Sils Maria, Januar

Julian Barnes kam von Süden, vom See her. Ich sah ihn nicht ankommen, aber ich stellte mir vor, wie er aus dem Taxi stieg und einen Moment innehielt, den Blick über den Silsersee schweifen ließ, hinüber zur Halbinsel Chasté, wo der Gedenkstein steht. Im Januar nicht erreichbar, kein gespurter Weg. Nietzsche nur noch als Inschrift in einem Felsen: O Mensch! Gib acht! Er wusste, dass der Stein da war. Aber er wäre ohnehin nicht hingegangen. Zu viel Pathos in solchen Pilgerfahrten.

Als er die Bar des Hotel Waldhaus betrat, brachte er die Kälte mit, aber auch etwas anderes – eine Gelassenheit, die nicht gespielt wirkte. Er trug einen dunklen Mantel, einen Schal, der aussah, als hätte ihn jemand für ihn ausgesucht. Seine Bewegungen waren vorsichtig, aber nicht zögernd. Die Bewegungen eines Mannes, der seinem Körper Aufmerksamkeit schenkt, ohne ihm zu misstrauen.

„Das Waldhaus“, sagte er und setzte sich in einen der schweren Sessel. „Adorno hat hier seine Sommer verbracht. Thomas Mann, Hesse. Alle kamen sie hierher. Ich bin nie gut darin gewesen, Orte von ihren Mythen zu trennen. Man sitzt hier und denkt: An diesem Tisch hat vielleicht Visconti gesessen. Als ob die Gedanken im Holz stecken.“

„Nietzsche hat hier die ewige Wiederkehr gedacht.“

„Draußen, ja. Auf Chasté, mit Blick auf den Piz da la Margna. Sein Lieblingsplatz, habe ich gelesen.“

„Im Januar kommt man da nicht hin.“

„Ich weiß. Aber das ist vielleicht gut so. Manche Orte sollte man nicht besuchen. Man sollte nur wissen, dass sie da sind.“

„Vermutlich schon.“

„Vermutlich.“ Er sah sich um – die altehrwürdige Bar, die hohen Decken, die Holzvertäfelung. „Man kommt hierher und kann nicht anders, als an Nietzsche zu denken. Als wäre seine Gegenwart noch spürbar.“

Der Kellner brachte ungefragt zwei Gläser Rotwein. Barnes hob seins gegen das Licht, betrachtete es kurz, trank.

„Ich habe Ihr neues Buch gelesen. Departure(s). Auf Deutsch Abschied(e).“

„Ja. Ein besserer Titel im Deutschen, finde ich. Departure klingt zu sehr nach Flughafen.“ Er stellte das Glas ab. „Aber es ist tatsächlich ein Abschied. Nicht, weil ich morgen sterbe. Die Krankheit – Sie wissen davon? – ist unheilbar, aber beherrschbar. Ein Begleiter. Seit 2020. Man gewöhnt sich daran, oder man gewöhnt sich nicht daran, aber man lebt damit.“ Er machte eine kurze Pause. „Der Abschied ist kein medizinischer. Er ist ein literarischer. Ich habe das Gefühl, gesagt zu haben, was ich sagen kann.“

„Die meisten Schriftsteller hören nicht auf, wenn sie das Gefühl haben.“

„Nein. Die meisten wiederholen sich. Oder sie werden schlechter.“ Er sah mich ruhig an. „Ich möchte nicht schlechter werden. Lieber aufhören, solange noch etwas da ist.“

Wir schwiegen. Draußen fiel Schnee, kaum sichtbar gegen den dämmrigen Himmel.

