Der unbequeme Erbe: Jürgen Habermas (1929–2026)

Mit Jürgen Habermas ist gestern der letzte große Denker der Frankfurter Schule gestorben – und der umstrittenste. Zumindest für jene, die in der Tradition der Väter stehen.

Er kam 1956 als junger Assistent zu Adorno nach Frankfurt – in ein intellektuelles Kraftfeld, dessen Gravitationszentrum die Verschränkung von Marx, Freud und Hegel bildete. Horkheimer ahnte früh, dass dieser Schüler der Schule eine Richtung geben würde, die mit der dialektischen Erfahrung ihrer Selbstzerstörung schwer vereinbar war. Er behielt recht – und hatte trotzdem unrecht.

Ich habe Habermas immer mit produktivem Widerspruch gelesen. Seine kommunikative Wende, der Schritt weg von der dunklen Dialektik Adornos hin zu einer Theorie der Verständigung, schien mir zu versöhnlich mit dem Bestehenden. Die Frage „Wer spricht?“ verdrängte die Frage „Wer besitzt?“. Herrschaft wurde zur Kommunikationsstörung, Ausbeutung zur Verfahrensfrage. Als hätte das Kapital je auf das bessere Argument gewartet.

Und doch. Habermas hat die Frankfurter Schule gerettet – als Institution, als öffentliche Stimme, als intellektuelle Tradition. Er hat die Bundesrepublik als kritischer Begleiter mitgeformt: im Historikerstreit, in den Debatten um den Irakkrieg, in seiner unermüdlichen Verteidigung demokratischer Vernunft gegen Relativismus und Nationalismus. Das war kein akademisches Glasperlenspiel. Es war politischer Ernst – in Zeiten, in denen andere schwiegen.

Sein frühes Werk trägt noch die materialistische Grundierung, die Adorno ihm mitgegeben hatte. Der Strukturwandel der Öffentlichkeit, Erkenntnis und Interesse – hier war Habermas am schärfsten, der ersten Generation am nächsten, dem was ich für notwendig halte am nächsten. Dass er diesen Weg nicht weiterging, bleibt mein Einwand. Dass er einen anderen Weg ging und dabei die Theorie am Leben hielt, bleibt seine Leistung.

Was er hinterließ, ist ein Paradox: Er bewahrte das Erbe der Kritischen Theorie und domestizierte es zugleich. Aus der Revolte wurde eine Reputation, aus der Negativität ein Curriculum. Aber vielleicht war das der Preis, den die Theorie zahlen musste, um überhaupt zu überleben – in einer Zeit, in der niemand sonst bereit war, die Lücke zu füllen.

Die nächste Kritische Theorie wird durch Habermas hindurchmüssen – und über ihn hinaus. Das ist kein Nachruf auf sein Scheitern. Es ist das höchste Kompliment, das man einem Denker machen kann.

15.03.2026

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