Zwangsarbeit in Horn-Lehe

Das Lager „Handwerk“ — Verschleppt, ausgebeutet, vergessen.

Mitten in Horn-Lehe, an der Ecke Achter- und Riensberger Straße, stand von 1943 bis Kriegsende eines der größeren Bremer Lager für Zwangsarbeiter — dort, wo heute der Magdalene-Thimme-Weg entlang der Kleinen Wümme verläuft und die Grün-Station Horn ihren Standort hat. Ein Ort, dessen NS-Vergangenheit im kollektiven Gedächtnis des Stadtteils lange keinen Platz hatte. Der Jugendbeirat Horn-Lehe hat die Initiative ergriffen und gemeinsam mit dem Beirat die Historikerin Anna Leinen mit einer Archivrecherche beauftragt. Die Ergebnisse dieser Recherche, ergänzt durch die langjährige Dokumentationsarbeit des Stadtteilhistorikers Michael Koppel, bilden die Grundlage dieses Textes — der die Fakten aus einer dezidiert politischen Perspektive einordnet.

An dieser Stelle befand sich der Eingang des Lagers

Ein Lager als unternehmerische Entscheidung

Das Lager „Handwerk“ entstand auf Initiative Bremer Handwerksmeister und Kaufleute, die sich im Sozial-Gewerk Bremer Handwerker e.G.m.b.H. zusammengeschlossen hatten. Die Bremer Handwerkskammer ermittelte 1942 den „Bedarf“ an menschlicher Arbeitskraft: 500 Menschen für zunächst 50 Betriebe. Zwei Jahre später nutzten bereits 237 Betriebe das Lager. Der Vorsitzende Gerhard von Hagel brachte das Motiv unverblümt auf den Punkt: Man wolle „dem bremischen Handwerk dienen“. Menschen aus der Sowjetunion, Polen, Frankreich, den Niederlanden und Belgien wurden dafür verschleppt, eingesperrt und zur Arbeit gezwungen — für Bremer Betriebe aus Walle, Mitte, Gröpelingen, Hemelingen, Schwachhausen und der Neustadt.

Das Sozial-Gewerk trieb das aktiv voran: Es warb ausdrücklich mit der Verfügbarkeit von Zwangsarbeitskräften um neue Mitglieder, appellierte an den „Gemeinschaftsgeist“ beim Aufbringen der Lagerkosten und erzielte nach eigenen Angaben für seine Mitgliedsbetriebe eine „zusätzliche Jahresleistung von rund 2 Millionen Arbeitsstunden“ — auf Kosten der Verschleppten.

NS-Terror als Herrschaftsinstrument

Das Sozial-Gewerk war der Deutschen Arbeitsfront (DAF) unterstellt — jener Organisation, die 1933 die freien Gewerkschaften zerschlagen hatte. Sein erklärtes Ziel war die „Menschenführung durch die Partei“ im Handwerk. Die Zwangsarbeiter des Lagers „Handwerk“ waren damit Opfer eines doppelten Herrschaftssystems: des faschistischen Staats, der sie verschleppte und rechtlos stellte, und der Betriebe, die diese Rechtlosigkeit zur Arbeitskraftgewinnung nutzten. Gerade „Ostarbeiter“ und Polen hatten bei Vergehen mit Verfolgung durch die Gestapo, schweren Strafen ohne Gerichtsurteil und willkürlicher Gewalt zu rechnen.

Die rassistische Hierarchisierung der Zwangsarbeiter — „Ostarbeiter“ und Polen ganz unten, Westeuropäer etwas besser gestellt — diente der Spaltung der Ausgebeuteten untereinander. Innerhalb der Gruppe der „Ostarbeiter“ ging das noch weiter: Erzwungene „Vertrauenspersonen“ aus ihren eigenen Reihen sollten Fluchtvorbereitungen melden und für Disziplin sorgen — ein Herrschaftsinstrument, das die Unterdrückten zwang, an ihrer eigenen Unterdrückung mitzuwirken.

Wer lebte im Lager?

Die Zusammensetzung der Insassen wechselte häufig und war von Beginn an ungeplant komplex. Noch bevor die eigentlich vorgesehenen „Ostarbeiter“ eintrafen, belegten andere Unternehmen die Baracken: Rolandwerft und Daimler-Benz brachten französische Zivilarbeiter unter, Borgward „bugsierte ohne Rückfrage“ 424 Holländer und Franzosen ins Lager. Im April 1943 lebten dort 400 französische und belgische, 245 niederländische und 155 „Ostarbeiter“. Im September 1943 waren es 830 Personen. Eine gegen Kriegsende erstellte Liste erfasste 659 Männer und 9 Frauen: 190 „Ostarbeiter“, 190 Polen, 137 Franzosen, 94 Niederländer und 31 Belgier sowie Personen weiterer Nationalitäten.

