Ich war zu jung für 68. Als Schneider auf den Podien stand, saß ich noch in der Schule. Die Revolte kannte ich zunächst als Text, als Versprechen, das schon eingelöst oder gebrochen war, bevor ich es selbst ergreifen konnte. Was mich an ihm festhielt, war nicht der Revolutionär. Es war der Zweifler.
1978, als das linke Lager die Stammheimer Toten noch zu Märtyrern verklärte, schrieb er im Kursbuch über den Sand an Baaders Schuhen – ein forensisches Detail, nüchtern und unerbittlich. Kein Pathos, keine Anklage. Nur die stille Weigerung, sich der kollektiven Vernebelung anzuschließen. Ich habe diesen Text als junger Mann gelesen und gedacht: So geht das also. So denkt man gegen den eigenen Stall.
Später dann Skylla, mein Lieblingsroman. Leo Brenner, der glaubt, seine Frau zu kennen, und zusehen muss, wie sie ihm und sich selbst entgleitet. Süditalienisches Licht, antikes Mosaik, trockener Humor. Und Leo, dem ein windiger Unternehmer immer wieder großzügig Ferrari Sekt einschenkt. Der Held nimmt das Glas an. Was sonst. Ich habe dabei jedes Mal gelacht und mich gleichzeitig ertappt gefühlt.
Schneider blieb zeitlebens zur Selbstkritik bereit, ohne in jene linke Melancholie zu verfallen, vor der schon Benjamin gewarnt hatte. Er löste sich von eigenen Irrtümern – öffentlich, was in seiner Generation keine Selbstverständlichkeit war.
Nun ist er gegangen, mit 85 Jahren. Man hebt das Glas Ferrari Sekt – was sonst – und denkt an einen, der uns beigebracht hat, dass Enttäuschung kein Grund ist aufzuhören.
Die schwierigere Übung. Und die seltenere.
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