Das BSW und seine Wählerschaft

Eine kritische Einordnung aus sozialwissenschaftlicher Perspektive

Zur WSI-Studie »Die Wählerschaft des BSW bei der Bundestagswahl 2025« (Emmler/Seikel, WSI Report Nr. 112, April 2026)

Der Autor ist Sozialwissenschaftler mit langjähriger Forschungs- und Praxiserfahrung zu Armut, Ungleichheit und städtischer Segregation. Er war Gründungsmitglied des BSW und zwei Jahre lang Landesgeschäftsführer des Bremer Landesverbands. Zum Jahreswechsel 2025/2026 ist er aus der Partei ausgetreten. Diese doppelte Perspektive – analytische Distanz und praktische Felderfahrung – prägt die folgende Einordnung.

1. Unbequeme Wahrheiten für die politische Linke

Die Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung zur Wählerschaft des Bündnisses Sahra Wagenknecht (BSW) bei der Bundestagswahl 2025 ist eine der gründlichsten empirischen Analysen, die es bislang zu dieser Partei gibt. Auf der Grundlage einer Nachwahlbefragung von über 6.600 Erwerbspersonen – also Erwerbstätigen und Arbeitsuchenden – zeichnen Helge Emmler und Daniel Seikel ein differenziertes Bild: Wer hat das BSW gewählt? Aus welchen politischen Lagern kamen diese Menschen? Welche Sorgen treiben sie um, welchen Institutionen vertrauen sie – und welchen nicht? Und hat das BSW tatsächlich die AfD geschwächt?

Die Befunde sind für die politische Linke in mehrfacher Hinsicht unbequem. Sie beschreiben eine Wählerschaft, die in vielem dem klassischen Klientel linker Politik entspricht – materiell unsicher, beruflich prekär, institutionell enttäuscht – und die ihre traditionellen Interessenvertreter, die SPD und Die Linke, zugunsten des BSW verlassen hat. Hinter diesem Wechsel steht die zentrale Frage, die auch die WSI-Studie antreibt: Warum kehrten diese Menschen ihren alten Parteien den Rücken? Eine Einordnung, die über die reine Datenlage hinausgeht, erfordert den Blick auf die strukturellen Bedingungen, unter denen das BSW entstand und wirkte. Dazu liefert die WSI-Studie die empirische Grundlage. Ergänzt wird sie hier durch Beobachtungen aus der politischen Aufbauarbeit in Bremen, einem Fall, der die zentralen Schwächen des BSW in exemplarischer Weise verdichtet.

2. Prekarität ohne politische Heimat: Wer wählt das BSW?

Die sozialstrukturellen Befunde der WSI-Studie sind eindeutig. Die BSW-Wählerschaft ist weiblicher, ostdeutscher, einkommensärmer und formal niedriger qualifiziert als der Durchschnitt der übrigen Parteien. Besonders stark vertreten sind die Altersgruppen zwischen 45 und 64 Jahren; jüngere Erwerbstätige sind unterrepräsentiert. Frauen wählen das BSW unter Erwerbspersonen häufiger als Männer, ein Befund, der in der öffentlichen Wahrnehmung kaum Beachtung findet.

Beim Bildungsniveau zeigt sich eine deutliche Überrepräsentation von Personen mit mittlerem Schulabschluss, während Abiturienten unterdurchschnittlich vertreten sind. Einkommensseitig konzentriert sich die Wählerschaft auf die unteren und mittleren Haushaltsnettoäquivalenzeinkommen; Haushalte mit mehr als 3.000 Euro netto sind klar unterrepräsentiert.

Beruflich dominieren zwei Gruppen: Bürokräfte sowie Dienstleistungsarbeiter – also Verkäufer, Pflegekräfte, Gastronomiepersonal oder Beschäftigte im Sicherheitsgewerbe. Technische Spezialisten sowie Manager sind dagegen deutlich seltener vertreten. Es handelt sich damit überwiegend um abhängig Beschäftigte in unteren Positionen der Arbeitswelt, Menschen, die objektiv von einer Stärkung des Sozialstaats profitieren würden und entsprechende Sorgen artikulieren. Dass ausgerechnet diese Gruppen nicht mehr SPD oder Die Linke wählen, ist ein zentraler Befund der Studie, der zugleich auf ein grundlegendes Versagen der politischen Linken insgesamt verweist.

