Von Hegel zur Kritischen Theorie: Dialektik ohne Garantie

Dialektik ohne Garantie

Die Kritische Theorie ist ohne Hegel nicht denkbar. Sie ist es ebenso wenig mit ihm. In dieser Spannung – zwischen Aneignung und Bruch – bewegt sich ihr Denken. Hegels Dialektik bildet den philosophischen Horizont, vor dem sich die Einsicht ausbildet, dass Wirklichkeit nur im Widerspruch zu sich selbst begriffen werden kann. Zugleich markiert gerade dieser Horizont die Grenze, an der kritisches Denken sich von der Hoffnung auf begriffliche Versöhnung verabschieden muss.

Der Bezug auf Hegel ist für die frühe Frankfurter Schule daher weder kanonische Loyalität noch bloße Vorgeschichte. Denn Hegels Dialektik hat das philosophische Bewusstsein nachhaltig verändert. Sie richtet sich gegen jede Vorstellung von Wahrheit als statischem Besitz und versteht Erkenntnis als Bewegung, in der das Gegebene sich durch seine eigene Negation hindurch entfaltet. Das Einzelne ist nicht isolierbar, sondern verweist auf Zusammenhänge, in denen es vermittelt ist. Widersprüche gelten nicht als Denkfehler, sondern als Signaturen einer Wirklichkeit, die sich nur im Prozess begreifen lässt. In dieser Hinsicht bleibt Hegel der große Antipode aller positivistischen Erkenntnismodelle, die Tatsachen voneinander trennen und ihre gesellschaftliche Bedingtheit ausblenden.

Doch die Stärke dieser Dialektik ist zugleich ihre Ambivalenz. Die Bewegung der Negation zielt bei Hegel auf eine Aufhebung, in der das Widersprüchliche seinen Platz im Ganzen findet. Die Versöhnung von Subjekt und Objekt, von Besonderem und Allgemeinem, erscheint als immanente Tendenz der Vernunft selbst. Genau hier setzt der Verdacht der Kritischen Theorie an. Denn wo gesellschaftliche Widersprüche als Momente eines sich vollendenden Sinnzusammenhangs begriffen werden, droht die Dialektik in Affirmation umzuschlagen. Das Leiden, die Herrschaft, die Verdinglichung verlieren ihre Skandalonqualität, sobald sie begrifflich integriert werden.

Der materialistische Einschnitt, den Marx vollzieht, verschiebt diesen Horizont grundlegend. Dialektik wird aus der Sphäre des spekulativen Denkens in die Analyse realer gesellschaftlicher Verhältnisse zurückgeholt. Widersprüche sind nun nicht mehr Stationen der Selbstverwirklichung des Begriffs, sondern Ausdruck antagonistisch strukturierter Praxis. Mit dieser Wendung wird Dialektik untrennbar mit Kritik verbunden: Kritik an Produktionsverhältnissen, an Ideologien, an den Formen von Rationalität, die sich als neutral ausgeben und doch Herrschaft reproduzieren.

In diesem Spannungsfeld verortet Max Horkheimer seine Konzeption der Kritischen Theorie. Sein programmatischer Aufsatz Traditionelle und kritische Theorie aus dem Jahr 1937 markiert einen Punkt, an dem sich hegelsche Dialektik, marxistische Gesellschaftskritik und zeitgenössische Wissenschaftskritik kreuzen. Horkheimer greift die dialektische Einsicht auf, dass Erkenntnis nur im Zusammenhang des gesellschaftlichen Ganzen möglich ist. Zugleich verweigert er sich jeder Vorstellung, dieses Ganze könne begrifflich versöhnt oder theoretisch abgeschlossen werden. Dialektik wird bei ihm zur Haltung eines Denkens, das sich seiner eigenen Verstrickung bewusst bleibt und dennoch an der Möglichkeit gesellschaftlicher Veränderung festhält.

Der Unterschied zwischen traditioneller und kritischer Theorie ist daher kein methodischer, sondern ein gesellschaftstheoretischer. Während traditionelle Theorie ihre Begriffe von den Verhältnissen abstrahiert, in denen sie entstehen, begreift kritische Theorie Erkenntnis selbst als Moment sozialer Praxis. Ihr Wahrheitsanspruch ist untrennbar mit dem Interesse an Emanzipation verbunden. In diesem Sinne ist Horkheimers Bezug auf Hegel kein Rückgriff auf ein abgeschlossenes System, sondern die Fortführung eines Denkens, das den Widerspruch nicht beruhigt, sondern freilegt.