Die Insassen waren überwiegend junge Erwachsene, viele mit handwerklichen Berufen — Mechaniker, Sattler, Schuhmacher, Schlosser. Einzelne Biografien zeigen, dass die Verschleppung keine Ausnahme war, sondern System hatte: Menschen wurden bei Razzien aufgegriffen, von Betrieb zu Betrieb weitergereicht, ihrer Heimat und ihrer Freiheit beraubt. Zu ihren Arbeitsstellen wurden sie täglich in vergitterten Sonderwagen der Bremer Straßenbahn gefahren — in geschlossenen Gruppen, von der Endstation Horn aus in alle Stadtteile.

Leben und Sterben in Horn

Das Lager erstreckte sich auf einer Fläche von drei Hektar — etwa 90 mal 300 Meter — von der Riensberger Straße bis zum Bahnübergang Achterstraße. Es wurde ab 1942 von russischen Zwangsarbeitern selbst gebaut — viele davon barfuß auf der Baustelle. Ab März 1943 lebten hier zeitweise bis zu 830 Menschen in primitiven, überbelegten Holzbaracken: In Räumen von etwa 50 Quadratmetern waren bis zu 20 Personen untergebracht, ohne ausreichende Heizung, ohne Wasser- und Kanalanschluss, mit massivem Ungezieferbefall. Das gesamte Gelände war umzäunt und bewacht, ein Wächter auf 30 Insassen. Bei Bombenangriffen auf Bremen standen den Lagerinsassen keine Schutzräume zur Verfügung, sondern lediglich vier notdürftige Splittergräben.

Die Einsatzbetriebe wurden vom Sozial-Gewerk ideologisch vorbereitet: Die Zwangsarbeiter wurden ihnen als „politisch verseucht, seelisch und moralisch zerrüttet“ vorgestellt — vertrauensvoller Umgang mit Deutschen war ausdrücklich verboten.

„Ostarbeiter“ und Polen erhielten systematisch schlechtere und geringere Verpflegung als westeuropäische Zwangsarbeiter — Pferdefleisch, Freibankfleisch, Gemüseabfälle waren vorgeschrieben. Die Bremer Industrie- und Handelskammer hielt 1942 in einem Lagebericht fest, dass die unzureichende Verpflegung die Arbeitsfähigkeit der Zwangsarbeiter „in sehr erheblichem Umfange“ beeinträchtige — gemeint war damit keine humanitäre Kritik, sondern eine Sorge um die Produktivität. Obwohl das Sozial-Gewerk seinen Mitgliedsbetrieben nach außen empfahl, die Zwangsarbeiter anständig zu behandeln, um ihre Arbeitskraft zu erhalten, zeigen vertrauliche Dokumente das wahre Bild: Von Hagel bezeichnete Niederländer als „Schweine“ und gab zu, eigenhändig körperliche Gewalt ausgeübt zu haben.

Im Lager starben Menschen — wie viele, ist bis heute nicht vollständig dokumentiert. Mindestens 15 Todesfälle sind namentlich nachweisbar, die tatsächliche Zahl dürfte erheblich höher liegen. Die häufigste Todesursache war Tuberkulose — eine bei ausreichender Ernährung und medizinischer Versorgung behandelbare Krankheit. Wer medizinische Versorgung erhielt, wurde in das etwa 600 Meter entfernte Hilfskrankenhaus Haus Reddersen am Luisental eingewiesen — das jedoch ohne Röntgengeräte, Operationssäle oder eigene Medikamentenvorräte arbeitete. Einzelne Todesursachen deuten auf bewusste Verschleierung hin: „Herzschlag“ bei einem jungen, als arbeitsfähig eingestuften Mann war kaum die wahre Todesursache. Der Tod war kein Zufall, sondern einkalkuliert.