Vom Ende einer Geschichte„, sagte ich. „Das war das erste Ihrer Bücher, das mich wirklich getroffen hat. Diese späte Erkenntnis, dass man sich selbst falsch erinnert hat. Dass die ganze Geschichte eine andere war.“

Barnes nickte langsam. „Tony Webster. Ein Mann, der glaubt, sein Leben verstanden zu haben, und dann merkt: nichts davon stimmt. Nicht die Fakten. Die Fakten stimmen vielleicht. Aber ihre Bedeutung nicht.“

„Ist das nicht das Thema all Ihrer Bücher?“

„Möglich. Dass Erinnerung keine Fotografie ist, sondern eine Erzählung. Und dass wir uns selbst erzählen, wie es uns passt. Bis uns jemand – oder etwas – widerspricht.“ Er trank wieder. „Proust wusste das. Die ganze Recherche ist ein einziger Widerspruch gegen das erste Erinnern.“

„Aber Proust vertraut der Erinnerung trotzdem.“

„Ja. Oder er vertraut dem Schreiben. Dem Prozess des Erinnerns. Ich bin skeptischer.“ Er sah aus dem Fenster, obwohl man in der Dämmerung kaum etwas sah. „Ich glaube, wir lügen immer. Nicht absichtlich. Aber wir lügen.“

Er stand auf, ging hinüber zur Great Lounge, wo die bodentiefen Fenster nach Norden blickten, in Richtung Wald und der unsichtbaren Berge. Ich folgte ihm. Wir standen eine Weile nebeneinander, ohne zu sprechen.

„Flaubert“, sagte er schließlich, „hat einmal gesagt, man müsse alles lernen. Sprechen, lieben, schreiben. Und sterben.“

„Kann man das Sterben lernen?“

„Nein. Natürlich nicht. Aber Flaubert meinte etwas anderes. Er meinte: keine Ausnahme machen. Nicht so tun, als wäre der Tod etwas Besonderes, etwas außerhalb der Ordnung. Er gehört dazu. Wie das Ende eines Satzes.“

„In Departure(s) schreiben Sie über Liebe.“

„Über ihr Scheitern, genauer.“ Er wandte sich vom Fenster ab, ging zurück zur Bar. „Nicht als Tragödie. Sondern als Tatsache. Liebe scheitert manchmal, ohne dass jemand schuld ist. Ohne dass jemand böse war. Sie scheitert einfach, weil Menschen nicht deckungsgleich sind.“

Wir setzten uns wieder. Der Kellner erschien lautlos, schenkte nach.

„Sie haben auch über Freundschaft geschrieben“, sagte ich.

„Ja. Über den Egoismus der Freundschaft. Darüber, dass man Freunde benutzt. Für Geschichten. Für Figuren. Man nimmt ihr Leben und macht etwas daraus, das einem selbst nützt.“ Er sah mich an. „Ich habe das getan. Mein ganzes Leben lang. Und ich bereue es nicht. Aber ich leugne es auch nicht.“

„Flaubert hat gesagt, man solle leben wie ein Bourgeois und denken wie ein Halbgott.“

Barnes lächelte. „Ja. Ein unmöglicher Satz. Aber Flaubert hat ihn ernst gemeint. Man braucht Ordnung im Leben, um Chaos im Denken zuzulassen. Ich habe nie wie ein Bourgeois gelebt. Aber ich habe verstanden, was er meinte.“

„Und Dr. Pozzi?“, fragte ich. „Der Mann im roten Rock. Warum haben Sie über ihn geschrieben?“

„Pozzi.“ Er lehnte sich zurück. „Ein Mann zwischen zwei Zeiten. Belle Époque und Moderne. Arzt, Dandy, Liebhaber. Jemand, der alles richtig machte und trotzdem verlor. Oder vielleicht: der alles richtig machte und gerade deshalb verlor.“ Er zögerte. „Ich mochte ihn, weil er elegant war. Nicht oberflächlich elegant. Moralisch elegant. Er wusste, wie man sich verhält, auch wenn alles zusammenbricht.“

„Ist das eine englische Tugend?“

„Nein. Eine französische. Oder eine, die ich mir von den Franzosen ausgeliehen habe.“

Draußen war es jetzt vollständig dunkel. Die Fenster der Great Lounge zeigten nur noch Reflexionen – unsere eigenen Gesichter, das warme Licht der Bar.