Hegels Dialektik: Wahrheit als Bewegung

Hegels Dialektik setzt an einem Bruch mit dem traditionellen Wahrheitsverständnis an. Wahrheit ist für ihn kein ruhender Bestand, der dem Denken äußerlich gegenübersteht, sondern ein Geschehen, in dem sich das Wirkliche selbst entfaltet. Erkenntnis bedeutet daher nicht die adäquate Abbildung eines fertigen Gegenstandes, sondern die begriffliche Nachvollziehung seiner Bewegung. Was ist, ist nicht einfach gegeben; es ist geworden und bleibt in diesem Werden begriffen. Dialektik bezeichnet die Form dieses Werdens.

Im Zentrum steht der Gedanke der Negation. Hegel versteht Negation nicht als bloße Verneinung, sondern als innere Bestimmtheit der Sache selbst. Das Wirkliche ist widersprüchlich, weil es sich nur erhält, indem es über sich hinausgeht. Jeder bestimmte Zustand verweist auf das, was er ausschließt, und trägt dieses Ausgeschlossene als Moment in sich. Die Negation ist damit nicht destruktiv, sondern produktiv: Sie treibt die Bewegung des Begriffs an und macht Veränderung überhaupt erst denkbar. Dialektisches Denken folgt dieser Bewegung, statt sie zu glätten oder zu fixieren.

Mit dieser Konzeption verbindet sich der Anspruch auf Totalität. Einzelne Phänomene sind für Hegel nur verständlich, sofern sie in den Zusammenhang des Ganzen gestellt werden, dem sie angehören. Das Einzelne ist kein atomarer Fakt, sondern ein vermitteltes Moment. Vermittlung bezeichnet dabei weder einen bloßen Zusammenhang noch eine äußere Relation, sondern die innere Abhängigkeit des Besonderen vom Allgemeinen. Die Wahrheit eines Gegenstandes liegt nicht in seiner isolierten Bestimmung, sondern in dem Netz von Beziehungen, in dem er steht.

Hierin liegt die bleibende Provokation von Hegels Dialektik. Sie richtet sich gegen jede Form von Erkenntnis, die das Gegebene als selbstverständlich hinnimmt und seine Bedingungen aus dem Blick verliert. Dialektisches Denken insistiert darauf, dass das scheinbar Faktische Resultat historischer Prozesse ist und daher veränderbar bleibt. Diese Einsicht bildet den philosophischen Untergrund jener Kritik, die sich später gegen positivistische Wissenschaftskonzepte richtet. Wo Tatsachen als letzte Instanzen behandelt werden, ist Dialektik bereits suspendiert.

Zugleich ist Hegels Dialektik untrennbar mit dem Anspruch auf begriffliche Durchdringung verbunden. Der Begriff ist nicht bloß ein subjektives Ordnungsschema, sondern die Form, in der das Wirkliche zu sich selbst kommt. In der Bewegung des Begriffs soll sich die Vernünftigkeit der Wirklichkeit erweisen. Dialektik ist insofern auf Aufhebung hin angelegt: Die Widersprüche, die sie freilegt, sind Momente einer Bewegung, die auf ihre begriffliche Versöhnung zielt. Das Ganze erscheint als Resultat, in dem die einzelnen Negationen ihren Ort finden.

An dieser Stelle wird die Ambivalenz des hegelschen Projekts sichtbar. Die Einsicht in die Widersprüchlichkeit der Wirklichkeit geht einher mit dem Vertrauen in ihre prinzipielle Vernünftigkeit. Dialektik droht, zur Rechtfertigung des Bestehenden zu werden, sobald das Leiden und die Negativität der gesellschaftlichen Verhältnisse als notwendige Durchgangsstadien eines sich vollendenden Sinnzusammenhangs begriffen werden. Die Bewegung der Kritik gerät in Gefahr, im Resultat ihrer eigenen begrifflichen Schließung zu erstarren.

Gerade diese Spannung macht Hegels Dialektik für die Kritische Theorie unverzichtbar. Sie übernimmt von ihm den Gedanken, dass Wahrheit nur im Prozess, im Widerspruch und im Bezug auf das Ganze gedacht werden kann. Zugleich stößt sie sich an der Tendenz zur Versöhnung, die im hegelschen System angelegt ist. Der folgende Schritt – die materialistische Wendung der Dialektik – setzt genau an dieser Grenze an. Er behält die Bewegung des negierenden Denkens bei, entzieht ihr jedoch den Anspruch auf begriffliche Endgültigkeit.

