Michel Foucault zum hundertsten Geburtstag
Am Ende der Ordnung der Dinge steht ein Satz, den Generationen von Studenten unterstrichen haben. Der Mensch, heißt es dort, sei eine junge Erfindung, und man könne wetten, dass er verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand. Michel Foucault schrieb ihn 1966, mit neununddreißig Jahren. Am 15. Oktober wäre er hundert Jahre alt geworden.
Paul-Michel Foucault wurde 1926 in Poitiers geboren, als Sohn eines angesehenen Chirurgen, der in ihm seinen Nachfolger sah. Der Sohn wollte kein Arzt werden. Er wuchs in einer katholischen Provinzstadt auf, erlebte als Gymnasiast die deutsche Besatzung und ging nach dem Krieg nach Paris. 1946 wurde er an der École normale supérieure aufgenommen, der Eliteschule der französischen Intelligenz. Die Jahre dort waren schwer für einen jungen Mann, der homosexuell war in einer Gesellschaft, die das als Krankheit oder Laster behandelte. Er galt als schroff und unnahbar und war oft verzweifelt. 1948 versuchte er, sich das Leben zu nehmen. Der Vater brachte ihn zu Jean Delay, einem der bekanntesten Psychiater Frankreichs, an das Krankenhaus Sainte-Anne. Wer Foucaults spätere Bücher über Wahnsinn und Normalität liest, sollte diese Jahre im Gedächtnis behalten. Die Grenze zwischen dem Normalen und dem Abweichenden kannte er auch von der anderen Seite.
Er studierte Philosophie und Psychologie und arbeitete als Psychologe in Sainte-Anne und im Gefängnis von Fresnes. Unter dem Einfluss seines Lehrers Louis Althusser trat er 1950 der Kommunistischen Partei bei und verließ sie drei Jahre später wieder. Dann ging er ins Ausland, als Lektor nach Uppsala, wo man den jungen Franzosen in einem Jaguar durch die Stadt rasen sah, danach nach Warschau und 1959 nach Hamburg, um das Institut français zu leiten. In diesen Jahren fern von Frankreich entstand sein erstes großes Buch. Abgeschlossen hat er das Manuskript in Hamburg, eine Tafel erinnert heute daran.
Wahnsinn und Gesellschaft (1961) war seine Doktorarbeit. Eines seiner ersten Bilder ist das Narrenschiff, auf dem, wie Foucault erzählt, die Irren im späten Mittelalter von Stadt zu Stadt trieben. Dann zeigt er, wie das Zeitalter der Vernunft den Wahnsinn einsperrte. 1656 wird in Paris das Hôpital général gegründet, und in seinen Mauern landen Bettler, Arbeitsscheue, Libertins und Geisteskranke nebeneinander. Erst später sondert die Medizin die Kranken aus und macht den Wahnsinn zu ihrem Gegenstand. Was als Fortschritt der Menschlichkeit erzählt wird, die Befreiung der Irren aus den Ketten, ist bei Foucault zugleich der Beginn einer neuen Herrschaft: Die Vernunft spricht über den Wahnsinn und lässt ihn selbst nicht mehr zu Wort kommen.
Berühmt wurde er mit der Ordnung der Dinge (1966), einem schwierigen Buch, das sich in Frankreich verkaufte wie ein Roman. Das Vorwort beginnt mit einem Lachen über eine chinesische Enzyklopädie, die Borges erfunden hat, und fragt, warum uns eine fremde Ordnung so komisch vorkommt. Jede Epoche hat ihre Episteme, ein unsichtbares Raster, das festlegt, was überhaupt als Wissen gelten kann. Die Renaissance denkt in Ähnlichkeiten, das klassische Zeitalter in Tabellen und Repräsentationen, das 19. Jahrhundert in Geschichte und Entwicklung. Das erste Kapitel gilt einem Gemälde, Velázquez’ Las Meninas. Der Maler und die Hoffräulein um die kleine Infantin blicken aus dem Bild heraus auf das Königspaar, das man nur undeutlich in einem Spiegel an der Rückwand erkennt. Für Foucault ist das die klassische Ordnung in einem Bild: Alles ist dargestellt, nur der Platz dessen, für den dargestellt wird, bleibt leer. Erst in der modernen Ordnung tritt auf diesen Platz der Mensch, als Gegenstand von Biologie, Ökonomie und Sprachwissenschaft. Daher der Schlusssatz vom Gesicht im Sand. Der Mensch, wie wir ihn denken, ist eine Figur des Wissens, und Figuren können wieder verschwinden.