Besonders markant ist die ostdeutsche Prägung der BSW-Wählerschaft. Ostdeutsche sind dort mehr als doppelt so häufig vertreten wie im Durchschnitt der anderen Parteien, ein Wert, den nicht einmal die AfD erreicht. Das verweist auf strukturelle und biographische Dimensionen, die über rein sozioökonomische Erklärungen hinausgehen: die Erfahrung der Wiedervereinigung als ökonomische Entwertung, persistente wirtschaftliche Ungleichheit und ein tief verwurzeltes institutionelles Misstrauen. In Ostdeutschland – und das zeigen die Umfragedaten vom März 2026 (Brandenburg und Sachsen jeweils 8 Prozent, Thüringen 7 Prozent) – ist das BSW noch am ehesten als dauerhafte politische Kraft erkennbar.

Im Westen dagegen, wo die Werte überwiegend zwischen 1,4 und 3,5 Prozent liegen, fehlt weitgehend die Anschlussfähigkeit an bestehende soziale Milieus. Das zeigt sich exemplarisch in Bremen. Das Bundesland verfügt über eine starke Tradition linker und sozialdemokratischer Milieus, gewachsene Netzwerke in Gewerkschaften, Quartieren und sozialen Einrichtungen. Das BSW traf hier auf bereits besetzte soziale Räume.

Dieses strukturelle Hindernis wurde durch ein erhebliches organisatorisches Defizit verschärft: Um gegen diese etablierten Kräfte anzukommen und bestehende Räume aufzubrechen, wären außergewöhnliche personelle Ressourcen, strategische Tiefe und tief verwurzelte lokale Netzwerke notwendig gewesen. Doch unter den rund 130 Mitgliedern des Landesverbands fehlten Menschen mit gewachsener politischer Erfahrung und lokaler Verwurzelung nahezu vollständig. Das handwerkliche Defizit der Organisation traf somit auf eine ohnehin abweisende Milieustruktur – eine Kombination, die eine dauerhafte gesellschaftliche Verankerung unmöglich machte. Mit 3 Prozent in den aktuellen Umfragen spiegeln die Bremer Zahlen nicht nur eine geringe momentane Zustimmung wider, sondern das fundamentale Scheitern, einen strukturellen Nachteil durch solide politische Aufbauarbeit auszugleichen. Ein solches Defizit lässt sich politisch nicht dauerhaft inszenieren.

3. Von der materiellen Existenzangst zur Institutionsskepsis

Neben den soziodemografischen Merkmalen erhebt die WSI-Studie auch die Sorgenstruktur und das Institutionenvertrauen der BSW-Wähler. Hierbei zeigen sich einige der aufschlussreichsten Befunde.

BSW-Wähler äußern überdurchschnittlich häufig materielle Sorgen: 53 Prozent machen sich große Sorgen um steigende Preise (gegenüber 43,5 Prozent im Durchschnitt der anderen Parteien), 45 Prozent um ihre Altersabsicherung (Durchschnitt: 33,9 Prozent), 33 Prozent um ihren Lebensstandard (Durchschnitt: 27,2 Prozent). Auch die Angst vor sozialer Ungleichheit und vor der eigenen wirtschaftlichen Situation ist überdurchschnittlich verbreitet. Diese Sorgenstruktur ist kein diffuses Unbehagen, sondern spiegelt konkrete materielle Erfahrungen von Menschen wider, die wirtschaftliche Unsicherheit aus ihrem Alltag kennen.

