Widerstand mit Garderobenmarke

Am Freitagabend ist im Theater am Goetheplatz der Faschismus aufgehalten worden, jedenfalls für gut eine Minute. Benjamin Piel, Chefredakteur des Weser-Kurier, hat sie im Feuilleton seines Blatts festgehalten: Ein Teil des Premierenpublikums skandierte „Halt die Fresse“, als der Schauspieler Manolo Bertling zum Schlussmonolog von Tiago Rodrigues‘ „Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten“ ansetzte. Anschließend sang man „Bella Ciao“. Der Mann auf der Bühne, der einen Rechtsextremen zu spielen hatte und dafür nach Tarif bezahlt wird, begann mehrmals von vorn und brachte seine zwanzig Minuten schließlich zu Ende. In Bochum hatte man seinen Kollegen im Februar noch von der Bühne gezerrt. In Bremen blieb es bei einem Anlauf dorthin und bei dem Zuruf, er möge aufpassen, dass er nicht gleich eine Flasche an den Kopf bekomme, was man hanseatische Zurückhaltung nennen mag.

Man muss sich die Lage der Rufenden vorstellen. Sie haben eine Karte für ein Stück gekauft, dessen Titel das Töten von Faschisten schön nennt, und einen Abend lang einer Familie zugesehen, die diese Tradition pflegt. Dann redet der Verschonte, und er redet lange. Sein Text klingt, wie man am Bochumer Schauspielhaus einräumt, weniger nach Schwarzhemd als nach Talkshow, nach jenem geschmeidigen Ton, der inzwischen aus manchem Parlament zu hören ist. Dort sitzt freilich niemand im Parkett, der ihn niederbrüllen könnte. Im Theater ist der Gegner greifbar und trägt ein Kostüm. Selten war Widerstand so günstig zu haben: Er kostet den Preis einer Premierenkarte mitsamt Garderobe und findet in einem Haus statt, das die Stadt eigens dafür unterhält.

Adorno nannte solches Tun Pseudo-Aktivität, eine Praxis, die sich umso lauter gebärdet, je weniger sie an den Verhältnissen ändert. Dass sie im Stadttheater eine Heimstatt findet, hätte ihn kaum überrascht. Dem engagierten Theater misstraute er ohnehin, weil es dem Zuschauer die Gesinnung bestätigt, die er an der Kasse schon vorgezeigt hat. In Bremen ist dieser Vorgang zu seiner Vollendung gelangt. Das Publikum wartete die Bestätigung gar nicht erst ab und lieferte sie selbst, mit eigener Stimme und aus eigenem Liedgut.

Es gab auch andere Stimmen im Saal. „Der ist nur ein Schauspieler, lasst ihn reden!“, rief jemand, und man möchte den Satz einrahmen als Dokument des Jahres 2026, in dem er in einem deutschen Theater gerufen werden musste. Piel setzt den Faschisten in seinem Bericht vorsichtshalber in Anführungszeichen, eine Sorgfalt, die im Saal nicht jedem zu Gebote stand. Ein anderer fragte, warum man nicht einfach gehe. Die Frage blieb unbeantwortet, vermutlich weil das Gehen den Verzicht auf den Schlussapplaus bedeutet hätte. Vor sechzig Jahren ließ sich das Publikum von Handke beschimpfen. Die Bildungsbürger pfiffen, die politischen Theatergänger klatschten. Handke saß am Ende auf der Rampe und sah beidem zu. Bertling hat das Stück 2018 in Berlin selbst gespielt, auf der Seite der Beschimpfenden. In Bremen kommt die Beschimpfung nun aus dem Parkett, vorgetragen von denen, die anschließend „Bella Ciao“ anstimmen.

Der Applaus kam dann auch, minutenlang und im Stehen, und Piel hat ihn in die Überschrift gehoben: „Ende mit Applaus und Tränen“. Das Ensemble klatschte zurück. Man wüsste gern, wer hier wem wofür dankte. Falls Rodrigues den Tumult einkalkuliert hat, und einiges spricht dafür, dann waren die Rufer die zuverlässigsten Darsteller des Abends, textsicher und auf eigene Kosten. Sie hätten in diesem Fall dem Stück gehorcht, während sie ihm zu widerstehen meinten. Einige im Ensemble hatten Tränen in den Augen. Ob dort aus Rührung geweint wurde oder aus Erschöpfung über dieses Publikum, lässt Piels Bericht offen.

Eine Antwort zu „Widerstand mit Garderobenmarke“

  1. Herr M\. Steglich,

    Widerstand gegen Faschismus ist demokratisch legitim – aber er darf nicht selbst die Mittel der Einschüchterung übernehmen\. Das Theater Bremen führt Tiago Rodrigues’ Stück ausdrücklich als Auseinandersetzung mit der Frage auf, wie Widerstand aussehen kann, ohne in Vergeltungslogik und Gewalt umzuschlagen\.

    „Halt die Fresse“ ist als Publikumsprotest noch vom Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt; eine Drohung mit einer Flasche wäre etwas anderes\. Gerade eine wehrhafte Demokratie muss beides können: Rechtsextremismus klar zurückweisen **und** die körperliche Unversehrtheit des Gegenübers achten\. Art\. 1 GG und Art\. 5 GG setzen hierfür einen anspruchsvollen Rahmen\.

    Historisch wissen wir, wohin politische Entmenschlichung führen kann\. Philosophisch gilt daher: Wer die Würde des Menschen verteidigt, darf sie nicht davon abhängig machen, auf welcher Seite jemand steht\. Auch „Bella Ciao“ gewinnt seine demokratische Bedeutung nicht durch Einschüchterung, sondern durch den friedlichen Widerstand gegen Unterdrückung\.

    Quelle: Theater Bremen, „Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten“; GG Art\. 1 und 5\.

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