Im Traum eines lächerlichen Menschen berührt Dostojewski den Nerv der bürgerlichen Katastrophe, noch bevor sie sich historisch ganz vollstreckt hat. Der Held, ein moderner Typus des vollends Isolierten, dessen Existenz zur bloßen Gleichgültigkeit erstarrt ist, flüchtet vor dem Revolver in den Schlaf. Was ihm dort erscheint, ist das Urbild der versöhnten Menschheit: eine Natur, die noch nicht zur bloßen Ressource degradiert wurde, Menschen, die frei von der Erbsünde des Tauschwerts miteinander kommunizieren. Es ist das unberührte Gegenbild der beschädigten Welt.
Die Pointe der Erzählung liegt nicht in der Idylle, sondern in deren unerbittlicher Liquidation. Kaum hat das geschundene Subjekt der Moderne den Boden der Utopie betreten, infiziert es diese mit dem Gift der Reflexion, des Stolzes und der Lüge. Die Unschuld der Anderen weicht der Dialektik der Aufklärung: Sie lernen das Eigentum kennen, die Abgrenzung, die Justiz und schließlich den Krieg. Dostojewski demonstriert hier mit der Grausamkeit des echten Diagnostikers, dass das verdinglichte Bewusstsein das Unverdinglichte nicht betrachten kann, ohne es augenblicklich zu zerstören. Der zivilisierte Mensch, unfähig zur reinen Unmittelbarkeit, kolonisiert das Paradies und macht es sich untertan – indem er es nach seinem eigenen Bilde, dem der Hölle, neu erschafft.
Was der Erzählung ihre eigentümliche Tiefe gibt, ist ein Detail, das die Interpretation zu übersehen neigt: Der Stern, der den lächerlichen Menschen vom Revolver abhält, ist kein Fixstern. Er ist eine zweite Erde. Die Utopie erscheint nicht als das schlechthin Andere – als das Gleiche, noch unberührt. Darin liegt Dostojewskis versteckter Materialismus: Das Paradies ist keine Transzendenz, sondern Immanenz vor der Geschichte. Was die bürgerliche Zivilisation zerstört hat, war nie woanders. Es war hier – bevor es hier war. Der Stern rettet den Suizidenten in keine andere Welt, sondern in die Erinnerung an diese. Und weil diese Erinnerung keine persönliche ist, sondern eine der Gattung, trägt er das Instrument ihrer Vernichtung bereits in sich, wenn er landet.
Wenn der Erwachte fortan als Narr durch die Straßen zieht, um die Liebe zu predigen, besiegelt dies vollends seine Ohnmacht. Sein Idealismus ist das notwendige Korrelat zu jener Kälte, die er selbst in die Welt getragen hat. Indem er das Absolute verkündet, ohne die realen Verhältnisse zu benennen, die es verhindern, verdinglicht er die Utopie zur erbaulichen Phrase. Der „lächerliche Mensch“ bleibt lächerlich, weil sein Protest die Einrichtung der Welt unberührt lässt. Die Wahrheit des Traums lag in seinem Erschrecken über die eigene Schuld; seine Lüge beginnt dort, wo er glaubt, man könne das falsche Leben durch bloßen guten Willen heilen.
Die tiefste Erniedrigung bleibt dem Schluss vorbehalten. Der lächerliche Mensch will gekreuzigt werden – Erlösung durch Qual erzwingen, wo der gute Wille versagte. Die Verdorbenen verweigern ihm das Kreuz und drohen mit dem Irrenhaus. Auch die Buße ist kontaminierbar. Was als Christus-Geste beginnt, endet als klinischer Fall. Das Kreuz, das niemand zimmert, ist das eigentliche Symbol der beschädigten Welt. Sie hat verlernt, grausam zu sein – und nennt das Fortschritt.
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