Bemerkenswert ist ein weiterer Befund: Der Anteil der BSW-Wähler, die sich große Sorgen um eine Ausweitung des Ukraine-Kriegs machen, ist unter allen Parteien am höchsten – 51 Prozent gegenüber 46,2 Prozent im Durchschnitt. Die konsequente Ablehnung militärischer Eskalation und die Forderung nach Verhandlungslösungen sind für diese Wählerschaft kein programmatisches Randthema, sondern ein zentrales politisches Motiv. Das BSW nimmt hier eine Position ein, die im deutschen Parteiensystem weitgehend einzigartig ist. Dennoch gelang es der Partei nicht, daraus eine dauerhafte politische Mobilisierung zu entwickeln. Die Friedensbewegung in Deutschland ist fragmentiert, aber nicht verschwunden; eine Partei mit diesem Profil hätte die Möglichkeit gehabt, ihr organisatorisches Rückgrat zu stärken. Das ist nicht geschehen.

Dagegen sorgen sich BSW-Wähler deutlich seltener um den Klimawandel. Nur 19,6 Prozent äußern große Sorgen – gegenüber 33,2 Prozent im Durchschnitt der anderen Parteien. Der geringe Stellenwert klimapolitischer Sorgen gehört erkennbar zum politischen Grundmuster dieser Wählerschaft.

Das Institutionenvertrauen ist insgesamt niedrig. Rund 68 Prozent der BSW-Wähler misstrauen der Bundesregierung (wenig oder überhaupt nicht), knapp 62 Prozent den öffentlich-rechtlichen Medien. Nur unter AfD-Wählern liegen diese Werte noch höher. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive ist hier allerdings Differenzierung geboten: Institutionelles Misstrauen lässt sich nicht pauschal als Pathologie deuten. In einer Gesellschaft, in der Regierungen wiederholt Umverteilungsversprechen gebrochen haben und Menschen mit niedrigen Einkommen objektiv weniger politische Responsivität erfahren, kann Institutionsskepsis eine rationale Reaktion sein. Die Enttäuschung, die sich hier artikuliert, speist sich in vielen Fällen aus konkreter Erfahrung – nicht aus einem abstrakten Ressentiment.

4. Wirtschaftlich links, kulturell konservativ – Eine reale Repräsentationslücke

Politikwissenschaftlich ordnet die WSI-Studie die BSW-Wählerschaft mithilfe eines zweidimensionalen Politikraummodells ein, das zwischen einer ökonomischen und einer soziokulturellen Achse unterscheidet. Das Ergebnis: Das BSW besetzt den sogenannten »links-konservativen« Quadranten – wirtschaftspolitisch links (Umverteilung, Skepsis gegenüber Handelsliberalisierung), soziokulturell konservativ (Skepsis gegenüber Migration, EU-Integration und Klimaschutzmaßnahmen). Rund 30,9 Prozent der BSW-Wähler lassen sich klar diesem Muster zuordnen – in keiner anderen Partei ist diese Kombination so stark vertreten.

Insgesamt lassen sich laut Studie 15,4 Prozent aller Befragten dem links-konservativen Quadranten zuordnen. Für diese Gruppe gab es im deutschen Parteiensystem bislang kein passendes politisches Angebot – das BSW schließt hier eine reale Repräsentationslücke. Allerdings wählten auch diese Befragten bei der Bundestagswahl 2025 mit Abstand am häufigsten die AfD (41 Prozent), gefolgt von CDU/CSU (25 Prozent) und erst dann das BSW (knapp 9 Prozent). Die Repräsentationslücke existiert also – aber das BSW hat sie nicht geschlossen.

Die Studie differenziert das kulturelle Profil weiter aus. Bei der Einwanderungspolitik, der europäischen Integration und dem Klimaschutz tendieren BSW-Wähler klar zum konservativen Pol. Eine wichtige Ausnahme bildet die Frage der gleichgeschlechtlichen Ehe: Hier unterstützt eine Mehrheit der BSW-Wähler die liberale Position. Das konservative Profil ist also nicht kulturreaktionär im traditionellen Sinne, sondern primär migrations- und globalisierungskritisch. Steiner und Hillen (2025) schlagen deshalb die Charakterisierung »links-liberal-kommunitaristisch« vor – wirtschaftlich links, kulturell liberal, aber in Fragen von Migration und nationaler Souveränität kommunitaristisch orientiert.

