Das BSW zwischen AfD und Linker

Niedersachsen nach der Kommunalwahl 2026

Die Kommunalwahlen in Niedersachsen sind ausgezählt. Bei den Kreiswahlen liegt die CDU mit 27,2 Prozent vor der SPD mit 24,6. Die AfD erreicht 15,9 Prozent und wird drittstärkste Kraft. Die Grünen kommen auf 14,1 Prozent, die Linke auf 6,0. Das BSW erhält 1,0 Prozent und 23 der 2.350 Kreismandate.

Ergebnis Kommunalwahlen Niedersachsen 2026: Eigene Darstellung

Diese Zahlen lassen sich in zwei Richtungen lesen. Die eine führt zur AfD, die ihr Ergebnis von 4,6 Prozent mehr als verdreifacht hat und sich damit im westdeutschen Flächenland kommunal festsetzt. Die andere führt zum BSW, und sie ist für eine linke Analyse die schwierigere, weil sie eine Partei betrifft, die ursprünglich mit dem Anspruch angetreten ist, die soziale Frage zu stellen.

Die Kommunalwahl ist dafür ein Prüfstein. Sie hängt weniger an der Ausstrahlung einer Spitzenkandidatin als an den Menschen, die vor Ort antreten, an den Beziehungen, die sie aufgebaut haben, und an den Konflikten, in denen sie sichtbar werden. Eine Partei kann bei einer Bundestagswahl mehrere Prozent erreichen und kommunal fast nichts. Was daraus folgt, lässt sich an dieser Wahl genauer zeigen als an jeder anderen der letzten Jahre.

Der Westen und die Grenzen der Bekanntheit

Bei der Bundestagswahl im Februar 2025 erreichte das BSW in Niedersachsen noch 3,8 Prozent der Zweitstimmen. Bei den Kreiswahlen im September 2026 kommt es auf 1,0 Prozent. Es behält damit gut ein Viertel seines Bundestagsergebnisses.

Diese Größe lässt sich vergleichen. Setzt man das Kommunalergebnis ins Verhältnis zum Bundesergebnis derselben Partei im selben Land, ergibt sich eine Rangfolge: Die Grünen erreichen kommunal das 1,23-Fache, die SPD das 1,07-Fache, die CDU das 0,97-Fache, die AfD das 0,89-Fache, die Linke das 0,74-Fache und das BSW das 0,26-Fache.

Das BSW verliert damit deutlich stärker als die Linke und die AfD. Es ist die Partei im Feld, deren kommunales Ergebnis am weitesten hinter ihrem Bundestagsergebnis zurückbleibt.

Ein Teil dieser Lücke entsteht dadurch, dass die Partei in vielen Wahlgebieten gar nicht auf dem Stimmzettel stand. In den sieben hier verglichenen kreisfreien Städten und Landkreisen, in denen sie angetreten ist, liegt sie zwischen 1,3 und 2,6 Prozent und damit überall über dem Landeswert. Der Abstand zum Bundesergebnis bleibt dennoch bestehen, und er bleibt groß.

Tab. 2: BSW in Niedersachsen – wie viel vom Bundestagsergebnis 2025 blieb bei der Kommunalwahl 2026

In jedem dieser sieben kommunalen Wahlgebiete hat das BSW genau ein Mandat gewonnen. Sieben Städte und Landkreise, sieben Einzelsitze, von 2,6 Prozent in Salzgitter bis 1,3 in Braunschweig. Die Partei wächst mit dem Ergebnis nicht mit.

Mit 23 Kreismandaten bleibt das BSW kommunal weitgehend auf Einzelmandate verwiesen. Wo nur ein BSW-Mitglied im Rat sitzt, verfügt es über deutlich geringere parlamentarische Möglichkeiten als eine Fraktion. Das BSW ist damit an den Orten, an denen es gewählt wurde, kommunalpolitisch nur eingeschränkt handlungsfähig.

Ein westdeutsches Flächenland

Niedersachsen ist kein einheitlicher politischer Raum, und die Wahl macht die Unterschiede sichtbarer, als die Landeszahl vermuten lässt.

Tab. 3: Ergebnisse nach Wahlgebiet, Kreiswahl 2026 – das BSW-Ergebnis bleibt über sehr unterschiedliche Städte hinweg fast gleich.