Die Grenze Hegels: Versöhnung, Identität, Geschichte

Die Stärke der hegelschen Dialektik liegt in ihrer Fähigkeit, Widersprüche als konstitutive Momente der Wirklichkeit zu begreifen. Doch eben diese Stärke schlägt an einer bestimmten Stelle in ihr Gegenteil um. Die Bewegung der Negation, die zunächst als Kritik des Gegebenen auftritt, tendiert bei Hegel darauf, im Begriff zur Ruhe zu kommen. Widerspruch erscheint nicht als bleibende Zumutung, sondern als Durchgangsform auf dem Weg zur Versöhnung. Die Dialektik wird so Teil eines Systems, in dem das Wirkliche sich als im Ganzen vernünftig ausweist.

Diese systematische Schließung betrifft nicht nur einzelne Resultate, sondern die Struktur des Denkens selbst. Der Anspruch, dass das Wahre nur als Ganzes existiere, impliziert, dass jedes Einzelne seinen Platz im Gesamtzusammenhang findet. Negativität verliert damit ihre Unbedingtheit. Sie wird in eine Bewegung integriert, die ihrem Ausgang nach bereits vorgezeichnet ist. Die Möglichkeit, dass gesellschaftliche Verhältnisse radikal falsch sein könnten, dass ihr Leiden keiner höheren Vernunft entspricht, wird begrifflich neutralisiert.

In dieser Perspektive gewinnt die Identität von Begriff und Sache eine problematische Funktion. Der Begriff soll das Wirkliche nicht nur erfassen, sondern es in seiner Wahrheit einholen. Was sich dem Begriff entzieht, erscheint als noch nicht verstandenes Moment, nicht als Einwand gegen die Sache selbst. Die Nichtidentität wird so zu einem bloßen Defizit des Erkennens, nicht zu einem Ausdruck realer Unversöhnlichkeit. Gerade hierin liegt der Punkt, an dem Dialektik in Affirmation umzuschlagen droht.

Eng verbunden damit ist Hegels Geschichtsdenken. Die Geschichte erscheint als sinnhaft strukturierter Prozess, in dem sich Vernunft schrittweise verwirklicht. Auch wo Hegel historische Gewalt, Entfremdung und Leiden nicht leugnet, ordnet er sie in eine Bewegung ein, die auf Selbstbewusstsein und Freiheit zielt. Geschichte besitzt eine Richtung, auch wenn ihr Verlauf widersprüchlich ist. Für kritisches Denken stellt sich hier die Frage, ob eine solche Teleologie nicht bereits die Möglichkeit radikaler Kritik beschneidet, indem sie dem Bestehenden retrospektiv Sinn zuschreibt.

Aus der Perspektive der Kritischen Theorie wird diese Geschichtsphilosophie problematisch, weil sie die gesellschaftliche Realität unter den Vorbehalt ihrer begrifflichen Rechtfertigung stellt. Was sich im Gang der Geschichte als notwendig darstellt, entzieht sich der Kritik, noch bevor sie ansetzt. Dialektik verliert ihren Stachel, sobald sie zur Erzählung der notwendigen Selbstverwirklichung des Geistes wird. Die Erfahrung realer Ohnmacht, von Ausbeutung und Zerstörung, lässt sich so zwar interpretieren, aber nicht mehr in ihrer Negativität festhalten.

Damit ist Hegels Dialektik nicht widerlegt, wohl aber an eine Grenze geführt. Die Einsicht in die Prozesshaftigkeit und Widersprüchlichkeit der Wirklichkeit bleibt unabdingbar. Doch die Idee ihrer begrifflichen Vollendung wird fragwürdig.Dialektik steht vor der Alternative, entweder als spekulative Versöhnung zu enden oder sich selbst gegen ihre systematische Schließung zu wenden. An diesem Punkt setzt die materialistische Wendung ein, die Marx vollzieht und die für Horkheimers spätere Konzeption entscheidend wird. Die Überschreitung Hegels besteht daher nicht in der Preisgabe der Dialektik, sondern in ihrer Entteleologisierung. Negation soll nicht länger als Moment einer garantierten Aufhebung fungieren, sondern als Ausdruck realer gesellschaftlicher Antagonismen ernst genommen werden. Die Wahrheit des Denkens liegt dann nicht mehr in der Versöhnung von Begriff und Wirklichkeit, sondern in der Kritik jener Verhältnisse, die eine solche Versöhnung systematisch verhindern.