Gerade deshalb stellt sich die Frage, wie diese sozialen Erfahrungen politisch interpretiert werden. Die BSW-Wählerschaft erlebt reale soziale Spannungen im Alltag – in überlasteten Schulen, in Städten mit massivem Wohnungsmangel und in Kommunen, die finanziell am Limit operieren. Ihre Ursachen liegen jedoch nicht in der Zuwanderung, sondern in jahrzehntelanger politischer Unterfinanzierung: im Rückzug des Staats aus der Daseinsvorsorge, einer marktradikalen Wohnungspolitik und chronisch überlasteten kommunalen Haushalten. Wohnungsnot, marode Schulen und fehlende Kitaplätze sind die Folgen dieser Weichenstellungen. Das BSW benennt diese sozialen Spannungen zwar richtig, kehrt bei der Ursachenanalyse jedoch die Kausalität um: Nicht der neoliberale Staatsrückzug steht im Zentrum seiner Erklärung, sondern die Migration.

Eine emanzipatorische linke Politik müsste stattdessen die Klassenfrage ins Zentrum stellen: gleiche Löhne, gleiche Arbeitsbedingungen und verbindliche Tarifbindung für alle Beschäftigten – unabhängig von Herkunft. Zudem müsste massiv in öffentliche Infrastruktur investiert werden, damit Migration nicht als Konkurrenz um knappe Ressourcen erlebt wird, sondern unter Bedingungen stattfindet, die gesellschaftlichen Zusammenhalt ermöglichen. Wer soziale Missstände auf die falsche Ursache zurückführt, verschleiert letztlich die eigentlichen Machtverhältnisse und verspielt damit den emanzipatorischen Anspruch, mit dem er angetreten ist.

Dieser Widerspruch lässt sich anhand der Bremer Feldbeobachtung illustrieren. Bremen führt die bundesweite Arbeitslosenstatistik an; jeder vierte Einwohner gilt als armutsgefährdet. Die soziale Spaltung zwischen den Stadtteilen ist das Ergebnis jahrzehntelanger Fehlpolitik, nicht das Ergebnis von Zuwanderung. Eine Partei, die glaubwürdig für die Menschen in sozial benachteiligten Stadtteilen sprechen will, muss genau das benennen können. Fehlt diese analytische Grundlage – also die Fähigkeit, Herrschaftsverhältnisse strukturell zu erfassen –, fehlt am Ende häufig auch die politische Empathie mit sozial Prekarisierten und den Verlierern des kapitalistischen Strukturwandels.

5. Die Illusion von der Schwächung der Rechten

Der politisch folgenreichste Befund der WSI-Studie betrifft die Wählerwanderung. Da das BSW erstmals bei einer Bundestagswahl antrat, stellt sich die Frage, aus welchen politischen Lagern es seine Wählerschaft rekrutierte.

Die Linke verlor prozentual die meisten Wähler an das BSW: 16,6 Prozent derjenigen, die 2021 Die Linke gewählt hatten, stimmten 2025 für das BSW. Absolut betrachtet stammt die größte Gruppe jedoch aus dem früheren SPD-Lager – 27,9 Prozent aller BSW-Wähler hatten 2021 noch SPD gewählt, gefolgt von ehemaligen Linken-Wählern (16,4 Prozent) sowie ehemaligen FDP-Wählern (12,7 Prozent). Bemerkenswert ist dabei: Nur 6,9 Prozent der BSW-Wähler hatten 2021 die AfD gewählt.

Das BSW hat damit in erster Linie nicht die AfD geschwächt – wie anfänglich erhofft und öffentlich kommuniziert –, sondern vor allem Stimmen aus dem linken und sozialdemokratischen Lager auf sich gezogen. Der tatsächliche Stimmabfluss von der AfD blieb deutlich unter den Erwartungen: Nur 4,1 Prozent der AfD-Wähler von 2021 wechselten zum BSW. Insgesamt verloren linke Parteien mehr Stimmen an das BSW als rechte.