Die hinteren Spalten laufen gegeneinander. Wo die AfD stark ist, sind Grüne und Linke schwach, und die Wahlbeteiligung liegt niedriger. Zwischen Oldenburg und Salzgitter liegen bei der AfD achtzehn Punkte, bei den Grünen neunzehn und bei der Beteiligung sieben.

Die erste Spalte bewegt sich in einem ungleich engeren Rahmen. Nimmt man Delmenhorst mit 2,7 und Emden mit 2,3 Prozent hinzu, reicht die Spanne des BSW über neun Wahlgebiete von 1,3 bis 2,7 Prozent. Die Reihenfolge folgt dabei durchaus der sozialen Lage: Die höchsten Werte liegen in den Krisenstädten, die niedrigsten in den Hochschul- und Ballungsraumstädten. Die gesamte Differenzierung spielt sich jedoch innerhalb von anderthalb Prozentpunkten ab, während die drei anderen Spalten um ein Vielfaches auseinanderlaufen.

Eine Partei mit örtlichen Beziehungen schwankt örtlich. Sie ist dort stärker, wo sie jemanden hat, und schwächer, wo sie niemanden hat. Beim BSW lässt sich erkennen, wo sein Milieu läge. Was sich nicht erkennen lässt, ist der Unterschied, den eine Organisation vor Ort machen würde.

Die AfD und die soziale Unzufriedenheit

Der eigentliche Gewinner dieser Wahl ist die AfD. Sie hat ihr Ergebnis gegenüber 2021 mehr als verdreifacht und sich in Niedersachsen kommunal deutlich verankert. Zugleich haben sich 440.150 Menschen mehr an der Wahl beteiligt als 2021, während die Zahl der Wahlberechtigten um 77.828 gesunken ist. Die Beteiligung stieg von 57,0 auf 64,6 Prozent.

Es wäre zu einfach, dieses Ergebnis allein als Ausdruck rechter Gesinnung zu erklären. Ebenso wenig genügt der Hinweis auf Protest. Die AfD knüpft an reale Erfahrungen an, an Unsicherheit, an den Verlust von Arbeitsplätzen und an den Zustand von Städten, in denen die Industrie geschrumpft ist. Sie bietet dafür eine Deutung an, in der soziale Unzufriedenheit nationalistisch und migrationspolitisch zugespitzt wird.

Wolfsburg gehört zu den industriell geprägtesten Städten Niedersachsens. Die Stadt verfügt über vergleichsweise hohe Einkommen, eine starke gewerkschaftliche Tradition und einen großen automobilen Leitbetrieb, der seit Jahren unter Druck steht. Dass die AfD dort dennoch 17,1 Prozent erreicht, deutet darauf hin, dass gewerkschaftliche Organisation allein keine politische Bindekraft mehr entfaltet, die mit dem rechten Angebot konkurrieren könnte. Zehn Punkte unter Salzgitter bleibt sie trotzdem. Emden zeigt einen anderen Fall: Die AfD trat dort 2021 gar nicht an und erreicht 2026 aus dem Stand 17,0 Prozent. Die Stadt ist wie Wolfsburg ein VW-Standort, aber ohne die gewerkschaftliche Dichte des Wolfsburger Stammwerks. Das BSW gewinnt dort mit 2,3 Prozent einen Sitz.

In Salzgitter und Delmenhorst dagegen trifft sie auf Städte, in denen Arbeitslosigkeit, prekäre Beschäftigung und Zuwanderungskonflikte zusammenkommen und in denen von der alten Arbeiterorganisation wenig übrig ist. Die AfD erreicht in Delmenhorst 23,4 Prozent und das BSW mit 2,7 Prozent immerhin einen Sitz. Die Frage richtet sich also auf das, was zwischen sozialer Erfahrung und politischem Ausdruck vermittelt hat, und darauf, was geschieht, wenn diese Vermittlung wegfällt.

Die Linke und das urbane Milieu

Die Linke erreicht landesweit 6,0 Prozent gegenüber 2,8 Prozent im Jahr 2021 und steigert ihre Stimmenzahl um 143 Prozent. Ihre stärksten Ergebnisse liegen in Oldenburg mit 13,0 und in Osnabrück mit 12,7 Prozent, gefolgt von Braunschweig mit 10,1 und dem Landkreis Göttingen mit 9,5 Prozent.

