Wartend, wartend – doch auf Nichts

Sils Maria, zum 126. Todestag Nietzsches

Am 25. August 1900 starb Friedrich Nietzsche in Weimar, in geistiger Umnachtung, elf Jahre nach dem Zusammenbruch in Turin. Die Stadt, in der er starb, hat mit dem eigentlichen Schauplatz seines Denkens wenig zu tun. Diesen findet man weit von Weimar entfernt, im Oberengadin, in einem Dorf am Silsersee: Sils Maria.

1881 kommt Nietzsche zum ersten Mal hierher. Auf einem Spaziergang am Silvaplanersee, bei einem, wie er schreibt, „mächtig pyramidal aufgethürmten Block“ nahe Surlej, kommt ihm der Gedanke der ewigen Wiederkunft. Er hält ihn mit einer Datierung fest, die selbst wie ein Denkmal klingt: „Anfang August 1881 in Sils-Maria, 6000 Fuss über dem Meere und viel höher über allen menschlichen Dingen.“ Die Formulierung verrät schon, wie sehr Nietzsche die Höhe des Ortes als Zustand seines eigenen Denkens verstand, nicht nur als Angabe zur Meereshöhe.

An dieses Hochtal band ihn zuerst der Körper: die dünne, trockene Luft des Oberengadins, die Weite des Tals mit seiner Kette aus Seen. Dazu das Licht, das er selbst einmal so beschrieb: „durchsichtig, glühend in den Farben, alle Gegensätze, alle Mitten zwischen Eis und Süden in sich schließend.“ Er führte Klimatabellen wie ein Meteorologe der eigenen Stimmung, maß Luftdruck und Bewölkung gegen seine Kopfschmerzen auf. Sein Credo für das Denken selbst: „So wenig als möglich sitzen, keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung, in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern.“ Diese Landschaft, seine „heroische Idylle“, war ihm eine Bedingung des Denkens.

Später nennt er das Engadin die „Geburtsstätte meines Zarathustra“, obwohl das genau genommen ungenau ist, denn der erste Teil entsteht andernorts, im Winter 1883, in Rapallo. Was in Sils entsteht, ist der Keim, der Augenblick am Stein bei Surlej, während der zweite Teil tatsächlich dort geschrieben wird, im Sommer 1883, in einer Geschwindigkeit, die Nietzsche selbst überrascht. Er spricht von „Conception“ und „Geburt“, von einer „Gefühls-Explosion und -Expansion“. Das Vokabular ist auffällig körperlich für einen Philosophen, der sonst so viel Wert auf Distanz legt.

In den Jahren danach kehrt er fast jeden Sommer zurück, bis 1888. Sils wird zur Werkstatt der reifen und späten Werke: Notizen zu Jenseits von Gut und Böse, Arbeit an der Genealogie der Moral, im letzten produktiven Sommer die Vorreden zu den früheren Büchern, Götzen-Dämmerung, Der Antichrist. Ein einfaches Zimmer bei der Familie Durisch, karge Möbel, ein Schreibtisch am Fenster. Von dort aus entsteht ein gutes Stück der Philosophie, die man heute mit Nietzsche verbindet.

Es gibt ein Gedicht, „Sils-Maria“, in den Liedern des Prinzen Vogelfrei, das diesen ganzen Zusammenhang später noch einmal aufnimmt, aus der Distanz der Erinnerung: „Hier sass ich, wartend, wartend – doch auf Nichts …“ Und dann, am Ende, der Umschlag: „Und Zarathustra gieng an mir vorbei …“ Zwischen dem Warten und dem Vorbeigehen liegt der ganze Sommer 1881, komprimiert auf zwei Zeilen.

Man sollte diese Selbstdeutung nicht einfach übernehmen. In Ecce homo, geschrieben 1888, wenige Monate vor dem Zusammenbruch, macht Nietzsche aus dem Spaziergang am See rückblickend einen Ursprungsmythos, einen Augenblick, in dem der Gedanke plötzlich „kam“, fast wie eine Offenbarung. Was in den Notizbüchern von 1881 noch als ein Gedanke unter mehreren erscheint, wird acht Jahre später zum Gründungsereignis seiner ganzen Philosophie stilisiert. Sils Maria verwandelt sich dabei von einem Aufenthaltsort in einen geistigen Resonanzraum, den Nietzsche selbst nachträglich in seine eigene Legende einschreibt.

Ich bin selbst dort gewesen, im Sommer 2001, mit dem Auto, zwei Wochen in einer Ferienwohnung in Silvaplana. Am Stein bei Surlej haben wir Rast gemacht, dem pyramidenförmigen Block am Silvaplanersee, an dem Nietzsche im August 1881 der Gedanke der ewigen Wiederkunft kam. Wie wenig der Ort selbst davon verrät, hat mich gewundert. Kein Pathos in der Landschaft, keine Vorahnung, nur Wasser und Licht, dazu ein Stein, der so aussieht wie jeder andere am Ufer. Die Bedeutung liegt nicht im Stein, sie liegt in der Erinnerung, die sich später um ihn legt, so wie sich bei Proust die Bedeutung eines Ortes erst in der Erinnerung an ihn vollständig entfaltet, nie im Augenblick selbst.

Nietzsche starb in Weimar. Aber wenn man nach dem Ort fragt, an dem sein Denken für ein paar Sommer lang tatsächlich zu Hause war, dann ist es dieses Dorf im Engadin, in dem ein Mann am See entlangging, wartend, wartend, doch auf nichts, bis etwas an ihm vorbeiging, das er später Zarathustra nannte.

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