterdrückung organisierten. Die Frage, warum Menschen an Verhältnissen festhalten, die ihnen schaden – warum sie an ihrer eigenen Unterdrückung aktiv mitwirken –, drängte sich mit einer Vehemenz auf, der ökonomische Kategorien allein nicht standhielten. Das eigentliche Skandalon bestand nicht in der Macht der Herrschenden, sondern in der Bereitschaft der Beherrschten.

Hier gewinnt die Psychoanalyse ihre kritische Bedeutung. Freuds Theorie rückt jene Zone ins Zentrum, in der gesellschaftliche Macht sich psychisch sedimentiert: im Trieb, in der Angst, im Gewissen. Sie zeigt, wie Kultur auf der Internalisierung von Zwang beruht und wie diese Internalisierung das Subjekt formt. Die Anpassung an Herrschaft vollzieht sich nicht erst im Bewusstsein, sondern in der libidinösen Struktur des Ichs. Der Einzelne wird zum Komplizen der Ordnung, weil sie sich in seinen Wünschen, Hemmungen und Idealen niederschlägt. Die Zustimmung zur Herrschaft kann nicht mehr allein aus falschen Interessen erklärt werden; sie wurzelt in einer libidinösen Ökonomie, die das Subjekt an seine Ketten bindet, noch bevor es diese als solche erkennt.

Für die frühe Kritische Theorie markiert Freud damit eine theoretische Schwelle. Seine Psychoanalyse öffnet den Blick auf die innere Geschichte der Gesellschaft. Sie macht sichtbar, dass Ideologie mehr ist als falsches Bewusstsein: ein Ensemble aus Affekten, Charakterhaltungen und psychischen Investitionen, das sich der rationalen Durchdringung entzieht und gerade dadurch seine Wirksamkeit entfaltet. Die Herrschaft über die äußere Natur setzt sich fort als Herrschaft über die innere. Aufklärung schlägt in Mythologie zurück, sobald sie das Lebendige im Subjekt selbst diszipliniert. Der Zwang, den die Gesellschaft ausübt, reproduziert sich als innerer Zwang, als Über-Ich, das die Normen der Herrschaft internalisiert und gegen die eigenen Regungen wendet.

Freud wird so zum Kronzeugen einer Vernunft, die an sich selbst erkrankt ist. Seine Lehre liefert keine Versöhnung, wohl aber ein Instrument der Diagnose – dessen Gebrauch selbst der Kritik bedarf. Sie erlaubt, jene dunkle Rationalität zu begreifen, die sich im autoritären Charakter, in Projektion und Aggression Bahn bricht. Dass Menschen sich an Führer binden, anstatt sich ihrer Freiheit zu bedienen, erscheint nun als Resultat einer gesellschaftlich produzierten Psyche. Die libidinöse Bindung an Autorität ist nicht Ausdruck individueller Pathologie, sondern Normalität einer Gesellschaft, die Autonomie verspricht und zugleich unmöglich macht. Zugleich birgt diese Wendung ein Risiko: die Gefahr, Herrschaft zu naturalisieren, indem man sie in der Triebstruktur verankert. Wo das Leiden seinen Grund in der Psyche zu haben scheint, droht die gesellschaftliche Vermittlung unsichtbar zu werden.

In dieser Perspektive wird deutlich, weshalb die Kritische Theorie ohne Psychoanalyse ihre eigene Aufgabe verfehlen würde. Gesellschaftskritik, die beim Bewusstsein stehen bleibt, unterschlägt die Tiefenschichten der Anpassung. Eine Theorie, die Emanzipation denkt, muss auch jene Kräfte in Rechnung stellen, die sie blockieren – und sei es im Namen der Lust, der Sicherheit, der Ordnung. Freud hat diese Kräfte freigelegt. Dass sie sich der Vernunft entziehen, ist nicht ihr Defizit, sondern gehört selbst zur Wahrheit der aufgeklärten Gesellschaft. Die Integration der Psychoanalyse in die Kritische Theorie ist damit keine bloße Erweiterung des theoretischen Arsenals, sondern eine notwendige Selbstreflexion der Vernunft auf ihre eigenen Grenzen.

Horkheimer: Die Vermittlung von Trieb und Totalität

Die Psychoanalyse erlaubt es Horkheimer, jene Vermittlung sichtbar zu machen, die zwischen den objektiven Strukturen der Gesellschaft und den subjektiven Dispositionen waltet. Vermittlung meint dabei keine bloße Kausalverbindung. Die ökonomische Struktur setzt sich nicht mechanisch in psychische Dispositionen um. Sie formt vielmehr die Triebstruktur selbst, indem sie bestimmt, welche Wünsche befriedigt, welche sublimiert, welche verdrängt werden. Der Trieb erscheint so als gesellschaftlich geprägtes Material, das Herrschaft in intimste Regungen einschreibt.

