Alfred Sohn-Rethel: Exposés zur materialistischen Kritik der Erkenntnis
Hundert Jahre nach seiner Entstehung liegt nun jenes Projekt in einer eigenen Edition vor, mit dem Alfred Sohn-Rethel den Zusammenhang von Warenform und Denkform zu entschlüsseln versuchte. Der dritte und letzte Band der Werkausgabe bei ça ira versammelt die Exposés zur materialistischen Kritik der Erkenntnis in zwei Halbbänden und auf mehr als 1280 Seiten. Ich habe ihn bisher nur durchblättert. Manches darin ist mir vertraut, vieles neu.
Nach Italien hatte Sohn-Rethel die wirtschaftliche Not im Deutschland der frühen zwanziger Jahre verschlagen. Von 1923 bis 1926 lebte er mit seiner ersten Frau, der Musikerin Tilla Henninger, und der 1921 geborenen Tochter Brigitte zunächst in der Villa seines Onkels Otto Sohn-Rethel in Anacapri, dann in Positano, bei seinem „Lieblingsonkel“, dem Maler Karli Sohn-Rethel. Mit Ernst Bloch war er bereits seit seiner Heidelberger Zeit befreundet, Walter Benjamin kannte er seit 1921. 1924 kamen auf Capri Theodor W. Adorno und Siegfried Kracauer hinzu.
In dieser fruchtbaren Konstellation schrieb Sohn-Rethel 1926 das erste Exposé zu seiner materialistischen Erkenntnistheorie, jener Entdeckung der »geheimen Identität von Warenform und Denkform«, die ihn seit seinen Heidelberger Studienjahren nicht mehr losließ. Das Exposé sollte ihm ein Stipendium und den Anschluss an das Frankfurter Institut für Sozialforschung verschaffen. Der Versuch scheiterte. Mit Adorno blieb er danach zeitlebens in Kontakt, zu einer festen Zusammenarbeit mit dem Institut kam es aber nie, Horkheimer hatte Bedenken gegenüber einer zu spekulativen Gesellschaftskritik. Sohn-Rethel blieb, offiziell wie institutionell, ein Leben lang Außenseiter.
Ein zweiter, überarbeiteter Entwurf brachte ihm das erhoffte Stipendium dann doch noch ein. 1928 promovierte er bei Emil Lederer in Heidelberg, mit einer Arbeit über Schumpeters Grenznutzenlehre. 1929 nahm er an den Davoser Hochschulkursen teil, wo sein Berliner Lehrer Ernst Cassirer mit Martin Heidegger jene Disputation führte, die später als Wendepunkt der deutschen Philosophiegeschichte galt. In Davos brach bei Sohn-Rethel eine Tuberkulose auf. Mehrere Jahre Kuraufenthalt unterbrachen seine Arbeit. Als er zurückkehrte, fand er keine akademische Stelle mehr und ging 1931 zum Mitteleuropäischen Wirtschaftstag, wo er die Wirtschaftspolitik der Zwischenkriegszeit und später die Ökonomie des Nationalsozialismus analysierte.
Ich hatte das Glück, Sohn-Rethel während meines Studiums in Bremen persönlich kennenzulernen und ihn in seiner Wohnung in Schwachhausen zu besuchen, die er mit seiner Frau Bettina Wassmann bewohnte, der Bremer Buchhändlerin und Verlegerin, die 1969 mit ihrem Laden Am Wall den ersten linken Buchladen der Stadt gründete. Wassmann starb 2024, an dem Tag, an dem Sohn-Rethel 125 Jahre alt geworden wäre. Meine Fragen galten in jenen Tagen allerdings vor allem Benjamin, weil ich zu der Zeit an einer Arbeit über dessen dialektische Bilder schrieb. Sohn-Rethel nahm sich die Zeit, geduldig und mit echtem Interesse an einem jungen Wissenschaftler. Er führte mich durch die Wohnung und zeigte mir ein Porträt, das Kurt Schwitters 1941 von ihm gemalt hatte, im Internierungslager Hutchinson Camp auf der Isle of Man, wo beide als feindliche Ausländer interniert waren, Schwitters als Deutscher, Sohn-Rethel wegen seiner Kontakte zu linkssozialistischen Widerstandsgruppen. Das Bild lagert heute im Magazin des Sprengel Museums Hannover, als Leihgabe der Kurt und Ernst Schwitters Stiftung.
Mitherausgeber des Bands ist Carl Freytag. Kurz nach Sohn-Rethels Tod 1990 schrieb er mir, in seiner Schublade liege bereits eine fertige Biografie. Das war vor 35 Jahren. Im Juli erscheint sie nun endlich, die erste Gesamtdarstellung von Sohn-Rethels Leben und Werk, gestützt auf umfangreiche Archivrecherchen und bisher unveröffentlichtes Material. Freytag ist inzwischen emeritiert und lebt zwischen Berlin und Griechenland. Damals schenkte er mir eine Kassette mit einem Interview, das er mit Brigitte Sohn-Rethel, Alfreds Tochter, geführt hatte. Ich habe die Kassette noch, ein Abspielgerät dafür gibt es längst nicht mehr. Ein kleines Echo der Realabstraktion: ein Material, das seine eigene technische Form überlebt hat.