Marx: Die materialistische Zäsur

Mit Marx vollzieht die Dialektik eine Verschiebung, die ihren Gegenstand ebenso betrifft wie ihren Anspruch. Was bei Hegel als Bewegung des Begriffs erscheint, wird bei Marx zur Analyse realer gesellschaftlicher Prozesse. Dialektik verliert ihren spekulativen Charakter. Sie ist nicht länger Selbstbewegung des Geistes, sondern Kritik an Verhältnissen, die ihre eigene Irrationalität hinter rationaler Form verbergen. Von Hegel übernimmt Marx dabei die Einsicht, dass Wirklichkeit prozesshaft ist und Negation produktiv sein kann.

Gesellschaft ist für Marx ein Ensemble von Beziehungen, das sich durch innere Widersprüche reproduziert – kein statisches Gefüge. Doch diese Widersprüche sind nicht begrifflicher Natur. Sie entspringen materiellen Praktiken, insbesondere den Formen der Produktion und der Arbeitsteilung. Dialektik wird so aus der Sphäre der Philosophie in die der Gesellschaftstheorie überführt.

Zentral ist dabei die Kritik an der hegelschen Versöhnungslogik. Marx‘ Vorwurf an Hegel lautet: Dieser transformiert die realen Antagonismen in begriffliche Bewegung und mystifiziert sie dadurch. Die Widersprüche werden im Begriff aufgehoben, nicht in der Wirklichkeit. Marx‘ berühmte Rede von der „Umstülpung“ der Dialektik zielt genau auf diesen Punkt: Die Bewegung soll nicht länger im Kopf stattfinden, sondern an den Verhältnissen selbst ansetzen.

In der Kritik der politischen Ökonomie erhält diese Wendung ihre prägnanteste Form. Kategorien wie Ware, Wert oder Kapital sind bei Marx Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse, die sich verselbständigt haben. Der Widerspruch zwischen Gebrauchswert und Tauschwert existiert in der Sache selbst, nicht im Kopf des Theoretikers. Die Ware erscheint als Einheit zweier unvereinbarer Bestimmungen: Sie muss nützlich sein, um getauscht zu werden, doch ihr gesellschaftlicher Charakter zeigt sich erst im Tausch, der von dieser Nützlichkeit abstrahiert. Dialektik besteht hier darin, diese Widersprüche freizulegen, ohne sie aufzulösen.

Entscheidend ist dabei, dass diese Kategorien nicht bloß Denkformen sind, sondern reale Abstraktionen. Der Wert ist eine begriffliche Form, die dem gesellschaftlichen Sein selbst innewohnt. Im Akt des Tauschens vollziehen die Subjekte eine Abstraktion von den konkreten Eigenschaften der Waren – sie setzen Ungleiches gleich, um es austauschbar zu machen. Diese Abstraktion geschieht nicht im Kopf des Theoretikers, sondern in der gesellschaftlichen Praxis selbst. „Die Austauschenden wissen es nicht, aber sie tun es“, wie Marx formuliert. Die Ware erscheint als Ding mit der natürlichen Eigenschaft, Wert zu haben, während dieser Wert in Wahrheit Ausdruck eines gesellschaftlichen Verhältnisses ist. Herrschaft verschwindet so hinter der Dingform. In der verdinglichten Gestalt des Geldes, das als „Ding an sich“ erscheint, wird unsichtbar, dass es menschliche Beziehungen sind, die sich hier objektivieren. Die Ideologie liegt nicht außerhalb der Verhältnisse, sondern wohnt ihnen als objektive Gedankenform inne. Kritik muss daher bei diesen realen Abstraktionen ansetzen, um die verschleierte Herrschaft sichtbar zu machen.

Damit verbindet Marx Dialektik untrennbar mit Kritik. Erkenntnis zielt nicht auf begriffliche Vollständigkeit, sondern auf die Aufdeckung der historischen und sozialen Bedingungen, unter denen bestimmte Formen von Rationalität entstehen. Theorie wird damit selbst Teil gesellschaftlicher Praxis. Sie steht nicht außerhalb ihres Gegenstandes, sondern ist in die Kämpfe und Konflikte der Gesellschaft eingelassen. Wahrheit erhält einen praktischen Index, ohne auf unmittelbare Handlungsanweisungen reduziert zu werden.

