Unterversorgung in sozial benachteiligten Quartieren

Wer im falschen Stadtteil in Bremen lebt, wartet länger – oder vergebens

Die Versorgungskrise mit Kinder- und Hausärzten trifft Gröpelingen, Osterholz-Tenever, Hemelingen, Huchting und Woltmershausen – ebenso Bremen-Nord und Bremerhaven. Die Karte der unterversorgten Quartiere deckt sich weitgehend mit der Karte der Armut in Bremen. Wo Langzeitarbeitslosigkeit, prekäre Wohnverhältnisse und geringe Bildungschancen konzentriert sind, bricht auch die Gesundheitsinfrastruktur weg. Die soziale Spaltung des Stadtstaats organisiert sich im Raum – und die medizinische Unterversorgung ist ein sichtbarer Ausdruck davon.

Bremerhaven verdient dabei besondere Aufmerksamkeit. Die Stadt gehört zu den Kommunen mit den höchsten Armutsquoten in Deutschland, die Kinderarmut liegt seit Jahren weit über dem Bundesdurchschnitt, und die hausärztliche wie kinderärztliche Versorgung ist in zahlreichen Stadtteilen chronisch dünn. Bremerhaven steht für eine Lage, in der sich Benachteiligungen gegenseitig verstärken: schwache Infrastruktur trifft auf ohnehin belastete Lebensverhältnisse, fehlende Versorgung auf eingeschränkte Möglichkeiten, sie anderswo zu kompensieren. Was dort besonders deutlich hervortritt, kennzeichnet in abgeschwächter Form auch viele Quartiere in Bremen-Nord.

Besonders aufschlussreich ist die politische Reaktion auf diese Lage. Der zentrale Hebel, auf den Behörden und Kassenärztliche Vereinigung setzen, sind „finanzielle Anreize“ — Honorarzuschläge und Standortzulagen für Ärzte, die sich in „unattraktiven Quartieren“ niederlassen sollen. Die Grundannahme dahinter lautet: Wenn der Markt die Versorgung nicht herstellt, muss man ihn durch zusätzliche Zahlungen nachregeln. Gesundheitsversorgung als öffentliche Pflichtaufgabe, die unabhängig von Rentabilitätserwägungen bereitgestellt wird, erscheint in diesem Denkhorizont gar nicht erst als Option.

Die geltende Bedarfsplanung sichert diese Logik institutionell ab. Offiziell gilt ein Gebiet erst dann als unterversorgt, wenn der Versorgungsgrad unter 75 Prozent des rechnerischen Plansolls fällt. Eine Praxis kann schließen, ein Quartier kann faktisch ohne Kinderarztzugang dastehen — und gilt planungsrechtlich dennoch als ausreichend versorgt. Sozioökonomische Faktoren, die den realen Bedarf maßgeblich bestimmen – Armutsquoten, Krankheitslast, eingeschränkte Mobilität, Sprachbarrieren -, fließen in diese Berechnung grundsätzlich nicht ein. Die Planung verschleiert statistisch genau die Ungleichheit, die sie angeblich ausgleichen soll.

Am deutlichsten zeigt sich das bei Kindern mit chronischen Erkrankungen. Für sie ist eine dauerhafte Anbindung an eine Praxis medizinische Notwendigkeit. Die Antwort der Behörden – Einzeltermine über die Terminservicestelle — verkennt das vollständig. Was die Familien in Gröpelingen oder Bremerhaven brauchen, ist kontinuierliche Versorgung. Was sie bekommen, ist die Verwaltung ihrer Unterversorgung.

Eine ernsthafte Antwort müsste bei den Strukturen ansetzen. Kommunal getragene Gesundheitszentren, die Haus‑, Kinder‑ und Fachärzte sowie Sozialberatung bündeln, könnten in Quartieren wie Gröpelingen – das bereits ein Gesundheitszentrum, dessen Kapazität jedoch nicht ausreicht – oder in den strukturschwachen Bereichen Bremerhavens das leisten, was der Markt dort erkennbar nicht leistet. Eine Bedarfsplanung, die sozioökonomische Realität abbildet, wäre dafür Voraussetzung. Verbindliche Versorgungsaufträge für unterversorgte Stadtteile, eine Landesbeteiligung an der Weiterbildung von Kinderärzten sowie gezielte Unterstützung bei Praxisgründungen werden von Berufsverbänden seit Jahren gefordert — und politisch konsequent nicht umgesetzt.

In dieser Logik ist die Unterversorgung der ärmsten Stadtteile ein systematisches Ergebnis marktbasierter Versorgungslogik. Solange Gesundheitsversorgung im Wesentlichen als Frage der ärztlichen Niederlassungsfreiheit und betriebswirtschaftlicher Attraktivität behandelt wird, werden die Quartiere, die am wenigsten attraktiv erscheinen, am schlechtesten versorgt sein. In Bremen und Bremerhaven sind das dieselben Quartiere, in denen die soziale Lage ohnehin am schwierigsten ist. Diese Übereinstimmung ist das Ergebnis einer politischen Schwerpunktsetzung in einem Bundesland, in dem über ein Viertel der Menschen an der Armutsgrenze leben.

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