Was kann Kritische Theorie heute noch leisten?

Die Frage klingt nach Nachruf. Als müsste man zunächst einräumen, dass eine Theorie, die in den 1930er Jahren entstand, inzwischen ihren historischen Ort gefunden hat — in den Seminaren, in den Handbüchern, in der Geistesgeschichte. Und doch drängt sie sich mit einer Hartnäckigkeit auf, die sich dieser Einordnung widersetzt.

Der Grund liegt nicht in akademischer Treue zu einem Kanon. Er liegt darin, dass die Verhältnisse, auf die die Kritische Theorie reagierte, nicht verschwunden sind — sie haben sich transformiert. Die Frage nach der instrumentellen Vernunft stellt sich neu, wo Algorithmen Entscheidungen übernehmen und Effizienz zum letzten Maßstab wird. Die Dialektik der Aufklärung wiederholt sich nicht, aber sie hallt nach: in der Gleichzeitigkeit von technischem Fortschritt und wachsender Irrationalität, von Informationsüberfluss und schwindendem Urteilsvermögen. Die Kulturindustrie hat neue Formen angenommen — aber ihre innere Logik, die Unterwerfung von Erfahrung unter Verwertbarkeit, ist erkennbar geblieben.

Sie weigert sich, die Rationalität der Verhältnisse mit ihrer Vernünftigkeit zu verwechseln. Sie beharrt darauf, dass das Bestehende nicht notwendig ist — dass alles auch anders sein könnte. Und sie hält an der Möglichkeit von Wahrheit fest, auch dort, wo diese unbequem wird.

Das setzt freilich voraus, dass man die Kritische Theorie nicht als geschlossenes System behandelt, das man verteidigt oder verwirft. Adornos Insistieren auf Negativität, Marcuses utopischer Horizont, Benjamins fragmentarische Geschichtsphilosophie, Habermas‘ kommunikativer Paradigmenwechsel — das sind keine Stufen einer Entwicklung, in der spätere Positionen frühere überwinden. Es sind Konstellationspunkte, zwischen denen Spannungen, Affinitäten und Brüche verlaufen. Gerade in diesen Spannungen liegt die produktive Kraft dieser Tradition.

Mein neuer Essayband Dialektik ohne Garantie versucht, dieser Tradition auf diese Weise zu begegnen: nicht durch historische Rekonstruktion, sondern durch die Frage, was an ihr unabgegolten ist. Die Essays entstanden über mehrere Jahre — aus der fortgesetzten Arbeit an Texten, die mich nicht losgelassen haben. Sie folgen keiner Orthodoxie, sondern einer Haltung: der Weigerung, das kritische Potenzial dieser Theorie dem akademischen Betrieb zu überlassen.

Das Vorwort formuliert es so: Diese Dialektik kennt keine Garantie. Sie verspricht keine Versöhnung — aber sie hält am Anspruch auf Wahrheit fest. Das ist wenig. Und es ist genug, um weiterzudenken. Wer sich darauf einlassen möchte — das vollständige Vorwort und ein Auszug aus dem ersten Essay sind frei zugänglich: https://buchshop.bod.de/dialektik-ohne-garantie-manfred-steglich-9783695745999

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