Diese Vermittlung vollzieht sich nicht abstrakt, sondern in konkreten Institutionen und Erfahrungen. Das Verhältnis von ökonomischer Basis und psychischer Struktur ist kein mechanisches Ableitungsverhältnis, sondern eine lebendige Durchdringung. Die kapitalistische Produktionsweise erzwingt Disziplin, Pünktlichkeit, Triebaufschub – doch diese Anforderungen treten dem Subjekt nicht als äußere Gesetze entgegen. Sie werden internalisiert, in Charakterhaltungen übersetzt, als psychische Dispositionen verfestigt. Was Marx als Basis-Überbau-Verhältnis beschrieb, erscheint hier in seiner psychischen Konkretion: Die ökonomischen Zwänge sedimentieren sich in der Triebstruktur, in Affekten, in unbewussten Haltungen. Die Familie fungiert als entscheidende Schaltstelle dieser Transformation. Das Kind erlebt nicht die abstrakte Gewalt des Marktes, sondern die Autorität des Vaters, der selbst den Zwängen der Arbeitswelt unterworfen ist. Die väterliche Strenge ist Echo der gesellschaftlichen Disziplin; die mütterliche Liebe bleibt an Gehorsam gebunden. Was als natürliche Erziehung erscheint, erweist sich als Formierung für eine Ordnung, die Unterwerfung verlangt. Die Psychoanalyse erlaubt es, diese doppelte Codierung zu entziffern: Die Familie vermittelt nicht nur Normen, sie erzeugt jene libidinöse Struktur, die das Subjekt an diese Normen bindet, bevor es sie als Zwang erkennt. Der Gehorsam wird zur zweiten Natur, die Anpassung zum Bedürfnis.

Familie, Schule und Beruf fungieren als Apparate dieser Einschreibung. Sie formen nicht nur Verhaltensweisen, sie präparieren die psychische Verfasstheit der Subjekte auf Gehorsam und Konformität vor. Was als natürliche Entwicklung erscheint, erweist sich als gesellschaftliche Disziplinierung. Die Anpassung vollzieht sich in Schichten, die dem Bewusstsein vorgelagert sind. Autorität und Unterwerfung wurzeln in frühen Erfahrungen, in familiären Bindungen, in jenen Momenten, in denen das Kind lernt, seine Regungen zu zügeln, um Liebe zu erhalten. Die Familie erscheint dabei nicht als private Zuflucht, sondern als gesellschaftlicher Apparat, der die Reproduktion der Machtverhältnisse sicherstellt. Sie übersetzt die Abstraktion ökonomischer Zwänge in die Konkretheit affektiver Bindung.

Diese Einsicht zwingt die Kritische Theorie zu einer methodischen Innovation. Horkheimer verbindet die psychoanalytische Untersuchung der Subjektstruktur mit der marxistischen Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse. Die Repression der Triebe wird zur Bedingung gesellschaftlicher Ordnung; zugleich weisen verdrängte Regungen auf mögliche Bruchstellen hin. Das Verdrängte kehrt wieder – als Symptom, als Aggression, als diffuse Unzufriedenheit. In dieser Wiederkehr liegt ein Moment, das sich der totalen Integration entzieht. Die Psychoanalyse wird so zum Instrument, das die Verstrickung von individueller Disposition und gesellschaftlicher Totalität aufdeckt. Gerade die Analyse der Verstrickung wird zur Voraussetzung ihrer theoretischen Durchbrechung.

Die empirische Forschung zur autoritären Persönlichkeit, die Horkheimer gemeinsam mit Fromm und Adorno unternimmt, operationalisiert diese Einsicht. Die Fragebogenstudien, Interviews und Skalenmessungen dienen nicht der positivistischen Verifikation. Sie konkretisieren vielmehr die abstrakten Kategorien der Gesellschaftskritik. Sie machen die Verflechtung von Macht, Angst, Schuld und Anpassung empirisch greifbar. Jeder Versuch, die Ursachen autoritärer Tendenzen rein ökonomisch zu erklären, bleibt fragmentarisch, solange er die psychische Vermittlung unterschlägt. Die Subjektivität wird zum Medium der Reproduktion von Herrschaft und zugleich zum Ort ihrer theoretischen Durchbrechung.

Vermittlung bedeutet in dieser Perspektive innere Durchdringung: Die Gesellschaft ist im Subjekt gegenwärtig, und das Subjekt trägt die Gesellschaft in sich. Horkheimers Leistung besteht darin, diese Verschränkung als Gegenstand der Analyse zu begreifen. Damit verleiht er der Kritischen Theorie jene Tiefenschärfe, ohne die sie vor den Phänomenen des 20. Jahrhunderts stumm geblieben wäre. Die Psychoanalyse erweist sich nicht als Ergänzung, sondern als Schlüssel zur Verfeinerung der Kritik. Sie erweitert die Analyse der gesellschaftlichen Totalität auf die Ebene der psychischen Struktur – und macht sichtbar, dass gesellschaftliche Ordnung und individuelle Disposition untrennbar verschränkt sind.

Adorno: Negative Aneignung der Psychoanalyse

Adorno nähert sich der Psychoanalyse mit kritischer Distanz – und gerade darin unterscheidet er sich von Horkheimers vermittlungstheoretischem Zugriff. Er erkennt ihre analytische Kraft, bewahrt jedoch den Verdacht gegen jede systematische Geschlossenheit. Die Stärke der Psychoanalyse liegt für ihn nicht in der Formulierung universeller Wahrheiten über den Menschen. Sie liegt in ihrer Fähigkeit, die Widersprüche der Gesellschaft im Innern des Subjekts sichtbar zu machen. Die Psychoanalyse fungiert als Seismograph gesellschaftlicher Erschütterungen. Sie registriert im Symptom, in der Fehlleistung, im Traum jene Spannungen, die das bewusste Denken glättet und rationalisiert.

