Capri, Sommer 1924. Walter Benjamin und Florens Christian Rang sitzen auf einer Terrasse über dem Meer. Unter ihnen die Brandung, gleichgültig gegen Namen und Schuld.
Sie sprechen über Deutschtum als Last, über Schuld als Aufgabe. Über die Bauhütte – eine Gemeinschaft, die sich aus Verantwortung bildet, nicht aus Macht. Rang ist fast sechzig, krank, müde. Benjamin dreißig Jahre jünger, rastlos, suchend. Die Freundschaft ist ungleich, aber notwendig.
Benjamin nennt ihn später den „tiefsten Kritiker des Deutschtums seit Nietzsche“. Rang sieht in Benjamin einen, der das Denken nicht aufgibt, auch wenn es keine Antworten gibt. Sie reden über Technik und Krieg, über die Apokalypse der Moderne. Rang versteht den Krieg als Verformung – eine Welt, die sich selbst zum Schweigen bringt. Benjamin hört zu. Das Trauerspielbuch, an dem er arbeitet, trägt Rangs Stimme in sich, ohne dass es ein Zitat wäre.
Wenige Wochen später stirbt Rang in Hohemark im Taunus. Benjamin erfährt es am letzten Tag seines Capri-Aufenthalts. In einem Brief schreibt er: „Seltsamerweise mußte ich gerade diesem Mann danken, was ich von deutscher Bildung Wesentlichstes in mich aufgenommen habe.“
Das Meer schlägt weiter gegen die Felsen. Die Gespräche sind verstummt. Was bleibt, sind Fragmente – Briefe, Notizen, ein unvollendetes Werk. Rang ist heute fast vergessen. Aber in Benjamins Denken lebt er fort, als Stimme, die gegen die Idolatrie des Geistes kämpfte.
(Aus dem blauen Buch – 28. Januar 2026)

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