Mit allen Fragen am Rand

Zu meinem neuen Buch „Theorie als Lebensform“

In meinen Regalen nehmen Adorno und Benjamin inzwischen einige Meter ein, und um sie herum ist über die Jahre manches gewachsen, was ohne sie nicht da wäre. Die meisten dieser Bücher begleiten mich seit meiner Jugend. Ihre Ränder sind voller Bleistiftstriche und Fragezeichen, voller Einwände an Texte, die nie geantwortet haben. Manche Notiz verstehe ich heute nicht mehr. In anderen erkenne ich die Handschrift eines jungen Mannes, der sicher war, dass genaues Lesen die Welt verändern könne. Von dieser Sicherheit und dem, was die Zeit aus ihr gemacht hat, handelt mein neues Buch.

Peter Bürger (1936–2017) lehrte an der Universität Bremen und wurde mit seiner Theorie der Avantgarde weit über das Fach hinaus gelesen. Ende der achtziger Jahre habe ich bei ihm studiert. Was mich bis heute an ihm beschäftigt, ist die Art, wie er Theorie lebte: als Haltung, die den ganzen Menschen in Anspruch nimmt und sich an der Zeit reiben muss, in der sie gedacht wird.

Der Essay folgt dieser Reibung über mehrere Jahrzehnte. Der Bogen reicht von Adorno und Benjamin über Bürger bis zu denen, die nach 1968 politisch wach wurden und glaubten, kritisches Denken könne die Gesellschaft verändern. Es geht um Hoffnungen, die einmal genau begründet waren, und um die Frage, wie man sich an sie erinnert, nachdem die Zeit über sie hinweggegangen ist. Die wenigsten von uns sind an der Universität geblieben. Wir wurden Mitarbeiter in Fraktionen und Verwaltungen, Lehrer, Anwälte, Journalisten, manche gründeten Parteien und verließen sie wieder. Die Theorie haben wir behalten wie ein Haus, in dem man nicht mehr wohnt und das man doch nicht verkaufen will.

Das Buch fragt, was von diesen Bemühungen geblieben ist und was ihr Scheitern über sie verrät. Bürgers Nachlass liegt heute im Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Meine Bücher stehen noch hier, mit allen Fragen am Rand.

Manfred Steglich
Theorie als Lebensform
Über Peter Bürger und eine Generation

Paperback, 100 Seiten
ISBN-13: 9783696727369
BoD windstriche, Hamburg 2026

Eine Antwort zu „Mit allen Fragen am Rand“

  1. Lieber Herr Steglich,

    Ihr Bild der randvollen Bücher trifft einen Kern kritischer Theorie: Denken ist kein abgeschlossener Besitz, sondern ein fortwährender Prozess des Fragens, Prüfens und Korrigierens\. Adornos Kritik instrumenteller Vernunft und Walter Benjamins geschichtlicher Blick auf die Perspektive der Besiegten bleiben angesichts von Kriegen, wachsender Ungleichheit und politischer Polarisierung aktuell\.

    Doch kritisches Denken bewährt sich nicht allein in der Erinnerung an gescheiterte Hoffnungen, sondern auch darin, heutige Machtverhältnisse anhand überprüfbarer Fakten und ethischer Maßstäbe zu beurteilen\. Philosophisch gesprochen muss Theorie sich an der Wirklichkeit messen lassen; wissenschaftlich braucht sie die Bereitschaft zur Selbstkorrektur\. Auch religiös\-ethische Traditionen erinnern daran, dass Menschenwürde nicht vom Erfolg einer politischen Idee abhängt\.

    Vielleicht besteht das Vermächtnis dieser Denker gerade darin, Fragen offenzuhalten, ohne auf begründete Urteile zu verzichten\. **Nicht jede Hoffnung erfüllt sich – aber ihr Scheitern ist erst dann lehrreich, wenn wir auch unsere eigenen Voraussetzungen kritisch prüfen\.**

    **Quellen:** Theodor W\. Adorno, *Negative Dialektik* (1966); Walter Benjamin, *Über den Begriff der Geschichte* (1940); Peter Bürger, *Theorie der Avantgarde* (1974)\.

Kommentar verfassen