Zugleich liest Adorno Freud in radikaler Ambivalenz. Als Aufklärer, insofern er die gesellschaftliche Produktion von Subjektivität freilegt. Als Ideologen, insofern seine Theorie die Verewigung der Repression nahelegt. Freud deckt auf, was die Gesellschaft verbirgt, und verfestigt es zugleich, indem er es zur anthropologischen Konstante erhebt. Was als historisch gewordener Zwang zu begreifen wäre, erscheint bei Freud als Natur des Menschen. Diese Spannung prägt Adornos gesamte Rezeption.

In der Analyse der autoritären Persönlichkeit dient Freud als methodisches Instrument, um jene psychischen Mechanismen zu erfassen, die faschistische Tendenzen reproduzieren. Die Triebe erscheinen nicht isoliert. Sie werden kanalisiert, sublimiert, umgelenkt, um die bestehende Ordnung zu stabilisieren. Adorno begreift Ideologie als affektiv verankertes, internalisiertes System. Sie ist nicht nur eine Menge falscher Sätze über die Welt. Sie ist ein Ensemble libidinöser Besetzungen, das sich der rationalen Korrektur entzieht. Die autoritäre Persönlichkeit wird zur Chiffre für die Reproduktion von Macht. Die familiären und sozialen Bedingungen strukturieren Projektionen, Aggressionen, Schuldgefühle. Das Subjekt hasst nicht zufällig. Es hasst nach einer Logik, die in seiner psychischen Struktur angelegt ist – und diese Struktur selbst ist gesellschaftlich produziert.

Der Begriff der Projektion nimmt dabei eine Schlüsselstellung ein. Projektion ist für Adorno nicht nur ein psychischer Mechanismus. Sie ist die innersubjektive Form gesellschaftlicher Herrschaft. Das Subjekt projiziert seine eigene Beschädigung nach außen und verwandelt sie in Hass. Was im Inneren nicht gelebt, nicht integriert, nicht zugelassen werden kann, wird dem Anderen zugeschrieben und dort bekämpft. Der Antisemit bekämpft im Juden, was er an sich selbst unterdrücken muss. Der Konformist verachtet im Außenseiter die eigene verdrängte Nonkonformität. Die Psychoanalyse zeigt, wie Angst und Aggression in der individuellen Psyche die gesellschaftliche Ordnung stabilisieren. Das Subjekt fungiert als Schnittstelle zwischen äußeren und inneren Zwangsmechanismen. Projektion ist damit zugleich individuelles Symptom und gesellschaftliches Strukturprinzip.

In der Dialektik der Aufklärung nutzt Adorno die psychoanalytische Perspektive, um die instrumentelle Vernunft als Herrschaftsform zu deuten. Der Mensch, geprägt durch die inneren Zwänge der Zivilisation, reagiert auf äußere Zwänge mit innerer Anpassung, Projektion und Regression. Was die Aufklärung als Fortschritt versprach – die Befreiung von mythischer Angst – kehrt sich um in eine neue Form der Unfreiheit. Die Herrschaft über die Natur wird zur Herrschaft über die innere Natur, zur Disziplinierung der Triebe, zur Verstümmelung des Lebendigen. Triebunterdrückung und gesellschaftliche Normierung verfestigen ein Subjekt, das die Logik der Herrschaft in sich trägt und nach außen wendet. Die Mimesis ans Tote, die Identifikation mit dem Aggressor, die Verhärtung des Ichs gegen die eigenen Regungen – all dies sind Formen, in denen das beschädigte Subjekt seine Beschädigung reproduziert.

Die psychoanalytische Perspektive wird für Adorno zum Mittel, die Negativität der Gesellschaft zu erfassen. Trieb und Affekt sind nicht deterministisch zu lesen. Sie fungieren als Indikatoren für gesellschaftliche Zwänge. Der Trieb ist kein biologisches Faktum. Er ist selbst schon gesellschaftlich geformt. Die Aggression ist nicht Ausdruck einer Natur. Sie ist Resultat blockierter Lebensmöglichkeiten. Jede psychoanalytische Beobachtung verweist zugleich auf die Grenzen der Analyse. Die Totalität der Gesellschaft kann nie vollständig im Subjekt erfasst werden, weil das Subjekt selbst nur Moment dieser Totalität ist.

Die kritische Aufgabe besteht darin, die Strukturen der Unterdrückung sichtbar zu machen, die Anpassung reproduzieren und zugleich kritische Reflexion ermöglichen. Adorno betont die Ambivalenz der Psychoanalyse. Sie liefert Instrumente der Kritik, bleibt aber selbst den gesellschaftlichen Bedingungen ausgesetzt, die ihre Erkenntnisse konstituieren. Die Psychoanalyse ist Teil der Aufklärung und teilt deren Dialektik. Sie kann aufklären, ohne aus der Verstrickung herauszutreten.