Täter mit Namen

Die Verantwortlichen hatten Namen und Adressen. Gerhard von Hagel, die 237 Mitgliedsbetriebe, die Lagerführer Schnepel und Look — sie alle forderten Zwangsarbeiter an, setzten sie ein und verbuchten die Unterbringungskosten als Betriebsausgabe. Diese Täter kamen nach Kriegsende weitgehend ungeschoren davon. Von Hagel verschwieg in seinem Entnazifizierungsverfahren den Zwangscharakter der Arbeit. Der Lagerführer Schnepel behauptete, es habe „niemals einen Fall von schlechter Behandlung oder Ungerechtigkeit gegen die Lagerinsassen gegeben“. Belgische und französische Behörden wurden von der Bremer Polizei mit falschen Angaben abgespeist — keine Bewachung, freiwillige Arbeiter, keine Unterlagen vorhanden. Die Nachkriegsgesellschaft hatte kein Interesse daran, die Verstrickung des Bremer Handwerks in den NS-Terror aufzuarbeiten.

Kontinuität des Vergessens

Im April 1945 erreichten britische Truppen auf ihrem Vormarsch Richtung Bürgerpark das Lager — und damit sein Ende als Zwangsarbeitslager. Anschließend wurde es von amerikanischen Truppen beschlagnahmt. Die Baracken blieben stehen und wurden als Notunterkunft für Obdachlose, Ausgebombte und Geflüchtete genutzt — unter ähnlich prekären Bedingungen wie zuvor. Die Bewohner selbst forderten 1953 öffentlich „zumutbare, menschenwürdige Wohnungen“. Die Nachbarschaft beschwerte sich über sie. Die endgültige Räumung erfolgte 1962 — viele der letzten Bewohner zogen in die neu errichteten Wohnungen in der Heinrich-Gefken-Straße. Die NS-Vergangenheit des Orts wurde nie thematisiert. Kein Mitgliedsbetrieb des Sozial-Gewerks wurde zur Rechenschaft gezogen, kein Entschädigungsverfahren von Bremer Seite initiiert. Die Stimmen der Überlebenden — soweit sie überhaupt gehört werden wollten — verhallten. Das Lager geriet in Vergessenheit, der Ort verschwand aus dem kollektiven Gedächtnis des Stadtteils.

Ortstermin des Beirats am 20. März 2026

Erinnern als Aufgabe des Stadtteils

Dass das Lager „Handwerk“ heute wieder ins Bewusstsein rückt, haben der Beirat und Jugendbeirat Horn-Lehe angestoßen. Anna Leinen und Michael Koppel haben dafür die Grundlage gelegt — Leinen durch ihre vertiefte Archivrecherche, die erstmals Verantwortlichkeiten systematisch benennt und den Opfern soweit möglich ihre biografische Individualität zurückgibt, Koppel durch seine jahrelange stadtteilgeschichtliche Dokumentationsarbeit.

Dabei geht es um mehr als eine Gedenkstätte. Es geht darum, die Menschen, die hier in Horn-Lehe zwangsweise untergebracht waren und arbeiten mussten, nicht dem Vergessen zu überlassen — auch die vielen, deren Namen wir nicht mehr kennen oder nie erfahren werden. Es geht darum, Verantwortlichkeiten klar zu benennen. Und darum, dass ein Stadtteil bewusst mit seiner eigenen Geschichte umgeht.

Der öffentliche Aufruf zur Sammlung von Fotos und Dokumenten ist ein erster Schritt. Eine Broschüre — digital in voller Länge, gedruckt in einer auch für den Schulunterricht geeigneten Kurzfassung — soll das Wissen über das Lager in den Stadtteil tragen. Wie eine Gedenkstätte auf dem ehemaligen Lagergelände aussehen könnte, wird derzeit beraten. Horn-Lehe stellt sich seiner Geschichte.


Der vollständige Recherchebericht von Anna Leinen steht auf der Website des Ortsamts Horn-Lehe als Download zur Verfügung: Rechercheergebnisse Zwangsarbeitslager „Handwerk“ (PDF, 473,2 KB)

Weitere Informationen zum Lager und seiner Nachgeschichte finden sich in Michael Koppels Dokumentation auf der Website Spurensuche Bremen: spurensuche-bremen.de/spur/barackenlager-achterstrase/

Zum Schicksal einzelner Lagerinsassen und dem Umgang der deutschen Behörden mit dem Thema Zwangsarbeit bis in die Gegenwart — u.a. am Beispiel von Oleksa Szwajka, der zeitweise im Lager Achterstraße untergebracht war: Eva Schöck-Quinteros: „Ich wollte nur mein Recht“, Bremen 2025

Hinterlasse einen Kommentar