Ihre Übertragungsquote liegt dort zwischen 0,87 und 0,93, also nahe bei eins. In Salzgitter erreicht sie 6,6 Prozent bei einem Bundeswert von 8,6, Quote 0,77. In Wolfsburg kommt sie auf 4,7 gegen 7,1, Quote 0,66.

Man sollte die Linke deshalb nicht vorschnell als Partei eines akademischen Milieus beschreiben. Sie überträgt auch in den Industriestädten besser als das BSW, in Salzgitter um die Hälfte und in Wolfsburg fast doppelt so gut. Sie holt dort drei beziehungsweise zwei Sitze statt eines.

Eine Einschränkung gehört dazu, und sie ist für das Verständnis des BSW wichtig. Die Linke war im Oldenburger Rat seit dem Übertritt ihrer vierköpfigen Fraktion zum BSW Anfang 2024 nicht mehr vertreten. Bei der Kommunalwahl 2026 gewinnt sie aus dieser Ausgangslage heraus 13,0 Prozent und sieben Sitze. In Osnabrück wächst sie von 4,6 auf 12,7 Prozent und von zwei auf sechs Sitze. Was hier gewachsen ist, verdankt sich also nicht der Ratsarbeit der vergangenen fünf Jahre.

Das BSW und die soziale Frage

Damit steht die Frage, die den Ausgangspunkt bildete, in schärferer Form da.

Das BSW ist mit dem Anspruch angetreten, soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Vernunft zusammenzuführen. Bei der Bundestagswahl hat es damit ein erkennbares Profil erreicht: 5,3 Prozent in Salzgitter, 5,0 in Wolfsburg, 3,6 in Oldenburg und Osnabrück. Es war dort am stärksten, wo die Industrie schrumpft, und am schwächsten in den Universitätsstädten. Das Milieu, auf das es sich beruft, existiert als politische Möglichkeit und lässt sich an den Wahlergebnissen ablesen.

Kommunal bleibt davon knapp die Hälfte, in Wolfsburg nur gut ein Drittel. Was diese Zahlen nicht zeigen können, ist, wer genau das BSW gewählt hat. Aggregatdaten erlauben keine Aussagen über individuelle Wahlentscheidungen. Dass das BSW in Salzgitter und Wolfsburg relativ stärker abschneidet als anderswo, deutet auf ein industrielles Milieu hin, beweist es aber nicht. Die Partei erreicht die Menschen, die sie im Februar 2025 gewählt haben, im September 2026 deutlich schlechter, sobald weder Fernsehen noch der Name Wagenknecht auf dem Stimmzettel stehen.

Oldenburg zeigt, wie weit das reicht. Die Stadt ist der am besten ausgestattete Ort der Partei in Niedersachsen. Die Bundesvorsitzende Amira Mohamed Ali lebt dort, der Landesvorsitzende Holger Onken, ihr Lebensgefährte, führte die Liste an, und es gibt einen eigenen Regionalverband. Seit Anfang 2024 saß das BSW mit vier Personen im Rat, nachdem die vollständige Fraktion der Linken geschlossen übergetreten war und ihre Mandate mitgenommen hatte. Zweieinhalb Jahre Ratsarbeit mit vollem Antrags- und Ausschussrecht standen also zur Verfügung. Am Ende erzielte das BSW in Oldenburg 1,7 Prozent der Stimmen und errang einen Sitz im Stadtrat: nur der Landesvorsitzende Holger Onken wurde als Spitzenkandidat wiedergewählt und vertritt die Partei nun als einzelner Abgeordneter im Rat.

Salzgitter bildet das andere Ende: Im Februar 2025 erzielte das BSW dort mit 5,3 Prozent seinen höchsten niedersächsischen Bundeswert, im September 2026 mit 2,6 Prozent sein bestes Kommunalergebnis und mit 0,49 seine beste Übertragungsquote. Es ist die Stadt mit der höchsten Arbeitslosigkeit des Landes und mit 27,4 Prozent der stärksten AfD. Wenn eine Partei, die sich über die soziale Frage definiert, unter diesen Bedingungen ihr Optimum erreicht und dieses Optimum in einem einzigen Mandat besteht, dann ist damit weniger ein Beispiel benannt als eine Obergrenze.