Die kritische Leistung Adornos besteht darin, die Psychoanalyse nicht als anthropologisches Dogma zu lesen. Er begreift sie als diagnostisches Prisma, das gesellschaftliche Zwänge im Subjekt sichtbar macht. Der Trieb dient als Indikator. Projektion und Regression werden als Zeichen gesellschaftlicher Funktionsweise interpretiert. Adorno zeigt, dass psychoanalytische Methoden zur Analyse von Ideologie, Autorität und Unterwerfung unverzichtbar sind. Ihre theoretische Integration muss jedoch immer kritisch bleiben. Jede Naturalisierung psychischer Prozesse verrät die Einsicht, dass das Subjekt gesellschaftlich produziert ist – und damit veränderbar bleibt.

Gerade im Scheitern der Versöhnung sieht Adorno eine negative Form von Wahrheit. Die Einsicht in die Verstrickung ist selbst schon ein Moment von Freiheit, auch wenn sie diese nicht realisieren kann. Das Wissen um die eigene Beschädigung hebt die Beschädigung nicht auf, verändert aber die Haltung zu ihr. In dieser minimalen Differenz – zwischen dem Leiden an der Gesellschaft und dem bloßen Mitmachen – bewahrt die Psychoanalyse ihre kritische Kraft. Als Widerstand gegen jede vorschnelle Versöhnung. Als Insistieren auf dem Nicht-Identischen, das die Totalität der Herrschaft nicht restlos erfasst. Die Psychoanalyse wird so zum Organ einer negativen Dialektik, die auf Befreiung zielt, ohne sie positiv ausmalen zu können. Ihre Wahrheit liegt nicht in der Lösung. Sie liegt in der Präzision der Diagnose – und in der Weigerung, das Beschädigte zu rechtfertigen.

Fromm: Humanistische Verschiebung der Psychoanalyse

Erich Fromm nimmt innerhalb der frühen Kritischen Theorie eine ambivalente Stellung ein. Seine psychoanalytischen Arbeiten entspringen demselben theoretischen Impuls wie jene Horkheimers und Adornos: der Einsicht, dass gesellschaftliche Herrschaft sich im Inneren der Subjekte fortsetzt. Zugleich verschiebt Fromm den Akzent der Analyse. Während Freud die Dynamik von Triebunterdrückung und Verdrängung in den Mittelpunkt stellt, rückt Fromm die Erfahrung der Freiheit selbst als psychisches Problem ins Zentrum.

Die moderne Gesellschaft erzeugt Subjekte, die formal autonom sind und zugleich innerlich überfordert erscheinen. Freiheit wird zur Quelle von Angst. Aus dieser Angst speist sich der Wunsch nach Bindung, Ordnung, Autorität. Das Subjekt, das sich selbst bestimmen soll, flieht vor dieser Zumutung in Konformität oder Unterwerfung. Die Angst vor der Freiheit ist nicht individuelles Versagen. Sie ist gesellschaftlich erzeugte Disposition.

In Escape from Freedom analysiert Fromm diese Dynamik als historisches Phänomen der bürgerlichen Gesellschaft. Die Auflösung traditioneller Bindungen und die Vereinzelung des Individuums führen zu einer psychischen Leerstelle. Diese Leerstelle wird gefüllt durch Anpassung, Konformität, autoritäre Ideologien. Der Verlust ständischer Sicherheiten, religiöser Gewissheiten, feudaler Ordnungen hinterlässt ein Subjekt, das zwar formal frei, aber psychisch entwurzelt ist. Der autoritäre Charakter erscheint hier weniger als Produkt verdrängter Aggressionen denn als Reaktion auf existentielle Unsicherheit. Die Psychoanalyse dient Fromm dazu, diese Fluchtbewegungen zu entschlüsseln. Unterwerfung, Destruktivität, Automatisierung werden als Strategien verstanden, mit denen das Subjekt die Zumutungen individueller Verantwortung abwehrt. Autorität verspricht Entlastung. Konformität bietet Zugehörigkeit. Destruktivität kanalisiert die Angst in Aggression gegen Andere.

Zentral für Fromms Ansatz ist der Begriff des Sozialcharakters. Er bezeichnet jene relativ stabilen psychischen Dispositionen, die eine Gesellschaft hervorbringt, um ihre Funktionsweise zu sichern. Der Sozialcharakter vermittelt zwischen ökonomischer Struktur und individuellem Erleben. Wünsche, Bedürfnisse, Ängste werden so geformt, dass sie mit den Anforderungen der Gesellschaft kompatibel bleiben. Entscheidend ist dabei, dass der Sozialcharakter nicht nur Anpassung bedeutet. Er ist eine produktive Vermittlung. Er macht es möglich, dass Menschen ihre Unterwerfung als Freiheit erleben, dass sie die Zwänge der Gesellschaft als eigene Bedürfnisse internalisieren. Der kapitalistische Charakter will, was er soll. Er empfindet Leistung als Erfüllung, Konkurrenz als Chance, Konsum als Befriedigung. In dieser Perspektive erscheint die Familie als entscheidende Instanz der Vermittlung. Sie überträgt gesellschaftliche Normen in affektive Bindungen und prägt jene Charakterhaltungen, die Anpassung begünstigen. Das Kind lernt nicht nur Regeln. Es internalisiert eine Haltung zur Welt – und diese Haltung reproduziert die gesellschaftliche Ordnung. Doch gerade in dieser Perspektive, die Charakterbildung ins Zentrum rückt, kündigt sich bereits jene Verschiebung an, die Fromm von der negativen Dialektik Adornos trennen wird.

