Erbschleicher oder Abwickler?

Ein alter Streit um Habermas flammt wieder auf

Jörg Später, Biograph der Frankfurter Schule, vermerkt im soeben erschienenen Sonderheft der Zeitschrift Philosophie mit leiser Ironie, dass man den Nachhall eines alten Streits noch heute in voller Lautstärke hören könne. Er meint den Graben, der sich spätestens beim Hamburger Adorno-Symposion von 1984 auftat, jener Gegenveranstaltung zur offiziellen Frankfurter Adorno-Konferenz des Vorjahres, von der Rolf Tiedemann und der Lüneburger Kreis um Hermann Schweppenhäuser ausgeschlossen worden waren. Damals kursierte in diesen Kreisen das Bild vom „Erbschleicher“ Habermas. Vier Jahrzehnte später, so Später, sei dieses Echo im FAZ-Feuilleton wieder zu vernehmen: in Gerhard Schweppenhäusers Abrechnung mit Habermas als „Abwickler“ der Kritischen Theorie und Stefan Müller-Doohms Gegenwehr.

Wer den Streit verstehen will, muss wissen, wer die Lüneburger waren und warum sie dort saßen, wo sie saßen. Hermann Schweppenhäuser, Adornos engster Mitarbeiter und Mitherausgeber seiner Gesammelten Schriften, hatte sich bewusst aus Frankfurt zurückgezogen und eine Professur in Lüneburg angenommen. Mit ihm Rolf Tiedemann, Adornos editorischer Begleiter und Hüter des Benjamin-Nachlasses, und Christoph Türcke, der die kommunikative Wende als „Verwässerung“ der Kritischen Theorie angriff.

Diese drei standen in deutlicher Distanz zum Frankfurter Zentrum der „zweiten Generation“. Ihnen gemeinsam war die Überzeugung, dass Kritische Theorie ihre Negativität nicht zugunsten einer versöhnenden Gesellschaftstheorie preisgeben dürfe. Kritik, die sich allzu reibungslos institutionell einrichtet, läuft Gefahr, ihren Gegenstand zu verlieren. Hermann Schweppenhäuser hielt daran fest, dass die Sprache des Denkens negativ bleiben müsse, als Widerstand gegen jene falsche Klarheit, die das Denken dem Bestehenden angleicht. Was Habermas als Fortentwicklung der Kritischen Theorie präsentierte, galt ihnen als deren Liquidation: die Sublimierung der Negativität in Diskursregeln, die Verwandlung von Herrschaft in Verfahrensfehler.

Ich stehe, was meine theoretischen Sympathien betrifft, eher auf Schweppenhäusers Seite. Aber der Disput ist differenzierter, als seine schärfsten Formulierungen nahelegen.

Habermas‘ Abkehr von den marxistischen Grundlagen der ersten Frankfurter Schule war historisch nicht ohne Berechtigung.

Marx erklärt nicht alles in der Spätmoderne, schon gar nicht im globalen Kapitalismus des 21. Jahrhunderts mit seinen verschränkten Herrschaftsformen, neuen sozialen Bewegungen und der Erosion klassischer Klassenmilieus. Hinzu kam, dass die Erfahrungen des Realsozialismus die Voraussetzungen klassischer marxistischer Gewissheiten selbst fragwürdig gemacht hatten. Wer dies bestreitet, verwechselt Traditionspflege mit Theoriearbeit.

Gleichwohl bleibt der Bruch ein Bruch. Was Habermas mit der Theorie des kommunikativen Handelns vollzog, war keine Rekonstruktion der Kritischen Theorie, sondern ihre Sublimierung. Aus der Perspektive der älteren Kritischen Theorie erscheint strukturelle Gewalt nun als Kommunikationsstörung, Klassenmacht als Verfahrensabweichung, Herrschaft als Defizit diskursiver Rationalität. Die Kolonialisierung der Lebenswelt lässt sich, so die implizite Logik, durch bessere Rede und institutionalisierte Verständigung begrenzen.

Was bei Horkheimer und Adorno als objektive Gewalt gesellschaftlicher Verhältnisse erschien, gilt aus dieser Perspektive zunehmend als ein durch institutionalisierte Verständigung bearbeitbares Problem.

Müller-Doohm hat recht. Habermas war kein staatstragender Denker im affirmativen Sinne. Die Münchner Universität hat ihm zweimal eine Honorarprofessur verweigert, und die konservative Kulturpolitik der Ära hat ihn mit gutem Grund als unbequem empfunden. Aber staatstragend und affirmativ sind nicht dasselbe. Man kann die bestehenden demokratischen Institutionen der Bundesrepublik als normative Bezugspunkte einer Gesellschaftstheorie setzen, ohne ihnen gegenüber unkritisch zu sein, und dabei doch eine Sprache entwickeln, die die radikale Negativität der alten Kritischen Theorie strukturell ausschließt.

Gerade deshalb haben Horkheimer und Adorno auch für die Gegenwart nichts von ihrer diagnostischen Schärfe verloren. Die „Dialektik der Aufklärung“, deren Konsequenzen Habermas als einen „nietzscheanischen“ Vernunftskeptizismus kritisierte, trifft die Verhältnisse der Gegenwart schärfer als Habermas’ Diskurstheorie. Wer verstehen will, wie Vernunft in ihr Gegenteil umschlägt, wer die psychischen Zurichtungen des autoritären Charakters in ihren neuen Erscheinungsformen begreift, und wer die Totalisierung der Warenform als objektiven Prozess analysiert, kommt an der ersten Generation nicht vorbei.

Habermas hat der Frankfurter Schule institutionelles Überleben gesichert. Der Preis war ihre Entradikalisierung. Über beides lässt sich nicht hinwegsehen.

Ich habe mich mit Habermas‘ Werk ausführlicher an zwei Stellen befasst: in einem Essay zu den Grenzen der kommunikativen Wende und in einem Nachruf nach seinem Tod.

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