Ein Abend für Yaşar Kemal

Mit sechzehn zog Yaşar Kemal durch die Dörfer seiner Heimat und bat die Frauen, ihm ihre Klagelieder vorzusingen, damit er sie aufschreiben konnte. An dem Tag, an dem er 103 Jahre alt geworden wäre, kehrte seine Prosa in der Bremer Stadtbibliothek Am Wall für einen Abend zur Musik zurück. Hakan Mertcan las aus „Memed, mein Falke“, und Grup Açelya legte leise ihre melancholische Musik unter die Sätze. Gut 150 Menschen hörten zu, die meisten mit Wurzeln in der Türkei.

Mit siebzehn saß Kemal wegen eines Gedichts zum ersten Mal im Gefängnis. Er war als Sohn kurdischer Zuwanderer in einem Dorf der Çukurova aufgewachsen und verdiente sein Geld eine Zeit lang als Straßenschreiber, der für Bauern ohne Schulbildung Briefe und Bittschriften aufsetzte. 1962 trat er in die Arbeiterpartei der Türkei ein, und noch 1995, mit über siebzig, stand er als Angeklagter vor Gericht. Wo von seiner Solidarität die Rede war, gab es im Saal spontanen Beifall. Hakan Mertcan, der an diesem Abend von ihm erzählte, hat selbst vor türkischen Gerichten gestanden. Der Wissenschaftler, der über die arabischen Aleviten der Türkei forscht, lehrte an der Universität Mersin und verlor seine Stelle, nachdem er den Friedensaufruf der Akademiker unterschrieben hatte.

In Kemals bekanntestem Roman lehnt sich der Hirtenjunge Memed gegen einen Großgrundbesitzer auf. Seit 1955 ist das Buch in mehr als vierzig Sprachen gewandert und hat seinen Autor zum meistgelesenen Schriftsteller der Türkei gemacht. Zwei Jahre nach seinem Prozess gab ihm der deutsche Buchhandel den Friedenspreis, Günter Grass hielt die Laudatio. Den Nobelpreis, für den er vorgeschlagen war, hat er nie bekommen. Die Frage seines Romans, wem das Land gehört und wer darüber bestimmt, hat sich in siebzig Jahren nirgends erledigt.

Dass ein solcher Abend zustande kommt und so viele Menschen anzieht, verdankt sich Yılmaz Altundağ, dem Leiter des Instituts Inanis, das gemeinsam mit der Stadtbibliothek eingeladen hatte. Er hat den Geburtstag mit Bedacht gewählt, durch das Gespräch geführt und bei der Musik selbst am Keyboard gesessen. In den zwanzig Jahren, die ich ihn kenne, ist er mir ein Freund geworden, und an diesem Abend habe ich wieder gesehen, warum.

Mertcan sprach türkisch, und was er sagte, erreichte mich mit der Verzögerung der Übersetzung. Die Musik kam ohne Umweg an und mit ihr die Schwermut dieses Abends. Bei Orhan Pamuk habe ich für eine Trauer, die viele miteinander teilen, das Wort Hüzün gelernt. Ihn habe ich gelesen und den von mir sehr geschätzten Lyriker Nâzım Hikmet, Yaşar Kemal zu meiner Schande bis heute nicht. Mit Memed fange ich an.

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