Fromms humanistische Akzentuierung zeigt sich besonders in seiner Auffassung von Trieb und Aggression. Diese werden als formbar, historisch variabel, gesellschaftlich beeinflusst begriffen. Destruktive Impulse gelten ihm als Reaktionen auf blockierte Lebensmöglichkeiten, auf Entfremdung und Ohnmacht. Die Analyse psychischer Prozesse bleibt stets auf gesellschaftliche Bedingungen bezogen. Aggression ist nicht Triebschicksal. Sie ist Resultat versagter Erfahrung. Angst ist nicht anthropologische Konstante. Sie ist historisch erzeugte Disposition. Zugleich öffnet sich hier ein normativer Horizont. Fromm betont die Möglichkeit produktiver Beziehungen, solidarischer Praxis, einer nicht-autoritären Vergesellschaftung. Psychoanalyse wird zu einem Instrument, das nicht nur erklärt. Sie bietet auch Orientierung. Sie weist auf Möglichkeiten hin, die in den bestehenden Verhältnissen blockiert sind, aber nicht unmöglich bleiben.

Gerade diese humanistische Wendung markiert jedoch auch die innere Spannung innerhalb der Kritischen Theorie. Fromms Betonung von Selbstverwirklichung, Verantwortung, produktiver Freiheit verschiebt die Analyse von gesellschaftlicher Totalität hin zu einer stärker normativen Anthropologie. Während Horkheimer und Adorno die Psychoanalyse vor allem als kritisches Diagnoseinstrument einsetzen und auf der Negativität der Gesellschaft insistieren, tendiert Fromm dazu, sie mit positiven Entwürfen eines gelingenden Lebens zu verbinden. Für Fromm ist das Subjekt zu retten. Für Adorno ist es selbst Teil des Problems. Die gesellschaftliche Vermittlung der Psyche bleibt zwar präsent, verliert jedoch an negativer Schärfe. Wo Adorno auf der Unversöhnlichkeit besteht, bietet Fromm Perspektiven der Heilung. Wo Adorno die Beschädigung als unaufhebbar darstellt, denkt Fromm Möglichkeiten produktiver Charakterbildung.

Diese Verschiebung hat theoretische Konsequenzen. Fromms normativer Horizont markiert für Adorno eine Grenze der Kritik. Wo Fromm Emanzipation als Selbstverwirklichung denkt, sieht Adorno die Gefahr, die Psychoanalyse in eine Moralphilosophie zu verwandeln und damit ihre negative Schärfe preiszugeben. Emanzipation als Selbstverwirklichung zu denken, bedeutet für Adorno, die gesellschaftlichen Bedingungen der Beschädigung zu unterschlagen. Die Gefahr einer moralischen Psychologisierung gesellschaftlicher Widersprüche wird hier sichtbar. Wo das Problem auf Charakterbildung reduziert wird, verschwindet die Totalität, die diese Charaktere hervorbringt. Fromms Ansatz läuft Gefahr, Emanzipation als pädagogische Aufgabe zu missdeuten. Dennoch bleiben seine Analysen autoritärer Bindung, der Angst vor Freiheit und des Sozialcharakters unverzichtbare Momente der freudomarxistischen Konstellation – gerade weil sie die Frage offenhalten, ob Kritik ohne normativen Horizont überhaupt handlungsfähig bleiben kann.

Innerhalb der frühen Frankfurter Schule erfüllt Fromms Ansatz somit eine doppelte Funktion. Er erweitert die psychoanalytische Gesellschaftskritik um eine präzise Analyse der Angst vor Freiheit und der sozialen Bedingungen von Anpassung. Zugleich macht sein Werk jene theoretische Bruchlinie sichtbar, die sich später zuspitzt: die Frage, ob Psychoanalyse primär der negativen Kritik gesellschaftlicher Verhältnisse dient oder auch positive Leitbilder menschlicher Emanzipation formulieren kann. Fromm neigt zur zweiten Position. Adorno insistiert auf der ersten. In dieser Spannung bleibt Fromms Werk ein integraler Bestandteil der freudomarxistischen Konstellation – als Beitrag, der die psychische Seite der Herrschaft erhellt und zugleich die Grenzen einer humanistischen Versöhnung sichtbar werden lässt. Die Kritische Theorie bewahrt sich in diesem Widerspruch. Sie hält die Spannung zwischen Negativität und normativem Horizont offen, statt sie vorschnell aufzulösen.

Marcuse: Triebstruktur, Überschussrepression und die Möglichkeit des Eros

Herbert Marcuse treibt die Integration von Psychoanalyse und Kritischer Theorie am weitesten voran. Während Horkheimer die Psychoanalyse als vermittelndes Instrument einsetzt und Adorno sie negativ-diagnostisch gebraucht, entfaltet Marcuse aus ihr eine gesellschaftstheoretische Perspektive mit explizit utopischem Horizont. Freud erscheint bei ihm als Denker einer historischen Triebökonomie, deren Kategorien sich auf die Struktur der modernen Gesellschaft selbst anwenden lassen. Triebunterdrückung wird zum Schlüsselbegriff einer Theorie, die Herrschaft, Arbeit und Kultur als zusammenhängende Formation begreift.