Der neue Band versammelt die sogenannten Exposés, jene Textgattung, in der Sohn-Rethel zeit seines Lebens um einen kritischen Standpunkt rang. Er folgt darin der Geografie seiner Flucht: Positano 1926, Luzern 1936, Paris 1936 und 1937, London 1938 bis 1940, Birmingham 1941 bis 1951, mit Briefen an Benjamin, Adorno und Horkheimer. Nachträge reichen bis in die frühen 1980er Jahre, etwa zu einer Tagung in Cosenza 1977 und einem Gastvortrag in Mailand 1982. Anders als bei seinen zeitweiligen Weggefährten vom Institut für Sozialforschung, dem er nie offiziell angehörte, stehen bei Sohn-Rethel Naturwissenschaft und Ökonomie im Zentrum der kritischen Untersuchung. Er reagiert auf Neukantianismus und Neopositivismus, auf die sozialistische Planungsdebatte, auf die objektive Möglichkeit des Sozialismus und die Wirklichkeit, die sich stattdessen einstellte: den Nazifaschismus.
Die Herausgeber weisen darauf hin, dass die hier größtenteils erstmals veröffentlichten Exposés weit mehr sind als eine bloße Vorgeschichte der späteren Bücher. Sichtbar wird ein eigenständiges Projekt: der Versuch, unter den Bedingungen von Flucht und Exil Erkenntniskritik, Ökonomiekritik und Faschismustheorie in einer Synthese zusammenzuführen. Von hier aus erscheinen auch die bekannteren Schriften als Fragmente eines größeren Vorhabens, dem die Zeit nicht gewogen war.
Sohn-Rethels These hat nichts von ihrer Provokation verloren: Die Denkformen der Philosophie, Raum, Zeit, Substanz, Kausalität, sind kein reines Produkt des Geistes. Ihr Ursprung liegt in der materiellen Praxis des Warentauschs. Im Tausch abstrahieren Menschen von den konkreten Gebrauchswerten der Güter, um sie vergleichbar zu machen. Diese Abstraktion vollzieht sich materiell, in den Handlungen der Tauschenden selbst, unbewusst. Das Resultat ist die Tauschwertform, die sich im Geld materialisiert. Sie liefert, so Sohn-Rethels These, das unbewusste Muster für die Kategorien unseres Verstandes.
Damit trifft Sohn-Rethel den Kantianismus an einer empfindlichen Stelle. Kant hatte Raum und Zeit als Formen der Anschauung beschrieben, die jeder Erfahrung vorausgehen, abgelöst von aller gesellschaftlichen Praxis. Sohn-Rethel dreht diese Reihenfolge um. Was bei Kant transzendental erscheint, entsteht für ihn historisch, in der Trennung von Hand- und Kopfarbeit, die der Warentausch erzwingt. Wer tauscht, denkt im selben Moment abstrakt, ohne es zu wissen. Diese Abstraktion wandert von der Marktstelle weiter, in Mathematik, Logik, Naturwissenschaft. Die Natur erscheint einem solchen Denken in derselben Abstraktion, die der Warentausch hervorbringt: als ein Bereich berechenbarer Größen, deren qualitative Besonderheit hinter ihrer Messbarkeit und Verfügbarkeit zurücktritt.
Eine Frage, die ich mir selbst stelle und auf die ich bei Sohn-Rethel keine Antwort suche, weil er sie nicht gestellt hat: Wenn schon der Tausch von Waren eine Abstraktion erzwingt, die niemand bewusst vollzieht, was geschieht dann mit einem Denken, das zunehmend in maschinell verarbeiteten Mustern stattfindet, in Datenpunkten, die von ihrem konkreten Ursprung ebenso weit entfernt sind wie der Preis vom Gebrauchswert?
Sohn-Rethels Ausgangspunkt, dass Denkformen aus gesellschaftlicher Praxis hervorgehen, hat damit nichts von seiner Aktualität verloren. Ein Jahrhundert nach den ersten Exposés lädt er noch immer dazu ein, die Abstraktionsformen der eigenen Gegenwart kritisch zu befragen.
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Alfred Sohn-Rethel
Exposés zur materialistischen Kritik der Erkenntnis
Positano – Luzern – Paris – London – Birmingham. 1926–1951
ça ira-Verlag, Freiburg 2026, 1286 Seiten, ISBN: 978-3-86259-131-2
Herausgegeben von Daniel Burnfin, Carl Freytag, Agnès Grivaux und Oliver Schlaudt | Schriften III | In zwei Halbbänden | 46,00 €

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