„Haben Sie Angst?“, fragte ich.

Er antwortete nicht sofort. Trank, stellte das Glas behutsam ab.

„Vor dem Sterben? Manchmal. Vor dem Prozess, meine ich. Nicht vor dem Tod selbst. Der Tod ist ein Zustand ohne Bewusstsein. Man ist nicht tot, man ist einfach nicht mehr.“ Er sah aus dem Fenster, in die Dunkelheit. „Die Krankheit – ich lebe seit fünf Jahren mit ihr. Man lernt eine merkwürdige Form der Normalität. Sie ist da, man weiß es, man geht trotzdem weiter. Oder gerade deswegen.“

„Kontrollverlust“, sagte ich.

„Ja. Das ist es, was einen ängstigt. Nicht das Nichts. Sondern der Weg dorthin. Die Demütigung. Aber Angst löst nichts. Sie ist nur ein Symptom. Man kann sie registrieren, wie ein Fieber. Mehr nicht.“

„Gibt es Trost?“

„Nicht den religiösen. Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod. Das Universum macht seine Arbeit, und wir sind Teil davon, und dann sind wir es nicht mehr. Das ist keine Tragödie. Das ist einfach, wie es ist.“

„Aber Sie schreiben trotzdem. Als ob etwas bleibt.“

„Ja. Widerspricht sich das?“ Er lächelte. „Vielleicht. Aber ich habe nie behauptet, konsequent zu sein. Ich schreibe, weil ich nicht anders kann. Und wenn etwas bleibt – ein Satz, ein Gedanke, eine Szene –, dann freut mich das. Aber ich verlasse mich nicht darauf.“

Wir schwiegen wieder. Die Bar hatte sich nicht gefüllt. Es war diese Stunde zwischen Ankunft und Abendessen, in der Hotels wie Zwischenräume wirken, wie Orte, an denen die Zeit anders vergeht.

„Wissen Sie“, sagte Barnes, „es gibt etwas Merkwürdiges am Schreiben. Man schreibt für jemanden, den man nicht kennt. Einen zukünftigen Leser. Und wenn man Glück hat, antwortet dieser Leser. Kommt nach Sils Maria.“

„Ich bin kein zukünftiger Leser mehr.“

„Nein. Aber Sie sind ein Leser, der noch da ist. Das ist mehr, als die meisten Autoren bekommen.“

Er stand auf, langsam, gab seinem Körper Zeit. „Ich glaube, ich gehe jetzt nach oben. Nicht aus Müdigkeit. Sondern weil das Gespräch gut war. Und gute Gespräche sollte man beenden, bevor sie schlechte werden.“

Wir gaben uns die Hand.

„Alles Gute zum Achtzigsten“, sagte ich.

„Danke. Obwohl ich nicht weiß, ob man zu Geburtstagen gratuliert oder kondoliert.“ Er lächelte. „Vermutlich beides.“

Er ging zur Tür, blieb noch einmal stehen.

„Wissen Sie, was Flaubert über das Alter gesagt hat?“

„Nein.“

„Nichts. Er ist mit achtundfünfzig gestorben. Clever von ihm.“

Dann ging er.

Ich blieb sitzen. Der Schnee fiel weiter, unsichtbar im Dunkeln. Irgendwo im Hotel spielte jemand Klavier, so leise, dass man sich nicht sicher sein konnte.

Draußen der Himmel über Sils Maria, den man nicht sah, aber wusste.

Und irgendwo nach oben, in einem der Zimmer, Julian Barnes, der vielleicht schon schlief oder vielleicht noch am Fenster stand und auf eine Landschaft blickte, die Nietzsche gesehen hatte und die nach Nietzsche noch da sein würde.

Ein Leben, das Abschied nahm.

Nicht laut. Nicht dramatisch.

Nur genau.

Dieses Gespräch hat nie stattgefunden. Aber es hätte genauso stattfinden können.

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