Für Horkheimer ist Marx daher weniger Lieferant fertiger Antworten als Ausgangspunkt einer Fragestellung. Die materialistische Wendung der Dialektik eröffnet die Möglichkeit, gesellschaftliche Totalität zu denken, ohne sie zu rechtfertigen. Zugleich zwingt sie dazu, das Verhältnis von Theorie und Praxis neu zu bestimmen. Genau an diesem Punkt setzt Traditionelle und kritische Theorie an. Horkheimer nimmt Marx‘ Einsicht in die gesellschaftliche Bedingtheit des Denkens auf, radikalisiert sie jedoch, indem er auch die Theorie selbst der Kritik unterzieht.

Horkheimer: Dialektik und gesellschaftliche Praxis

Die Unterscheidung zwischen traditioneller und kritischer Theorie, die Horkheimer 1937 formuliert, ist mehr als eine methodologische Differenz. Hier vollzieht Dialektik den Übergang von der Philosophie zur Gesellschaftstheorie. Zugleich wird ihre eigene Verstrickung in gesellschaftliche Verhältnisse zum Problem. Horkheimer kritisiert die traditionelle Theorie in ihrer vermeintlichen Neutralität – diese Neutralität ist stillschweigende Affirmation.

Traditionelle Theorie orientiert sich am Ideal der mathematischen Naturwissenschaft. Sie sucht allgemeine Gesetze, aus denen sich empirische Einzelfälle deduzieren lassen, und versteht sich als wertfrei. Wahrheit ist hier formal bestimmt: Eine Aussage gilt als wahr, wenn sie widerspruchsfrei in ein Hypothesensystem passt und empirisch standhält. Vorausgesetzt wird dabei, dass Theorie und Wirklichkeit getrennte Sphären sind. Der Theoretiker beobachtet unbeteiligt. Die Tatsachen erscheinen als schlechthin gegeben – sie sind zu ordnen, zu erklären.

Genau diese Voraussetzung wird von Horkheimer dialektisch unterlaufen. Er zeigt, dass die traditionelle Theorie ihre eigenen gesellschaftlichen Bedingungen ausblendet. Der Wissenschaftler mag sich als neutral verstehen, doch seine Arbeit ist Teil der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, seine Begriffe sind historisch gewordene Formen, seine Forschung dient faktisch bestimmten Interessen. Die Behauptung der Wertfreiheit verschleiert diese Zusammenhänge, statt sie sichtbar zu machen. Traditionelle Theorie wird so unwillentlich ideologisch: Sie reproduziert das Bestehende, indem sie dessen Bedingungen naturalisiert.

Kritische Theorie setzt genau an dieser Erkenntnis an. Sie versteht Theorie nicht als etwas, das der Gesellschaft äußerlich gegenübersteht, sondern als Moment gesellschaftlicher Praxis. Horkheimer formuliert dies 1937 mit prägnanter Klarheit: „Die Tatsachen, welche die Sinne uns zuführen, sind in doppelter Weise gesellschaftlich präformiert: durch den geschichtlichen Charakter des wahrgenommenen Gegenstands und den geschichtlichen Charakter des wahrnehmenden Organs.“ Diese doppelte Vermittlung – des Objekts und des Subjekts durch gesellschaftliche Verhältnisse – ist der Kern des dialektischen Denkens bei Horkheimer.

Hier übernimmt Horkheimer Hegels Begriff der Vermittlung, wendet ihn jedoch materialistisch. Vermittlung bezeichnet nicht länger die innere Bewegung des Begriffs, sondern die reale gesellschaftliche Vermitteltheit aller Phänomene. Das Einzelne ist nicht isoliert verständlich, weil es durch gesellschaftliche Zusammenhänge konstituiert wird: durch Produktionsverhältnisse, durch Herrschaft, durch die Formen, in denen Menschen ihre Bedürfnisse organisieren. Dialektisches Denken erfasst diese Zusammenhänge als in Bewegung begriffen – doch diese Bewegung ist keine begriffliche Selbstentfaltung, sondern der reale Prozess gesellschaftlicher Reproduktion, der durch Widersprüche getrieben wird.

Damit verbindet sich ein spezifisches Verständnis von Totalität. Horkheimer übernimmt von Hegel den Anspruch, dass das Einzelne nur im Bezug auf das Ganze begriffen werden kann. Doch dieses Ganze ist nicht – wie bei Hegel – ein vernünftiger Zusammenhang, der sich im Begriff schließt. Es ist die gesellschaftliche Totalität als Herrschaftszusammenhang. „Die Kategorien des Besseren, Nützlichen, Zweckmäßigen, Produktiven, Wertvollen, wie sie in dieser Ordnung gelten, sind vielmehr selbst der Kritik unterworfen“, schreibt Horkheimer. Die Totalität muss gedacht werden, um kritisiert zu werden.