Der Befund ist damit nicht, dass es kein Milieu gäbe. Der Befund ist, dass die Partei niemanden hat, der es mobilisiert.

Ost und West

Der Vergleich mit Ostdeutschland gehört dazu, führt aber in eine andere Richtung als erwartet.

Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 erreichte die AfD 43,8 Prozent, die CDU 17,2, die SPD 9,3, die Grünen 8,9, die Linke 8,6 und das BSW 5,3 Prozent, bei einer Beteiligung von 77,8 Prozent. Die Linke fuhr damit ihr schlechtestes Ergebnis seit Bestehen des Landes ein, trotz PDS-Geschichte und Regierungserfahrung. Das BSW fiel von 15,8 Prozent in Thüringen und 11,8 Prozent in Sachsen, beides im Herbst 2024, auf 5,3 Prozent.

Im Osten verfügt das BSW über eine größere Ausgangsbasis als im Westen. Die Ergebnisse in Sachsen-Anhalt zeigen allerdings, wie schnell diese Unterstützung unter dem Druck einer starken AfD schrumpfen kann. Aus einer zunächst eigenständigen Protestkonjunktur ist damit keine dauerhafte Verankerung geworden. Niedersachsen zeigt einen ähnlichen Vorgang in kleinerem Maßstab und zwei Jahre später.

Eine Fußnote dazu: dieBasis, das Sammelbecken der Corona-Proteste, fällt bei den niedersächsischen Kreiswahlen von 61.384 auf 4.165 Stimmen. Dieses Reservoir hat sich geleert, ohne dem BSW zugutezukommen.

Eine Partei zwischen den Milieus

Als eigenständige politische Kraft zwischen AfD und Linker hat sich das BSW nach dieser Wahl in Niedersachsen nicht etabliert.

Es folgt beim kommunalen Ergebnis ungefähr dem sozialen Gefälle der AfD, von 2,7 Prozent in Delmenhorst bis 1,3 in Braunschweig, und bleibt dabei so klein, dass die Bewegung folgenlos ist. Es beansprucht die soziale Frage und überträgt sie kommunal schlechter als jede andere Partei im Feld. Es hatte an seinem stärksten Standort eine Fraktion, die aus der Linken stammte, und behält davon ein Mandat.

Was bleibt, sind 23 von 2.350 Kreismandaten.

Die offene Frage

Das Ergebnis lässt sich in zwei Sätzen zusammenfassen, die einander widersprechen. Das BSW hat in Niedersachsen ein soziales Profil, ablesbar an den Bundestagszahlen von Wolfsburg und Salzgitter. Aber es hat keinen Apparat, der dieses Profil an einem Kommunalwahltag in Stimmen übersetzt.

Ob das eine Frage der Zeit ist, lässt sich aus diesen Zahlen nicht beantworten. Die Linke hat in Oldenburg und Osnabrück gezeigt, dass sich ein Ergebnis binnen zweier Jahre deutlich steigern lässt, und zwar ohne zuvor über eine bestehende Ratsfraktion zu verfügen. Was sie dabei hatte, waren Menschen, die kandidieren wollten.


Zu den Zahlen. Landesergebnis und Einzelergebnisse der Kreiswahlen nach dem vorläufigen Ergebnis der Landeswahlleiterin Niedersachsen, Stand 14. September 2026. Die Vergleichswerte zur Bundestagswahl 2025 stammen aus denselben Übersichten und beziehen sich jeweils auf das Gebiet des Wahlkreises. Die Kandidatenzahlen für Oldenburg und die Angaben zu den in Salzgitter gewählten Ratsmitgliedern und zur dortigen Oberbürgermeisterwahl sind der örtlichen Berichterstattung und der Ergebnisdarstellung der Stadt Salzgitter entnommen. Sämtliche Ergebnisse sind vorläufig.

https://landeswahlleiter.niedersachsen.de/download/231947/20260914_Ergebnisbericht_Kommunalwahlen_2026.pdf.pdf


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