Die Studie differenziert diesen Befund noch weiter aus. Zwar zog das BSW zwischenzeitlich – insbesondere 2023 und 2024 – auch neue AfD-Sympathisanten an, also Personen, die nach 2021 zur AfD gewechselt hatten. Doch auch aus dieser Gruppe entschied sich bei der Bundestagswahl 2025 die Mehrheit (59 Prozent) letztlich erneut für die AfD; nur 4,8 Prozent wählten das BSW. Das BSW hat den zwischenzeitlichen Umfragehöhenflug der AfD möglicherweise gebremst – entscheidend zurückgedrängt hat es sie nicht.

Das BSW hat nicht jene Menschen erreicht, die es eigentlich hätte erreichen müssen: diejenigen, die jede Hoffnung auf politische Veränderung längst aufgegeben haben und Prekarisierung nicht als vorübergehenden Zustand, sondern als Dauerzustand erleben. In Bremen wären das genau die Menschen in Gröpelingen, in Tenever oder in Hemelingen gewesen. Sie haben das BSW nicht gewählt. Und sie hätten es nur getan, wenn die Partei dort präsent gewesen wäre – nicht punktuell im Wahlkampf, sondern dauerhaft in den sozialen Strukturen des Alltags. Genau dieses Muster ist aus jahrzehntelanger Forschung zu Armut, Ungleichheit und Segregation bekannt: Politische Energie, die aus realen sozialen Brüchen entsteht, verpufft, wenn sie keine organisatorische Kontinuität und lokale Verankerung findet.

6. Warum mediale Aufmerksamkeit keine gesellschaftliche Verankerung ersetzt

Die gegenwärtigen Umfragedaten (Stand März 2026) – bundesweit 3,2 Prozent, in Bremen 3,0 Prozent – sind kein bloß vorübergehendes Stimmungstief. Sie verweisen auf ein strukturelles Problem: Dem BSW gelingt es bislang nicht, seine anfängliche Mobilisierungsdynamik in dauerhafte gesellschaftliche Bindungen zu überführen.

Parteien entfalten Stabilität, wenn sie in gesellschaftlichen Milieus, Institutionen und Alltagsstrukturen verwurzelt sind – in Gewerkschaften, Verbänden, kommunalen Netzwerken und sozialen Bewegungen. Genau hier liegt die zentrale Schwäche des BSW. Seine Unterstützung speiste sich stärker aus Stimmungslagen als aus sozial eingebetteten Loyalitäten. Zustimmung entstand schnell – sie verfestigte sich nicht. Zurück blieb eine Partei, die öffentliche Aufmerksamkeit erzeugte, aber keine stabile soziale Basis entwickelte. Der Unterschied ist politisch entscheidend.

Hinzu kommt der zu frühe Gang in die Regierungsverantwortung. In Thüringen und Brandenburg übernahm das BSW Koalitionsverantwortung, ohne über die organisatorischen Grundlagen und die politische Erfahrung zu verfügen, die Regierungsarbeit erfordert. Oppositionsarbeit – also das mühsame Erlernen von Gremienarbeit, Verwaltungslogiken und lokalen Netzwerken – wurde weitgehend übersprungen. Die Folgen waren absehbar: innerparteiliche Konflikte, die häufig eher reflexhaft als sachkundig geführt wurden, und schließlich das Scheitern der Brandenburger Koalition Anfang 2026. Es ist nicht das erste Mal, dass ein linkes Aufbruchsprojekt an diesen Problemen scheitert – die Geschichte der von Sahra Wagenknecht initiierten Sammlungsbewegung Aufstehen folgte einem ähnlichen Muster.