Im Zentrum von Eros and Civilization steht die These, dass Freuds Annahme einer notwendigen Triebunterdrückung historisch präzisiert werden muss. Marcuse unterscheidet zwischen einer Grundform der Repression, die aus der Notwendigkeit gesellschaftlicher Organisation hervorgeht, und einer historisch spezifischen Mehrbelastung der Triebe, die den Erfordernissen der kapitalistischen Produktionsweise geschuldet ist. Diese zusätzliche Disziplinierung bezeichnet er als Überschussrepression. Sie formt Subjekte, deren libidinöse Energien auf Arbeit, Leistung, Anpassung gelenkt werden. Die Psychoanalyse liefert hier die Kategorien, um diese Verschiebung der Triebenergie zu analysieren und ihre gesellschaftliche Funktion offenzulegen.

Marcuse verbindet diese Analyse mit einer umfassenden Kritik des Leistungsprinzips. Die Organisation von Arbeit und Zeit strukturiert nicht nur den Produktionsprozess. Sie greift tief in die psychische Ökonomie der Subjekte ein. Lust wird aufgeschoben, kanalisiert, in konsumtive Ersatzbefriedigungen überführt. Die Sublimierung, die Freud als zivilisatorische Leistung beschreibt, erscheint bei Marcuse als Mechanismus gesellschaftlicher Stabilisierung. Triebverzicht sichert Ordnung, produziert aber zugleich Aggression, Unzufriedenheit, eine latente Bereitschaft zur Gewalt. Psychoanalyse wird so zu einer Theorie der gesellschaftlich organisierten Unlust.

Gleichzeitig liest Marcuse Freud gegen den Strich seiner kulturpessimistischen Konsequenzen. Die Triebe gelten ihm als historisch formbar. Ihre Organisation folgt gesellschaftlichen Bedingungen und kann daher auch anders gestaltet werden. Aus dieser Annahme gewinnt Marcuse den Begriff des Eros als Gegenkraft zur repressiven Vernunft. Eros bezeichnet nicht nur Entspannung oder Befriedigung. Er bezeichnet eine libidinöse Rationalität, die der instrumentellen Vernunft entgegengesetzt ist. Eros ist eine andere Form der Welterfahrung: eine Organisation von Wahrnehmung, Zeit, Körperlichkeit, die auf Spiel, Sinnlichkeit, nicht-instrumentelle Beziehung zielt. In ihm erscheint eine Möglichkeit gesellschaftlicher Rationalität, die auf Befriedung statt Beherrschung beruht. Die Psychoanalyse eröffnet damit einen Horizont, in dem Befreiung nicht allein als ökonomische Umverteilung, sondern als qualitative Transformation der Bedürfnisse gedacht wird.

Entscheidend ist, dass Marcuses Utopie keine Jenseitsprojektion darstellt. Sie ist aus der Analyse der bestehenden Repression gewonnen, aus der Kritik der Überschussrepression selbst. Marcuse bewahrt die negative Methode der Kritischen Theorie, öffnet sie aber ins Utopische. Die Möglichkeit einer nicht-repressiven Gesellschaft entspringt nicht einem abstrakten Ideal. Sie entspringt der Einsicht, dass die gegenwärtige Triebökonomie historisch kontingent und daher veränderbar ist. Die Immanenz der Kritik bleibt gewahrt.

Diese Perspektive verbindet Marcuse mit einer ästhetischen Dimension. Kunst wird zum Ort, an dem verdrängte Möglichkeiten der Erfahrung aufscheinen. In ihr manifestiert sich eine andere Organisation von Wahrnehmung, Zeit, Körperlichkeit. Die ästhetische Erfahrung bewahrt einen Vorschein dessen, was eine nicht-repressive Gesellschaft leisten könnte. Auch hier greift Marcuse auf Freud zurück. Kunst erscheint als sublimierte Triebäußerung, die sich der vollständigen Funktionalisierung entzieht. Die Psychoanalyse liefert die Begriffe, um diesen Widerstand der Sinnlichkeit gegen die Totalität der Herrschaft zu deuten.

Innerhalb der Kritischen Theorie markiert Marcuses Ansatz einen Bruch und eine Zuspitzung zugleich. Seine Freud-Lektüre öffnet die Theorie für einen positiven Entwurf von Emanzipation, der über reine Negativität hinausgeht. Diese Öffnung bleibt umstritten. Adorno begegnet ihr mit Skepsis. Er befürchtet, dass Marcuses Eros-Begriff die Affirmation des Bestehenden befördert, indem er eine Versöhnung verspricht, die nicht eingelöst werden kann. Für Adorno besteht die Gefahr, dass die utopische Perspektive die realen Bedingungen der Unterdrückung unterschlägt und zur ideologischen Beschwichtigung wird. Diese Spannung zwischen Adornos Insistieren auf Negativität und Marcuses utopischem Überschuss ist für das Verständnis der Frankfurter Schule zentral.