Drei Jahre später lieferte Foucault mit der Archäologie des Wissens (1969) die Methode nach, die er bis dahin angewandt hatte. Mit dem Wort meinte er weniger das Graben nach Ursprüngen als die Arbeit am Archiv einer Zeit. Er untersucht das tatsächlich Gesagte und Geschriebene und die Regeln, nach denen darin gesprochen werden konnte. Diskurse, so verstanden, sind Praktiken, die die Gegenstände hervorbringen, von denen sie sprechen. Diese Einsicht ist in die Sozialwissenschaften eingewandert und dort heimisch geworden. Wer heute untersucht, wie über Armut oder Migration gesprochen wird, arbeitet mit Foucaults Werkzeug, oft ohne es zu wissen. Auch die Identitätspolitik beruft sich gern auf ihn und liest ihn dabei gegen den Strich. Foucault zeigte, wie Kategorien Menschen festlegen, und er misstraute jeder Festlegung, auch der, die sich eine Bewegung selbst gibt.
1970 wurde er an das Collège de France berufen, auf einen Lehrstuhl für die Geschichte der Denksysteme. Zugleich wurde er politisch. Mit seinem Lebensgefährten Daniel Defert und anderen gründete er 1971 eine Informationsgruppe über die Gefängnisse, die Häftlingen eine Stimme verschaffen wollte. Im Herbst desselben Jahres protestierte er in der Goutte d’Or, einem Pariser Einwandererviertel, gegen den Tod eines fünfzehnjährigen Jungen. Ein Foto zeigt ihn dort mit kahlem Kopf, ein Megaphon in der Hand. Neben ihm steht der alte Sartre, einen Kopf kleiner. In denselben Wochen stritt er im niederländischen Fernsehen mit Noam Chomsky über die menschliche Natur und die Gerechtigkeit. 1978 kam er nach Westberlin zum Tunix-Kongress und nach Hannover, wo er gegen Berufsverbote und die Suspendierung des Sozialpsychologen Peter Brückner demonstrierte. Das Gewissen der Welt, wie Sartre es gewesen war, wollte er trotzdem nicht sein. Er sprach dort, wo er etwas wusste, über Gefängnisse und Psychiatrie, und er versuchte, den Betroffenen das Wort zu verschaffen, statt an ihrer Stelle zu reden. 1980 gab er Le Monde ein Interview, ohne seinen Namen zu nennen. Er wollte gehört werden, ohne dass sein Ruhm das Gesagte übertönte.
Aus der Arbeit über die Gefängnisse ging Überwachen und Strafen (1975) hervor. Das Buch stellt die öffentliche Marter des Attentäters Damiens im Jahr 1757 einem Reglement für junge Häftlinge gegenüber, das achtzig Jahre später den Tag auf die Viertelstunde einteilt. Die Strafe ist milder geworden und dringt zugleich tiefer ein. Schule, Kaserne, Fabrik und Gefängnis beobachten den Einzelnen und messen ihn an einer Norm. Das Modell dafür fand Foucault in Jeremy Benthams Panopticon, einem Gefängnis, in dessen Mitte ein Wärter alle Zellen einsieht, ohne selbst gesehen zu werden. Wer nie weiß, ob er beobachtet wird, beginnt sich selbst zu überwachen. Macht ist für Foucault weniger ein Besitz als ein Geflecht von Verfahren und Routinen. Sie verbietet weniger, als sie hervorbringt, Wissen ebenso wie Menschen.