7. Die ungelöste Repräsentationslücke

Die WSI-Studie leistet einen wichtigen empirischen Beitrag. Sie zeigt: Das BSW war kein Zufallsphänomen. Es hat eine reale Repräsentationslücke sichtbar gemacht: Menschen mit materieller Unsicherheit, institutionellem Misstrauen und einer wirtschaftspolitisch linken, aber kulturell kommunitaristischen Orientierung, für die das deutsche Parteiensystem bislang kein passendes Angebot bereithielt. Dass diese Kombination existiert und politisch mobilisierbar ist, ist empirisch belegt.

Und doch hat die Partei diese Basis nicht in dauerhafte politische Bindungen überführt. Der Friedenskurs blieb programmatisch, ohne sich organisatorisch in gesellschaftlichen Bewegungen zu verankern. Schwerer wiegt jedoch die ideologische Verengung: Das BSW benennt zwar die Symptome sozialer Ungleichheit, verkürzt jedoch deren Analyse. Indem die Partei strukturelle Missstände wie Wohnungsnot, die Überlastung der kommunalen Infrastruktur oder die soziale Konkurrenz primär als Folgen von Zuwanderung interpretiert – sie also kulturalisiert –, bedient sie letztlich genau jene Narrative, die von den eigentlichen ökonomischen Machtverhältnissen, jahrzehntelanger Unterinvestition und neoliberaler Umstrukturierung ablenken. Der emanzipatorische Anspruch des Gründungsbündnisses wird damit hinfällig.

Als Beobachter, der das BSW von innen begleitet und die Partei aus diesen inhaltlichen wie organisatorischen Gründen wieder verlassen hat, fällt mein Urteil nüchtern aus: Das BSW als politisches Projekt ist in seiner bisherigen Form gescheitert. Nicht jedoch die sozioökonomische Diagnose einer Repräsentationslücke. Eine linke Kraft jenseits der etablierten Parteien, die soziale Fragen ins Zentrum stellt, die Klassenfrage ernst nimmt und tatsächlich in den Stadtteilen präsent ist, bleibt ein notwendiges Projekt. Gescheitert ist im Falle des BSW nicht das Einstehen für die Prekarisierten, sondern der Versuch, soziale Gerechtigkeit durch Abgrenzung und Abschottung zu erkaufen. Das Projekt scheiterte an organisatorischer Unreife, fehlender strategischer Tiefe und einem ideologischen Kurs, der mit der Abkehr von universellen emanzipatorischen Werten seine eigene analytische Basis untergraben hat. Nicht an der Grundfrage selbst.

Denn diese Grundfrage bleibt drängend. Es gibt in Deutschland eine relevante Bevölkerungsgruppe, die in Verteilungsfragen links denkt und sich von den etablierten Parteien nicht repräsentiert fühlt. Ob eine künftige linke Kraft diese Menschen erreichen kann, hängt nicht von Programmpapieren ab. Entscheidend ist, ob sie in sozial benachteiligten Quartieren westdeutscher Großstädte präsent ist oder in den ostdeutschen Kleinstädten, die seit Jahrzehnten ökonomisch abgehängt sind. Und ob sie die sozialen Widersprüche, die diese Menschen täglich erleben, strukturell analysiert – statt sie kulturell zu verkleiden.

Das BSW setzte stark auf mediale Präsenz – auf den großen Auftritt, die Schlagzeile und die Wirkung von oben, personalisiert und getragen von seiner namensgebenden Galionsfigur Sahra Wagenknecht. Was fehlte, lässt sich jedoch nicht inszenieren: die kontinuierliche Arbeit in Stadtteilen, Vereinen, Quartierszentren und Betrieben; das Vertrauen, das nur in gemeinsamer Praxis entsteht; die Verwurzelung in den sozialen Strukturen jener Menschen, für die man sprechen will. Wer diesen mühsamen Prozess überspringt, erzeugt Aufmerksamkeit – aber keine dauerhafte politische Bindung.

Quellengrundlage: Emmler, H./Seikel, D. (2026): Die Wählerschaft des BSW bei der Bundestagswahl 2025. Befunde aus der WSI-Nachwahlbefragung. WSI Report Nr. 112, April 2026, Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf.


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