Gleichwohl lässt sich Marcuses Beitrag als notwendige Radikalisierung verstehen. Er zeigt, dass Gesellschaftskritik ohne eine Theorie der Bedürfnisse, der Lust, der Körperlichkeit unvollständig bleibt. Die Psychoanalyse wird hier zum Medium einer Hoffnung, die sich aus der Analyse der Unterdrückung selbst speist. Marcuses Integration Freuds führt die freudomarxistische Konstellation an ihren äußersten Punkt. Triebstruktur, Arbeit, Herrschaft, Kultur erscheinen als Teile eines Zusammenhangs, der historisch entstanden ist und historisch veränderbar bleibt. Psychoanalyse fungiert dabei als Theorie der Möglichkeit. Sie zeigt, wie tief Herrschaft reicht, und deutet zugleich an, dass ihre Überwindung eine andere Organisation des Begehrens voraussetzt. In dieser Spannung zwischen Diagnose und Utopie entfaltet Marcuses Werk seine anhaltende Provokation.

Fromm und Marcuse: Spaltung der freudomarxistischen Linie

Die Divergenz zwischen Erich Fromm und Herbert Marcuse markiert keinen bloßen Richtungsstreit innerhalb der Kritischen Theorie. Sie legt vielmehr eine innere Spannung frei, die mit der Aneignung der Psychoanalyse selbst gegeben ist. Beide gehen von derselben Erfahrung aus: der Einsicht, dass gesellschaftliche Herrschaft sich nicht allein in ökonomischen Strukturen erschöpft, sondern im Subjekt sedimentiert. Doch während Fromm diese Einsicht auf eine sozialpsychologische Rekonstruktion des Charakters richtet, treibt Marcuse sie in eine radikale Kritik der Triebökonomie hinein. Die Psychoanalyse wird hier zum Prüfstein der Theorie, an dem sich entscheidet, ob Emanzipation als Möglichkeit innerer Reifung oder als Bruch mit der bestehenden Bedürfnisstruktur gedacht wird.

Fromms Revision der Freud’schen Lehre verschiebt den Akzent von der Dynamik der Triebe auf die Formung stabiler Charakterorientierungen. Angst, Abhängigkeit, autoritäre Bindung erscheinen bei ihm als Resultat gesellschaftlich organisierter Lebensbedingungen, die im Individuum dispositionsförmig fortwirken. Freiheit wird zur psychischen Zumutung, der das Subjekt durch Anpassung ausweicht. Diese Perspektive bewahrt die Kritische Theorie vor biologischer Verengung und eröffnet einen normativen Horizont, in dem Autonomie, Produktivität, Solidarität denkbar bleiben. Zugleich verliert die Psychoanalyse dabei ihren sprengenden Gehalt. Die Triebtheorie wird entschärft zugunsten einer Theorie gelingender Sozialisation, die den Widerspruch zwischen Lust und Arbeit, Körper und Leistung tendenziell befriedet.

Marcuse insistiert demgegenüber auf dem konflikthaften Kern der Freud’schen Theorie. Für ihn ist die gesellschaftliche Formierung der Triebe selbst Ausdruck von Herrschaft, nicht deren bloße psychische Vermittlung. Indem er Repression historisiert, öffnet er den Blick auf Möglichkeiten jenseits des Leistungsprinzips, ohne sie positiv auszumalen. Emanzipation erscheint als qualitative Veränderung der Bedürfnisse, als andere Organisation von Sinnlichkeit, Zeit, Körper. Diese Radikalisierung bewahrt den negativen Impuls der Psychoanalyse, riskiert jedoch ihre politische Anschlussfähigkeit. Was bei Fromm als Integration des Subjekts denkbar bleibt, tritt bei Marcuse als utopischer Überschuss hervor, der sich der Versöhnung mit dem Bestehenden entzieht.

Der Bruch zwischen beiden Positionen trägt zugleich eine politische Dimension. Fromm tendiert zu einer pädagogischen, therapeutischen Praxis, die auf die Formung autonomer, produktiver Charaktere zielt. Marcuse hingegen verweist auf eine revolutionäre Perspektive, die nicht das Subjekt an die Gesellschaft anpassen, sondern die Gesellschaft selbst transformieren will. Fromms Ansatz läuft Gefahr, Emanzipation als individuelle Reifung misszuverstehen. Marcuses Ansatz droht, die Möglichkeit konkreter Veränderung aus den Augen zu verlieren.

Der Bruch ist damit kein theoretischer Unfall. Er ist Ausdruck einer Unentscheidbarkeit, die der freudomarxistischen Konstellation eingeschrieben bleibt. Die Kritische Theorie schwankt zwischen der Hoffnung auf eine psychisch vermittelbare Freiheit und der Einsicht, dass Befreiung die bestehende Triebstruktur selbst in Frage stellt. In dieser Spannung erweist sich die Psychoanalyse zugleich als Rettung und Belastung der Gesellschaftskritik. Sie eröffnet den Blick auf die inneren Bedingungen von Herrschaft, verweigert jedoch eine eindeutige Antwort darauf, wie ein Subjekt aussehen könnte, das dieser Herrschaft nicht mehr entspricht.