Diese Kritik kann sich nicht auf einen Standpunkt außerhalb der Gesellschaft berufen. Kritische Theorie erkennt ihre eigene Bedingtheit an. Sie weiß, dass ihre Begriffe, ihre Fragestellungen, selbst ihr emanzipatorisches Interesse gesellschaftlich vermittelt sind. Doch gerade diese Reflexion auf die eigenen Voraussetzungen ermöglicht Kritik. Während traditionelle Theorie ihre Verstrickung leugnet und damit affirmativ wird, hält kritische Theorie diese Verstrickung fest und wendet sie gegen das Bestehende.

Der Totalitätsbezug der kritischen Theorie ist daher kein metaphysischer Anspruch, sondern eine methodische Notwendigkeit. Gesellschaft kann nur als Zusammenhang begriffen werden, weil die Einzelnen durch Verhältnisse geformt werden, die sie übergreifen. Horkheimer schreibt: „Die Anstrengung, die in der Durchdringung der Gegensätze, in der Darstellung des Einzelnen in seinem Zusammenhang mit dem Ganzen besteht, bedeutet zugleich die Kritik am bloß Einzelnen und an der bloßen Allgemeinheit.“ In dieser Anstrengung vollzieht sich die doppelte Bewegung der Dialektik.Das Besondere wird aufs Allgemeine bezogen – aber es geht nicht darin auf. Das Allgemeine konkretisiert sich am Besonderen – aber es unterdrückt es nicht.

Damit gewinnt Dialektik bei Horkheimer eine spezifische Form. Sie ist nicht Methode im traditionellen Sinne, nicht ein Verfahren, das an beliebige Gegenstände herangetragen werden kann. Sie ist die Form, in der sich gesellschaftliche Wirklichkeit selbst bewegt – und zugleich die einzige Form des Denkens, die dieser Bewegung gerecht wird.

Entscheidend ist schließlich die Verbindung von Theorie und Praxis. „Das kritische Denken ist motiviert von dem Versuch, die Spannung wirklich zu überwinden, die Gegensätze von Vernunft und Wirklichkeit aufzuheben“, schreibt Horkheimer. Doch diese Aufhebung ist keine begriffliche, sondern eine praktische. Theorie wird zur Kraft der Veränderung, indem sie die Möglichkeit einer anderen Gesellschaft denkbar macht – ohne diese Möglichkeit in einem System zu fixieren.

Hier liegt die Pointe von Horkheimers Konzeption. Dialektik bleibt offen. Sie kennt keine positive Versöhnung, keinen Punkt, an dem die Widersprüche im Begriff aufgehoben wären. „Die kritische Theorie vermag zwar die Bewegung der Gesellschaft zu begreifen und die Richtung anzugeben, in der sie sich wandeln soll, aber sie kann nicht behaupten, dass dieser Wandel mit Notwendigkeit eintritt.“ Dialektik verzichtet auf Garantie. Sie hält an der Negativität fest, ohne sie zu beruhigen.

In diesem Sinne ist Horkheimers Aufsatz von 1937 die dialektische Kulmination der Bewegung, die von Hegel über Marx führt. Er übernimmt Hegels Einsicht in die Vermittlung und Totalität, befreit sie jedoch von ihrer spekulativen Schließung. Er radikalisiert Marx‘ materialistische Wendung, indem er Theorie selbst als gesellschaftliches Verhältnis begreift. Und er formuliert eine Dialektik, die ihre eigene Verstrickung reflektiert und gerade darin ihre kritische Kraft gewinnt.

Adorno: Negative Dialektik als Selbstkritik der Vernunft

Die von Horkheimer entwickelte Konzeption der kritischen Theorie enthält bereits ein Moment, das über ihre eigene systematische Form hinausweist. In der Weigerung, gesellschaftliche Totalität als begrifflich versöhnbar zu denken, kündigt sich eine Dialektik an, die ihre eigene Schließung suspendiert. Dieses Moment wird bei Adorno nicht additiv ergänzt, sondern methodisch zugespitzt. Dialektik richtet sich nun nicht mehr nur gegen falsche Gesellschaft, sondern auch gegen jene Formen des Denkens, die diese Gesellschaft begrifflich zu rechtfertigen suchen – einschließlich der Dialektik selbst.

