Zum Tod von Michael Buckmiller (1943–2026)
Unsere Basisgruppe, eigentlich ein Lesekreis für linke Theorie, traf sich 1970/71 regelmäßig in einem leerstehenden Haus in Bremen-Lesum, das wir für konspirativ hielten. Ich war noch Schüler, als wir dort Karl Korschs „Was ist Sozialisierung?“ von einem blassen Matrizenabzug lasen. Zehn Jahre früher war es kaum anders gewesen. Der SDS-Verlag Neue Kritik hatte den Text 1962 nur vervielfältigt. Michael Buckmiller, der Korschs Schriften später herausgab und vor kurzem gestorben ist, bin ich nur einmal persönlich begegnet, in Hannover auf einer Messe, wo auch der Offizin-Verlag ausstellte. Dort lagen die Bände der Gesamtausgabe.
Buckmiller kam in den sechziger Jahren über die Theologie zum Marxismus. Er war ein Schüler Wolfgang Abendroths, und Ralf Hoffrogge erinnert in seiner Würdigung daran, dass er die Wendung der Marburger Schule zum Leninismus nicht mitgemacht hat. Nach Hannover holte ihn Jürgen Seifert. Seifert hatte nach dem Tod Erich Gerlachs, der als junger Mann in Korschs Berliner Studienzirkel gesessen hatte, dessen Stapel von Fotokopien übernommen, um einen Band mit politischen Texten Korschs fertigzustellen. Bei dieser Arbeit lernte er Buckmiller kennen. Die Gesamtausgabe, die Buckmiller danach begann, erschien zuerst in der Europäischen Verlagsanstalt und fand am Ende im eigenen Verlag ihren Platz. Daneben gab er die Gesammelten Schriften Abendroths heraus. 2022 erklärte er in Berlin Aktivisten von „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“, was Korsch unter Sozialisierung verstanden hatte.
Heinz Brüggemann hat Buckmillers Aufsatz über die Erste Marxistische Arbeitswoche zu dessen schönsten gezählt. Über Pfingsten 1923 trafen sich in Geraberg bei Arnstadt, in einem Bahnhofshotel, das ein Kommunist führte, zwanzig Menschen, darunter Korsch, Georg Lukács, Friedrich Pollock und Felix Weil, der das Treffen bezahlte. Beraten wurde über Korschs „Marxismus und Philosophie“ und Lukács‘ „Geschichte und Klassenbewußtsein“. Die Woche gilt heute als Keimzelle der Kritischen Theorie, obwohl weder Horkheimer noch Adorno dabei waren. Lukács hat gespottet, die Frankfurter hätten im „Grand Hotel Abgrund“ Quartier bezogen, dabei hatte ihr Institut in einem Hotel für Durchreisende angefangen.
Etwa zur selben Zeit, als wir in Lesum „Was ist Sozialisierung?“ lasen, stritt Buckmiller in der Göttinger Studentenzeitschrift „Politikon“ mit Oskar Negt über Korsch. Negt hatte gefragt, ob Korschs Theorie der Erfahrung gewachsen sei, die sie verarbeiten wollte, und Buckmiller warf ihm vor, er habe Korsch zu einem dünnen Süppchen verkocht. Dreißig Jahre später, auf dem Symposium zu Buckmillers sechzigstem Geburtstag, sagte Negt, sie hätten sich gestritten, bevor sie sich kannten, und daraus sei eine lange Freundschaft geworden. Seine Frage hat er dort erneuert. Korsch habe zu den Wiener Positivisten geschaut und zu Kurt Lewin, in die Psychoanalyse Freuds habe er sich nie begeben. Buckmiller hatte Korsch gegen diesen Einwand verteidigt. Mir scheint dennoch, dass hier die Grenze zwischen Korsch und Frankfurt verläuft. Die Studien über „Autorität und Familie“ fragten, warum Menschen gegen ihre eigenen Interessen handeln, und brauchten dafür Freud.
Negt begann seine Rede mit dem Satz, ohne einen Wissenschaftler, der sein Lebenswerk existenziell an Korsch gebunden habe, säße man gar nicht zusammen. Dass Korsch heute wieder gelesen werden kann, verdanken wir vor allem Buckmiller. Korsch selbst hat die große kritische Geschichte des Marxismus, an der er im Exil arbeitete, nie geschrieben. Sein Buch über Marx hat dagegen überlebt, obwohl die englische Erstauflage von 1938 bei der Bombardierung Londons fast vollständig zerstört wurde und das deutsche Manuskript erst 1947 bei Freunden in Mexiko wieder auftauchte. Im Sommer 2025 hat Buckmiller es zusammen mit Götz Langkau als sechsten Band der Gesamtausgabe herausgebracht. Die Entwürfe zu der Geschichte, die Korsch nicht mehr schrieb, sollten in den siebten Band kommen, der nicht mehr erschienen ist.
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