Erst nach seinem Tod sind seine Vorlesungen am Collège de France erschienen, und manche lesen sich, als wären sie für unsere Jahre geschrieben. In Die Geburt der Biopolitik sprach Foucault 1979 über den Neoliberalismus, kurz bevor Margaret Thatcher Premierministerin wurde. Er beschrieb einen Menschen, der sich als Unternehmer seiner selbst begreift und sein Leben als Investition in das eigene Humankapital führt. Im Jobcenter ist dieser Gedanke zur Verwaltungssprache geworden. Der Arbeitslose heißt dort Kunde, und am Anfang steht eine Potenzialanalyse. Das Armband, das Schritte und Schlafphasen zählt, verbindet beide Gedanken Foucaults: Man überwacht sich selbst wie im Panopticon und tut es aus freien Stücken, als Unternehmer des eigenen Körpers.
Wer aus der Tradition der Kritischen Theorie kommt, liest das mit Zustimmung und mit einem Vorbehalt. Horkheimer und Adorno hatten in der Dialektik der Aufklärung beschrieben, wie Vernunft in Herrschaft umschlägt. Foucault bemerkte die Verwandtschaft spät und sagte 1983 sinngemäß, hätte er die Frankfurter Schule früher gekannt, wären ihm manche Dummheit und mancher Umweg erspart geblieben. Der Vorbehalt gilt dem, was nach der Analyse kommt. Foucault beschreibt genau, wie Macht arbeitet, und er weiß auch, dass die Akkumulation der Menschen und die des Kapitals zusammengehören, zum Ausgangspunkt macht er das aber nie. Die Ökonomie ist bei ihm ein Schauplatz der Macht unter anderen, und die Frage, wem das Ganze nützt, tritt hinter die Frage zurück, wie es funktioniert. Auch das Subjekt, das unter den Verhältnissen leidet, ist bei ihm ein Erzeugnis dieser Verhältnisse. „Wo es Macht gibt“, schrieb er, „gibt es Widerstand.“ Woher aber nimmt ein Widerstand seine Kraft, wenn er aus demselben Stoff gemacht ist wie die Macht, gegen die er sich richtet?
Foucault hat diese Frage gespürt. 1976 war der erste Band von Sexualität und Wahrheit erschienen, Der Wille zum Wissen. Er wandte sich gegen eine Lieblingsidee der Achtundsechziger, die Sexualität sei jahrhundertelang unterdrückt worden und müsse nur befreit werden. Die moderne Gesellschaft habe im Gegenteil unaufhörlich über sie gesprochen, im Beichtstuhl wie in der Arztpraxis, und gerade dieses Sprechen sei eine Form der Macht gewesen. Die Fortsetzung ließ acht Jahre auf sich warten und fiel anders aus als angekündigt. Foucault war von der Moderne zur Antike gewandert, zur Sorge um sich und zur Arbeit des Einzelnen an der eigenen Lebensform. Kritik bestimmte er in diesen Jahren als die Kunst, nicht dermaßen regiert zu werden. Der Satz verspricht keine befreite Gesellschaft, er besteht nur darauf, dass man nicht alles hinnehmen muss. Ob das genügt, um die Verhältnisse zu ändern, die er so genau beschrieben hat, darüber lässt sich mit ihm streiten. Die beiden neuen Bände erschienen im Frühsommer 1984. Am 25. Juni starb Foucault an den Folgen von Aids, in der Pariser Salpêtrière, einem Krankenhaus, dessen Geschichte in seinem ersten großen Buch vorkommt. Daniel Defert gründete wenige Monate später die Aidshilfe-Organisation AIDES. In der Archäologie des Wissens steht der Satz: „Fragt mich nicht, wer ich bin, und sagt mir nicht, ich solle derselbe bleiben.“ Eine Würdigung tut beides. Das Gesicht im Sand ist noch zu erkennen. Wie lange noch, wissen auch die nicht, die ihn damals gelesen haben.
Manfred Steglich
Bremen, 13.10.2026

Kommentar verfassen