Diese Unentscheidbarkeit ist nicht nur ein Problem. Sie ist die Wahrheit der Kritischen Theorie. Sie hält die Spannung offen, statt sie zu versöhnen. Sie insistiert darauf, dass die Frage nach Emanzipation nicht durch eine Synthese beantwortet werden kann. Sie muss im Widerspruch ausgehalten werden. Gerade darin bewahrt die Kritische Theorie ihre kritische Kraft: als Widerstand gegen jede vorschnelle Lösung, als Festhalten an der Negativität, die den Verhältnissen eingeschrieben ist.

Freud als Rettung und Verhängnis

Die psychoanalytische Wendung bezeichnet jenen Punkt, an dem die Kritische Theorie gezwungen ist, sich selbst zu reflektieren. Mit Freud tritt eine Erfahrung ins Denken ein, die der Gesellschaftskritik lange äußerlich geblieben war: die Einsicht, dass Herrschaft nicht erst dort beginnt, wo Zwang sichtbar wird, sondern sich im Inneren der Subjekte fortsetzt. Die Bindung an das Bestehende, das Festhalten an Verhältnissen, die Leiden erzeugen, verweist auf eine libidinöse Verstrickung, die ökonomische Kategorien allein nicht zu erfassen vermögen. Psychoanalyse öffnet so den Blick auf jene Schicht gesellschaftlicher Wirklichkeit, in der Ideologie als Bedürfnis, als Affekt, als Begehren wirksam wird. Sie zwingt die Kritische Theorie, ihre eigene Voraussetzung zu revidieren: dass Aufklärung allein durch Einsicht voranschreite.

Diese Erweiterung bleibt jedoch nicht folgenlos. Indem die Theorie sich der Triebstruktur zuwendet, gerät sie in die Nähe dessen, was sie historisch überwinden will. Wo psychische Dispositionen als relativ stabile Formationen erscheinen, droht Herrschaft ihren geschichtlichen Charakter zu verlieren und den Anschein von Natur anzunehmen. Die Psychoanalyse oszilliert hier zwischen Kritik und Rechtfertigung. Sie legt die Beschädigung des Subjekts offen und läuft zugleich Gefahr, diese Beschädigung als unausweichliche Bedingung menschlicher Existenz zu deuten. Was als Analyse gesellschaftlich produzierten Leidens beginnt, kann in eine Theorie der Dauerhaftigkeit von Anpassung umschlagen. Freud wird damit zur ambivalenten Figur einer Erkenntnis, die Wahrheit freilegt, ohne sie in Befreiung auflösen zu können.

Gerade diese Unaufhebbarkeit verleiht der psychoanalytischen Dimension ihren kritischen Rang. Die Kritische Theorie gewinnt durch Freud keinen sicheren Boden. Sie gewinnt eine instabile Reflexionsfläche, auf der ihre eigenen Hoffnungen prekär werden. Sie sieht sich konfrontiert mit der Möglichkeit, dass gesellschaftliche Veränderung nicht an Bewusstsein allein scheitert, sondern an der tiefen Einprägung von Herrschaft in die Struktur des Begehrens. Damit wird zugleich das marxsche Versprechen einer durch Einsicht vermittelten Praxis auf seine verdrängten Voraussetzungen zurückverwiesen.

Zwischen der Vorstellung eines anderen Lebens und der Einsicht in die Beharrlichkeit psychischer Verformung bleibt ein Riss bestehen, den keine Theorie schließen kann, ohne sich selbst zu verraten. In diesem Riss bewahrt die Psychoanalyse ihre Wahrheit: als Widerstand gegen jede Versöhnung, als Erinnerung daran, dass auch die Kritik der politischen Ökonomie dort an ihre Grenze stößt, wo Herrschaft zur zweiten Natur des Subjekts geworden ist.

Die Frage bleibt, ob eine Kritik, die auf die Beschädigung des Subjekts reflektiert, überhaupt noch an Emanzipation festhalten kann – oder ob sie sich damit begnügen muss, die Bedingungen der Unfreiheit zu benennen. Marcuse hat diese Frage ins Utopische geöffnet. Adorno hat sie in der Negativität festgehalten. Fromm hat sie humanistisch zu versöhnen versucht. Keine dieser Antworten ist endgültig. Gerade darin zeigt sich die bleibende Aktualität der freudomarxistischen Konstellation: Sie hält den Widerspruch offen, statt ihn zu tilgen. Sie insistiert darauf, dass Emanzipation nicht gedacht werden kann, ohne zugleich die Bedingungen zu reflektieren, die sie blockieren.

Die Psychoanalyse bleibt so ein unverzichtbares Moment der Kritischen Theorie – als Rettung und Verhängnis zugleich. Sie rettet die Kritik vor der Illusion, Herrschaft ließe sich durch Bewusstsein allein überwinden. Sie wird ihr zum Verhängnis, weil sie die Möglichkeit offenhält, dass keine Gesellschaft die Subjekte hervorbringen kann, die ihre Befreiung vollziehen könnten. In dieser Aporie bewahrt sich die Wahrheit einer Theorie, die nicht verspricht, was sie nicht halten kann – und gerade deshalb nicht aufhört, auf das Unmögliche zu insistieren. Die psychoanalytische Wende bleibt so der kritischen Selbstreflexion der Vernunft verpflichtet: als Widerstand gegen jede Versöhnung, die das Leiden unterschlägt, und als Erinnerung daran, dass Emanzipation nur zu denken ist, wenn man zugleich begreift, warum sie ausbleibt.

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