Adornos negative Dialektik setzt an der hegelschen Identitätslogik an, ohne deren kritisches Potential preiszugeben. Sie hält an der Einsicht fest, dass Denken nur im Widerspruch zur Sache fortschreiten kann. Zugleich verweigert sie sich der Vorstellung, dieser Widerspruch lasse sich im Begriff aufheben. Das Nichtidentische – das, was sich der begrifflichen Einholung entzieht – wird nicht als Mangel des Erkennens begriffen, sondern als Signatur einer Realität, die selbst nicht versöhnt ist. Dialektik bewährt sich hier nicht im Resultat, sondern im Aushalten der Negativität.

Der Begriff des Nichtidentischen markiert den Bruch mit Hegel. Für Hegel ist der Begriff die Form, in der das Wirkliche zu sich selbst kommt. Was sich dem Begriff entzieht, erscheint als noch Unverstandenes, das der weiteren Vermittlung bedarf. Bei Adorno wird gerade diese Annahme problematisch. Der Zwang zur Identität – die Forderung, dass das Besondere im Allgemeinen aufgehen müsse – ist selbst Ausdruck von Herrschaft. Der Begriff herrscht über sein Objekt, indem er es auf sein Maß zurichtet. „Identität ist die Urform von Ideologie“, schreibt Adorno in der Negativen Dialektik.

Damit wird Dialektik zur Kritik ihrer eigenen Voraussetzungen. Sie muss mit Begriffen arbeiten, weiß jedoch, dass jeder Begriff das Besondere verfehlt, indem er es unter ein Allgemeines subsumiert. Diese Einsicht führt nicht in den Verzicht auf Begriffe – das wäre bloße Resignation –, sondern in eine reflexive Bewegung: Dialektik denkt mit Begriffen gegen die Begriffe. Sie sucht das Nichtidentische im Identischen selbst auf, die Spur des Konkreten im Abstrakten, das Leiden im System.

Hier gewinnt der Materialismus bei Adorno eine neue Bedeutung. Materialismus meint nicht die Behauptung, dass alles aus Materie bestehe, sondern die Insistenz darauf, dass das Leiden real ist und dass Denken diesem Leiden gerecht werden muss. „Das leibhafte Moment meldet der Erkenntnis an, dass Leiden nicht sein, dass es anders werden solle“, heißt es in der Negativen Dialektik. Das Leiden ist der „Statthalter des Materiellen“ – jener Rest, der sich nicht ins System integrieren lässt und gerade deshalb zur Kritik zwingt.

Diese Verschiebung betrifft den Wahrheitsbegriff selbst. Wahrheit ist nicht länger an die Idee eines sich schließenden Zusammenhangs gebunden, sondern an die Fähigkeit des Denkens, dem Leiden, der Verdinglichung und der Gewalt einen Ausdruck zu geben, der sie nicht neutralisiert. Die kritische Kraft der Dialektik liegt darin, dass sie dem Bestehenden seine Selbstverständlichkeit entzieht, ohne an ihre Stelle eine positive Gegenordnung zu setzen. Kritik verzichtet auf Garantie.

Damit radikalisiert Adorno eine Einsicht, die bei Horkheimer bereits formuliert ist: dass Theorie selbst Teil der gesellschaftlichen Verhältnisse ist, die sie kritisiert. Die Reflexion dieser Verstrickung führt jedoch nicht in Skepsis oder Relativismus, sondern in eine gesteigerte Selbstkritik des Begriffs. Dialektik wird zur Bewegung eines Denkens, das seine eigenen Voraussetzungen mitdenkt und gerade darin seine Wahrheit gewinnt.

Zugleich verschärft sich der Abstand zu Hegel. Wo Hegel im Fortgang der Geschichte die allmähliche Realisierung der Vernunft erkennt, insistiert die Kritische Theorie auf der Erfahrung von Bruch und Diskontinuität. Geschichte erscheint nicht mehr als sinnhaftes Kontinuum, sondern – in Benjamins berühmter Formulierung – als Feld sedimentierter Katastrophen. Fortschritt wird nicht verworfen, aber unter den Vorbehalt seiner eigenen Verkehrung gestellt. Dialektik ist hier nicht mehr Medium der Versöhnung, sondern Form der Erinnerung an das Unversöhnte.

In dieser Perspektive erhält auch der Totalitätsbegriff eine neue Bedeutung. Totalität ist nicht das Wahre, sondern der Zusammenhang der Herrschaft. „Das Ganze ist das Unwahre“ – diese Formel Adornos ist ohne Hegel nicht denkbar, aber eindeutig gegen ihn gerichtet. Totalität muss gedacht werden, um kritisiert zu werden, nicht um bejaht zu werden. Die Einsicht, dass das Ganze falsch ist, hebt den Anspruch auf Totalitätsdenken nicht auf, sondern verleiht ihm erst seine kritische Schärfe. Dialektik bleibt auf das Ganze bezogen, gerade um dessen Zwangscharakter sichtbar zu machen.

Die negative Dialektik ist daher keine Abkehr von Hegel, sondern seine konsequente Selbstkritik. Sie hält an der Bewegung der Negation fest, entzieht ihr jedoch die Versöhnungsperspektive. Sie denkt Totalität, ohne sie zu bejahen. Sie arbeitet mit Begriffen, um das zu retten, was der Begriff verfehlt. In diesem Sinne ist negative Dialektik Dialektik nach dem System – Dialektik, die ihre eigene Unabschließbarkeit als Prinzip begreift.

Adornos Radikalisierung markiert damit keinen Bruch mit Horkheimer, sondern eine Zuspitzung seiner Intention. Die kritische Theorie vollzieht hier endgültig den Abschied von jeder positiven Philosophie der Geschichte. Dialektik wird zur Haltung eines Denkens, das sich der Unmöglichkeit von Versöhnung bewusst ist und dennoch an der Möglichkeit von Wahrheit festhält. Wahrheit erscheint nicht als Ziel, sondern als Widerstand – gegen Identität, gegen Affirmation, gegen das Vergessen des Leidens.

Dialektik als fortgesetzte Kritik

Der Weg von Hegel über Marx zu Horkheimer und Adorno beschreibt keine lineare Entwicklung, sondern eine fortschreitende Problematisierung der Dialektik selbst. Was bei Hegel als Bewegung der Vernunft erscheint, wird bei Marx zur Kritik gesellschaftlicher Verhältnisse und in der Kritischen Theorie schließlich zur Reflexion der Bedingungen, unter denen Denken überhaupt möglich ist. Dialektik verliert dabei ihren Anspruch auf begriffliche Vollendung, ohne ihre kritische Kraft einzubüßen. Sie wird nicht aufgegeben, sondern ihrer eigenen Affirmation entzogen.

Horkheimers Unterscheidung zwischen traditioneller und kritischer Theorie markiert in diesem Zusammenhang einen entscheidenden Punkt. Sie macht sichtbar, dass Erkenntnis nicht jenseits der Gesellschaft steht, sondern in deren Widersprüche eingelassen ist. Dialektisches Denken kann sich daher nicht auf die Erklärung des Bestehenden beschränken. Es ist auf Kritik verpflichtet, nicht im Sinne eines äußeren Standpunkts, sondern als immanente Bewegung, die die gesellschaftlichen Voraussetzungen von Vernunft selbst zum Gegenstand nimmt.

Die Radikalisierung dieser Einsicht in der negativen Dialektik führt nicht zu einem neuen System, sondern zu einer Haltung. Dialektik besteht hier im Widerstand gegen die Zumutung der Identität, gegen die Vereinnahmung des Nichtidentischen durch den Begriff. Wahrheit erscheint nicht als Resultat, sondern als Moment der Unterbrechung – dort, wo Denken sich weigert, das Gegebene als notwendig hinzunehmen. Diese Weigerung ist kein Rückzug, sondern die Bedingung von Kritik.

In dieser Perspektive bleibt auch der Bezug auf Totalität unabdingbar. Gesellschaft kann nur als Zusammenhang begriffen werden, der die Einzelnen formt und übergreift. Doch dieser Zusammenhang ist nicht das Wahre, sondern das Problem. Dialektisches Denken richtet sich auf das Ganze, um dessen Unwahrheit sichtbar zu machen. Es hält an der Einsicht fest, dass die Analyse der Verhältnisse ohne ihre Rechtfertigung möglich sein muss.

Die Kritische Theorie steht damit in einer Tradition, die sich nicht durch feste Lehrsätze definiert, sondern durch eine bestimmte Art des Denkens. Sie lebt von der Spannung zwischen Aneignung und Bruch, von der Bereitschaft, Begriffe zu verwenden und zugleich gegen sie zu denken. Dialektik ist in diesem Sinne kein Instrument, das zur Verfügung steht, sondern eine Verpflichtung: zur Aufmerksamkeit gegenüber dem Leiden, zur Skepsis gegenüber Versöhnungsversprechen, zur Beharrlichkeit der Kritik.

Dass diese Dialektik keine Garantie kennt, ist kein Mangel, sondern ihre Wahrheit. Dialektik bewährt sich, indem sie das Falsche als falsch festhält – ohne Versöhnung zu versprechen, aber mit dem Anspruch auf Wahrheit.

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